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Buchtipps2018-09-02T14:36:30+00:00

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Die Hochhausspringerin

Julia von Lucadou

Die Hochhausspringerin

Hanser Berlin Verlag

19,00 €, E-Book 14,99 €

Man muss es sich als hochgradig elegante Angelegenheit vorstellen: Das Hochhausspringen. Bereits in früher Kindheit beginnen die Mädchen dafür zu trainieren und einige schaffen es, ihre von Pirouetten und Drehungen begleiteten Flugphasen so zu perfektionieren, dass sie zu gefeierten Stars werden. Riva ist ein solcher Star, sie hat es geschafft, sie lebt in luxuriösen Verhältnissen im Zentrum der Stadt und verfügt über mehr Credit als sie brauchen kann. Die weniger Glücklichen – oder weniger Perfekten – leben nicht ganz so luxuriös und etwas weniger zentral. Und wer es nicht schafft, wer keinen gut dotierten Job bekommt, der bleibt in der Peripherie, außerhalb der Stadt.
Hitomi hat es ebenfalls geschafft, denn sie hat ihr Psychologie-Studium erfolgreich abgeschlossen und arbeitet für den Dienstleister PsySolutions. Von ihrem Verdienst kann sie sich auch schon eine recht zentral gelegene Wohnung leisten, in der sie sogar teilweise von echtem Tageslicht profitieren kann.
Als Riva eines Tages plötzlich nicht mehr springen will, sich in ihrer Wohnung verschanzt und sich jeglicher Kommunikation verweigert, kommt Hitomi ins Spiel: sie soll Riva dazu bringen, ihre Arbeit wieder aufzunehmen. Also beginnt sie, Riva nahezu 24 Stunden am Tag zu tracken, sie über die Kameras in ihrer Wohnung zu beobachten. Sie nimmt Kontakt zu Rivas Partner auf, gibt ihm Tipps, wie er sich ihr nähern soll. Doch irgendwas scheint grundlegend zerbrochen zu sein in Riva und die Auftraggeber und Sponsoren sitzen PsySolutions im Nacken, setzen Hitomi massiv unter Erfolgsdruck…
Man muss es sich als hochgradig elegante Angelegenheit vorstellen: in Zeiten, in denen einem jeder zweite Zukunftsforscher halb plausible dystopische Szenarien in die Ohren raunt, in denen es auch an literarischen Dystopien nicht mangelt, einen so gelungenen Roman zu schreiben, der unserer Gesellschaft den Spiegel vorhält.

 
Verwirrnis

Christoph Hein

Verwirrnis

Suhrkamp Verlag

22,00 €, E-Book 18,99 €

Auch in seinem neuen Roman wird Christoph Hein seinem Ruf als Chronist der ostdeutschen Geschichte gerecht. „Verwirrnis“ fasst einen Großteil der Geschichte des 20. Jahrhunderts – konzentriert sich dabei aber auf wenige persönliche Schicksale. Vor allem den Lebensweg von Friedeward Ringeling verfolgt er von dessen Schulzeit nach dem Krieg bis zum Tod im Jahr 1993. Ringeling wird als älterer Herr eingeführt, der großen Wert auf Etikette und Stil legt und der Autor macht sehr deutlich, dass diesem unzeitgemäßen Mann seine Sympathie gehört. Er wächst im katholisch geprägten Eichsfelder Land unter einem brutalen Vater auf, Freiheitsräume erobert er sich erst in der Freundschaft mit Wolfgang. Gemeinsam unternehmen sie eine Radtour an die Ostsee und lernen sich lieben. Hein erzählt die großen Gefühle in aller Nüchternheit, mit einfachen und klaren Sätzen und tritt als Erzähler völlig hinter den Stoff zurück. Gerade damit nimmt er für die Schicksale der Protagonisten ein. Ebenso unaufdringlich aber immer präsent sind die Ereignisse der Zeitgeschichte in die persönlichen Lebensläufe eingeflochten – der 17. Juni, der Mauerbau, die verschiedenen Phasen von Liberalisierung und Repression in der DDR, Mauerfall, Wende und Abwicklung nach der deutschen Einheit. Christoph Hein erzählt davon, wie sich Menschen gegen Ideologien auflehnen und wie diese trotzdem unheilvoll in ihnen fortleben, nachdem sie längst überwunden scheinen – „Verwirrnis“ ist weit mehr als ein Roman über damals verbotene homoerotische Beziehungen sondern eine Lebensgeschichte, die vom Streben nach Aufrichtigkeit, Selbstbestimmung und Menschlichkeit handelt.

 
Ein unvergänglicher Sommer

Isabel Allende

Ein unvergänglicher Sommer

Suhrkamp Verlag

24,00 €, E-Book 20,99 €

Mit dem Sommer hat der Beginn dieser Geschichte so gar nichts zu tun. Im Dezember 2015 tobt ein Schneesturm über Brooklyn hinweg. Richard, der eigenbrötlerische Professor, muss hinaus in die Kälte und es passiert ein eher belangloser Auffahrunfall. Aber dann steht Evelyn vor seiner Tür, völlig aufgelöst und hilflos. Im Kofferraum ihres Wagens liegt eine Leiche. Zur Polizei gehen kann sie nicht. Sie ist illegal in den USA. Der Professor bittet Lucia, seine chilenische Untermieterin, um Hilfe. Und die couragierte Frau entwickelt einen Plan. Zuerst muss der Tote verschwinden. So schweißt das nächtliche Ereignis die Drei zusammen.
Isabel Allende hat die Leser eine Weile auf einen neuen Roman warten lassen. Aber das Warten hat sich gelohnt.

 
Königskinder

Alex Capus

Königskinder

Hanser Verlag

21,00 €, E-Book 15,99 €

Ein junges Paar bleibt abends auf einem Schweizer Gebirgspass mit ihrem Wagen stecken und ist gezwungen die Nacht dort zu verbringen. Um sich die Zeit zu vertreiben, erzählt Max Tina eine Geschichte, die in ebenjenen Bergen ihren Anfang nahm. Im späten 18. Jahrhundert lebte dort in einer Melkhütte der Hirtenjunge Jakob. Seinen Lebensunterhalt verdiente er sich durch das Hüten der Kühe eines Bauern aus dem Tal. Bereits beim ersten Zusammentreffen verlieben sich die Bauerntochter Marie-Francoise und Jakob ineinander. Da der Bauer dieser Liebe jedoch äußerst missgünstig gegenübersteht, scheitern die Annäherungsversuche der beiden jungen Menschen. Jakob verpflichtet sich der französischen Armee und kehrt mit seinem ersparten Sold einige Jahre später zurück. Die beidseitige Zuneigung ist ungebrochen und so beschließen Jakob und Marie gemeinsam in der Melkhütte zu leben, ob ihr Vater es billigt oder nicht. Eine schicksalhafte Wendung lässt dieses neue Beisammensein jedoch auch nicht von Dauer sein. Zur gleichen Zeit hat sich nämlich Elisabeth, die Schwester des französischen Königs, auf einem Landgut bei Versailles einen Bauernhof errichtet, wo es ein Problem mit den extra aus der Schweiz angeschafften Milchkühen gibt. So lässt der König, der durch seine militärischen Verbindungen von den diesbezüglichen Fähigkeiten Jakobs hörte, nach diesem schicken. Die Wege der beiden Liebenden trennen sich erneut – Jakob macht sich auf den Weg nach Versailles und Marie kehrt zu ihrem Vater zurück.
An dieser Stelle ist die Nacht und somit auch die Geschichte jedoch erst halb vorüber. Und die Liebesgeschichte kann ja auch nicht so enden. Wem das alles zu klischeehaft und kitschig klingen mag, der sei beruhigt. Eine kritische Stimme ist in Form von Tina, die die Erzählung von Max immer wieder kommentierend unterbricht, von Capus in die Erzählstruktur eingearbeitet. Es ist auch erstaunlich, wie wenig Worte Capus benötigt, um die Atmosphären verschiedener Lebenswelten empfindsam zu machen und nebenbei historische Ereignisse wie den Vulkanausbruch auf Island 1973/74, der weltweite klimatische Auswirkungen hatte, die Anfänge der Luftfahrt und die Französische Revolution in seine Geschichte einzuarbeiten.

 
Kaff

Jan Böttcher

Das Kaff

Aufbau

20,00 €, E-Book 16,99 €

Als Michael für einen Bauauftrag aus Berlin in die Provinz zurückkehrt, ahnt er noch nicht, wie schnell ihn seine alte Heimatstadt wieder vereinnahmen wird. Bereits beim Derby auf dem Fußballplatz, der in seiner Jugend eine bedeutende Stellung einnahm, trifft er einige alte Bekannte wieder. Diese Zusammentreffen sind zwar freundlich, mitunter sogar herzlich, verweisen jedoch immer sogleich auf ein „unerhörtes Ereignis“, das sich in der Vergangenheit zugetragen hat. Auch die erneute Nähe zu seinem Bruder und seiner Schwester gestalten sich anfangs schwierig. Alles scheint mit seinem damaligen plötzlichen Verschwinden aus der Provinz als Jugendlicher zusammenzuhängen. Was genau damals geschehen ist und wie es zum Bruch in der Familie kam, arbeitet der Protagonist im Fortgang der Geschichte auf. Es ist ein permanentes Wechselspiel aus Anziehung und Abstoßung, das „das Kaff“ dabei auf Michael ausübt. Welche der beiden Kräfte letztlich obsiegen wird, kann jeder selbst in diesem Provinzroman nachlesen.
„Das Kaff“ ist ein leicht zu lesender Roman, in dem es Jan Böttcher gelingt, das Kleinstadtleben authentisch mit all seinen Eigenheiten nachzuzeichnen, ohne dabei dem Kitsch zu verfallen.

 
Fisch

Volker Kutscher

Der nasse Fisch. Gereon Raths erster Fall

Kiepenheuer & Witsch

12,00 €, E-Book 9,99 €

1929 Berlin – eine Stadt voller Gegensätze: Glanz und Glamour, Kokain und Nachtclubs aber auch politische Straßenschlachten, Armut und Elend. Kriminalkommissar Gereon Rath ist neu hier, versetzt von Köln zur Berliner Sittenpolizei. Die Arbeit dort langweilt ihn. Die Vertreiber schmutziger, pornografischer Bildchen zu finden, reicht dem ehrgeizigen, jungen Kommissar nicht. Da bietet der Fund einer nicht identifizierten, grausam zugerichteten Leiche Abwechslung. Rath mischt sich in die Ermittlungen der Mordkommission. Und er ist seinen Kollegen immer einen Schritt voraus. Aber er kann nicht ahnen, dass er in ein Wespennest gestochen hat.
Mit diesem Großstadtroman beginnt Volker Kutschers Reihe um Gereon Rath. Der sechste Band ist im Frühjahr im Taschenbuch erschienen. Der Autor versetzt den Leser in die 20er- und 30er-Jahre, mitten in die gewaltigen politischen und gesellschaftlichen Umbrüche. Erste Anzeichen des Nationalsozialismus, der Drang nach Freiheit und die Sehnsucht nach einem Leben ohne Krieg – Gereon Rath ist ganz nah dran. Spannender kann Geschichte nicht erzählt werden. Nicht umsonst nahm Tom Tykwer den Roman als Vorlage für seine mit Spannung erwartete Serie „Babylon Berlin“, die im September in der ARD läuft.

 
Sticky

Joe Hagan

Sticky Fingers

Rowohlt Verlag

28,00 €, E-Book 24,99 €

Jann Wenner hat in den Sechzigern als einer der Ersten erkannt, dass die wachsende Gegenkultur der USA ernst genommen werden musste. Er war ein Pionier und der im November 1967 gegründete Rolling Stone hat den Journalismus inspiriert. Schnell etablierte er sich mit elegant und unterhaltsam geschriebenen Reportagen und Kritiken als Magazin für Hörer, Musiker und nicht zuletzt die Musikindustrie. Aber der Rolling Stone wollte von Anfang an nicht nur von Musik handeln sondern von den „Haltungen und Themen, die sich in der Musik ausdrücken“ – Wenner wollte auf die amerikanische Gesellschaft einwirken. Wenner hatte einen ausgeprägten Instinkt für die richtigen Themen und Leute, er hat die junge Fotografin Annie Leibovitz weltberühmt gemacht und Autoren wie Hunter S. Thompson oder Tom Wolfe ausführlich Raum gegeben. Das Verdienst von Joe Hagan, eigentlich politischer Redakteur des New Yorker, liegt darin, dass er nicht nur ein vielschichtiges Porträt seiner enorm widersprüchlichen Hauptfigur sondern der amerikanischen Kulturindustrie geschrieben hat. Hagan beschreibt die Distanzlosigkeit als Kehrseite von Wenners Enthusiasmus, wie sich Interessen des Herausgebers mit denen der Künstler vermischten und die journalistische Integrität des Magazins unter der Erfolgssucht litt. Und wer sich dafür interessiert, wie sich eine Jugendkultur im Kapitalismus auflöst, kann das entlang Hagans Geschichte des Rolling Stone sehr genau nachlesen. Ihm gelingt ein facettenreiches Bild: Detailreich, anschaulich, unterhaltsam. Die versierte Mischung von Stories und Anekdoten mit Analysen vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund macht Sticky Fingers nicht nur zur kritischen sondern auch sehr vergnüglichen Lektüre.

 
Miakro

Georg Klein

Miakro

Rowohlt

24,00 €, E-Book 19,99 €

Georg Klein, bereits Träger des Preises der Leipziger Buchmesse, war in diesem Frühjahr mit seinem neuen Buch „Miakro“ wieder für diesen nominiert. Darin führt er die Leser in eine rätselhafte Unterwelt, in der das Leben von einem durchritualisierten Büroalltag geprägt ist. Zwischen Aufstehen und abendlichen Aufsuchen der Schlafzellen schauen der Büroleiter und seine Kollegen in Glastische, in denen in mehreren Schichten seltsam unbestimmte Bilder an ihnen vorüberziehen und in die sie, nicht näher erklärt, ‚Verwertbares‘ deuten. Die Umgebung ist eine amorphe, viskose Masse, die sich ständig wandelt, unvorhergesehen neue Gänge bildet und aus der sich Speisen und Alltagsutensilien herausstülpen. Als diese Masse einen der Büromitarbeiter verschlingt und Gewissheiten des Alltags rissig werden, beschließen die anderen, diese künstliche Umgebung zu verlassen und die „wilde Welt“ zu erkunden. Währenddessen versucht an der Oberfläche eine Truppe den Organismus – das „Unding“ – zu erforschen und in diesen einzudringen. Wie bei einem Möbiusband verbinden sich Innen und Außen, Mikro und Makro – Ebenen, Perspektiven und Proportionen fließen ineinander. Georg Klein schafft eine Fülle an Bezügen zu Kunst, Film und Literatur, die aufblitzen und umgehen verglühen. Der Roman steckt voller skurriler Erfindungen auf inhaltlicher wie auf sprachlicher Ebene und entfaltet eine Komplexität, die zahlreiche Lesarten und Interpretationsmöglichkeiten offenlässt: Anspielungen auf dystopische Arbeits- und Lebenswelten, auf Überwachungssysteme die sich selbst legitimieren, das diffuse Gefühl der Bedrohung durch das Andere. Aber Georg Klein verzichtet konsequent darauf, den Leser auf eine Spur zu führen. Er will seine fantastische Welt nicht verständlich machen, vielmehr fasziniert gerade deren Rätselhaftigkeit und die Irritation, die sie beim Leser auslöst. Georg Klein verbindet in „Miakro“ mit großer Virtuosität Freude an Wortschöpfungen mit außergewöhnlicher Sprachkraft und -genauigkeit.

 
Das Feld

Robert Seethaler

Das Feld

Hanser Berlin

22,00 €, E-Book 16,99 €

Seethalers neuer Roman beginnt mit einem einsamen Wanderer auf dem Friedhof einer kleinen Provinzstadt. Er blickt über die Grabsteine, sieht ihm zum größten Teil bekannte Namen und fragt sich, was diese Personen, auf ihr Leben zurückblickend, wohl erzählen würden. Und genau das geschieht in den folgenden knapp 30 Kapiteln. Die Toten erinnern sich und erzählen von ihrem Leben in der Kleinstadt. Im Laufe der Kapitel lernt der Leser nicht nur die Menschen kennen, sondern vor ihm entfaltet sich ein Gesamtbild des Provinzstädtchens, auf dessen Friedhof die ehemaligen Einwohner ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. Die Diversität der Einzelschicksale, sowie die nach und nach auftauchenden Verknüpfungen zwischen diesen, halten die Neugier des Lesenden aufrecht, so dass man sich von diesem Buch nur wünscht, dass es nicht so schnell ende.

 
Federleicht

Marah Woolf

FederLeicht. Wie fallender Schnee

Oetinger

13,00 €

Die siebzehnjährige Eliza hat es nicht leicht. Ständig soll sie ihrer Mutter helfen, im Blumenladen, im Café. Verbote lauern überall. Ihr Bruder dagegen hat Narrenfreiheit und eine nervige, neugierige Freundin. Eliza ergreift lieber die Flucht und streift durch den Wald. Und dort erwarten sie große Abenteuer. Unsere Heldin stolpert durch ein magisches Portal und findet sich in der Welt der Elfen und Trolle wieder. Diese brauchen Elizas Hilfe, die verschwundene Schneekugel muss wiederbeschafft werden. Aber die Elfen sind keineswegs bezaubernd und dankbar sondern hochnäsig und stur. Und manche wollen mit den Menschen gar nichts zu tun haben.
Marah Woolf hat mit „Federleicht – Wie fallender Schnee“ eine neue, märchenhafte Saga begonnen.

 
Kommissar Gordon

Ulf Nilsson, Gitta Spee

Kommissar Gordon. Der erste Fall

Moritz Verlag

11,95 €

Im Wald treibt ein Nussdieb sein Unwesen. Aufgebracht sucht das Eichhörnchen Kommissar Gordon auf und berichtet von der Räumung eines seiner Nusslager. Der etwas in die Jahre gekommene Kommissar macht sich sofort an die Arbeit und observiert ein weiteres Nussversteck. Als sich nach stundenlanger Warterei endlich etwas rührt, muss der Kommissar feststellen, dass er zwischenzeitlich wohl eingeschlummert und inzwischen eingeschneit ist. Glücklicherweise hilft ihm die kleine Maus, die lediglich eine Nuss nehmen wollte, um ihren großen Hunger zu stillen, und befreit den Kommissar aus den Schneemassen. Nach dem Vehör auf dem Polizeirevier, bietet Kommissar Gordon der armen Maus Obdach, Muffins und Tee an, wenn diese ihm im Gegenzug bei den Ermittlungen hilft. Von nun an machen sich die beiden zusammen daran, den Fall der verschwundenen Nüsse zu lösen.
Ulf Nilsson hat mit dem erfahrenen, jedoch auch betagten Kröterich Gordon und der ambitionierten Maus Buffy ein liebenswürdiges Ermittlerduo geschaffen, das bereits die Kleinsten an das Krimigenre heranführt. Die bislang vier Fälle eignen sich sowohl zum Vorlesen für Kinder ab fünf Jahren, als auch für Selbstleser ab 8 Jahren. Nicht zu vernachlässigen sind auch die pointierten Zeichnungen von Gitte Spee, die die Geschichten liebevoll untermalen.

 
Alte Engel

Mareike Schneider

Alte Engel

Rowohlt Verlag (Hundert Augen)

22,00 €, E-Book 19,99 €

Es ist kein leichtes Thema. Und umso mehr beeindruckt die Leichtigkeit, mit der Mareike Schneider in ihrem Debüt erzählt. Ihre Protagonistin Franka sieht in ihrem Kunststudium nur noch eine Sackgasse, fühlt sich fehl am Platz. Also beschließt sie die Zelte abzubrechen und zurück in die Heimat zu ziehen, wo ihr Vater sich um die pflegebedürftige Schwiegermutter – ergo Oma – kümmert. Die hat in ihrem hohen Alter vergessen, dass sie eigentlich ein gestochen scharfes Hochdeutsch spricht und artikuliert sich nur noch in tiefstem Vogtländisch. Zudem hat sie beschlossen blind zu sein und dass der Rollator ihre Mobilität auch nicht wirklich verbessert.
Frankas Vater zieht seinen Gleichmut in der doch eher unschönen Situation vor allem aus regelmäßigem Wein- sowie Marihuana-Konsum – Franka hingegen vertieft sich einerseits in die Zeichnungen, die sie von ihrer Oma anfertigt und andererseits in deren Tagebücher (sic!) und somit in die Familien-Historie (na gut, dem Wein ist sie auch nicht abgeneigt)…

 
Der letzte Huelsenbeck

Christian Y. Schmidt

Der letzte Huelsenbeck

Rowohlt Verlag

22,00 €, E-Book 19,99 €

Als Daniel nach 14 Jahren in Ostasien zurück in seine westfälische Heimat kehrt, gilt es zunächst von seinem alten Freund Victor Abschied zu nehmen. Die Beerdigung eskaliert, Victors Geist lässt ihn nicht in Frieden und mit ihm zusammen der Geist der Vergangenheit. Etwas muss geschehen sein, zur Zeit der „Huelsenbecks“, wie sich der dadaistische Freundeskreis aus Daniel, Victor, Ronny, Ben und Michi damals in den 1970ern nannte, und die in einem Roadtrip durch Amerika gipfelte. Da Daniels Erinnerungen dieser Zeit überwiegend aus Leerstellen und unzusammenhängenden Einzelteilen bestehen, beschließt er die alten Freunde nach und nach aufzusuchen und das Puzzle wieder zusammenzusetzen. Widersprüchliche Erinnerungen treten zu Tage und eine Fremde, die damals ebenso plötzlich auftauchte, wie sie wieder verschwand scheint dabei eine zentrale Rolle zu spielen.
In einer schnörkellosen Sprache voll schwarzen Humors erzählt Christian Schmidt von Daniels Suche nach den Geschehnissen der Vergangenheit, der Unzuverlässigkeit seiner Erinnerung – gefördert durch Alkohol, Haschisch und Psychopharmaka – und nicht zuletzt von den komplexen Schutzmaßnahmen des menschlichen Gedächtnisses. Auch wenn dem Leser im Laufe der Geschehnisse einiges klar zu werden scheint, so schafft es Schmidt mit der Auflösung des Geheimnisses am Ende des Romans abermals zu überraschen. „Der letzte Huelsenbeck“ ist ein etwas durchgeknalltes Buch, das gewitzt zu unterhalten weiß.

 
Mein Herz in zwei Welten

Yoyo Moyes

Mein Herz in zwei Welten

Wunderlich Verlag

22,95 €, E-Book 19,99 €

Nachdem der Erste Weltkrieg jede Gewissheit ins Wanken gebracht hat, beginnt 1919 ein politisch, sozial, kulturell und ideengeschichtlich ungemein dichtes, bewegtes und fruchtbares Jahrzehnt. Nicht nur die erste deutsche Demokratie sortiert sich – auch Walter Benjamin, Ernst Cassirer, Martin Heidegger und Ludwig Wittgenstein machen sich auf, um aus der Katastrophe des Krieges ihre Schlüsse zu ziehen und die Philosophie zu revolutionieren. Wolfram Eilenberger verfolgt Schritt für Schritt die Entstehung der Werke dieser vier Solitäre. „Zeit der Zauberer“ zeigt nicht nur die jeweiligen biografischen und philosophischen Entsprechungen im Leben der vier großen Philosophen vielmehr sieht er in ihnen und ihrem gegensätzlichen Denken exemplarische Lebens- und Denkentwürfe für eine ganze Epoche. Das Buch macht deutlich, wie sehr die vier das Denken ihrer Zeit geprägt haben und wie sie ihrerseits von dieser geprägt wurden. Obwohl sich der Autor Wittgenstein und vor allem Cassirer näher fühlt als den beiden anderen, verknüpft er bei allen gleichermaßen virtuos und kenntnisreich Person und Werk, erklärt leicht verständlich und gut lesbar Theoriegebäude wie zeitgeschichtlichen Kontext. Dramaturgisch geschickt und in einem genau kalkulierten Wechsel von Geschichten und Rekonstruktionen wird man nach und nach vertrauter mit den Protagonisten. Das Buch bietet genaue Analysen ebenso wie feine Beobachtungen und legt bei allen Widersprüchen auch Parallelen der vier Philosophen offen. Nicht zuletzt sind die Zwanziger Jahre noch immer Vorlage für die Deutung unserer aktuellen Zeit. Damit ist „Zeit der Zauberer“ gleichermaßen inspirierend wie mahnend – ein wunderbares Buch, erhellend und mitreißend erzählt.

 
Zeit der Zauberer

Wolfram Eilenberger

Zeit der Zauberer

Klett-Cotta

25,00 €, E-Book 19,99 €

Nachdem der Erste Weltkrieg jede Gewissheit ins Wanken gebracht hat, beginnt 1919 ein politisch, sozial, kulturell und ideengeschichtlich ungemein dichtes, bewegtes und fruchtbares Jahrzehnt. Nicht nur die erste deutsche Demokratie sortiert sich – auch Walter Benjamin, Ernst Cassirer, Martin Heidegger und Ludwig Wittgenstein machen sich auf, um aus der Katastrophe des Krieges ihre Schlüsse zu ziehen und die Philosophie zu revolutionieren. Wolfram Eilenberger verfolgt Schritt für Schritt die Entstehung der Werke dieser vier Solitäre. „Zeit der Zauberer“ zeigt nicht nur die jeweiligen biografischen und philosophischen Entsprechungen im Leben der vier großen Philosophen vielmehr sieht er in ihnen und ihrem gegensätzlichen Denken exemplarische Lebens- und Denkentwürfe für eine ganze Epoche. Das Buch macht deutlich, wie sehr die vier das Denken ihrer Zeit geprägt haben und wie sie ihrerseits von dieser geprägt wurden. Obwohl sich der Autor Wittgenstein und vor allem Cassirer näher fühlt als den beiden anderen, verknüpft er bei allen gleichermaßen virtuos und kenntnisreich Person und Werk, erklärt leicht verständlich und gut lesbar Theoriegebäude wie zeitgeschichtlichen Kontext. Dramaturgisch geschickt und in einem genau kalkulierten Wechsel von Geschichten und Rekonstruktionen wird man nach und nach vertrauter mit den Protagonisten. Das Buch bietet genaue Analysen ebenso wie feine Beobachtungen und legt bei allen Widersprüchen auch Parallelen der vier Philosophen offen. Nicht zuletzt sind die Zwanziger Jahre noch immer Vorlage für die Deutung unserer aktuellen Zeit. Damit ist „Zeit der Zauberer“ gleichermaßen inspirierend wie mahnend – ein wunderbares Buch, erhellend und mitreißend erzählt.

 
Podkin Einohr

Kieran Larwood

Podkin Einohr. Der magische Dolch

Ravensburger Buchverlag

14,99 €, E-Book 12,99 €

Podkin Einohr ist eine Legende in der Kaninchenwelt. Heldentaten, wie man sie sonst nur von den alten Griechen kennt, soll er vollbracht haben – Flammen sprühten aus seinen Augen und das furchterregende Riesenkaninchen hat er getötet. Aber der fahrende Sänger, der in einer kalten Winternacht an das Tor des Dornhag-Baus klopft, erzählt die Geschichte von Podkin neu und anders.
In seinen jungen Jahren waren nämlich die Anzeichen künftigen Heldentums schwer zu erkennen. Er war der faulste und verwöhnteste Sohn eines Stammesfürsten, den es in der Kaninchenwelt je gegeben hatte. Und dass er später seinem Vater nachfolgen würde und Anführer sein könnte, mochte man nicht unbedingt glauben. Podkin – ein Held? Nein! Doch als die Gorm auftauchen und den magischen Dolch bei Podkins Stamm suchen, um alle Kaninchen zu knechten, muss er beweisen, was in ihm steckt. Er muss den Dolch retten und bald ist er Podkin Einohr.
Eine sehr spannende Geschichte mit Gruselfaktor für Kinder ab 11 Jahren. Auf die Fortsetzung kann man sich freuen.

 
Wo die Schakale heulen

Amos Oz

Wo die Schakale heulen

Suhrkamp Verlag

22,00 €, E-Book 18,99 €

„Liebe Fanatiker. Drei Plädoyers“ ist der eben bei Suhrkamp veröffentlichte, aktuelle Essayband von Amos Oz, in dem er sich mit den ultraorthodoxen und nationalistischen Tendenzen seiner Heimat Israel beschäftigt. Zeitgleich erscheint mit „Wo die Schakale heulen“ das erste Buch von Oz erstmals auf Deutsch. Und diese frühen Erzählungen von 1965 korrespondieren mit den Essays von 2018. Die meisten der Geschichten sind geprägt vom Alltag im Kibbuz, wo Amos Oz damals selber lebte und wo sich die junge israelische Gesellschaft beispielhaft formierte. Sie führen zum denkerischen und schriftstellerischen Ursprung von Amos Oz – in eine Zeit, die von ständiger existenzieller Bedrohung geprägt aber in der von religiösem Fanatismus noch wenig zu spüren war. Viele Motive, die in diesen acht Erzählungen angelegt sind, tauchen in den späteren Werken wieder auf. Religiöse Legenden und persönliche Leidenschaften ebenso wie militärische Auseinandersetzungen. Die Beschäftigung mit der scheinbar ausweglosen Situation in Nahost schwingt schon in den 1960ern immer mit, die Selbstwahrnehmung der Israeli und ihr Verhalten gegenüber Palästinensern und Arabern. Kritisch und selbstbewusst stellt Amos Oz der religiösen und ethnischen Identität eine ausdrücklich kulturelle gegenüber – in der er schon früh die einzige Zukunftschance Israels sieht. Bereits diese erste Prosa ist von beeindruckender Sprachkraft. Wunderbare Naturbeschreibungen, reduzierte Dialoge, mit wenigen Strichen kraftvoll gezeichnete Charaktere und wechselnde Erzählperspektiven lassen in diesen frühen Erzählungen das großartige Gesamtwerk von Amos Oz aufscheinen.

 
Dunkle Zahlen

Matthias Senkel

Dunkle Zahlen

Matthes & Seitz

24,00 €, E-Book 19,99 €

Matthias Senkels zweiter Roman, der für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert war, ist ein schier aberwitziges Erzählwerk. Sprunghaft durch das 20. Jahrhundert oszillierend zeichnet der Autor ein Bild der sowjetischen EDV-Entwicklung von den ersten Schritten bis hinein in nahe Zukunftsszenen. Mittelpunkt ist die Programmierer-Spartakiade 1985 in Moskau, bei der die kubanische Nationalmannschaft spurlos verschwindet und die Übersetzerin sich auf die Suche nach ihren Schützlingen begibt. Doch diese Geschichte ist durchsetzt von Episoden, die in die Zeit von Pushkin, Tolstoi und Gogol zurückreichen, russische Mythen und Legenden ins Alltägliche transferieren, sowie von ersten Großcomputern und diversen Datenanalysen mit unterschiedlichsten Zielsetzungen berichten. Das eigenartige an diesem Werk ist, dass Senkel es schafft, auch den Leser, der kein außerordentliches Interesse an der elektronischen Datenverarbeitung und Computergeschichte aufweist, nicht nur zu unterhalten, sondern gar zu begeistern. Dies hat wohl nicht zuletzt mit der Sprachvirtuosität des Werkes zu tun, die sich den jeweiligen Episodenhandlungen anpasst und unzählige Pointen und sprachliche Spielereien darbietet.
„Dunkle Zahlen“ ist kein Roman, der den Leser mit einer spannungsgeladenen Handlung für sich gewinnen will, sondern ein Werk, das sich durch seine Erzählweise aus der Masse neuer Romane hervorhebt – spielerisch, unterhaltsam, informativ und witzig.

 
Scythe

Michael Köhlmeier

Das Mädchen mit dem Fingerhut

dtv

9,90 €, E-Book 9,99 €

Es ist schon kein ganz neues Buch mehr – im Januar ist es bereits als Taschenbuch erschienen. Aber auch als Buchhändler entdeckt man die Perlen nicht immer gleich für sich… Köhlmeiers „Mädchen mit dem Fingerhut“ ist in verschiedener Hinsicht ein bemerkenswertes Buch: sowohl die Protagonistin als auch der Ort des Geschehens sind unklar gelassen, vage. Man weiß, dass es sich bei dem Mädchen um ein kleines Kind handelt aber konkrete Hinweise auf ihr Alter lassen sich nicht finden. Der Ort wird lediglich dadurch eingegrenzt, dass der Euro als Währung genannt wird. Es ist die Rede von verschiedenen Sprachen, welche das sind, erfährt man nicht. All diese Details lässt Köhlmeier weg und erreicht damit zweierlei: eine Reduktion auf das Wesentliche und eine Verengung der Perspektive auf die kindliche – denn auch das Mädchen weiß nicht, in welchem Land sie unterwegs ist, sie weiß nicht, wie alt sie ist, sie kennt noch nicht einmal ihren eigenen Namen.
Und damit kommen wir zum zweiten Bemerkenswerten an diesem Text: Es ist die tief traurige Geschichte eines Waisenkindes, das nach einsamer Odyssee durch die winterliche Stadt im Kinderheim landet, nur um hier gemeinsam mit einem älteren Jungen und einem kleinen wieder auszubrechen und auf eine neue Odyssee zu gehen. Es ist diese traurige Geschichte, die trotzdem voller – kindlicher – Hoffnung steckt.
Ebenfalls bemerkenswert ist das Ende dieses kurzen Textes – denn hier kommt es zu einem Ereignis, das man wohl als „unerhörte Begebenheit“ bezeichnen muss. Michael Köhlmeier hat hier eine bemerkenswerte Novelle geschrieben.

 
Scythe

Katrine Engberg

Krokodilwächter

Diogenes Verlag

22,00 €, E-Book 18,99 €

Dieses Buch ist der Debütroman der Dänin Katrine Engberg. In ihrem Heimatland wurde sie bekannt mit Arbeiten für Theater und Fernsehen. Ihr Roman ist „ein Thriller, der einen packt und nicht mehr loslässt“, schreibt Berlingske Kopenhagen. Und wirklich!
Die Studentin Julie wird mit Schnittwunden gezeichnet und ermordet. Bei den Ermittlungen stoßen die Kommissare Korner und Werner auf ein Manuskript, in dem ein ähnlicher Mord geschildert wird. Aber wer konnte vom Manuskript wissen? Die Verfasserin, eine ältere Dame, kommt als Täterin kaum in Frage. Dann passiert ein weiterer Mord.

Man kann gespannt sein auf die nächste Ermittlung der Kopenhagener Kommissare!

 
Scythe

Neal Shusterman

Scythe – Die Hüter des Todes

Fischer Sauerländer

19,99 €, E-Book 4,99 €

Im Jahr 2042 hat die Menschheit alle Rätsel der Erde entschlüsselt. Die Menschen sterben nicht mehr an Altersschwäche. Selbst unnatürliche Tode gibt es nicht, weil der Körper komplett repariert werden kann. Für manchen Jugendlichen bedeutet es Fun, aus dem Fenster zu springen und zu testen, wie lange die Wiederherstellung dauert.
Was also tun mit der Überbevölkerung? Die Scythe, eine Gruppe Auserwählter, entscheiden wer sterben muss. Aber nicht alle Hüter halten sich an die strengen Regeln. Auch Citra und Rowan sollen zum Scythe ausgebildet werden, gegen ihren Willen. Und Rowan fühlt sich zu den dunklen Mächten der Zunft hingezogen.

Mit den „Hütern des Todes“ beginnt die spannende Trilogie für junge Leser ab 14 Jahren über den Preis einer scheinbar perfekten Welt.

 
Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt

Peter Stamm

Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt

S.Fischer Verlag

20,00 €, E-Book 16,99 €

Der Schriftsteller Christian begegnet einer etwa zwanzig Jahre jüngeren Frau und erzählt ihr die Geschichte seiner Liebe zu der Schauspielerin Magdalena, die er in seinem einzigen veröffentlichten Buch verarbeitet hat. Soweit die durchaus einfache Konstellation in Peter Stamms neuestem Buch. Allerdings werden die Personen in einem vertrackten Spiegelkabinett angeordnet, in dem sich ihre Erinnerungen, Geschichten und Träume brechen. Am Ende des Buches erinnert sich der Erzähler, wie er in seiner Jugend einem alten Mann bei Glatteis nach Hause half. Da scheint längst klar, dass beide zwei Versionen der gleichen Person sind. Wie bei einem Möbiusband verbindet sich das Ende des Buches mit dem Beginn, verwinden sich Geschichte und Wirklichkeit des Erzählers mit dem Erzählten – auch Magdalena ist ja das Alter Ego der Gesprächspartnerin des Erzählers. Nicht nur wegen des schmalen Umfangs erinnert der Roman an eine Novelle. Die reduzierte, äußerst konzentrierte Sprache schafft Raum für die psychologischen Nuancen der Figuren. Peter Stamm erzählt immer Liebesgeschichten, aber in diesen verhandelt er existentielle Fragen. Wer sind wir? Was macht uns aus? Können wir aus vorgezeichneten Strukturen ausbrechen? Die abgeklärt anmutende Konstruktuion des Romans wird durch Peter Stamms behutsame Sprache ausbalanciert und trotz der leisen Melancholie bleibt die Haltung gegenüber der Welt weniger eine gleichgültige als vielmehr eine gelassene, einvernehmliche.

 
Die Maske

Fuminori Nakamura

Die Maske

Diogenes Verlag

24,00 €, E-Book 20,99 €

Der Kuki-Clan ist mächtig, einflussreich und grausam. Ohne Rücksicht handelt er mit Waffen, zettelt Revolten an, hat seine Hände im Drogengeschäft. Aber eine Tradition dieser alten Familie ist besonders perfide und wird seit Generationen befolgt. Der jüngste Sohn wird gezeugt, um das Böse über die Menschen zu bringen. Nur dazu dienen seine Erziehung und Ausbildung. Nun ist Fumihiro an der Reihe. Ohne Liebe und in ständiger Furcht vor seinem Vater aufgewachsen, hat er aber andere Pläne und widersetzt sich der Tradition. Er liebt das Waisenmädchen Kaori und will sie um jeden Preis vor seinem Vater beschützen.
Der neue Roman von Fuminori Nakamura ist ein Thriller voller Wendungen und spannend bis zur letzten Seite.

 
Jahre später

Angelika Klüssendorf

Jahre später

Kiepenheuer & Witsch

17,00 €, E-Book 14,99 €

In den ersten beiden Romanen der Trilogie war die Lektüre immer wieder schmerzhaft, an vielen Stellen zog sich einem bei den Schilderungen alles zusammen. Eine Kindheit und Jugend geprägt von Angst, von Gewalt und von fehlender Nähe. In „Jahre später“ ist das Mädchen April nun zu einer erwachsenen Frau geworden. Sie hat ihre Dämonen besser im Griff, ihr widerfahren nicht mehr so viele Grausamkeiten – diese Stellen sind weniger geworden. Dennoch hat April immer noch keine richtige Verbindung zum Leben gefunden, sieht sich in vermeintlich normalen Situationen eines Erwachsenenlebens immer wieder von außen, vieles fühlt sich schlicht falsch an.
Die Geschichte ihrer Ehe, die hier erzählt wird, ist denn auch zum einen geprägt von Aprils Schwierigkeiten, Nähe aufzubauen und diese dauerhaft zuzulassen. Mindestens ebenso aber ist sie geprägt von den Unzulänglichkeiten ihres Mannes, der viel verlangt aber selbst nicht viel gibt. Der immer wieder von kurz aufflammender Begeisterung zurück in Lethargie und Missachtung fällt. Und so widerfährt April die eine große Grausamkeit einer über Jahre unerfüllten Ehe, die ein zerstörerisches Ende findet.

 
Jack

Anthony McCarten

Jack

Diogenes Verlag

22,00 €, E-Book 18,99 €

Jack Kerouac avancierte in den 1950er Jahren mit „On The Road“ zu einer Ikone der Beat Generation und prägte zusammen mit Freunden wie Allen Ginsberg und William S. Burroughs nicht nur ein neues Lebensgefühl, sondern auch eine neue Art des Schreibens.
Die Literaturstudentin Jan forscht seit geraumer Zeit zu Kerouac und hat es sich zum Ziel gesetzt seine autorisierte Biographin zu werden. Aus diesem Grund macht sie sich 1968 auf die Suche nach ihrem Idol, welches mittlerweile mit dritter Ehefrau und seiner Mutter zurückgezogen in Florida lebt – oder besser gesagt: dahinvegetiert. Sein ausgesprochenes Ziel: das Ich zu zerstören. Hilfreich scheint ihm dabei: eine geraume Menge Alkohol.
Nach anfänglichen Schwierigkeiten schafft Jan es das Vertrauen des Autors zu erlangen und nähert sich dem für ihre Forschung wertvollsten Schatz – den unzähligen von Kerouac archivierten Briefen. Aber irgendetwas ist faul an der ganzen Sache. Doch ist es Jack, der Jan etwas verschweigt oder umgekehrt?
McCartens „Jack“ beschäftigt sich mit der Suche nach und dem Spiel mit Identitäten. Spannend beleuchtet wird dabei auch das Verhältnis von Literatur und Leben in Bezug auf Neal Cassady, dem realen Vorbild des Helden in „On The Road“ und langjährigem Freund Kerouacs. McCartens neuer Roman bietet somit gleichzeitig kurzweilige Unterhaltung und lebhafte Informationsvermittlung. Empfehlenswert!

 
Geschichte des verlorenen Kindes

Elena Ferrante

Die Geschichte des verlorenen Kindes

Suhrkamp Verlag

25,00 €, E-Book 21,99 €

Jetzt ist er da, der vierte und abschließende Band der Neapolitanischen Saga um die Freundinnen Lila und Elena. Wir befinden uns in den Siebziger- und Achtzigerjahren. Elena, die Ich-Erzählerin, ist nach dem Scheitern ihrer Ehe nach Neapel zurückgekehrt. Aber im Rione, dem Armenviertel Neapels, muss sie dank ihrer schriftstellerischen Erfolge nicht mehr wohnen. Elena trifft viele Freunde und Bekannte aus Kindertagen wieder. Lila ist mittlerweile eine erfolgreiche Geschäftsfrau. Sie versucht den Rione zu einem besseren Ort zu machen und den Menschen zu helfen. Aber sie hat auch Feinde und gerät mit der Unterwelt Neapels aneinander. Elena hingegen muss erst einmal ihr Leben neu ordnen. Auf keinen Fall will sie sich dabei von Lila bevormunden lassen. Und so bleibt das Verhältnis der beiden kompliziert und ambivalent.
Emotional und überzeugend bringt Elena Ferrante ihre große Geschichte zu Ende.

 
Stellt euch vor

Adam Haslett

Stellt euch vor, ich bin fort

Rowohlt Verlag

22,95 €, E-Book 19,99 €

„Stellt euch vor, ich bin fort“ ist ein Roman über die amerikanische Mittelschicht, für den Adam Haslett für Pulitzer-Preis und National Book Award nominiert war, der stark an Jonathan Franzens „Korrekturen“ erinnert. Im Mittelpunkt stehen John und Margaret, die sich im London der Sechzigerjahre begegnen, und ihre drei Kinder. Über einen Zeitraum von etwa 40 Jahren spürt Haslett dem langsamen Zerbrechen dieser dysfunktionalen Familie bis in seine feinsten psychologischen Verästelungen nach. Im Wechsel erzählen die fünf Familienmitglieder in der Ich-Form, was ihnen widerfährt und wie sie mit ihrer jeweiligen Situation umgehen. Aus den unterschiedlichen Perspektiven entwickeln sich Charaktere mit verschiedensten Konturen. Beeindruckend arbeitet Haslett mit Erzählweisen, jede der Figuren bekommt einen ganz eigenen Ton. Er variiert geschickt Zeiten, kombiniert Gedanken und Rückblenden, kommt seinen Protagonisten mal ganz nah, um dann wieder Distanz zu schaffen. Facettenreich und feinsinnig beschäftigt sich Haslett mit einem sehr privaten Thema – der seelischen Krankheit eines Menschen und wie diese alle Beteiligten prägt. Aber er legt darin auch die Widersprüche einer Gesellschaft frei, deren blindes Glücks- und Erfolgsstreben sie zermürbt und an das Ende aller Illusionen führt. Ein fesselnder und zugleich tiefgründiger Roman, der einen lange nicht loslässt.

 
Drachenwand

Arno Geiger

Unter der Drachenwand

Hanser Verlag

26,00 €, E-Book 19,99 €

Es ist eine ungewöhnliche Perspektive, die uns Arno Geiger in seinem neuen Roman auf den Krieg eröffnet. Denn es wird wenig vom Krieg selbst erzählt, kaum je wird eine tatsächliche Kampfhandlung beschrieben – dennoch ist es eindeutig ein Kriegs-Roman. Denn Veit Kolbe kommt direkt von der Front, schwer verwundet, man könnte sagen übel zugerichtet landet er zur Genesung im kleinen Örtchen Mondsee. Und hier ist es – sieht man von der geradezu bösartigen Quartierfrau ab – beinahe idyllisch. Den Krieg bekommt man hier hauptsächlich durch die Überflüge der feindlichen Bomber und natürlich durch die eine oder andere Entbehrung mit, die der Materialhunger des Krieges nach sich zieht. Und so kann Veit Kolbe die Zeit unter der Drachenwand, trotz Krieg, trotz Verwundung fast schon genießen, ja er verliebt sich sogar.
Für den Leser holt Geiger den Krieg zusätzlich über zahlreiche Briefe mit in den Roman. Briefe von Menschen, die den Personen nahestehen, die in der eigentlichen Rahmen-Handlung vorkommen. Durch diese Briefe wird der Roman mit weiteren Personen bevölkert und deren Schicksale machen den Krieg gewissermaßen spürbar. Und so wird die Außenperspektive vom Inneren des Krieges, wie Veit Kolbe sie einnimmt, durch viele weitere Perspektiven angereichert. Insgesamt entsteht so ein umfangreiches, detailliertes Bild… so dass ich jetzt am Ende dieses kurzen Textes denke: „Den hättest du noch erwähnen müssen und das hätte man noch erwähnen sollen…“

 
Friedrich

Philip Kerr

Friedrich der Große Detektiv

Rowohlt rotfuchs

14,99 €, E-Book 12,99 €

„Emil und die Detektive“ ist das Lieblingsbuch des jungen Friedrich und dessen Autor Emil Kästner nicht nur sein Held, sondern auch ein Freund der Familie. Wie der Protagonist des Kultkinderbuches will auch Friedrich für Gerechtigkeit sorgen und später einmal Detektiv werden. So streifen er und seine Freunde in den Sommerferien durch den Tiergarten, in der Hoffnung einen Diebstahl beobachten zu können oder auf der Suche nach verlorenen Habseligkeiten, um sie der Polizei zu übergeben. Dort gibt ihnen eines Tages der Kommissar einen Geheimauftrag – sie sollen eine verdächtige Person ausspionieren. Dass es sich dabei ausgerechnet um seinen Helden und Freund Erich Kästner handelt, erfahren Friedrich und seine Freunde erst nachdem sie zugesagt haben. Ist der Autor dieser wunderbaren Kinderbücher tatsächlich ein geheimer Spion und hat sie alle hinters Licht geführt? Ist dies auch der Grund, warum seine Werke bei der großen Bücherverbrennung auf dem Scheiterhaufen landeten? Friedrich will es nicht glauben, doch um die Wahrheit herauszufinden, muss er sich an Kästners Fersen heften…

Philip Kerrs Roman ist eine Hommage an Erich Kästner und erzählt nicht nur eine abenteuerliche Detektivgeschichte, sondern auch vom Erstarken der Nationalsozialisten und den daraus resultierenden Auswirkungen auf die Kunstschaffenden im Deutschland der 1930er Jahre. Eine klare Lektüreempfehlung für junge Leser ab 11 Jahren.

 
Griswold

Jennifer Chambliss Bertman

Mr. Griswolds Bücherjagd. Das Spiel beginnt

Mixtvision

14,90 €, E-Book 11,99 €

Emilys Eltern verfolgen den Plan, einmal in jedem der fünfzig US-Bundesstaaten gelebt zu haben. Dem aktuellen Umzug der Familie nach San Francisco kann Emily als einzig Positives abgewinnen, dass es die Heimatstadt von Garrison Griswold ist. Griswold ist nicht nur Verleger, sondern auch der Erfinder von „Griswolds Bücherjagd“ – Emilys liebstes Bücherschatzsuchspiel. Zudem steht gerade die große Ankündigung einer neuen Spielidee des Verlegers bevor. Kurz vor der großen Veröffentlichung wird Griswold jedoch überfallen und landet schwer verletzt im Krankenhaus. Bald finden Emily und ihr Freund James heraus, dass dieser Überfall etwas mit dem kürzlich von ihnen gefundenen Buch zu tun hat. Die einzige Möglichkeit Aufschluss über die ganze Sachlage zu erhalten besteht darin, die geheimen Botschaften und Rätsel dieses Buches zu lösen. Was die Kinder dabei herausfinden, hätten sie zuvor nicht einmal erahnen können…

Der erste Band der „New York Times“-Bestsellertrilogie von Jennifer Chambliss Bertman ist nun auf Deutsch erschienen und bietet eine knifflige, von Rätseln und Codes durchzogene Abenteuergeschichte im sonnigen San Francisco. Empfohlen ist die spannende Bücherjagd, die Lust auf die Fortsetzungen macht, für Bücherfreunde ab 10 Jahren.

 
Kometenjahre

Daniel Schönpflug

Kometenjahre. 1918: Die Welt im Aufbruch

S.Fischer Verlag

20,00 €, E-Book 16,99 €

Daniel Schönpflug, Professor für Geschichte an der FU Berlin, wählt in „Kometenjahre“ keinen streng wissenschaftlichen Weg. Fein komponiert und bildreich erzählt er die ersten Jahre nach dem Kriegsende 1918 anhand persönlicher Szenen. Collageartig reiht er anekdotisches, autobiografisches und zeitgeschichtliches Material seiner Protagonisten aneinander. Daniel Schönpflug hat sich Kronzeugen aus verschiedenen Ländern und Kulturen gesucht und verfolgt exemplarisch deren Entwicklung in den Jahren zwischen 1918 und 1924. Das sind etwa berühmte Personen aus Kunst und Kultur wie Käthe Kollwitz, Walter Gropius, Arnold Schönberg. Oder Gandhi, Ho Chi Minh und Harry S. Truman, die kurze Zeit später die Weltgeschichte prägen werden. Aber es tauchen auch die unbekannten Schicksale eines Kosakenmädchens, eines Freikorps-Soldaten oder eines armenischen Attentäters auf. Schönpflug schafft so ein atmosphärisch dichtes und weit gespanntes Panorama und verbindet Mentalitätsgeschichte, Kulturgeschichte und politische Geschichte. Konsequent aus der Perspektive seiner Kronzeugen erzählt, lässt Schönpflug mit großer Dynamik und Dramatik das Bild einer Zeit entstehen. Einer Zeit voller Hoffnungen, Visionen und widerstreitender Utopien – aber auch deren Brechungen und Enttäuschungen.

 
Wie hoch die Wasser steigen

Anja Kampmann

Wie hoch die Wasser steigen

Hanser Verlag

23,00 €, E-Book 16,99 €

Es ist die Sprache, die zuerst auffällt und die einen in das Roman-Debüt der Leipziger Autorin Anja Kampmann hineinzieht. Stark verdichtet, hoch poetisch. Mit teils einfachen, teils komplexen Bildern werden beim Lesen ad hoc ganze Kosmen von Stimmungen und Assoziationen erzeugt. Einzelne Wörter, Adjektive, die auf den ersten Blick nicht zu passen scheinen, erweisen sich beim genaueren Hinsehen als Bruchstellen, die einen neuen Raum öffnen.
Erzählt wird von Waclaw, der als Wanderarbeiter mal hier mal dort auf Ölbohrplattformen arbeitet. Seit geraumer Zeit ist er dabei eng mit Mátyás verbunden, mit dem er nicht nur ein Zimmer sondern auch viele Erfahrungen teilt. Als sie auf einer Plattform vor der Küste Marokkos Dienst tun, fehlt von Mátyás plötzlich jede Spur – in der stürmischen See wird die Suche nach ihm bald aufgegeben. Waclaw verliert den Boden unter den Füßen. Das Unglück, das seinem Freund zustößt, bringt sein Leben ins Wanken. Er verlässt die Bohrinsel, verlässt Marokko und begibt sich auf eine Art Odyssee – eine Reise an Orte, die mit Mátyás zu tun haben, eine Reise an Orte der Vergangenheit…

 
Patria

Fernando Aramburu

Patria

Rowohlt Verlag

25,00 €, E-Book 19,99 €

Patria, das heißt Heimat. Bittori und Miren, einst beste Freundinnen, sehen ihr Vaterland, ihre Heimat mit verschiedenen Augen. Vor 20 Jahren wurde Bittoris Mann von der ETA ermordet. Und wahrscheinlich hat sich Mirens Sohn mitschuldig gemacht. Für Bittori eine schlimme Befürchtung. Aber sie will endlich wissen, was wirklich passiert ist und sie will wieder hier leben. Als sie nach so langer Zeit im Dorf auftaucht, ist es mit der vermeintlichen Ruhe vorbei. Denn in Mirens Augen war ihr Sohn ein Freiheitskämpfer. Ihr Mann schwieg aus Angst vor Repressalien. Als die ETA die Waffen niederlegte, gab es nach all der Gewalt viele zerstörte Familien, zerbrochene Freundschaften, Menschen die Schuld auf sich geladen hatten.

Aramburu erzählt in seinem großartigen Roman von dreißig Jahren spanischer Geschichte. Von den ersten Seiten an wird man hineingezogen in das Geschehen, emotional berührt vom Schicksal der Figuren.
In Spanien ist das Buch in aller Munde und hat bereits einen großen Leserkreis gefunden. Den wird es hoffentlich auch in Deutschland haben. Es lohnt sich!

 
Bis die Sterne zittern

Johannes Herwig

Bis die Sterne zittern

Gerstenberg Verlag

14,95 €

Leipzig im Sommer 1936 – Harro ist 16 Jahre alt und auf der Suche nach sich selbst. Mit den Veränderungen, die sich seit einigen Jahren in Deutschland vollziehen, kann er sich nicht identifizieren. Als Harro gleich am ersten Ferientag Ärger mit der Hitlerjugend bekommt, weil er deren Fahne nicht gegrüßt hat, eilt der Nachbarsjunge Heinrich ihm zur Hilfe. Durch ihn erhält er Zugang zu einer Gruppe junger Rebellen, die sich schon rein optisch von der breiten Masse unterscheiden – es ist eine jener Jugendcliquen, die heutzutage als „Leipziger Meuten“ bekannt sind. Zusammen mit seinen neuen Freunden versucht er sich im Widerstand gegen die Nazi-Ideologie und im Kampf um Freiheit und Selbstbestimmung. Dass dieser Weg nicht reibungslos vonstattengehen kann, ist natürlich vorprogrammiert.

Was Johannes Herwig hier vorlegt, ist ein bedeutender Beitrag zu einem Aspekt der Leipziger Widerstandsgeschichte, der – im Gegensatz zu den sich 50 Jahre später zutragenden bedeutsamen Demonstrationen der „friedlichen Revolution“ – bisher eher weniger Beachtung fand. Vielleicht weil die Bemühungen der „Leipziger Meuten“ in den 30er-Jahren nicht von Erfolg gekrönt waren. Doch ihr Mut und Ansinnen gegen einen blinden Gehorsam sollten nicht vergessen werden – und genau dazu trägt dieses Buch auf eine zugleich unterhaltsame, lebendige und informative Weise bei. Eine spannende Lektüre – nicht nur für Jugendliche.

 
Die Vegetarierin

Han Kang

Die Vegetarierin

Aufbau Verlag

10,00 €, E-Book 7,99 €

Der Titel dieses soeben als Taschenbuch erschienenen Romans der südkoreanischen Man-Booker-Preisträgerin Han Kang ist etwas trügerisch. Im Koreanischen besitzt er nämlich einen doppelten Sinn und bezeichnet zum einen den Fleischverzicht, zum anderen jedoch auch die buddhistische Entsagung. Diese zweite Lesbarkeit als „Entsagung“ bezeichnet den Roman eigentlich besser. Im Mittelpunkt der Geschichte steht eine vollkommen unscheinbare Frau, die durch den anfänglichen Verzicht auf tierische Nahrungsmittel und schließlich der Entsagung jeglicher Ernährung und dem Wunsch, sich in eine Pflanze zu verwandeln, die Welt um sich herum auf den Kopf stellt. Geschildert wird diese Geschichte in drei Kapiteln, die jeweils eine andere Perspektive einnehmen – die des Mannes, des Schwagers und der Schwester. Thematisiert werden dabei die Spannungen zwischen Individuum und Gesellschaft im südkoreanischen Leben – patriarchalische Machtstrukturen, erotische Begierden, soziale Zwänge und Wünsche nach persönlicher Entfaltung. Klar und nüchtern zeigt sich die Erzählstimme und drängt doch, mit der zur gleichen Zeit rätselhaften und bisweilen verstörenden Stimmung, an vielen Stellen kafkaeske. Ein vielseitiger und ungewöhnlicher Roman, dem es exzellent gelingt, trotz seiner textlichen Straffheit in die Tiefe zu dringen.

 
Alles über Heather

Matthew Weiner

Alles über Heather

Rowohlt Verlag (Hundert Augen)

16,00 €, E-Book 14,99 €

Bereits als Macher der TV-Serie „Mad Men“ hat sich Matthew Weiner als genauer und kühler Beobachter der amerikanischen Gesellschaft gezeigt. In „Alles über Heather“, in seiner reduzierten und schnörkellosen Form eher Novelle als Roman, schildert Weiner zwei völlig unterschiedliche Milieus. Da ist das Ehepaar Breakstone, die Eltern von Heather: Typische Vertreter des New Yorker Establishments, erfolgreich aber auch enttäuscht von der eigenen Mittelmäßigkeit und mit dem ihnen eigenen Phlegma auf der Suche nach Bedeutung. Auf der anderen Seite Bobby Klasky, Sohn einer Drogenabhängigen mit Neigung zu Größenwahn und Gewalt. Als Bobby bei einem Bautrupp unterkommt, welcher das Penthouse über der Wohnung der Breakstones renoviert, führt Weiner die Handlungsstränge aufeinander zu in die Katastrophe. Was beide Seiten eint, ist die Obsession für Haether. Für die einen ist die Tochter Fixpunkt der fragilen Beziehung und die Antwort auf die Leere hinter der Oberfläche des amerikanischen Traums. Für den anderen ist der Teenager ebenfalls das Objekt der Erfüllung eines, wenn auch krankhaften, Traums. Gerade in der Empathielosigkeit, mit der Weiner das schildert wird das Bedrohliche spürbar. „Alles über Heather“ ist mitreißend, präzise, und plausibel erzählt. Ein harter Psychothriller aber auch eine von einer feinen Ironie durchzogene Sozialstudie.

 
Der Tod so kalt

Luca D’Andrea

Der Tod so kalt

Deutsche Verlagsanstalt

14,99 €, E-Book 11,99 €

Wir befinden uns in Südtirol im Jahre 1985. Nach einem schrecklichen Gewitter kehren drei junge Leute nicht in ihr Heimatdorf zurück. Die Bletterbach-Schlucht wurde ihr Grab. Ihre Leichen findet man brutal entstellt. Die Morde werden nicht aufgeklärt und die Dorfbewohner hüllen sich in Schweigen.
Dreißig Jahre später kommt Salinger, ein Dokumentarfilmer, in den Ort. Er möchte das Bergrettungsteam beobachten. Ein tragischer Unglücksfall wirft Salinger aus der Bahn. Doch statt sich auszuruhen, verbeißt er sich in die Bletterbach-Morde.
Die beeindruckende südtiroler Berglandschaft bildet die Kulisse für diesen fesselnden Thriller. D‘Andrea gelingt es, nicht nur durch unerwartete Wendungen, die Spannung bis zur letzten Seite aufrecht zu halten. Auch die Gefühlswelten der Protagonisten werden dem Leser eindringlich nahe gebracht.
Der Roman von Luca D‘Andrea ist nicht nur Lektüre für Bergliebhaber. Vielleicht macht er – trotz der geschilderten Ereignisse – sogar Lust auf die Alpen und die eine oder andere Klamm. Lust auf mehr macht er in jedem Fall und glücklicherweise muss man darauf nicht lange warten: bereits im Februar erscheint der zweite Südtirol-Thriller.

 
Hier kommt keiner durch

Isabel Minhos Martins

Hier kommt keiner durch!

Klett Kinderbuch

14,00 €

Dieses liebevoll gemachte Buch hat im gerade vergangenen Jahr den Deutschen Jugendliteraturpreis in der Kategorie Bilderbuch gewonnen und damit in jüngster Zeit bereits viel Aufmerksamtkeit auf sich gezogen. Da es uns mit seinen witzigen Filzstift-Zeichnungen und der tollen, einzigartigen Idee aber so gut gefällt, möchten auch wir noch einmal gesondert darauf hinweisen.
Am Anfang sind die Seiten noch fast komplett leer, nur ein einzelner Militär mit seinem Hund verliert sich auf der weiten weißen Fläche. Und er hat eine Aufgabe: Er soll die rechte Buchseite von Eindringlingen frei halten. Egal, wer an ihm vorbei will – es wird ihm verwehrt. Und so füllt sich die linke Buchseite mit immer mehr der unterschiedlichsten Leute, bis es ein einziges Gewimmel ist, aus dem sich plötzlich ein Ball löst und auf die andere Seite hüpft…

 

Karl Ove Knausgård

Im Winter

Luchterhand

22,00 €, E-Book 17,99 €

Nach seinem großen autobiographischen Projekt erscheinen jetzt auch die vier Jahreszeiten-Bände von Karl Ove Knausgård in Deutschland. Den Anlass zu diesem Schreibprojekt bildete die vierte Schwangerschaft seiner Frau. Indem Knausgård seiner ungeborenen Tochter die Welt beschreibt, macht er sie sich selbst greifbar und begreiflich. Von August bis Oktober reflektiert der Autor in „Im Herbst“ sowohl über herbstliche Beobachtungen, als auch über allgemeine und alltägliche Phänomene der Welt. Es ist dieser besondere Blick, der es vermag, den inhärenten Zauber der Welt heraufzubeschwören und dem Leser die Tiefe des Banalen wieder zu Bewusstsein zu führen. „Im Winter“ setzt mit den folgenden drei Monaten direkt an den ersten Band an und beschreibt den Schnee, Weihnachten, Silvester und weitere winterliche Phänomene bis zur Geburt der Tochter. Im März 2018 wird der dritte Band folgen, der einen einzigen Frühlingstag mit dem neuesten Familienmitglied umfassen soll.
War Knausgårds autobiographisches Projekt noch von einer ausufernden Textmasse gekennzeichnet, die einiges an Lesezeit abverlangte, zeigt sich in diesen Miniaturen ein entgegengesetzter Weg. Man kann die neuen Bücher entweder am Stück lesen oder sich von den kurzen Reflexionen dazu anregen lassen, hin und wieder einen oder mehrere Texte zu lesen und sich somit von den Büchern durch die einzelnen Jahreszeiten begleiten zu lassen. Egal für welche Lesart man sich entscheidet, ein Blick hinein lohnt sich definitiv.

 

Carmen Korn

Zeiten des Aufbruchs

Kindler Verlag
19,95 €, E-Book 16,99 €

Die Geschichte um Lina, Käthe, Henny und Ida geht weiter. 1949 Hamburg: Deutschland ist in Aufbruchsstimmung. Endlich geht es nach zwei Weltkriegen aufwärts: Lina gründet eine Buchhandlung, Ida hat ihre Berufung gefunden und die Kinder von Henny gehen ihren Weg. Aber die drei Freundinnen wissen immer noch nicht, wohin der Krieg Käthe verschlagen hat, wissen nicht, ob sie noch lebt.
Mitreißend erzählt Carmen Korn im zweiten Teil der Trilogie von der Nachkriegszeit, dem Wirtschaftswunder, Rock’n’Roll und dem Schicksal der vier Frauen und ihrer Familien.

 

Sabrina Janesch

Die goldene Stadt

Rowohlt Verlag
22,95 €, E-Book 19,99 €

„Die goldene Stadt“ ist die Geschichte des deutschstämmigen Ingenieurs, Abenteurers und Hochstaplers Rudolph August Berns und seiner Suche nach dem südamerikanischen Eldorado. Bereits in ihren ersten beiden Romanen „Katzenberge“ und „Ambra“ hat sich Sabrina Janesch auf Reisen begeben und ihr Verhältnis zu Osteuropa beleuchtet. Für die Recherchen zu „Die goldene Stadt“ hat sie sich nun auf den Weg in die Anden gemacht. Auf den Spuren ihres Helden reiste sie nach Machu Picchu – um möglichst genau nachzuvollziehen, was dieser damals empfunden haben könnte. Diese empathische Nähe, die sich durch das gesamte Buch zieht, ist eine der Stärken des neuen Romans von Sabrina Janesch. Anschaulich und mitreißend erzählt sie von Berns Getriebenheit und den Strapazen, die er für sein Ziel auf sich nahm. Manche Schilderung erinnert unwillkürlich an „Aguirre“ und „Fitzcarraldo“. Aber das Buch ist in seinen genauen Beobachtungen und Beschreibungen auch voller Charme und Humor. Natürlich ist „Die goldene Stadt“ mehr als eine Biografie. Sabrina Janesch füllt mit großer Fantasie und erzählerischer Finesse die Lücken der Recherche und ihrer Darstellung des widersprüchlichen Charakter und facettenreichen Lebens von Rudolph August Berns zu folgen, ist ein großes Leseabenteuer.

 

Sabine Bode

Mädchen im Strom

Klett-Cotta
20,00 €, E-Book 15,99 €

Gudrun ist ein wagemutiges und hübsches Mädchen. Gern verdreht sie den Männern den Kopf. Aber ihr Nachname Samuel und die jüdische Herkunft verheißen im Dritten Reich nichts Gutes. Hineingeboren in wohlhabende Verhältnisse erlebt Gudrun eine glückliche Kindheit. Aber als die Nazis an die Macht kommen, muss sie fliehen. Eine Odyssee beginnt, die bis in das Judenghetto von Shanghai führt.
Es ist eine wahre, dramatische, ergreifende Geschichte, die Sabine Bode erzählt ohne dabei schablonenhaft zu werden. Denn die Protagonistin hat auch dunkle Seiten und nutzt alle Chancen. Die sachliche und distanzierte Erzählweise macht es möglich, den schweren Lebensweg Gudruns zu verfolgen.
Berührend sind auch die in die Erzählung eingebundenen Briefe Gudruns und ihrer Freundin Margot, ein Kontakt, der nie abriss.

 

Rick Riordan

Percy Jackson – Diebe im Olymp – Sonderausgabe

Carlsen
10,00 €

Über die 5-teilige Percy-Jackson-Saga muss wohl eigentlich nicht mehr allzu viel gesagt werden. In der abenteuerlichen Jugend-Fantasy-Reihe sind die antiken Mythen nicht einfach nur Geschichten, sondern sie entsprechen der Wirklichkeit. Die antiken griechischen Götter existieren und wie in der Mythologie beschrieben, haben einige der Götter mit Menschen Kinder gezeugt. Percy, der von seiner Mutter aufgezogen wird, ist einer solcher Halbblute und erfährt erst im Jugendalter, dass er der Sohn des Poseidon ist. Im „Camp Halfblood“ lernt er seine Fähigkeiten zu nutzen und zieht gemeinsam mit seinen Halbblutfreunden gegen Giganten, Titanen und diverse andere Wesen der antiken Mythologie in den Kampf, um nicht zuletzt die Menschheit zu retten.
Bei der Serie handelt es sich nicht nur um äußerst spannende Jugendliteratur, sondern es werden den jungen Lesern ab 12 Jahren auch viele Teile des antiken mythologischen Kulturguts auf unterhaltsame Art und Weise vermittelt. Abenteuerliche Unterhaltung mit Lerneffekt. Im Augenblick gibt es die einzelnen Bände im festen Einband als Sonderausgaben für jeweils nur 10 €.

 

Weihnachtliches im Reclam-Verlag

8,80 € – 14,00 €

Der Reclam Verlag hat auch in diesem Jahr eine Reihe von weihnachtlichen Geschenkbüchern herausgegeben. Von Klassikern wie Adalbert Stifter über Erzählbände verschiedener Autoren und Gedichten bis zu Liedern ist alles zu finden, gebunden und schön illustriert.

 
Noll - Halali

Ingrid Noll

Halali

Diogenes
22,00 €, E-Book 18,99 €

Der neue Roman von Ingrid Noll versetzt uns in die 50er Jahre, nach Bonn. Bonn ist Hauptstadt geworden und nun werden Ministerien aus dem Boden gestampft, der Wohnraum ist knapp. Doch das Männerangebot steigt. Das kommt Karin und Holda gerade recht. Die beiden jungen Frauen sind häuslichen Zwängen entkommen und arbeiten im Innenministerium als Sekretärinnen. Sie suchen privates Glück und Geborgenheit, aber auch Abenteuer und Selbstverwirklichung. Und jetzt sind sie auf Männerjagd. Aber was als Spaß begann, wird schnell Ernst, denn Holda und Karin geraten in einen echten Spionagefall.
Ingrid Nolls Zeitreise ist spannend, kreativ und mit ihrem typischen Schuss Humor und Ironie erzählt.

 

Jana Hensel

Keinland

Wallstein
20,00 €, E-Book 15,99 €

Eine Qualität von Literatur ist es, dass sie in der Lage ist, Empathie zu erzeugen. Eine Nähe zu erzeugen, die vorher nicht da war. Eine Sprache zu finden, die als verbindendes Element funktionieren kann. Eine Qualität, die in „Keinland“ auf jeden Fall zum Tragen kommt. Denn die beiden Protagonisten versuchen genau das – sie versuchen sich einander anzunähern. Und die Voraussetzungen scheinen zunächst gut, da zwischen beiden schnell Nähe entsteht. Aber gerade Martin, der als Jude in Frankfurt a.M. aufgewachsen ist, nun aber schon seit geraumer Zeit in Israel lebt, ist immer wieder abweisend gegenüber Nadja. Sie ist in der DDR aufgewachsen, musste dann aber im vereinigten Deutschland groß werden. Somit hätten sie in gewisser Weise beide kein Land, findet Nadja und somit eine Gemeinsamkeit, zumindest eine gemeinsame Basis für Verständnis. Eine Vorstellung, die Martin klar zurückweist, schließlich seien „ihre Leute“ nicht in den Öfen zu Asche verbrannt worden. Dennoch ringen beide um Verständnis füreinander, kommen sich immer wieder näher und entfernen sich wieder weiter voneinander…
Als Leser können wir diese Bewegungen nachvollziehen und uns so in zwei Menschen einfühlen, die – jeder auf die eigene Art – mit sich, ihrer persönlichen Geschichte und mit Geschichte ringen.

 

Marc-Uwe Kling

QualityLand

Ullstein
18,00 €, E-Book 14,99 €

Der Liedermacher und Kabarettist Marc-Uwe Kling ist vielen seit den Känguru-Chroniken ein Begriff. Mit „QualityLand“ liegt uns nun sein erster Roman vor – und dieser gleich in zweifacher Form. Doch zunächst zum Inhalt: „QualityLand“ ist eine Zukunftssatire, die das Leben im digitalen Zeitalter auf die Spitze treibt. QualityPartner weiß, wer am besten zu dir passt und TheShop weiß, was du willst und brauchst – noch bevor du es selber weißt – und schickt dir alles dementsprechend ohne Bestellung sofort per Drohne zu. Autos fahren die Einwohner selbstständig wohin sie wollen, „Ohrwürmer“ übermitteln dem Träger Mails, Nachrichten und Informationen, die sie benötigen. Da alle Daten im Netz sind – ob freiwillig oder nicht – werten Algorithmen diese aus und erstellen das Persönlichkeitsprofil eines jeden Einwohners und stufen sie in ein entsprechendes Level ein. Das System kümmert sich um alles. Alles, was du tun musst, ist „okay“ zu sagen. Doch eine Lieferung von TheShop, mit der der Maschinenverschrotter Peter rein gar nichts anfangen kann, lässt ihn am System zweifeln. Und mit diesem Zweifel wächst sein Aufbegehren gegen das System…
Marc-Uwe Kling beweist wieder einmal, dass er es gekonnt vermag, witzige und leichte Unterhaltung geistreich zu gestalten. Neben unzähligen intertextuellen und interkulturellen Anspielungen, Verweisen und Wortspielen, hat er sich auch zur Form seine Gedanken gemacht. Wie eingangs erwähnt, gibt es das Buch in zwei verschiedenen Ausgaben. Die Handlung beider Versionen ist identisch, jedoch sind die Einschübe in Form von Nachrichten, Werbeanzeigen etc. zwischen den Kapiteln unterschiedlich. Sie sind an den Gedanken des Buches angelehnt, dass in QualityLand jeder seine personalisierten Nachrichten, Werbungen etc. empfängt. Da der Aufwand, einem jeden Leser sein personalisiertes Buch zu schreiben, zu aufwendig gewesen wäre, sollen diese zwei Versionen das Prinzip veranschaulichen. Und keine Sorge: Die im jeweiligen Buch fehlenden Anzeigen können im Internet nachgelesen werden.

P.S. Wer das Känguru vermisst, kann sich auf das ausrangierte pinke QualityPad freuen.

 

Colson Whitehead

Underground Railroad

Hanser
24,00 €, E-Book 17,99 €

Colson Whiteheads „Underground Railroad“, mit den wichtigsten amerikanischen Buchpreisen ausgezeichnet, mischt in guter amerikanischer Erzähltradition historische Wirklichkeit mit Fiktion. Er beschreibt das tatsächlich existierende Netzwerk, das gegen Mitte des 19. Jahrhunderts Sklaven half, in die Freiheit zu entkommen. Und er stellt es als wirkliche unterirdische Eisenbahn dar. Diese hat verborgene unterirdischen Bahnhöfe, Gleise, Nebenstränge, Schaffner und Bahnwärter – eine riesenhafte Ingenieursleistung. Allerdings die Eisenbahn ist nicht zuletzt das Symbol der Moderne, das die Eroberung und Unterwerfung des nordamerikanischen Kontinents erst möglich machte und entlang dieser Zugverbindungen nimmt der Roman narrative Fahrt auf. Coras Flucht ist eine geografische Reise durch die Südstaaten Amerikas von der Plantage in Georgia über South und North Carolina, die letztlich im Norden der USA, in Indiana, endet. Aber es ist auch eine Reise durch die Geschichte der USA. An jeder der „Stationen“ der Railroad, an denen Cora für eine bestimmte Zeit an die Oberfläche gelangt, zeichnet Whitehead ein anderes, oft düsteres und zerrissenes Bild Amerikas. „Underground Railroad“ ist damit aber nicht nur in den USA das Buch der Stunde. Auch für uns europäische Leser ist diese Erzählung über Ausgrenzung, familiäre Tragödien und existenzielle Not hoch aktuell.

 

Edward Berry

Das verschwundene Buch

Sanssouci
15,00 €

Wenn die Geschwister Alba und Diego nicht gerade auf der Suche nach Drachen, die sie in ihrer Enzyklopädie sammeln können, durch Barcelona stromern, sind sie am liebsten bei ihrer Tante Bea im Buchladen. Ebendahin zieht es sie am Erscheinungstag eines neuen Romans, auf den alle Kinder schon sehnsüchtig warten. Schließlich handelt es sich, laut dem berühmten Literaturkritiker Leo Gutenberg, um die schönste Geschichte der Welt. Als sie jedoch bei ihrer Tante im Buchladen ankommen, erwartet sie ein riesen Schreck. Das Buch sowie der Umschlag sind vollkommen leer! Auch kann sich keiner derjenigen, die die Geschichte bereits vorab lesen konnten, mehr an die Geschichte, geschweige denn an den Titel erinnern. Was war geschehen? Auch in anderen Büchern passieren seltsame Dinge. Was hat eine Laserpistole in „Peter Pan“ zu suchen? Und was hat der mysteriöse Medienmogul Mr. Zargo mit all dem zu tun? Zunächst tauchen Alba und Diego mit der Hilfe ihrer Tante, die über geheimnisvolle Zauberkräfte verfügt, in die Geschichte von Peter Pan ein, um diese wieder in ihren ursprünglichen Zustand zu versetzen.
Diese neue Kinderbuchreihe, die sehr liebevoll gestaltet ist, entführt die Leser in das Reich der Literatur und der Phantasie. Steht die Geschichte von Peter Pan im Zentrum des ersten Bandes, so tauchen die Geschwister im zweiten Teil in die Welt der Musketiere von Alexandre Dumas ein. Diese Reihe bietet nicht nur kurzweilige und abenteuerliche Unterhaltung, sondert macht auch Lust, die Klassiker der Kinderliteratur erneut zur Hand zu nehmen.

 

Ingo Schulze

Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst

S.Fischer Verlag
22,00 €, E-Book 19,99 €

Neun Jahre nach seinem letzten Roman Adam und Evelyn hat der vor allem für seine Erzählbände geschätzte Ingo Schulze nun einen neuen Roman vorgelegt. Und Peter Holtz reiht sich nahtlos ein in die Reihe der Helden großer Schelmenromane wie Hašeks Schweijk, der Simplicissimus ist nicht zuletzt auch formal Vorbild. Der Roman setzt 1974 ein, als Peter Holtz – wie auch der Autor – zwölf Jahre alt ist und begleitet den Hauptdarsteller bis ins Jahr 1998. Die erstaunliche Naivität, mit der Schulze seinen Narren ausstattet, imprägniert diesen gegenüber allen Schicksalsschlägen und Widersprüchen der Realität. Und sie ermöglicht dem Autor, das Groteske ebenso zu gestalten wie die Reflexionsebene hinter diesem Szenario. Holtz, im Waisenhaus aufwachsend, nimmt den Sozialismus ernster als die Menschen um ihn herum. Ernster, als es Partei und Stasi erlauben – er taugt nicht einmal zum Spitzel. So wie Peter Holtz mit religiösem Ernst an den Sozialismus glaubt, wird er kurz nach 1989 an den Kapitalismus glauben. Wie jeder Schelm gestaltet er sein Leben weniger, als dass es ihm widerfährt. Und das Glück meint es scheinbar gut mit ihm – ohne sein Wollen spielt es ihm immer mehr Geld in die Hände. Beim Versuch, dieses mit Anstand auszugeben, vermehrt es sich nur auf wundersame Weise. Allerdings steht dieses Geld dem Glück des Helden auch im Wege. Im ersten Kapitel kommt der zwölfjährige Peter Holtz noch damit durch, ohne Geld im volkseigenen Ausflugslokal zu speisen. Im letzten wird er aus der Gesellschaft ausgeschlossen, weil er, unter der Berliner Weltzeituhr sitzend, Tausend-DM-Scheine verbrennt. Es ist bemerkenswert, wie der große Erzähler Ingo Schulze in kleinsten Beobachtungen und Beschreibungen Charaktere und Situationen skizziert. Aber vor allem der warmherzige Humor und die spürbare Freude des Autors am Schreiben machen Peter Holtz so lesenswert.

 
José Eduardo Agualusa

Eine allgemeine Theorie des Vergessens

C.H. Beck
19,95 €, E-Book 15,99 €

1974 beendet die Nelkenrevolution in Portugal die dortige Diktatur. Das hat große Auswirkungen auf die Kolonie Angola. Endlich ist die Unabhängigkeit greifbar. Aber die Freiheitsbewegungen bekämpfen sich gegenseitig und ein Bürgerkrieg bricht aus. In diesen Wirren erschießt die Portugiesin Ludovica in Notwehr einen Mann. Sie vergräbt ihn auf der Dachterrasse und mauert sich in ihrer Wohnung ein. Während Ludovica ihr Überleben sichern muss, mit selbst gezogenem Gemüse und gefangenen Tauben, verändert sich die Welt da draußen. In den dreißig Jahren ihrer Einsamkeit kreuzen sich die Wege von Tätern und Opfern in bizarren Verwicklungen. Am Ende treffen alle Beteiligten vor Ludos Mauer aufeinander.
Diese fantastisch anmutende Geschichte wurde nach einer wahren Begebenheit erzählt. Die wirkliche Ludovica führte ein bruchstückhaftes Tagebuch und schrieb auf die Wände ihrer Wohnung. Aus diesen Aufzeichnungen hat José Eduardo Agualusa, einer der wichtigsten Portugiesisch schreibenden Autoren, einen wunderbaren Roman gemacht.
 
Sven Regener

Wiener Straße

Galiani Berlin
22,00 €, E-Book 18,99 €

Herr Lehmann ist zurück! Nach dem Spin-Off „Magical Mystery“, der Karl Schmidt in den Fokus nahm und Frank Lehman lediglich in Abwesenheit auftreten lässt, gibt es endlich einen neuen Roman von Sven Regener, der Herr Lehmann wieder in den Mittelpunkt rückt. Zeitlich füllt der im Jahr 1980 angesetzte Roman eine Lücke zwischen „Neue Vahr Süd“ und „Herr Lehmann“, in direktem Anschluss an „Der kleine Bruder“. Der WG-Einzug über Erwins Kneipe „Einfall“ bildet den Beginn von „Wiener Straße“, der das bekannte Personal durch weitere bizarre Charaktere ergänzt und gewohnt schräge und witzige Dialoge präsentiert. Die Handlung umspannt nur wenige Tage, gibt dabei jedoch lebendige Einblicke in die Künstler-, Kneipen-, Punk- und Hausbesetzerszene Kreuzbergs Anfang der 1980er Jahre. Mehr muss eigentlich nicht gesagt werden: Ein echter Regener halt!
 
Benjamin Lacombe

Marie Antoinette. Das geheime Tagebuch einer Königin

Jacoby & Stuart
29,95 €

Die Literaturwissenschaftlerin Barbara Vinken sagt in ihrem Buch „Angezogen“ über Marie Antoinette sinngemäß, dass diese vermittels ihres Putzes – mit ihrer „Modepolitik“ – die Monarchie zum Wackeln und schließlich zum Einstürzen brachte. Indem sie durch ihre Kleidung und ihre aufwändigen Frisuren ihre Lust und damit Individualität zur Schau stellte, nahm sie dem königlichen Körper die transzendente Dimension und somit die Ebene der Repräsentation der gottgewollten Ordnung. Ein Aspekt, der immer wieder in den wunderbaren Bildern von Benjamin Lacombe zu Tage tritt. Lustvoll illustriert er – sich immer wieder auch berühmter Porträts als Vorlage bedienend – eben diese Lust der letzten Königin Frankreichs. Die Lust nicht nur an aufwändigster modischer Kleidung und Toilette, sondern auch an der Lust selbst. Diesen präzisen und opulenten Bildern sind, neben einigen originalen Briefen Maria Theresias, immer wieder fiktive Tagebucheinträge Marie Antoinettes zur Seite gestellt, in denen sich Lacombe dem Innenleben dieser vielgescholtenen wie vielbesungenen schillernden Persönlichkeit nähert.
 
Marah Woolf

BookLess. Gesponnen aus Gefühlen

Oetinger Taschenbuch
8,99 €

Der Kampf um die Bücher geht weiter. Nachdem in diesem Frühjahr der erste Band der BookLess-Trilogie erschien, geht die bibliophile Abenteuergeschichte nun in die zweite Runde.
Die Enttäuschung über Nathans Verrat setzt Lucy noch stark zu. Dennoch muss sie irgendetwas gegen den geheimnisvollen Bund, der Bücher „ausliest“, um sie vermeintlich vor der Menschheit zu schützen, unternehmen. Schließlich werden alle „ausgelesenen“ Bücher aus dem kollektiven Gedächtnis der Menschheit gelöscht. Das kann Lucy als letzte Nachfahrin des jahrhundertealten Geschlechts der Hüterinnen nicht zulassen. Da sie gegen Nathans Großvater, der der Anführer des Bundes ist, nicht allein ankommen kann, ist sie auf Hilfe angewiesen. Doch ist es richtig ihre Freunde auch noch in Gefahr zu bringen? Und auf welcher Seite steht Nathan wirklich? Und welche besondere Verbindung besteht zwischen den beiden?
Wie bereits im ersten Band häufen sich die Fragen und treiben den Leser gespannt durch die Seiten in Erwartung der dazugehörigen Antworten, die sich peu à peu entfalten. Für jugendliche Leser ab 14 Jahren liefert die BookLess-Reihe ebenso unterhaltsame Lektüre wie für erwachsene Leser, die sich in eine leichte, etwas magisch angehauchte Geschichte fallen lassen möchten. Der große Vorteil: Wer erst jetzt einsteigt, muss nur noch zwei Monate auf das Finale der Trilogie warten.