Advent Advent ein Lichtlein brennt

In unserem Adventskalender…

… finden Sie hinter jedem Türchen eine Empfehlung.
Wenn Sie den QR-Code mit Ihrem Smartphone
scannen, können Sie das Buch gleich online bei
uns bestellen.

Viel Spaß beim Türchen öffnen
und eine schöne Adventszeit wünschen Ihnen

die Mitarbeiter/innen der Buchhandlung Grümmer

 

Monatlich neue Buchempfehlungen finden Sie außerdem hier.

Per Klick auf das Buchcover können Sie unsere Empfehlungen auch gerne direkt bestellen.

 

 
Hausbuch zur Weihnachtszeit

Reclams Hausbuch zur Weihnachtszeit

Reclam

28,00 €

Wie ging noch gleich der Text zu „Ihr Kinderlein kommet“? Gibt es eigentlich ein schönes Gedicht zu Weihnachten von Joachim Ringelnatz? Was hatte Luther zu Weihnachten zu sagen? Wie backt man noch gleich Vanillekipferl und was waren noch gleich Pfeffernüsse? Und was steht eigentlich im Weihnachtsevangelium?
Diese und viele andere Fragen können Sie mit Hilfe des schön gestalteten und sehr schön zusammengestellten Reclam-Bandes beantworten – und sich darüber hinaus ganz viele wunderbare Anregungen für das Fest holen. Ein toller Begleiter für die Adventszeit.

 
Weihnachtsbilderbuchschatz

Mein großer Weihnachtsbilderbuchschatz

Ellermann

20,00 €

Eine ganz frische Zusammenstellung an weihnachtlichen Bildergeschichten hat der Ellermann-Verlag in diesem Jahr herausgegeben. Den Auftakt macht der große Klassiker: „Eine Weihnachtsgeschichte“ von Charles Dickens. Gefolgt wird dieser von zahlreichen schönen neueren Weihnachtsgeschichten von Autorinnen wie Hedwig Munck, Frauke Nahrgang oder Anne Steinwart. Bevölkert von bekannten Figuren wie dem kleinen König oder dem Kasperl. Ein schöner Fundus, schön illustriert von Astrid Henn.

 
Wenn die Chinesen Rügen kaufen, dann denkt an mich

Friedrich Christian Delius

Wenn die Chinesen Rügen kaufen, dann denkt an mich

Rowohlt Berlin

20,00 €, E-Book 19,99 €

Dem Ich-Erzähler in Friedrich Christian Delius‘ neuem Roman wird gekündigt. Getarnt als Altersteilzeit wird der Wirtschaftsredakteur auf das Abstellgleis geschoben. Er war unbequem, hat seinen Spitznamen „Kassandra“ nicht zu Unrecht. Er recherchierte, stellte Fragen, wo sich seine Kollegen mit offiziellen Statements begnügten.
Obwohl gekränkt und enttäuscht begreift „Kassandra“ die Entlassung als Chance. Als Chance, endlich zu schreiben, ohne Rücksicht auf die Interessen der Zeitung, der Politiker. Ein Tagebuch soll es werden, subjektiv, rücksichtslos, frei. Und so beginnt ein Text, geschrieben an die Nichte, in der Vorstellung, dass sie es ist, die in 30 Jahren diese Aufzeichnungen lesen wird. Dass sie fragen wird, was damals passiert ist, als Europa im Umbruch war, drohte auseinanderzufallen. Als nur noch über Banken, Griechenland und Flüchtlinge gesprochen wurde. Und was hat das alles mit China zu tun? In 100 Jahren werden die Chinesen unserer Kanzlerin ein Denkmal setzen. Denn dann gehört auch Rügen den Chinesen! – eine „Kassandra“-Prophezeiung.
Delius schreibt politisch, sarkastisch, hellsichtig – einfach gut.

 
Gesang der Flusskrebse

Delia Owens

Der Gesang der Flusskrebse

hanserblau

22,00 €, E-Book 16,99 €

Seit 2015 wird im November zur „Woche der unabhängigen Buchhandlungen“ der Preis „Lieblingsbuch der Unabhängigen“ verliehen. Heißer Kandidat für den Preis war auch der diesjährige Gewinner des „Deutschen Buchpreises“ Saša Stanišić. Das Rennen machte jedoch zuletzt Delia Owens mit ihrem Debütroman „Der Gesang der Flusskrebse“.
Der Roman erzählt die Lebensgeschichte von Kya, die Mitte des 20. Jahrhunderts im Marschland North Carolinas aufwächst. Unter ärmlichen Verhältnissen lebt sie mit ihrer Familie in einer Fischerhütte abseits der nächsten Siedlung mitten in dieser besonderen Natur. Nachdem die alkoholbedingten Gewaltausbrüche des Vaters die Familie nach und nach aus dem Haus vertreibt und er schließlich selbst verschwindet, muss die kleine Kya alleine über die Runden kommen. Durch den Verkauf von Muscheln und Fisch kann sie sich bei ihrem einzigen Freund Jumpin‘ Benzin für ihr kleines Boot und die nötigsten Lebensmittel leisten. In der Schule wird sie sofort als das barfüßige „Marschmädchen“ von den Stadtkindern ausgegrenzt und gemobbt, so dass sie es nur einen Tag dort aushält. Die meiste Zeit verbringt sie mit dem Beobachten und Erforschen der Flora und Fauna des Marschlandes.
Parallel wird die Geschichte eines Leichenfundes 17 Jahre später geschildert, bei der Kya schnell ins Visier der Ermittler gerät. Beide Geschichten werden parallel vorangetrieben und treffen schließlich zur Gerichtsverhandlung aufeinander.
Delia Owens hat eine herzergreifende Geschichte voller poetischer Landschaftsbilder und mit einer unvergesslichen Hauptfigur geschaffen. Hier treffen Gesellschaftskritik, Coming-of-Age- und Kriminalroman aufeinander und der/die Lesende gerät in einen erzählerischen Sog, der es schwerfallen lässt, sich nach 450 Seiten von Kya zu verabschieden.

 
Das NEINhorn

Marc-Uwe Kling

Das NEINhorn

Carlsen

13,00 €

Im schönen Herzwald lebt eine Einhornfamilie. Ihr könnte es nicht besser gehen, denn hier gibt es Kekse statt Brot, Wolken aus Zuckerwatte, alles ist rosa, voller Feen und immer scheint die Sonne. Eines Tages erblickt ein weiteres kleines Einhorn diesen wunderschönen Ort. Es passt einfach hervorragend hier her, denn es ist hübsch, mit bauschiger Mähne, flauschigem Fell und einfach nur süß. Doch das Einhorn selber fühlte sich oft fehl am Platz und hielt meist den Mund oder sagte „Nein“. „Nein“ zum Waschen, „Nein“ zum Essen, „Nein“ zur Schule, einfach „Nein“ zu allem. Und deshalb nannte man es bald nur noch das Neinhorn. Eines Tages hatte das Neinhorn die Nase voll und wollte einfach seine Ruhe. Es wollte einfach mal machen, was es selber wollte und verbrachte diesen Tag spielend im Schlamm. Als es vom Durst getrieben an den Fluss kam, lernte es einen nicht hören wollenden Waschbären kennen und auch einen Hund, dem einfach alles egal war und eine Prinzessin, die immer Widerworte fand, kreuzten seine Wege. Ob die vier wohl ein gutes Gespann sein werden? Ein herrlich amüsantes Kinderbuch, wie kaum anders zu erwarten von Marc-Uwe Kling. Wer also bei der Bettlektüre für die Kinder auch mal wieder herzhaft lachen möchte, sollte sich unbedingt diese Neinhorngeschichte zulegen. Allerdings sollte man sich vorher noch etwas lockern, sind doch einige Textstellen eine kleine Herausforderung für die Zunge. Viel Vergnügen mit dem schnickeldischnuckeligen Neinhorn für alle ab 3 Jahre.

 
Der Hammer

Dirk Stermann

Der Hammer

Rowohlt (Hundert Augen)

24,00 €, E-Book 19,99 €

Er ist ein erfolgloser Emporkömmling, ein ignorater Gelehrter, ein unterwürfiger Aufmüpfiger, ein ungehobelter Diplomat. Der Hammer ist mit all seinen Widersprüchen nicht nur ein Kind seiner Zeit, sondern auch ein Spiegel für die unsere.
Als Joseph Hammer als Junge aus der Steiermark ins große Wien geschickt wird, um dort seine Ausbildung zum Sprachknaben zu absolvieren, steht die Französische Revolution noch bevor und die alte Ordnung mag zwar an der einen oder anderen Stelle bröckeln, sie ist aber noch intakt. Man kennt seinen Platz. Und sein Platz ist am Schreibtisch. Er liest und lernt, er isst und schläft (sehr wenig). Als begabtestem Schüler der Akademie steht ihm am Ende seiner Ausbildung die Welt offen. Er weiß alles über den Orient und beherrscht wie kein zweiter Türkisch, Arabisch und Persisch. Der Posten als Dolmetscher an der Botschaft in Konstantinopel steht ihm zu. Aber der Taugenichts Franz Maria Thugut hat einen besseren Stand, hat die notwendigen Beziehungen. Zwar wird er Joseph, in dessen bewegtem Leben, später nicht nur die erste Liebe streitig machen, sondern auch den einen oder anderen Posten, der dem ungleich Klügeren und höher Gebildeten viel besser zu Gesicht stünde. Trotz dieser und zahlreicher anderer himmelschreiender Ungerechtigkeiten wird man aber nicht behaupten können, er hätte es zu Nichts gebracht.
Stermann zeichnet mit Humor und zugleich mit Feingefühl ein Bild von Joseph von Hammer-Purgstall und der Zeit, in der er gelebt und gewirkt hat. Glücklicherweise geht er dabei weit darüber hinaus, bloß einen historischen Stoff niederzuschreiben. Er versteht es, entlang der Brüche und Verschiebungen jener Zeit sowie in der Person Hammer den Brüchen und Verschiebungen unserer Zeit nachzuspüren. So kann Literatur sein.

 
Wir, im Fenster

Lene Albrecht

Wir, im Fenster

Aufbau Verlag

20,00 €, E-Book 14,99 €

Linn und Georg suchen auf Grund des zu erwartenden Nachwuchses eine größere Wohnung in Berlin. Als Linn in der U-Bahn die freundschaftliche Vertrautheit zweier Mädchen beobachtet, tauchen die Erinnerungen an ihre eigene Kindheit im Berlin der Nachwendejahre und vor allem an Laila wieder auf. Laila, die nachdem ihre Großmutter, bei der sie wohnt, in die Türkei zurückkehrt, sogar von Linns Familie aufgenommen wird und mit der sie eine intensive Freundschaft verband. Ungleich und doch unzertrennlich, so schienen Linn und Laila. Nach einem Türkeiaufenthalt bei ihrer Familie kehrt Laila verändert zurück, die Beziehung zwischen den beiden Teenagern ist nicht mehr wie zuvor – es bilden sich Risse und kommt schließlich zum Bruch. Doch was ist geschehen? Und wie kam es dazu, dass Laila letztlich, ohne sich zu verabschieden, verschwindet? Diese Frage ist die treibende Kraft des Romans, der sich bruchstückhaft und puzzleartig einer Beantwortung nähert. Dabei wird die Spannung bis zum Ende des Buches aufrechterhalten, an dem sich schließlich die einzelnen Erinnerungsstücke zu einem Ganzen zusammenfügen.

 
Wie Frau Krause die DDR erfand

Kathrin Aehnlich

Wie Frau Krause die DDR erfand

Antje Kunstmann

18,00 €, E-Book 14,99 €

Isabella Krause braucht dringend einen Job, um über die Runden zu kommen. Ihre Schauspielerkarriere ist ins Stocken geraten. Für eine Serie „Wild Ost“ soll sie zehn Personen finden, die erzählen wie es in der DDR wirklich war. Eigentlich kein Problem, denn schließlich ist Isabella ein Kind des Ostens. Also kehrt sie an die Orte ihrer Jugend zurück, interviewt Menschen, die sie für repräsentativ hält. Doch der Filmautor hat sich sein eigenes Bild vom Leben in der ehemaligen Zone gemacht: Es gab nichts zu kaufen, alle waren Duckmäuser und die Stasi lauerte hinter jeder Ecke.
Doch wie war das Leben wirklich, was unterscheidet Familie Ost von Familie West? Dieser Frage geht Kathrin Aehnlich nach, warmherzig und witzig und sie zeigt, dass es wichtig ist zuzuhören.

 
Max, Mischa und die Tet-Offensive

Johan Harstad

Max, Mischa und die Tet-Offensive

Rowohlt

34,00 €, E-Book 29,99 €

„Max, Mischa & die Tet-Offensive“ des norwegischen Autors Johan Harstad ist ein klassischer Listen- oder eben Notizzettel-neben-dem-Bett-Roman: Wenn solche Listen zumeist bei der Lektüre von Romanen mit überbordendem Personal zum Einsatz kommen (man denke nur an Tolstoi), so braucht man sie bei diesem 1241-Seiter vielmehr für Fragezeichenreihen, die auf Referenzen verweisen, die man später nachsehen muss. Wobei: muss im Sinne von möchte. Oder sollte. Denn es ist die Fülle an Songs, Theaterstücken, Orten, Kunstwerken oder eben Filmen und deren Personal, die den Roman ausmacht, weniger der Plot. Dieser funktioniert mehr oder minder wie schon häufig gelesene, klassische Coming-of-Age-Narrative, die sich zu Künstler-/Szene-New-York-Romanen auswachsen. Hier wird die Geschichte von Max Hansen erzählt, der zum Schulwechsel mit seinen Eltern in die USA auswandern muss, wo ihn erstmal nichts erwarten soll. Außer Heimweh und Melancholie. Das ändert sich erst als er in der High School Mordecai kennenlernt. Eine schicksalsträchtige Begegnung, die über die High School Theatergruppe nicht zuletzt zu Mischa und damit zu einem Künstlerleben in New York führt.

 
Fritzi war dabei

Hanna Schoot

Fritzi war dabei

Klett Kinderbuch

11,00 €

1989: Fritzi freut sich auf den 1. September, denn dieser Tag ist etwas Besonderes. Nach 8 Wochen Ferien sieht man sich endlich wieder und es beginnt etwas Neues. Doch diesmal ist ihre Freude getrübt, denn ihre Freundin Sophie kommt nicht zurück aus dem Ungarnurlaub. Und auch in der 4b fehlen Anja und Ringo. Was hat es nur mit Prag und Ungarn auf sich? Seltsam ist auch, dass sich ihre Eltern immer häufiger nach den Nachrichten streiten. Eines Montags geht sie mit ihrer Mutter zum Friedensgebet in die Nikolaikirche und erlebt, wie gefährlich diese Treffen sein können. Ab da geht ihre Mutter allein zu den sogenannten Montagsdemos. An einem weiteren Montag beobachtet sie vom Fenster aus den größten Menschenstrom, den sie je gesehen hat…
Dieses Buch stellt die Wochen kurz vor der Wende in Leipzig aus der Sicht einer Viertklässlerin dar. Dinge, die der mögliche Leser nicht versteht, werden kindgerecht erklärt und durch die Illustrationen wunderbar unterstützt. Ein bemerkenswertes, gut erklärendes Stück Literatur nah an der Wirklichkeit für Kinder ab sieben Jahre.

 
Gespräche mit Freunden

Sally Rooney

Gespräche mit Freunden

Luchterhand Literaturverlag

20,00 €, E-Book 14,99 €

Es wäre sicherlich falsch zu behaupten, Dublin sei unbeschrieben. Ebenso, dass Dublin in zeitgenössischen Literaturen überrepräsentiert sei. Daran ändert zwar auch Sally Rooneys Roman »Gespräche mit Freunden« wenig, jedoch fungiert hier Dublin als Kulisse, als Ort des Geschehens. Wenig aufgeregt, wenig invasiv oder drängend spielt sich Dublin in diesem Roman im Hintergrund ab. Und dennoch spielt es eine Rolle, dass jene Auslotung von Glaubwürdigkeit, von Selbstzuschrift und der (kommunikativen) Spektakelhaftigkeit von Freundschaft, Liebe und Sex eben nicht in L.A. oder New York, Berlin oder Wien siedelt. Sondern in Dublin. Irgendwie fern(-er) ab. Weniger zu-ge-gangen – denkt man an Joyce’sche oder The Dubliners‘ balladenhafte Anachronismen – aber trotzdem sehr jetzt, unglaublich nah und irgendwie auch laut.
Francis und Bobbi studieren an der Universität von Dublin, waren mal ein Paar, trennten sich und leben nun als (beste) Freundinnen ihr Leben. Ein Leben zwischen Spoken-Word-Events, Cafés, Literaturagenturen und neben wie zwischen der Kunstszene der irischen Hauptstadt. Vor allem leben sie aber in ständiger Kommunikation: Über Literatur, Freundschaft, Sex, Politik und sich selbst, wo alles kulminiert. Im Selbst oder vielleicht vielmehr im Selbst-Werden. Ein Prozess, der hier auf wenig herkömmliche Art (explizit KEIN weiteres klassisch funktionierendes Coming-of-Age-Narrativ) bei Rooney durch-kommuniziert wird. Am Laufen gehalten wird dieser Prozess wie das Schreiben von einem diffusen und komplexen Begehren: Eines, das sich zwar unabdingbar körperlich präsentiert (unter anderem in einer Ménage-à-quattre mit dem deutlich älteren Künstlerehepaar, Melissa und Nick), sich darauf aber keineswegs reduzieren lässt.
„Unglaublich, dass dies ein Debüt sein soll“, schreibt Zadie Smith. Es ist schwer, sich dem nicht anzuschließen! Zumal es Zoë Beck gelang, den Text für das deutsche Publikum so zu übersetzen, dass er getrost in Übertragung zu lesen ist.

 
Römische Tage

Simon Strauß

Römische Tage

Tropen

18,00 €, E-Book 13,99 €

Ein Herzleiden lässt ihn nach Rom reisen. Ein Herzschmerz, so scheint es, als Reaktion auf die Gegenwart. Flanierend durch die ewige Stadt beobachtet der Erzähler Touristen sowie Einheimische und sinniert über Goethe, Bachmann und die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Dabei schwört er Rom als romantischen Sehnsuchtsort herauf, zeigt aber auch die desolaten Zustände der Gegenwart beispielsweise beim Besuch eines Flüchtlingslagers auf. Beobachtungen und Begegnungen, Gedanken über das Damals und das Heute, Vergänglichkeit, Tod und Leben in einer Sprache, die zwischen alltäglicher Leichtigkeit und gezieltem Pathos changiert, zeichnen das zweite Werk Simon Strauß‘ aus. Wie sich der Sommer in Rom letztlich auf das Herz des Erzählers auswirkt, lässt sich auf den 140 Seiten von „Römische Tage“ nachlesen.

 
Letzte Rettung: Paris

Patrick DeWitt

Letzte Rettung: Paris

Kiepenheuer und Witsch

15,00 €, E-Book 9,99 €

Frances Price kennt man in der High Society New Yorks. Untadelig ist ihr Ruf allerdings nicht. Sie fand die Leiche ihres Mannes und fuhr in aller Seelenruhe in den Skiurlaub, statt die Behörden zu informieren. Danach war sie mit dem Ausgeben seines Geldes beschäftigt. Doch jetzt ist es verbraucht, die Witwe pleite. Sie bucht eine Schiffspassage nach Europa, denn in Paris lebt ihre einzige Freundin. Immer mit dabei sind Sohn Malcom und der Kater Kleiner Frank. Für Frances ist der Kater die Reinkarnation ihres Mannes. Als er verschwindet, wird alles an Personal und Kräften gebündelt und die Suche beginnt.
Patrick de Witt ist mit diesem Roman in den USA ein Überraschungserfolg gelungen. Seine skurrilen Figuren, das ambivalente Verhältnis zwischen Mutter und Sohn und der schräge Humor in der Geschichte bereiten beim Lesen wirklich Vergnügen.

 
Bobo Siebenschläfer

Markus Osterwalder

Bobo Siebenschläfer. Drinnen ist was los!

Rowohlt rotfuchs

9,99 €

Der Herbst macht auch vor Bobo Siebenschläfer keinen Halt. Auch wenn es nun draußen wieder häufig ungemütlich ist, es regnet und der Herbstwind die Blätter über den Boden jagt, kann man drinnen trotzdem jede Menge Spaß haben. Bobo findet auf dem Dachboden eine alte Truhe mit Kleidern seiner Großeltern und schon fängt er an, sich zu verkleiden. Zusammen mit seinem Freund Jeremy wird daraus sogar noch ein ganzes Theaterstück und selbst ihre Eltern sind plötzlich kunterbunt verkleidet. Aber Bobo hat noch viel mehr Ideen. Aus seinen ganzen Herbstschätzen bastelt er zusammen mit Fatima einen Kranz aus Beeren, Kastanien und Eicheln. Auch lustige Kastanientiere werden zusammengeklebt und -gesteckt. Wusstet ihr, dass man auf eine Tapete eine ganz lange Straße mit Häusern und Bäumen malen kann? Dies und was man alles benötigt, um sich zu verkleiden oder wie man witzige Brote mit Gesichtern macht, erfahrt ihr in diesem neuen Bobo-Band mit vier neuen Vorlesegeschichten. Zum Vorlesen lassen und Bilder anschauen für alle ab 3 Jahren, die Bobo und seine Spielabenteuer erleben wollen.

 
Auf Erden sind wir kurz grandios

Ocean Vuong

Auf Erden sind wir kurz grandios

Hanser

22,00 €, E-Book 16,99 €

Es ist der vage Nachhall, die recht unsichere Erinnerung an eine Äußerung von Georg Lukács, die in Zusammenhang mit seinem (nie vollendeten) Dostojewski-Buch steht, wo er davon spricht, dass bei Dostojewski (noch) Seelen auf Seelen treffen, sich begegnen, miteinander verkehren und kommunizieren. Dabei referiert Lukács keineswegs auf das, was man unter ‚russischer Seele‘ im landläufigen Sinne zu verstehen glaubt, sondern auf eine epische Tiefe, die tiefen Gründe des epischen Personals in der russischen Literatur des 19.Jahrhunderts. Besonders bei Dostojewski. Nun kommt dieser Nachhall in einem Kontext, bei der Lektüre von Ocean Vuongs Debütroman „Auf Erden sind wir kurz grandios“, der weder auf den ersten, noch auf den zweiten Blick etwas mit der Romantradition des 19.Jahrhunderts gemein hat, sondern vom Aufbau und der Struktur her ganz anders funktioniert: Fragmentarisch, in Quasi-Briefform – postmodern, um es mit einem (unliebsamen) Schlagwort zusammenzufassen. Das Lukács’sche ‚Zeitalter des Epos‘ für uns zwar längst verloren, begegnet die LeserIn hier überraschend wieder jenen miteinander verkehrenden Seelen, liest eine Kommunikation der Tiefe, die jede Pathetik des Sprechens von Seelen auszuhebeln vermag. Vielleicht ein Herüberretten eines Bits epischer Tradition in das zerfallende 21.Jahrhundert.
„Auf Erden sind wir kurz grandios“ besteht aus unzähligen Brieffragmenten an die Mutter, eine vietnamesische Migrantin in den USA, die diese niemals wird lesen können: Als Analphabetin und sehr unsicher in der englischen Sprache bleiben ihr Inhalt, Codes, Kultur schlussendlich das ‚Leben‘ ihres queeren Außenseiter-Sohns nicht zuletzt deswegen unzugänglich. Darüber werden jene Texte, Sätze, Bruchstücke zu Markern der anwesenden Abwesenheit, der fehlenden Verfüg- oder Erreichbarkeit, wird der Dialog des Briefes zum Monolog. Schmelzen Absender und Adressat zu einer Person. Ein Aushandeln: Worte von und an einen mehrfach Stigmatisierten und Ausgegrenzten. Kein Pathos, kein Existenzialismus, sondern einfach, kurz: grandios. Auf Erden.

 
Rohstoff

Jörg Fauser

Rohstoff

Diogenes

24,00 €

Jack Kerouac, Allen Ginsberg und William S. Burroughs – das sind die Namen, die man mit der Beat-Generation verbindet. Junge Schriftsteller, die in einer Nachkriegswelt Abstand vom Alten nehmen wollten, etwas Neues suchten und zu erschaffen versuchten. Die deutsche Nachkriegsliteratur konzentrierte sich um die „Gruppe 47“. Dass Jörg Fauser auch in diese Tradition nicht recht hineinpasst, zeigt die vernichtende Kritik der Jury um Reich-Ranicki beim Bachmann-Preis 1984. Und doch gelang es ihm schließlich, Erfolg und Anerkennung bei Leserschaft und Schriftstellerkollegen zu erlangen. Ein Umherirrender, den es von Ort zu Ort, Gelegenheitsjob zu Gelegenheitsjob, von Rausch zu Rausch trieb und der von Anfang an nur eines wollte: Schreiben. Anlässlich des 75. Geburtstages dieses mysteriös ums Leben gekommenen Autors gibt der Diogenes-Verlag seine Werke neu heraus. „Rohstoff“ ist dabei wohl das Autobiographischste – die Geschichte eines Schriftstellers, der noch keiner ist; seine Versuche die Zeit und den Geist in Worte zu kleiden, die Gegenwart zu erleben und zu hinterfragen, einen passenden Platz in der Welt zu finden. Unheimlich frisch liest sich dieses erstmalig 1984 erschienene Buch und man spürt, dass Fauser den Weg einer neuen deutschsprachigen Literatur mitgeebnet hat, die bis in die heutige Zeit hineinragt. Ob aus Interesse an der Person des Autors, der gesellschaftlichen Zeit der „68er-Bewegung“ oder der deutschsprachigen „Popliteratur“ – Fauser lesen lohnt sich.

 
Das kleine Böse Buch

Magnus Myst

Das kleine Böse Buch

Ueberreuter

12,95 €

Das kleine Böse Buch ist wieder da und sucht dich, denn es braucht einen mutigen Leser, um sich Sherze mit der Zeit zu erlauben. Es hat nämlich einem alten Zauberbuch einen ganz geheimen Zeitreisespruch stibizt und nun braucht es dich, um diesen endlich zu testen. Bist du bereit, dich auf ein gefährliches Abenteuer mit dem Buch einzulassen? Aber Moment – erst muss du dich noch einem Test unterziehen, ob du überhaupt geeignet bist. Bedenke aber: mit der Zeitpolizei im Nacken und dem Zeitwolf, der bereits am kleinen Bösen Buch zu knabbern beginnt, ist nicht zu spaßen.
Myst hat hier wieder einen tollen interaktiven Gruselspaß für unerschrockene Leser ab 8 Jahren geschaffen. Die besondere Gestaltung des Buches und die Rätsel lassen auch Lesemuffel das Buch nicht so schnell wieder aus der Hand legen.

 
Die Geschichte vom Löwen, der nicht kochen konnte

Michael Baltscheit

Die Geschichte vom Löwen, der nicht kochen konnte

Beltz Gelberg

13,95 €

Zuerst konnte der Löwe nicht schreiben, dann hatte er Schwierigkeiten bis drei zu zählen und schwimmen musste er auch schon lernen. Jetzt aber hat die Löwin Geburtstag und unser Löwe möchte sie mit einem selbstgemachten Menü überraschen. Nur kochen, das kann er nicht. Also fragt er seine Tiere aus. Und jedes hat einen Vorschlag für ihn, Vogel und Katze, Frosch und Storch und viele mehr. Es wird ein abenteuerliches Menü, denn der Löwe bringt einiges durcheinander. Ob es ihm gelingen wird, seine Löwin zu überraschen?
Martin Baltscheit ist in Text und Bild mal wieder eine lustige Geschichte vom Löwen gelungen!

 
Ich bin ein Schicksal

Rachel Kushner

Ich bin ein Schicksal

Rowohlt

24,00 €, E-Book 19,99 €

Die erste Assoziation vor dem Bücherregal, bei K wie Kushner, nach Überfliegen des Rückentextes war „Orange is the new Black“, die überaus gelungene, wie auch in vielerlei Hinsicht zu kritisierende Netflix-Serie über die zu 15 Monaten Haft verurteilte Piper Chapman, über die die ZuschauerIn Einblicke in den Mikrokosmos Frauengefängnis (in den USA) bekommt. Die zweite Assoziation: Institutionenroman. Ein Begriff aus der (soziologischen) Literaturwissenschaft, mit dem Romane bezeichnet werden, die in besonderer Gewichtung die Entstehung und vor allem Perpetuierung von Institutionen reflektieren und darüber die Bedeutung dieser für sowohl das einzelne Individuum als auch für das Kollektiv (poetisch) ausloten. Machtverhältnisse, Lenkung und Bevormundung stehen dabei zentral und so wundert es nicht, dass Kafkas „Der Process“ als Referenzpunkt dieses ‚Genres‘ immer wieder anzitiert wird. Rachel Kushners neuster Roman „Ich bin ein Schicksal“, um wieder zum Bücherregal und zum K wie Kushner zurückzukommen, spannt ein Dazwischen ab: Nähen zu „Orange is the new Black“ wie zu Kafkas Process (oder allgemeiner zum Institutionenroman) lassen sich durchaus ausmachen, werden jedoch produktiv erweitert. In sich abwechselnden Stimmen, aus verschiedenen Perspektiven wird darin diachron die Geschichte von Romy Hall erzählt, die eine zweimal lebenslängliche Haft in der Stanville Women’s Correctional Facility antritt. Urteilspruch: vorsätzlicher, gewalttätiger Mord. Die Vorgeschichte, die eine Geschichte des urbanen Kaliforniens und der Gentrifizierung ist, kommt dabei ebenso zu Wort wie der Gefängnisalltag und die Maschinerie Rechtssystem, samt Personal und Bürokratie. Damit verstrickt sich „Ich bin ein Schicksal“ nicht im Mikrokosmos abgeschlossener Räume, wird nicht zum Atmosphärendiagramm dieser Heterotopie Gefängnis, sondern bildet ein Leben ab, das an den Rändern unserer Gesellschaften immer wieder neu produziert wird und sich scheinbar zwangsläufig, auf die immer selbe Weise verästelt, um im offenkundigsten Ausschluss zu enden. Peripheres, elendes Leben. Infame Menschen. Unbedingt lesen!

 
Herkunft

Saša Stanišić

Herkunft

Luchterhand Literaturverlag

22,00 €, E-Book 17,99 €

„Herkunft“ ist eine poetische Spurensuche, ein Wandeln in Erinnerungen, eine Reise in die eigene Vergangenheit. Saša Stanišić erzählt Anekdoten aus seiner Kindheit in Višegrad, von dem Zerfall Jugoslawiens ab 1991, der Flucht mit den Eltern nach Heidelberg, von Schulzeit und Studium bis zu seinem gegenwärtigen Leben mit eigener Familie in Hamburg. In kurzen Episoden springt Stanišić zwischen Zeiten und Orten, wobei auf jeder Seite seine Leidenschaft für die Sprache spürbar ist, ob im prägnanten Gestalten der Figuren oder beim lebhaften Schildern von Situationen – immer einfühlsam und augenzwinkernd zugleich. Dieses sprachliche Flottieren zwischen Ernsthaftigkeit und Witz, Leichtigkeit und poetischem Tiefgang ist es, was Stanišićs Schreiben auszeichnet. In „Herkunft“ erzählt er von Heimat und Flucht, Familie, Prägung und Identität, vom Ankommen und Gehenlassen.

 
Mr.X

Erika Mann

Zehn jagen Mr. X

Rowohlt rotfuchs

15,00 €, E-Book 9,99 €

In El Peso Kalifornien passieren 1942 aufregende Dinge. Dort gibt es eine Schule mit Internat, die Neue Welt. Die Kinder kommen aus allen Landesteilen, denn ihre Eltern arbeiten im neuen Flugzeugwerk und haben wenig oder gar keine Zeit für die Sprösslinge. Es ist Krieg. Zum Glück nicht in den USA. Hier fühlen sich die Kinder geborgen, auch die Neuankömmlinge. Von weit her sind sie angereist, aus Europa, der Sowjetunion und sogar aus China. Jedes mit seiner eigenen Geschichte. Alle zusammen gründen sie die „Gang“. Mit vielen Aktionen wollen die Kinder helfen.
Doch die scheinbare Sicherheit trügt. Der geheimnisvolle Mr. X taucht auf und unsere Gang gerät in ein gefährliches Abenteuer. Sie müssen beweisen, dass sie zusammenhalten und die Fähigkeiten jedes einzelnen gebraucht werden, auch die des deutschen Jungen Franz, dessen Eltern vor den Nazis fliehen mussten.
Erika Mann schrieb diesen Roman für Kinder und Erwachsene im kalifornischen Exil mitten im Zweiten Weltkrieg.
Gedacht als Aufruf für alle Hitler-Gegner ist er spannend und politisch – auch noch heute.

 
Papanini

Ute Krause

Papanini. Pinguin per Post

Edel:Kids Books

12,99 €

Wo gibt es denn sowas… ein Pinguin der sprechen kann, naja bis auf ein paar Buchstaben, die kann Paganini nicht, der Tischstäbchen essen will und nach Wassel ruft. Das gibt es bei Emma, die in Windhoeven lebt, ihn in einer alten Kühltruhe per Post geliefert bekommt und die weder für Papa noch für Mama ist. Da Emma mit Mama und Papa in einem kleinen Haus lebt, ahnt sie schon, dass sie ihn nicht behalten darf, zumal er immer wieder Unfug anstellt und das nicht nur im Haus. Aber er ist so niedlich und er weiß es ja nicht besser und manchmal ist er auch mucksmäuschenstill…
Dann sind da noch die merkwürdigen Gestalten, die ihn entführen wollen und der Professor, der über die Sprache der Tiere forscht und der Architektenwettbewerb den Emmas Mama gewonnen hat und, und, und…
Witzig und spannend und lustig illustriert, für Kinder ab 8 Jahren oder eigentlich auch ab 5 (zum Vorlesen).

 
Ella

Timo Parvela

Ella und das Abenteuer im Wald

dtv (Reihe Hanser)

6,95 €

Ungeplant treffen Ella und ihre Mitschüler auf ihren Lehrer, der sie in einem Sommernaturcamp betreuen wird. Doch es regnet, ihr Lehrer lässt die leckeren Würstchen anbrennen und die Mücken sind sehr hungrig. Doch dann begegnen sie mitten im Wald dem Schuldirektor, zusammen mit einigen finsteren Gestalten, die dort in der schönsten Natur Ferienhäuser bauen möchten. Dabei leben dort die niedlichen Otter. Ella, ihre Mitschüler und auch ihr Lehrer schmieden Pläne, um die Otter zu retten. Ob es wirklich hilft, dass sich der Lehrer als Otter verkleidet, um die Otterfamilie an einen sicheren Ort zu locken? Gemeinsam schützen sie Bäume, bauen Fallen und bekommen es schließlich noch mit der Polizei zu tun.
Mit altbekanntem Humor meistert die lustigste Schulklasse der Welt dieses spannende Abenteuer im Wald. Wer also auch im neuen Schuljahr noch einen Hauch Ferienaction spüren möchte, sollte unbedingt dieses Buch lesen. Und falls der ein oder andere Ella-Fan dieses Buch verpasst hat, so ist es nun als handliches Taschenbuch erhältlich. Empfohlen ab 8 Jahren.

 
Neues vom Ernst des Lebens

Sabine Jörg

Neues vom Ernst des Lebens

Thienemann

7,99 €

Der Sommer biegt langsam auf die Zielgerade ein und es steht wieder für viele Kinder ein Schritt in einen neuen Lebensabschnitt bevor. Der Ernst des Lebens beginnt und darüber hat Sabine Jörg ein paar Kurzgeschichten geschrieben. Hauptpersonen sind Annette und Ernst, die sehr stolz darauf sind, nun auch in die Schule gehen zu dürfen. Ihnen macht die Schule richtig viel Spaß, sie erleben spannende Ausflüge und lernen allerlei Neues. Nur manchmal ist ihre Lehrerin etwas seltsam, beschwert sie sich doch bei ihrer unruhigen Klasse, dass man ihr doch nicht auf der Nase herumtanzen könne. Wie soll das gehen? Ihre Nase ist doch viel zu klein dafür. Und an einem anderen Tag will sie einen Frosch im Hals haben. Wirklich sehr merkwürdig.
Wer wissen möchte, was passiert, wenn Redewendungen und Sprichwörter wörtlich genommen werden, sollte dieses vergnügliche Buch lesen. Und natürlich ist es genau der richtige Lesestoff für alle Schulanfänger ab 6 Jahren.

 
Der Stotterer

Charles Lewinsky

Der Stotterer

Diogenes Verlag

24,00 €, E-Book 20,99 €

Ein sprachbegeisterter Trickbetrüger landet im Gefängnis und handelt mit dem dortigen Pfarrer einen Deal aus: Geschichten aus seinem Leben gegen einen Job in der Gefängnisbibliothek. In diesen Briefen an den Padre schildert er Episoden aus seinem Leben, die jedoch stets auch den Zweifel in sich bergen, ob es sich tatsächlich um Fakten oder lediglich um Fiktionen handelt. Erzählen die Geschichten von einer Realität oder erschaffen sie eine? Das Schaffen von (Schein-)Realitäten mittels der Macht der Sprache zieht sich ohnehin durch das Leben der Hauptfigur und hat schließlich auch dazu geführt, dass er im Gefängnis sitzt. Nun ist das Schreiben für ihn Mittel zur Reflexion und zum Experiment. Neben den Briefen gibt es Tagebucheinträge und „Fingerübungen“; letztlich die Geschichte einer Buchveröffentlichung. In „Der Stotterer“ werden Fragen der Moral, von Schuld und Sühne, sowohl auf verspielte und witzige, als auch bissige und böse Weise verhandelt.

 
Damals

Siri Hustvedt

Damals

Rowohlt Verlag

24,00 €, E-Book 19,99 €

Im Jahr 1973 geht eine junge Frau aus Minnesota nach New York und kommt als Landei dort an. Die Protagonistin – stets abgekürzt mit S.H. – sucht das wilde Leben in der Großstadt und möchte Schriftstellerin werden. Eine kleine, heruntergekommene Wohnung wird ihr neues Zuhause. Von hier aus beginnt sie ihre Streifzüge durch die Stadt auf der Suche nach Inspiration, Abenteuern und Freunden. Alles Neue saugt sie auf. Durch die dünnen Wände ihrer Wohnung hört sie ihre Nachbarin. Zunehmend verstörend ist das. Aber ein dramatisches Ereignis bringt die beiden Frauen zusammen. Vierzig Jahre später findet S.H., inzwischen erfolgreiche Schriftstellerin, ihr Tagebuch aus jener New Yorker Zeit wieder und berichtet, was davor und danach passiert ist.

Siri Hustvedt erzählt von Weiblichkeit und Solidarität, Geschlechterkampf, Gewalt und Versöhnung.

 
Pik-Bube

Joyce Carol Oates

Pik-Bube

Droemer Knaur

19,99 €, E-Book 14,99 €

“The gentleman’s Stephen King”

Rosamund Smith gleich Lauren Kelly gleich Joyce Carol Oates: Dabei ist es keineswegs ungewöhnlich, dass SchriftstellerInnen (literarische) Identitätswechsel mit Hilfe von Pseudonymen vornehmen, um Freiheiten genießen zu können, die vom Namen im literarischen Feld verstellt sind. Dass Oates „Pik-Bube“, einen recht eigentümlichen Mystery-Thriller unter ihrem wahren Schriftstellerinnennamen veröffentlichte, könnte man als erstes verstreutes Teilchen dieses Puzzle-Romans lesen. Eingeflochten in die Erzählung um Andrew Rush, einen überaus erfolgreichen Autor von massentauglichen Thrillern, mit Anwesen in New Jersey, einer umsorgenden Ehefrau und Kindern an Eliteuniversitäten, der unter absoluter Geheimhaltung Splatter-Thriller der fragwürdigsten Art verfasst, ist ein Verwirr-Puzzle-Spiel. Evil-Twin-Zitationen aus Stephen Kings „Stark. The Dark Half“, Horrorfiction-Versatz um Doppelgänger und deren (Nicht-)Materialisierung sowie die allmähliche (Un-)Unterscheidbarkeit von geschriebener und zu schreibender Fiktion und Realität à la Edgar Allan Poe treffen auf die (poetologische wie feldtheoretische) Reflektion vom Schreiben unter Pseudonym.
Heraus kommt ein sprachlich nicht immer überzeugender literarischer Thriller, der gelesen als ebendieses Puzzle jedoch durchaus Spaß macht. Kurzweilig und mit seinen kleinen, scharfen Seitenhieben nach links und rechts scheint „Pik-Bube“ ideal für eine Sommerlektüre, während der man sich Notizen von den Büchern und Filmen macht, die (wieder-)gelesen werden könnten, wenn die Tage kürzer werden.

 
Pekka

Timo Parvela

Pekkas geheime Aufzeichnungen. Der König des Dschungels

Hanser Verlag

10,00 €

Hätten sie sich doch lieber nicht verbotenerweise auf dem Hafengelände herumgetrieben. Doch nun ist es zu spät, denn Pekkas Hundefreund Totti ist von der bösen Kapitänin Hahab entführt worden und zwar auf ein Schiff, das ihn nach Borneo bringt. Für Pekka steht sofort fest, dass er Totti retten muss. Was liegt da näher, als sich per Paket dorthin schicken zu lassen. Dieser tollen Idee seiner Freundin Senja folgend, landen die beiden mitten im Dschungel und freunden sich schnell mit den vom Aussterben bedrohten Orang-Utans an. Doch müssen sie feststellen, dass auch hier Kapitänin Hahab ihr Unwesen treibt und ein super Geschäft mit den unschuldigen Affen wittert sowie den Urwald brandrodet, um Platz für Ölpalmen zu schaffen. Können Pekka und Senja Hahab aufhalten und die Orang-Utans, den Urwald und Totti retten?
Ella-Leser werden den Klassendödel Pekka bereits kennen, alle anderen hätten diese coole Socke sicher gern als Freund. Parvela erzählt Pekkas Abenteuer in gewohnt amüsanter und turbulenter Weise. Die Story überrascht immer wieder aufs Neue. Auch die großartigen Zeichnungen von Pikänen treiben die Geschichte voran. Beides zusammen ist einfach genial für Lesefreunde wie auch für kleinere Lesemuffel – sie haben bei diesem Buch keine Chance und müssen einfach weiterlesen. Für Abenteurer ab 8 Jahren.

 
Kafkas letzter Prozess

Benjamin Balint

Kafkas letzter Prozess

Berenberg Verlag

25,00 €, E-Book 19,99 €

Franz Kafka selbst bemerkte in einem Brief an Felice Bauer, wie seine Literatur gleichzeitig als ‚urdeutsch’ und ‚typisch jüdisch’ beansprucht wird. Der israelisch-amerikanische Journalist Benjamin Balint beschreibt nun in einem der bislang interessantesten Sachbücher des Jahres die Geschichte des Gerichtsverfahrens um Kafkas Nachlass. „Kafkas letzter Prozess“ ist weit mehr als ein nüchterner Prozessbericht, sondern stellt kluge Fragen etwa zu Kanonisierung, Identitätsbildung, Überhöhung und kulturpolitischer Vereinnahmung. Gehören Kafkas Schriften zur deutschen Literatur – obwohl seine Familie von den Nazis ermordet wurde? Oder dem Staat, der sich als Vertreter und Hüter jüdischer Kultur begreift – obwohl Israel erst lange nach Kafkas Tod gegründet wurde oder noch heute keine hebräische Gesamtausgabe Kafkas vorliegt? Bereits als Max Brod mit dem Koffer voller Texte und Skizzen Kafkas Prag verlassen musste – etwa zu gleicher Zeit übrigens, wie die Großeltern Benjamin Balints aus Leipzig flohen – begann die Missachtung von Kafkas Willen, der diese Manuskripte ausdrücklich vernichtet wissen wollte. Detailreich, packend und durchaus poetisch beschreibt Balint die Zerstreuung von Kafkas und, eng damit verbunden, auch Brods Nachlass. Bemerkenswert neutral schildert und wägt er die Argumente der am Prozess beteiligten Nationalbibliothek Jerusalem, des Deutschen Literaturarchivs Marbach und der Tochter von Max Brods Privatsekretärin. Dabei wird ausführlich Kafka zitiert. Denn niemand verteidigt Kafka gegen alle Besitzansprüche besser als dieser selbst.

 
Lyophilia

Ann Cotten

Lyophilia

Suhrkamp

24,00 €, E-Book 20,99 €

„Aber wir fanden nichts als frischen, sauberen Lavahumus.“

Ein Bild schiebt sich über ein anderes, ein Wort erweitert, das erste verdeckend, dessen Bedeutung, fragile Sinnkonstruktionen aufgehoben in den Verschiebungen und Verlagerungen schreiben sich aus den diskontinuierlichen Raum- und Zeitebenen: So entsteht, mag man annehmen, sowas wie «Lyophilia«, Ann Cottons zweiter Band mit Erzählungen im Suhrkamp Verlag.
Darin finden wir als LeserInnen nicht mehr und nicht weniger als frischen, sauberen – nun ja – Lavahumus: Insgesamt zwölf Prosastücke, die als Nährboden dienen können, sofern man sich darauf einlässt. Und einlassen, heißt in diesem Fall vor allem, sich von Cottons Ironie, ihrem Wahnwitz und ihrer Logophilie antreiben zu lassen, rausgeworfen zu werden, um wieder (neu) anzusetzen. Weiterdenken und rückbeziehen: Das All wieder auf die Füße zu stellen. Keine ganz leichte Aufgabe, will man meinen. Doch auch hier gilt mit Sicherheit, das was auch sonst angesichts von „Kleiderbügeln im Abfluss (der Welt)“, „staubsaugenden Arbeitstrupps im All“ oder „Gefriertrocknern“ im Allgemeinen hilft: Das, was man vor sich hat, und vor allem sich selbst nicht unnötig wichtig zu nehmen. Oder, um mit Helen de Witt zu sprechen:
A good samurai can parry the blow.

 
weg

Doris Knecht

weg

Rowohlt Berlin

22,00 €, E-Book 14,99 €

Nachdem wir mit Doris Knecht im „Wald“ waren und „Alles über Beziehungen“ erfahren konnten, gehen wir in ihrem neuen Roman auf eine Reise „weg“ nach Vietnam. Heidi und Georg müssen sich auf die Suche nach ihrer Tochter Charlotte begeben. Lotte ist zwar schon erwachsen, hat aber psychische Probleme und plötzlich ist sie verschwunden. Und die zwei, die eigentlich nicht viel miteinander verbindet, die sich nicht gut kennen, bilden eine Zweckgemeinschaft. Georg verlässt seinen österreichischen Landgasthof und Heidi ihr kleinbürgerliches Nest in der Nähe von Frankfurt. Die Hindernisse auf ihrer Suche liegen auch in ihnen selbst, in der Unfähigkeit, mit der Vergangenheit umzugehen und sich der Gegenwart wirklich zu stellen. Doris Knecht schickt den Leser mit Heidi und Georg auf eine spannende Reise. Es müssen schwierige Entscheidungen gefällt werden und, ob die Suche dieser beiden sich so fremden Menschen erfolgreich sein wird, ist ungewiss.

 
Immerjahn

Barbara Zeman

Immerjahn

Hoffmann und Campe

22,00 €, E-Book 16,99 €

Der millionenschwere Zementfabrikantenerbe Immerjahn lebt in seiner mit Kunst und Antiquitäten vollgestopften Mies-van-der-Rohe-Villa auf dem Hagebuttenberg. Nach Jahrzehnten der Abschottung, hatte er beschlossen das Erdgeschoss der Villa als Museum der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Dumm nur, dass er zwei Wochen vor der Eröffnung in einer Kurzschlussreaktion seine Assistentin kündigt, die als Einzige einen Überblick über die minutiöse Planung bis zum Eröffnungstermin hat. Nun muss der melancholische und lethargische Immerjahn selbst in Aktion treten. Soll er versuchen Polly zurückzuholen? Oder schafft er es zusammen mit dem seit Jahrzehnten im großen Saal der Villa hausenden gescheiterten Architekten Holm und dem befreundeten Künstler Fritzwalter auch ohne sie, alle Vorbereitungen zu bewältigen?
Zemans Debüt ist kein spannungsgeladener und ereignisreicher Roman. Vielmehr gleicht die Handlung einem Umherschweifen, detailliertem Schauen und Sinnieren. Von der Sprache eingefangen wird der Leser zum Beobachter des Beobachters. Die Welt im Bild – die Welt als Bild – die Sprache als bildnerisches Mittel. Kunsthistorie, Poesie und Ironie verbinden sich in diesem Roman zu einem visuellen, schwelgenden und zugleich erfrischenden Lesevergnügen.

 
Rodrigo Raubein

Michael Ende, Wieland Freund

Rodrigo Raubein und Knirps, sein Knappe

Thienemann

17,00 €, E-Book 12,99 €

Dem Puppenspielersohn Knirps ist das Leben auf dem kunterbunten Wagen viel zu öde. Vielmehr ist er davon überzeugt, dass in ihm ein waschechter Raubritter steckt. Er will unbedingt vom berüchtigten Rodrigo Raubein höchstpersönlich lernen. Er büxt heimlich aus und sucht Rodrigo auf, der ihm direkt eine Mutprobe auferlegt. Und so kommt es, dass Knirps einen Plan ausheckt, um einen Prinzessinenraub zu begehen, denn etwas Gefährliches kann es nicht geben. Dabei ahnt er nicht, dass der mächtige Zauberer Rabanus Rochus und sein Drache es ebenso auf die Prinzessin abgesehen haben.
Michael Ende begann Knirps Geschichte kurz vor seinem Tod. Nach nun zwanzig Jahren hat Wieland Freund diesem Romanfragment ein würdiges Ende gegeben. Dieses turbulente Abenteuer ist voller Witz, Spannung, Fantasie und einer Menge schräger und vor allem auch liebenswerter Figuren. Die wunderschönen Illustrationen von Regina Kehn runden die Kapitel ab. Der raffiniert erzählte Roman übers Angsthaben, Lügen und Geschichtenerzählen ist für mutige Abenteuer ab 6 Jahren.

 
Schiffbruch vor Lampedusa

Davide Enia

Schiffbruch vor Lampedusa

Wallstein Verlag

20,00 €, E-Book 15,99 €

Davide Enia, geboren 1974 in Palermo, machte sich bereits als Schauspieler und Dramaturg einen Namen, bevor er 2012 seinen ersten Roman veröffentlichte. In diesem März erschien nun „Schiffbruch vor Lampedusa“ – und wie bei vielen Publikationen des Wallstein-Verlags ist auch die Gestaltung dieses Buches überaus gelungen. Der in jeder Hinsicht aktuelle Roman Davide Enias ist halb Reportage, halb Reflexion – ein Buch, das sich in die länger werdende Reihe schriftstellerischer Betrachtungen über die Insel fügt, auf der sich das ganze Drama Europas wie unter einem Brennglas bündelt. Der Felsen mitten im Meer zwischen Afrika und Europa ist längst zu einem unübersehbaren Symbol geworden. Zehntausende Flüchtlinge haben aus den Inselbewohnern Retter und Totengräber gemacht. Enia gelingt das Kunststück, die sprachlich kaum zu fassende Tragödie zu einfühlsamer Literatur zu formen. Indem er das Drama der Migration mit dem Schicksal seiner Familie verknüpft, während er das Sterben des geliebten Onkels begleitet, spannt Enia einen großen Bogen: Leben und Sterben im individuellen wie im geopolitischen Maßstab, das Leiden Fremder und der Nächsten, das Ringen um Sprache und um Menschlichkeit. Wenn Protagonisten wie Rettungsschwimmer, Inselarzt und Gerettete zu Wort kommen, bekommt „Schiffbruch vor Lampedusa“ eine große Eindringlichkeit und die Gespräche mit dem leidenden Onkel wirken plötzlich wie ein Rettungsring in schwerer See. Ein berührender Text über die Insel, ihre Bewohner und über Menschen, die dort Rettung suchen – ein großes Zeugnis von Humanität.

 
Graffiti Palast

A.G. Lombardo

Graffiti Palast

Verlag Antje Kunstmann

22,00 €, E-Book 17,99 €

„Der Stadt ist egal, wen sie verbrennt“

A.G. Lombardos Debütroman „Graffiti Palast“ setzt ein mit der Beschreibung einer Containersiedlung, Frachtboxen mit Namen fremder Umschlagsplätze umfunktioniert zu einem höhlenartigen Gewirr an Wohnzellen, am Hafen von Los Angeles, wo Karmann, die schwangere Freundin von Americo Monk, inmitten einer Rent-Party die Kontrolle über das Geschehen zu behalten versucht. Monk, Großstadt-Semiotiker ist ähnlich wie die wohl stärkste Referenzfigur dieses Romans, Odysseus, fern von Heim und Frau: Nebenbuhler drängen sich um Karmann und trotz ihrer penelopeischen Souveränität droht auch die Lage in diesem Mikrokosmos zu kippen.
Auf der anderen Seite versperren Feuer und Massenunruhen dem afro-amerikanischen Odysseus Monk den Weg zurück, der mit seinem Notizheft durch die Straßen der Stadt zieht, um die Zeichen der Stadt, Tags, Graffiti und Streetart zu verzeichnen und damit zu konservieren. Seine Irrfahrt führt ihn immer wieder in die Nähe seines ‚sicheren Hafens‘, um dann durch Zufall oder scheinbar höhere Gewalt wieder abzuknicken und ihn weiter fort zu treiben. Hinein in immer kuriosere Begegnungen, Abenteuer und skurrile Situationen.
1965: In Lombardos Roman brennt die Stadt Los Angeles. Die in den Slums und Ghettos der Stadt eingepferchten Minoritäten rebellieren gegen soziale Ungerechtigkeit, Polizeigewalt und Rassismus. Der Traum eines Martin Luther Kings von einem friedvollen Widerstand scheint seine Strahlkraft verloren zu haben, die Hoffnungslosigkeit treibt auf die Straße, wo sich Polizei und aufgebrachte Mobs Schlachten liefern. Mittendrin Fernseh- und Presseteams, die die Situation verklären, verzerren und Angst schüren sowie Monk selbst: Unbeteiligt-beteiligt auf dem Weg durch das Chaos als Quasi-Zwangsläufigkeit einer Politik der Unterdrückung.

Trotz der streckenweise nur sehr mäßigen Übersetzung von Jan Schönherr, die vor allem bei der Übertragung des Sounds der Straße ihre größten Schwächen aufweist, eine lesenswerte Irrfahrt durch die 1960er Jahre in den USA.

 
Durch deine Augen

Peter Høeg

Durch deine Augen

Hanser Verlag

24,00 €, E-Book 17,99 €

Nach dem Selbstmordversuch seines Pflegebruders Simon sucht Peter Rat bei einer gemeinsamen Kindheitsfreundin, der Neuropsychologin Lisa. Diese forscht gerade an einer Therapieform, bei der mit Hilfe von psychoaktiven Substanzen und einem Bewusstseinsscanner Erinnerungen holographisch visualisiert und somit erfahr- und erlebbar gemacht werden. Dieser Versuchsaufbau ermöglicht das „Reisen“ und schließlich auch das Eingreifen in Erinnerungen. Unter der Hypothese, dass die Vergangenheit aus einer Ansammlung von Erinnerungen besteht, stellt sich natürlich die Frage, inwiefern sich die Gegenwart ändern lässt, wenn man jene umformt.
Høegs Erzählen changiert zwischen fundierter neurobiologischer Grundlagenforschung und esoterischem Zeitreiseroman. Wer sich auf diese Mixtur einlassen kann, wird in seinem neuen Roman auf eine ungewöhnliche, berührende und erschreckende Reise gehen.

 
Kommissar Gordon

Ulf Nilsson, Gitte Spee

Kommisar Gordon. Doch noch ein Fall

Mixtvision Verlag

11,95 €

Eigentlich hatte sich Kommisar Gordon das alles viel schöner vorgestellt. Er hatte sich in einen langen Urlaub verabschiedet. Doch nun langweilt er sich und auch die Muffins schmecken ihm nicht mehr so gut. Sie waren leckerer, als er sie zusammen mit Kommissarin Buffy nach einem aufregenden Fall verspeist hatte. Doch wie der Zufall es will, braucht Buffy plötzlich seine Hilfe, denn im Wald sind zwei Kinder der Kita verschwunden. Gemeinsam nehmen sie die Ermittlungen auf und versuchen zusammen mit allen Waldbewohnern den Eichhörnchenjungen und das Kaninchenmädchen wiederzufinden. Ob sie schneller sind als der Fuchs?
Dieser spannende Kriminalfall mit überschaubaren Kapiteln und liebevoll gestalteten Illustrationen ist für alle, die schon gerne selber lesen.

 
Fitz Fups muss weg

Lissa Evans

Fitz Fups muss weg

Mixtvision Verlag

15,00 €

Die Geschichte von den Wimblis musste Phine ihrer Schwester Minnie schon tausend Mal vorlesen. Sie hat wirklich die Nase voll davon. Und dann ist da noch dieses furchtbare Kuscheltier, Fitz Fups, missmutig und fies sieht es eigentlich aus, aber Minnie liebt es. Nachdem Phine das verhasste Tier auf die Straße geschleudert hat, nehmen die merkwürdigen Dinge ihren Lauf. Durch die Kellertreppe landet sie im Land der Wimblis. Die sind in großen Schwierigkeiten. Fitz Fups hat ihren gütigen König gestürzt und nun hoffen die Wimblis auf Hilfe. Gemeinsam mit ihrem nervigen Cousin Graham, einer sprechenden Karotte und einem Plüschelefanten stürzt sich Phine ins Abenteuer. Denn eins steht fest: Fitz Fups muss weg!

 
Niemals ohne sie

Jocelyne Saucier

Niemals ohne sie

Insel Verlag

20,00 €, E-Book 16,99 €

Norco ist eine kleine, unscheinbare kanadische Minenstadt – die Cardinals sind eine wilde, ungewöhnliche Familie. Während die Mutter die Tage in der Küche zubringt, um das Essen für ihren Mann und die 21 Kinder zuzubereiten, verbringt der Vater die meiste Zeit im Keller bei Gestein und Dynamit oder in der Mine auf der Suche nach dem großen Fund. Eines Tages führt in sein feines Gespür tatsächlich zu einer Ader. Doch dann kommt alles anders als erwartet und die Familie bricht auseinander. 30 Jahre später treffen sie einander wieder. Das Schweigen muss gebrochen werden, das Geheimnis gelüftet.
In jedem Kapitel des Buches kommt ein anderes der Geschwister zu Wort und erzählt rückblickend vom Leben und Aufwachsen in der Familie. Somit entsteht ein lebendiges Bild dieser eingeschworenen Gemeinschaft und alle Erzählungen deuten auf die eine Leerstelle in der Familiengeschichte hin: Was ist damals mit Angèle geschehen? Eine spannende Familiengeschichte über Gemeinschaft und Individualität.

 
Das Volk der Bäume

Hanya Yanagihara

Das Volk der Bäume

Hanser Berlin

25,00 €, E-Book 18,99 €

Es ist nicht selten der Fall, dass Erstlingswerke erst später, heißt nach dem sogenannten Durchbruch veröffentlicht werden. Ebenso wenig selten ist es der Fall, dass diese Texte dann für ihre Virtuosität, ihre Sprachgewalt oder Experimentierfreudigkeit gelobt, gar gefeiert werden. Sachverhalte, die wohl erst gesehen werden können nach dem sogenannten Durchbruch. Eine immer wieder erstaunenswerte Praxis im und des literarischen Feldes. Der Erfolg eines Folge-Textes lässt Vorhergegangene plötzlich Meisterwerk sein.
So auch, zumindest was die Übersetzungen anbelangt, im Fall der US-amerikanischen Schriftstellerin Hanya Yanagihara, der mit „Ein wenig Leben“ 2015 ebenjener Durchbruch gelang. Der Verlag zog nach und nun liegt bei Hanser die Übersetzung des Debütromans vor: „Das Volk der Bäume“.
Eine fiktive Forscher(-auto-)biographie, die gerahmt von zwei (fiktiven) Pressemeldungen, einem (fiktiven) Vorwort des Herausgebers Dr. Ronald Kubodera – einem Frankensteinischen Fritz nicht unähnlich – und etlichen quasselnden Fußnoten ebenjenes, die Lebens- und Forschungsgeschichte des wegen Kindesmissbrauchs inhaftierten Dr. A. Norton Perina erzählt. Dabei wirkt die Figur Perina so unausstehlich und anwidernd wie sie erfolgreich ist: Während einer Expedition in das mikronesische Atoll U’ivu entdeckt der damals noch junge Wissenschaftler ein Mittel, das unsterblich macht. Neben diesem Mittel, im Fleisch einer seltenen Schildkröte enthalten, importiert Perina insgesamt 43 Kinder der indigenen Bevölkerung in die USA. Einer dieser Knaben führt schlussendlich dazu, dass Perina Zeit im Gefängnis findet, um jene, uns vorliegenden Memoiren zu verfassen. Das Fleisch der Schildkröte dazu, dass ihm der Nobelpreis verliehen wird.
Trotz oder gerade aufgrund der Unausstehlichkeit des Erzählers, einer wahrhaft infamen Stimme, und der blinden Fabulierwut bindet der Roman die LeserIn an diesen verrückten Wissenschaftler. Es ist, wie bei vielen kanonisierten infamen Erzählern, ein Ekel, der in Schaulust umschlägt, eine Faszination für das Abgründige und Abstoßende, die kontaminiert und die LeserIn durch die 400 Seiten schleift.

 
Hadsch, ich und der Himmel über der Pampa

Klaus Kordon

Hadscha, ich und der Himmel über der Pampa

Beltz & Gelberg

17,95 €, E-Book 16,99 €

Matti ist 16 Jahre alt und seine Sommerferien haben gerade begonnen. Er nutzt die Gelegenheit zur Flucht. Er braucht Zeit zum Nachdenken: über Jessy, seine Eltern und das, was er wirklich will. Also setzt sich Matti mit Sack und Pack auf sein Fahrrad und radelt von Berlin nach Windeck in Mecklenburg-Vorpommern, also in die Pampa. Vor vier Jahren war er dort mit seinen Eltern im Urlaub. Nichts als Ruhe, kaum Menschen, schöne Landschaft. Aber Inka wohnte in Windeck und Matti verbrachte zwei wunderbare Wochen in der Einöde. Und jetzt hofft er, Inka wiederzusehen. Aber es kommt anders. Matti trifft auf den alten Hadscha und, was als Flucht gedacht war, wird zu einer großartigen Woche mit neuen Freundschaften. Und am Ende weiß Matti, wie er frei sein kann.

 
Hallo, Herr Eisbär!

Maria Farrer

Hallo, Herr Eisbär!

Beltz & Gelberg

12,95 €

Arthur hat die Nase gestrichen voll, denn es gibt wieder Stress mit seinem kleinen Bruder Liam und seinen Eltern. Immer soll Arthur Rücksicht auf ihn nehmen und er fühlt sich unverstanden und unbeachtet von seinen Eltern. Gerade als er dabei ist, einfach für immer zu verschwinden, steht er da: Herr Eisbär, mit einem kleinen Koffer, mitten vor seiner Haustür und möchte bei ihm einziehen. Es ist wohl die Zeit gekommen, wo nur ein Eisbär helfen kann…
Dieses wunderbare Familienbuch über Geschwister und Familie zeigt, dass man auch mal anders an bestimmte Dinge herangehen muss. In manchen Fällen kann eben nur ein Eisbär helfen. Ein Buch zum Selber- und Vorlesen, mit zahlreichen lustigen Illustrationen und einer ebenso amüsanten, ausdrucksstarken Typografie. Ab einem Lesealter von 7 Jahren.

 
Wir, die wir jung sind

Preti Taneja

Wir, die wir jung sind

C.H. Beck

26,00 €, E-Book 19,99 €

Preti Taneja stammt aus einer indischen Familie und ist in Großbritannien aufgewachsen. Sie hat als Journalistin aus Krisengebieten berichtet. Jetzt veröffentlichte sie mit „Wir, die wir jung sind “ ihren ersten Roman. Er führt den Leser in das Indien von heute.
Der alte Devraj, früherer Maharadscha und Besitzer eines mächtigen Konzerns, will sich zurückziehen und muss sein Erbe verteilen. Die Machtübergabe ist schwierig. Devraj hat drei Töchter und die Söhne seines Beraters und Teilhabers Ranjit Singh sollen auch bedacht werden. Einer dieser Söhne ist Jivan, ein uneheliches Kind. Unbequem geworden, schickte Ranjit Mutter und Sohn in die USA. Jetzt ist Jivans Mutter gestorben und er kommt aus den Staaten zurück nach Indien. Er hofft hier neu anfangen zu können. Aber Jivans kann keine Forderungen stellen. Er wird zwar freundlich empfangen, ist aber immer auf das Wohlwollen seines Vaters und erst Recht auf Devraj angewiesen. Es entbrennt ein Machtkampf um die Nachfolge des großen Chefs, der zugleich ein Geschlechterkampf ist.
Tanejas Roman fasziniert – ein gewaltiges Familienepos, düster, sarkastisch, eine Geschichte von Macht und Verrat.

 
Der wilde Detektiv

Jonathan Lethem

Der wilde Detektiv

Tropen

22,00 €, E-Book 17,99 €

Lethems Romane sind kreative Reaktion auf spezifisches Zeitgeschehen, ohne Analyse oder Intervention sein zu wollen: Die Grabenkämpfe der US-Linken in »Der Garten der Dissidenten«, die brutale Gentrifizierung New Yorks in »Chronic City« oder eben jetzt in »Der wilde Detektiv« die USA seit Trump. Diese Topoi bilden den Kern, so scheint es, um den sich abenteuerlich skurrile, mitunter tragisch-komische Netze von Erzählungen, Biographien und Verweise entfalten. Als Schleier legt sich diese Vielstimmigkeit darum und eröffnet so eine Perspektive auf die Peripherie der Phänomene. Lenkt den Blick mit subtilen, zerstreuenden Kniffen ab und rückt damit das scheinbar Alltägliche in den Vordergrund. Doch ist dieses niemals unschuldig oder unabhängig von den globalen Narrativen zu betrachten oder zu lesen: Das Alltägliche, Kleine, Persönliche ist immer schon davon durchkreuzt. Aber auch umgekehrt, durchkreuzen die kleinen Erzählungen, die tatsächlichen Leben das Große und entfalten in ihrer Bündelung eine immense Potenz. Davon zeugt nicht zuletzt »Der wilde Detektiv«: Als AussteigerInnen-Roman und Roadnovel erzählt Lethem von der Reaktion dreier sehr unterschiedlicher Frauen auf das System USA, das in und mit Trump seine Vervollkommnung findet: Neo-Liberalismus, Sexismus, Gewalt und toxische Männlichkeit in all ihrer Verschränktheit und Dependenz. Verzweiflung und blinde Aktion (Phoebe), scheinbare Anpassung in Betäubung (Roslyn), Ausstieg und Verweigerung (Arabella) als modellhafte Fluchtwege, die bedingt durch Alter, Lebensumstand und den Grad an Assimilation möglich oder eben unmöglich scheinen. Dass der Weg und nicht das imaginierte Ziel Antworten bereithält, dass zu erwartende und unerwartete Begegnungen Lösungsansätze aufzeigen und, dass damit die Reise zum abmildernden Pharmazeutikum wird, ist dem Genre eigen. Damit bricht auch Lethem nicht, sondern schickt uns, die LeserInnen, als Phoebes, Roslyns und Araballas gleichsam mit Fragen auf den Weg in ‚unsere‘ Gegenwart.

 
Serotonin

Michel Houellebecq

Serotonin

Dumont Buchverlag

24,00 €, E-Book 19,99 €

So kann es nicht weiter gehen. Das denkt sich der 46-jährige Protagonist Florent-Claude, kündigt kurzerhand seinen Job, seine Wohnung und steigt aus seiner ohnehin desaströsen Beziehung, sowie seinem gegenwärtigen Leben aus. Es beginnt eine Reise durch Paris und die Normandie, zugleich in die eigene Vergangenheit, auf der Suche nach einer Antwort auf die Frage, wann ihm das Glück abhandenkam. Im wechselhaften Sprung zwischen den Zeiten begegnet der Leser Aymeric, dem Studienfreund Florent-Claudes, der sich als normannischer Landwirt dem Druck der wirtschaftlichen Globalisierung ausgesetzt sieht, und vor allem Claire und Camille, den beiden bedeutsamen Frauen im Leben Florent-Claudes. Warum sind diese Beziehungen gescheitert und was ist aus den beiden Frauen geworden? Die Suche nach dem Glück entpuppt sich ebenso als eine nach der Liebe. Liebe und Glück scheinen untrennbar aneinandergebunden. Doch wie leben, wenn die Liebe aus dem Leben verschwindet?
Ein Roman über die Liebe und das Fehlen dergleichen von Michel Houellebecq – gewohnt provokant, ungewohnt einfühlsam.

 
Drei Helden für Mathilda

Oliver Scherz

Drei Helden für Mathilda

Thienemann

14,00 €

Der kleine Plüschaffe Fitz Fusselkopp ist ganz verwundert, als er wie jeden Morgen seine Arme um Mathilda schlingen will, denn Mathilda ist nicht da. Ihre Schuhe stehen nicht mehr im Flur und der Schlafanzug liegt in die Ecke gefeuert da. Auf Reisen kann Mathilda aber nicht sein, da sie sonst ihren Süßigkeitenschatz mitgenommen hätte. Schnell sind sich Fitz und deine Kuschelfreunde Wim mit der Löwenmähne und Bummel-Bom der Bär einig: Mathilda wurde geraubt. Für die drei Plüschfreunde ist sofort klar, dass sie Mathilda retten müssen und schon seilen sie sich aus dem Kinderzimmerfenster ab und stürzen sich ins Großstadtgetümmel. Dabei erleben sie einen wilden Ritt auf einem Schappohrhund, eine unangenehme Fahrt im Müllauto und noch viel mehr aufregende Geschichten.

Ein mitreißendes Abenteuer, das durch zahlreiche Illustrationen wunderbar aufgelockert wird. Zum Vorlesen und ersten Selberlesen für alle kleinen und großen Kuscheltierfreunde ab 6 Jahren.

 
Die Zukunft der Schönheit

Friedrich Christian Delius

Die Zukunft der Schönheit

Rowohlt Verlag

16,00 €, E-Book 13,99 €

Der biografisch gefärbte Erzähler gerät 1966, nach der legendären Princeton-Tagung der Gruppe 47, in einen New Yorker Jazz-Club und wird dort mit dem Free-Jazz Albert Aylers konfrontiert. Chaotisch, entfesselt, progressiv – etwas vollkommen Neues und alles andere als leicht zugänglich. Auch wenn das, was die Musiker dort auf der Bühne treiben vorerst auf sein Unverständnis stößt, lässt der Erzähler sich an einem Tisch nieder und auf die Musik ein. Und wie diese sich freispielt von Regeln und Harmonien und doch immer wieder zu Melodien zurückfindet, schweifen die Gedanken des Erzählers in Zeit und Raum umher und landen zwischenzeitlich immer wieder am gegenwärtigen Ort. Die Musik löst Assoziationen zum Vietnam-Krieg, der Ermordung Kennedys, aber auch zur eigenen Vergangenheit, den Anfängen seines Schreibens, der Jugend in der hessischen Provinz und dem Vater aus.
Friedrich Christian Delius zieht den Leser in einen gedanklichen Assoziationsstrom hinein, der Biografisches mit Historischem verknüpft, und stets von dieser ungewöhnlichen Musik getrieben ist, die Altes aufnimmt und doch stets auf das Neue weist.

 
Die Terranauten

T.C. Boyle

Die Terranauten

dtv

TB 13,90 €, HC 26,00 €, E-Book 19,99 €

„Das kann einem Angst machen, oder? Alles, was ich schreibe, wird wahr. Wahrscheinlich sollte ich über den Weltfrieden und glückliche Romanautoren schreiben.“[T.C. Boyle, TAZ-Interview 2.12.18]

Etwas hinkend: Das Orwell-Huxley-Phänomen. Oder einfach: T.C. Boyle.
Und auch wenn diese Doppelpunktkonstruktionen weiterhin hinken – ist doch der Status von Propheten im 21. Jahrhundert prekär -, steht die Beklemmung nicht zuletzt bei der Lektüre von »Die Terranauten« (dtv, 2018) sicher.
Dabei wird diese nicht unbedingt durch die erzählte Geschichte oder die verwendete Sprache hervorgerufen, sondern vielmehr darüber, was zwischen den Zeilen dieser teils wirklich ermüdenden sechshundert Seiten steht, beziehungsweise mit aufgerufen wird: Crispr-Babys in China, Bruno Latours (extra-)terrestrische Bunker für Plutokraten, anthropozäne Verunsicherung. Die Erbärmlichkeit des Homo Sapiens.
In den Zeilen: Die Geschichte einer Welt in der Welt, einer künstlichen Ökosphäre irgendwo in den flachen USA, darin acht ProbantInnen, deren allzu menschliche Menschlichkeit erzählt wird. Geltungssucht, Neid, Narzissmus. Kurz, ein brodelnder Kessel unter Glas, in dem vielleicht Natur ihren Platz hat, der Mensch aber eigentlich nicht.

 
Schnee in Amsterdam

Bernard MacLaverty

Schnee in Amsterdam

C.H.Beck

22,00 €, E-Book 18,99 €

Stella und Gerry sind von Glasgow aus für ein verlängertes Wochenende in Amsterdam. Sie möchten ein bisschen Abwechslung in ihren Ruhestand bringen, die Stadt kennenlernen und etwas für ihre Ehe tun.
Beide sind sich auch nach so langer Zeit zugetan, verzeihen die kleinen Fehler des anderen. Aber Gerry hat mit seinem Leben weitgehend abgeschlossen und versucht mit Alkohol die Leere zu füllen. Stella dagegen will in Amsterdam endlich etwas ins Reine bringen, etwas das mit Belfast und ihrer gemeinsamen Vergangenheit zu tun hat.
So verfolgt sie einen ganz eigenen Plan und am Ende wird sich zeigen, wie tief die Gräben zwischen ihnen wirklich sind.
Bernard MacLaverty hat einen bewegenden Roman geschrieben, ausgezeichnet als Novel of the Year bei den Irish Book Awards 2017. Eine Verfilmung ist in Planung.

 
Das springende Haus

Marikka Pfeiffer

Das springende Haus – Bd. 1 Einmal Hollywood und zurück

rowohlt rotfuchs

14,99 €, E-Book 14,99

Nach ihrem Umzug langweilt sich Lonni sehr. Zwar ist das neue Haus und der Garten toll, aber sie vermisst ihre Freunde, die nun soweit weg sind. Doch auf einen Schlag ist es vorbei mit der Langeweile. Taucht da doch einfach auf dem Nachbarsgrundstück ein Haus aus dem Nichts auf. Es ist das Haus der Familie Wendelin, aber warum springt es? Lonni schließt schnell Freundschaft mit Nick, dem Sohn der Wendelins und darf auch mitspringen, solange sie das Geheimnis für sich behalten kann. So weit so gut, wenn es da nicht dieses Problem gäbe. Das Haus springt ohne Ankündigung wann und wohin es will. Und schon sind die beiden in Hollywood und werden auch noch erwischt. Ob die Beiden sich aus dieser Situation retten können? Und wie kann man das Haus wieder zur Ordnung rufen? Da können eigentlich nur Nicks Großeltern helfen, doch keiner weiß wo diese stecken, denn sie sind verschollen. Dafür finden die beiden einen geheimnisvollen Brief und noch ein Abenteuer beginnt.
Ein gelungener Serienauftakt, der ein abenteuerliches, spannendes und lustiges Lesevergnügen verspricht. Zum Vorlesen und ersten selber Lesen geeignet.

 
Mit der Faust in die Welt schlagen

Lukas Rietzschel

Mit der Faust in die Welt schlagen

Ullstein Verlag

20,00 €, E-Book 16,99 €

Der Debütroman von Lukas Rietzschel erzählt vom Leben im ostsächsischen Dorf Neschwitz in den Jahren zwischen 2000 und 2015. Dabei gibt er eine mögliche Antwort auf die Frage, wie es dazu kommen konnte, dass die Auseinandersetzungen mit der Flüchtlingsthematik im sächsischen (oder allgemeiner: ostdeutschen) ländlichen Raum so problematisch geworden sind. Es ist natürlich keine allgemeingültige Antwort auf diese Problematik und auch keineswegs eine entschuldigende. Dennoch ist das Gesamtphänomen anhand dieser exemplarischen Beispiele erschreckend logisch dargestellt – sowohl im Heranwachsen der zentralen Figuren und den Geschichten der Nebencharaktere, als auch in den sozialen Auswirkungen des demografischen Wandels im ländlichen Raum.
„Mit der Faust in die Welt schlagen“ ist nicht nur ein literarisch besonders gelungenes Erstlingswerk, sondern obendrein auch ein politisch äußerst aktuelles.

 
Kriegslicht

Michael Ondaatje

Kriegslicht

Hanser Verlag

24,00 €, E-Book 17,99 €

„als schriebe ich bei Kerzenlicht“
Es ist fast schon eigentümlich inwieweit Michael Ondaatje auf seinen, nunmehr sechsundzwanzig Jahre zurückliegenden, »Englischen Patienten« reduziert wird. Nicht, dass dies keine gängige Praxis wäre; nicht, dass sich nicht allerhand Gründe dafür finden ließen. Ob und wie, gerecht oder ungerecht, soll hier nicht Gegenstand sein. Vielmehr ein Anstoß zu zweierlei: Die Ondaatje-Lücken zwischen 1992 und 2018 füllen und andererseits: Den »Englischen Patienten« wieder zur Hand nehmen und diesen mit, neben und gegen »Kriegslicht« lesen. Das Lückenlesen lohnt sich allemal, über eine aufgefrischte Erinnerung an die Struktur, die sich verstrickenden Narrative und mit-ziehenden Verschiebungen eine Annäherung an das akribische Wirr-Spiel »Kriegslicht« zu finden, – nachdrücklich! – ebenso.Denn ebenso wie der neue Roman in gewisser Weise als Fort-Schrift lesbar wird, ist er gleichsam Aufholen und durch Aufreißen von Leerstellen, ergänzend. Coming-of-age, Lebensrückblick, Jahrhundertpanorama, Familiengeschichte, die zugleich Weltgeschichte ist. Wir selbst als LeserInnen mittendrin, beobachtend beteiligt im synthetisierenden Prozess des Er-Schreibens. Bei Kerzenlicht.

 
Hemingway und ich

Paula McLain

Hemingway und ich

Kiepenheuer und Witsch Verlag

24,00 €, E-Book 16,99 €

Martha Gellhorn, Journalistin, ist 28 Jahre alt, als sie in einer Kneipe zufällig Ernest Hemingway begegnet. Er ist ihr großes Idol. Hoffnungslos verliebt sie sich in ihn und folgt ihm nach Spanien in den Bürgerkrieg. Beide berichten über diesen mörderischen Krieg und die Verbrechen an der Bevölkerung. Martha Gellhorn legt mit ihren Berichten den Grundstein für ihre Karriere als Kriegsberichtsreporterin.
Aber die Beziehung steht unter keinem guten Stern. Hemingway ist noch verheiratet und bald muss Martha sich entscheiden: Will sie die Frau an der Seite eines berühmten Mannes sein oder ihren eigenen Weg gehen?
Wie schon in ihren Romanen über Hemingways erste Frau Hadley und die Flugzeugpionierin Beryl Markham gelingt es Paula McLain meisterhaft ihre Figuren zum Leben zu erwecken.

 
Zimt und verwünscht

Dagmar Bach

Zimt und verwünscht

FISCHER Sauerländer Verlag

14,99 €, E-Book 12,99 €

Für alle Fans der zimtigen Trilogie von Dagmar Bach gibt es nun ein kleines aber feines Sequel.
Diesmal erwischt Vicky der Zimtschneckendurft, der einen Sprung in ein Paralleluniversum ankündigt, in einem richtig ungünstigen Moment: in der U-Bahn kurz vorm Aussteigen. Mist! So verliert sie plötzlich mitten in der Großstadt ihre Clique und das ohne Handy. Und dann landet in der bescheuertsten Parallelwelt und zwar mitten in einem Schwimmwettkampf, bei dem alle Erwartungen auf ihr liegen. Aber noch schlimmer ist die Tatsache, dass sie dort nichts mit ihrer besten Freundin Pauline und ihrem festen Freund Konstantin zu tun hat. Während sie in dem einen Universum versucht die Parallel-Vicky würdig zu vertreten, irrt sie allein und handylos durch die Stadt. Dabei macht sie eine überraschende Bekanntschaft mit Lina, an der irgendetwas seltsam ist. Was ist das nur, was an Lina so besonders ist?
Dagmar Bach hat uns hier noch einmal ein herrlich zimtiges, turbulentes Abenteuer geschaffen, welches einen immer wieder schmunzeln läßt. Und wer ihre Bücher gern verschlungen hat, darf gespannt sein, denn Lina ist die Hauptfigur ihrer neuen Trilogie, die im Sommer erscheinen wird.

 
Den Himmel stürmen

Paolo Giordano

Den Himmel stürmen

Rowohlt Verlag

22,00 €, E-Book 14,99 €

Schon von Kindstagen an verbringt die Ingenieurstochter Teresa aus Turin ihre Sommerferien in der Villa der Großmutter im süditalienischen Apulien. Eines Sommers lernt die damals Vierzehnjährige dort die drei Nachbarsjungen kennen, von denen sie einer besonders in den Bann zieht – der charismatische Bern. Wie dieser die nächsten 20 Jahre ihres Lebens prägen wird, davon erzählt Teresa rekapitulierend in „Den Himmel stürmen“.
Die beiden nähern sich einander an, verlieben sich und werden ein Paar. Sie schließen sich Ökoaktivisten an, wollen ein selbstbestimmtes Leben im Einklang mit der Natur führen und ziehen als Aussteiger zu einer Gemeinschaft auf einen Biobauernhof. Doch im Laufe der Zeit häufen sich dort die Probleme, die Freunde streiten sich und das Bauernhofprojekt scheitert. Mit der idyllischen Utopie gerät auch die Liebe zwischen Bern und Teresa ins Wanken.
Paolo Giordano erzählt in seinem neuen Roman eine Geschichte von Freundschaft und Liebe, von Idealen und großen Plänen, vom Finden und Verlieren.

 
Verzeichnis einiger Verluste

Judith Schalansky

Verzeichnis einiger Verluste

Suhrkamp Verlag

24,00 €, E-Book 20,99 €

Man sieht es dem wunderschön gesetzten und gebundenen Buch an, dass die Schriftstellerin Judith Schalansky auch Buchgestalterin ist. In „Verzeichnis einiger Verluste“ thematisiert Judith Schalansky vielstimmig die Frage nach unserem Umgang mit Vergängnis und Erinnerung.
In Form von Geschichten wird Vergangenes zugänglich und mit ihrem Gespür für Eigenartiges und Abseitiges lässt Judith Schalansky Abwesendes auf beindruckende Weise präsent werden. Durch ihre akribischen Recherchen und schwungvolle Fantasie werden die Ruinen, die sie durchstreift, zu utopischen Orten – Verlustanzeigen aufgehoben in Literatur. In ihrer Vorbemerkung listet sie auf, was unter anderem während des Schreibens des Buches verloren ging: eine verglühende Raumsonde, ein Teil der Chinesischen Mauer fiel Erosion und Vandalismus zum Opfer, aussterbende Tierarten, in Syrien wurden 2000 Jahre alte Tempel gesprengt. Denn nicht nur im Privaten kann plötzliche Leere eintreten sondern auch beim Blick auf vergangene Epochen, auf untergegangene Kulturen und zerstörte Zeugnisse der Menschheitsgeschichte.
In zwölf Erzählungen geht es um so unterschiedliche Personen wie die griechische Dichterin Sappho, den französischen Maler Hubert Robert, den Schweizer Gelehrten Armand Schulthess oder den persischen Religionsgründer Mani. Schalansky beschäftigt sich mit Vergessenem oder Verschollenem und fügt dies neu zu einer Betrachtung der Gegenwart zusammen. Vergangenheit und Zukunft sind zwar fragil aber auch dynamisch und offen. In jeder Erzählung wird mehr gewonnen als verloren. „Verzeichnis einiger Verluste“ ist kein melancholischer Abgesang sondern handelt ebenso vom Finden – etwa Zeichnungen Piranesis oder ein Album von John Coltrane. Auslöser von Natur- und Kulturlandschaftsbeschreibung Judith Schalanskys, geprägt von höchster Konzentration, Präzision und Poesie.

 
Moonglow

Michael Chabon

Moonglow

Kiepenheuer & Witsch Verlag

24,00 €, E-Book 19,99 €

In gewisser weise liest sich Michael Chabons 2018 auf Deutsch erschienener Roman »Moonglow« als Weiterführung der Zick-Zackreise durch das Zwanzigste Jahrhundert, die spätestens mit »Die unglaublichen Abenteuer des Kavalier und Clay« Fahrt aufnahm. Weltgeschehen ist an eigentümliche, fast überbordende Biographien gebunden und fungiert als Movens und Folie des Lebensgeschehens der ProtagonistInnen. Wo bei der Geschichte um die zwei Cousins, die ihren American Dream in der Welt der Comics lebbar fanden, bereits im Titel auf das hingewiesen wird, was die LeserIn erwartet, verrät »Moonglow« als Titel eher wenig. Verweist er mehr und verschiebt Antworten wie Ansätze auf später.
Ob autobiographisch oder nicht: Während die Berliner Mauer unter Zurufen und Gejohle mit Hämmern angegangen wird, sitzt ein Schriftsteller am Sterbebett seines Großvaters und folgt, innerlich mit-schreibend, protokollierend, dessen unglaublichen Abenteuern, die nichts weniger als seine Lebensgeschichte sind. Diachron und sprunghaft, geographisch äußerst mobil entfaltet sich auf den knapp 500 Seiten, gebunden an die Nacherzählung des alten Mannes, ein Abriss des Jahrhunderts: Holocaust und Diaspora, Mondlandung und Nazijagd, Wirtschaftskrise und American Dream, Mord und Totschlag. Dazwischen unkonventionelle Nonnen und Rabbis, Judith Resnik und Wernher von Braun, Neil Armstrong und Urgroßväter, Enkel sowie die ganze Familienbande. Auf- und abtauchend in den historischen Wucherungen, die sich in den driftenden Narrativen spiegeln.
Sicherlich auch Dank der Dialoglastigkeit und vor allem Chabons pragmatisch-emphatischem Katastrophenhumor wiegt »Moonglow« nicht schwer wie historischer oder biographischer Stoff, sondern lässt die Figuren vor bekannten und weniger bekannten Kulissen heraustreten, um diese ins Jetzt, das 21.Jahrhundert, zu katapultieren. Kleinen Zeitkapseln gleich, die mehr über uns und unsere (Ur-)Großeltern zu erzählen wissen, als man es vielleicht auf den ersten Blick vermuten würde.
 
Als Männer noch nicht in Betten starben: Deutsche Heldensagen

Stefan Schwarz

Als Männer noch in Betten starben: Deutsche Heldensagen

Rowohlt Verlag

20,00 €, E-Book 16,99 €

Wir kennen sie alle, die Helden der antiken Mythologie. Oft bearbeitet, neu geschrieben, für Kinder und Erwachsene. Aber wie ist es mit der Kenntnis der deutschen Heldensagen? Kriemhild, Siegfried, der böse Hagen und weiter?
Stefan Schwarz versucht diese Bildungslücken zu stopfen. Und er tut es in gewohnter Weise: mit Spaß, Fabulierlust und viel Ironie. Denn eigentlich waren die großen Helden auch nur Menschen wie Sie und ich. Es geht um Geld und Macht. Zickenkriege werden geführt und wirkliche Kriege. Man spannt sich die Partner aus, lügt und betrügt. Keine dieser moralischen Ungeheuerlichkeiten lässt Stefan Schwarz aus. Die strahlenden Recken und huldvollen Damen werden zu geldgierigen Säcken und nervigen Bitches. Peinliche Details, wie etwaige homoerotische Neigungen Hagens, werden nicht umschifft, sondern genüsslich vor dem Leser ausgebreitet.
 
Reclams Hausbuch zur Weihnachtszeit

Reclams Hausbuch zur Weihnachtszeit

ReclamVerlag

28,00 €

Kein anderer Feiertag ist so geprägt von Traditionen und Nostalgie. Gemeinsam werden kleine liebgewonnene Rituale zelebriert, es wird gesungen, man geniesst allerlei Schlemmereien und erinnert sich an Gedichte und Geschichten, die einen schon seit der Kindheit begleiten.
In diesem Hausbuch findet sich alles, was es für ein gelungenes Weihnachtsfest benötigt. Das weihnachtsevangelium, die schönsten Weihnachtsgeschichten und -gedichte, die beliebtesten Weihnachtslieder mit Noten und auch allerlei Plätzchenrezepte und vieles mehr.

 
Annabelle und die unglaubliche Reise nach Unter-London

Karen Foxlee

Annabelle und die unglaubliche Reise nach Unter-London

Beltz & Gelberg Verlag

14,95 €, Ebook 13,99€

Annabelle liebt es Schlittschuh auf der zugefrorenen Themse zu fahren und zusammen mit ihren Freundinnen aus zierlichen Tassen Tee zu trinken. Und sie will auf keinen Fall etwas mit Magie zu tun haben. Aber ganz plötzlich ändert sich ihr Leben, als sie im Zauberladen ihrer schrulligen Tanten helfen soll. Die beiden sind überzeugt, dass sie übersinnliche Fähigkeiten hat und sie die Auserwählte ist, die die Welt vor dem bösen Magier Mr. Angel retten kann. Also schicken sie sie kurzerhand auf einem Besen in die Unterwelt Londons. Nur ein Straßenmädchen wird ihr zur Unterstützung an die Seite gestellt.
Wird sich Annabelle ihren tiefsten Ängsten stellen? Und kann sie den ewigbesten Zauberstab noch rechtzeitig finden?
Ein magisches Abenteuer für Leser ab 10 Jahren.

 
Piccola Sicilia

Daniel Speck

Piccola Sicilia

Fischer Verlag

16,99 €, E-Book 12,99 €

Piccola Sicilia ist das sizilianische Viertel in Tunis. Neben Menschen mit italienischen Wurzeln leben hier Araber, Juden und Franzosen miteinander und die Religion spielt bis in die vierziger Jahre hinein keine große Rolle. Die Feiertage werden gemeinsam begangen, Hochzeiten zusammen gefeiert, Nachbarschaftshilfe groß geschrieben. Aber der 2. Weltkrieg bringt mehr als nur Unfrieden. Mit dem Einmarsch der Deutschen hoffen die Araber von der französischen Fremdherrschaft befreit zu werden. Der Bey von Tunis kann die jüdische Bevölkerung nicht mehr schützen.
Daniel Speck erzählt in seinem neuen Roman die Geschichte der Familie Sarfati. Albert, das Familienoberhaupt, ist Arzt und Weltbürger. Selbst Jude zählt für ihn nur: was Menschen tun. Sein Sohn Victor und seine Adoptivtochter Yasmina geraten in Lebensgefahr, als die Deutschen kommen. Doch es ist ein „boches“ , der ihr Leben rettet. Aber dieser Mann, Fotoreporter und Angehöriger der Wehrmacht, hat in Deutschland eine Verlobte, die seine Rückkehr sehnsüchtig erwartet. Ihre Enkeltochter Nina versucht das Leben ihres verschollenen Großvaters zu ergründen und erfährt Unglaubliches über ihre Familie und die der Sarfatis.

 
Irgendwo in diesem Dunkel

Natascha Wodin

Irgendwo in diesem Dunkel

Rowohlt Verlag

20,00 €, E-Book 14,99 €

Für die dokumentarische Suche nach den Spuren ihrer Mutter erhielt Natascha Wodin den Preis der Leipziger Buchmesse. In ihrem aktuellen Roman “Irgendwo in diesem Dunkel“ wendet sie sich nun dem Leben ihres Vaters zu. Dieser starb, fast 90-jährig, nach langer Krankheit in einem Pflegeheim. Mit einer Mischung aus Abscheu und Anteilname hat Natascha Wodin ihn während der letzten Jahre begleitet und schildert sein Siechtum in starken Bildern und einer klaren Sprache.
Was sie über das väterliche Leben weiß, ist äußerst lückenhaft: 1900 an der Wolga geboren und mit 13 Jahren Vollwaise geworden, verließ der Vater irgendwann die Sowjetunion und ging in die Ukraine. Dort heiratete er eine 20 Jahre jüngere Frau – Wodins Mutter. Wodin findet erst nach dem Tod des Vaters heraus, dass er in Russland eine jüdische Ehefrau und zwei Kinder zurückließ. Ab 1943 dann die Qual der Zwangsarbeit in einem Leipziger Rüstungsbetrieb, ehe er befreit und in einem Lager für “Displaced Persons“ interniert wurde. Wodin kannte und hasste diesen Mann als schweigenden, gewalttätigen Trinker und Tyrannen, der Frau und Töchter misshandelte und in Deutschland während 50 Jahren weder die Sprache erlernte noch anderweitig Fuß fasste.
Da sie so wenig über das Leben des Vaters weiß, verlegt sich Natascha Wodin auf die Beschreibung ihrer eigenen erschütternden Kindheit und Jugend. Das Schweigen und die innere Emigration des Vaters prägte sie und führt zu ihrem Bedürfnis, sich die Welt schreibend zu erschließen. Sie sieht sich ohne Geschichte, ohne festen Ort in der Welt, überall fremd und nirgends zugehörig.
Zwar ist auch dieses Buch Natascha Wodins, wie ihr gesamtes literarisches Werk, stark autobiografisch grundiert. Aber es kreist nicht nur um die Suche nach der einer eigenen Identität, die vielfältigen Formen des Schweigens und das Versagen innerhalb der Familie – es ist darüber hinaus eine schonungslose Darstellung der unheilvollen Seiten des 20. Jahrhunderts und ihrer Folgen.

 
Die Känguru-Apokryphen

Marc-Uwe Kling

Die Känguru-Apokryphen

Ullstein Verlag

9,00 €, E-Book 7,99 €

Eigentlich galten die Känguru-Chroniken nach dem dritten Band als vollendet. Glücklicherweise ist dem nun doch nicht so. In biblischer Anlehnung hat Marc-Uwe Kling mit den Känguru-Apokryphen nun einen vierten Band herausgebracht, in dem Texte versammelt sind, die es nicht in der Trilogie zu lesen gab. Dies sind zum einen Texte, die bisher nur auf der Bühne zu erleben waren, zum anderen über 30 nagelneue Geschichten, die sich zeitlich über den gesamten narrativen Zeitraum der bisherigen Geschichten verteilen.
In gewohnt gewitzter, geistreicher und sprachverspielter Art weiß auch dieser Band wieder alle Freunde des Kängurus zu begeistern. Von Benjamin Blümchen bis Walter Benjamin werden alle Bereiche des Lebens abgetastet, hinterfragt oder auf den Kopf gestellt. Eine gewisse Vorkenntnis des über die Bände angewachsenen skurrilen Personals steigert natürlich die Lesefreude an den neuen Geschichten, ist jedoch keine Voraussetzung für die Apokryphen. Fest steht: Wer bei diesen Geschichten nicht wenigstens innerlich schmunzeln muss, dem ist nicht mehr zu helfen.

 
Dear Martin

Nic Stone

Dear Martin

Rowolth rotfuchs

17,99 €, E-Book 12,99 €

Justyce McAllister ist einer der Jahrgangsbesten, Captain des Debattierclubs, hat eine Freundin und hat seinen Studienplatz in Yale schon sicher. Aber all das spielt keine Rolle. Obwohl er nur helfen wollte, ist er es, der von der Polizei die Handschellen angelegt bekommt, denn er ist schwarz.
Der Rassismus ist allgegenwärtig und schon fast zur Normalität geworden. Justyce versucht seinem Vorbild Martin Luther King Jr. folgend dem Rassismus etwas entgegenzusetzen. Und wieder geschieht ein Unglück und Martin Luther King Jr. scheint ihm auch keinen weiteren Rat mehr geben zu können.
Dieses Buch ist ergreifend und erschütternd zu gleich. Gesellschaftskritisch befasst es sich mit Diskriminierung, Rassismus und auch mit der Ohnmacht und Hoffnung, die einen begleiten, wenn man versucht etwas verändern zu wollen. Ein Buch das gelesen werden sollte, für Leser ab 14 Jahren.

 
Mia hat Fußhusten

Stephanie Schneider

Mia hat Fußhusten

FISCHER Sauerländer

14,99 €

Mia geht in den Kindergarten und freut sich sehr auf den heutigen Tag, denn ihre Gruppe bekommt Zuwachs. Das Mädchen mit dem lustigen Namen soll unbedingt ihre Freundin werden. Doch leider kommt ihr immer Anna dazwischen. So ein Mist. Lustlos macht sie sich nach diesem blöden Kindergartentag auf den Heimweg und nun tun ihr auch noch die Füße weh, obwohl sie ihre froschgrünen Lieblingsschuhe anhat. Was ist das nur für eine komische Krankheit. Zu Hause angekommen, versorgt sie ihre armen kranken Füße und versteckt sich unter ihrer Kuscheldecke. Und dann klingelt es plötzlich an der Tür und die mysteriöse Fußkrankheit klärt sich auf.
Eine wundervoll humorvolle Geschichte über Eifersucht und Freundschaft, in der sich viele Kindergartenkinder wiederfinden werden. Ab 4 Jahre.

 
Die Schachspieler

Denis Pfabe

Der Tag endet mit dem Licht

Rowohlt

20,00 €, E-Book 16,99 €

Der berühmte Performance-Künstler Adrian Ballon plant eine Reise quer durch Amerika, um für sein neues Projekt Fensterfronten aus Wohnhäusern zu sägen. Als Assistentin hat er die noch unbekannte Textilkünstlerin Frida Beier auserkoren. Dass dieser Roadtrip mit dem Selbstmord Adrian Ballons enden wird, wird bereits nach wenigen Seiten verraten. Doch warum dies geschah und wie es dazu kam, ist nicht das einzige Rätselhafte an diesem Roman. Einiges gerät aus dem Ruder und Frida, aus deren Perspektive die Geschichte rückblickend erzählt wird, beginnt sich zu fragen, ob hinter dieser chaotischen und ausufernden Reise nicht doch ein planvollerer und ein tiefgründiger Sinn steckt. Jetzt, viele Jahre später, als Frida das Tagebuch Ballons liest, wird ihr so einiges klar.
Denis Pfabe ist mit „Der Tag endet mit dem Licht“ ein grandioses Debut gelungen, das förmlich danach schreit von den Coen-Brüdern verfilmt zu werden. Eigenartige und rätselhafte Charaktere, absurde Situationen, eine pointierte Sprache in Verbindung mit einer puzzlestückartigen, sprunghaften Erzählstruktur und einem Spiel mit der Fiktion zeichnen dieses Erstlingswerk aus. Ein neuer Autor in der deutschsprachigen Literaturlandschaft, den man definitiv im Auge behalten sollte.

 
Die Schachspieler

Ariel Magnus

Die Schachspieler von Buenos Aires

Kiepenheuer & Witsch

22,00 €, E-Book 18,99 €

Während Europa vor dem Zweiten Weltkrieg steht, wird in Buenos Aires die Schacholympiade ausgetragen. Aber Ariel Magnus‘ neuer Roman ist weder ausuferndes Essay für Eingeweihte noch klischeehafte Analogie zwischen Schach und Krieg. „Die Schachspieler von Buenos Aires“ verbindet historische Ereignisse und biografische Elemente zu einem facettenreichen Roman und spielt kunstvoll mit der Verknüpfung von Fiktion und Realität. Ausgangspunkt sind die Tagebücher des Großvaters des Autors, der als Jude vor den Nationalsozialisten nach Buenos Aires fliehen musste. Heinz Magnus erzählt seinem Enkel zudem in fiktiven Gesprächen von seiner Liebe zu Sonja Graf. Diese war eine der besten Spielerinnen ihrer Zeit, die allerdings nicht für Deutschland antrat, sondern in der Kategorie „libre“, und die anschließend in Südamerika blieb. Den schachinteressierten Großvater zieht es ins „Teatro Politeama“, um dort die Partien zu beobachten. Er begegnet realen Schachlegenden wie Aljechin, Capablanca, Tartakower – und Mirko Czentovic, dem Weltmeister aus der „Schachnovelle“. Aber nicht nur auf den vom Großvater verehrten Stefan Zweig wird verwiesen. Italo Calvinos verwirrendes Changieren zwischen Erfindung und Wirklichkeit schimmert durch und wenn Magnus seitenlang über Varianten und Möglichkeiten nachsinnt, erinnert das an Robert Musil. Aber vor allem Magnus‘ Landsmann Jorge Luis Borges steht Pate. Trotz der komplexen Struktur des Romans und der Vielzahl an Verweisen und Erzählsträngen bleibt „Die Schachspieler von Buenos Aires“ stets ein geistreiches, unangestrengtes Lesevergnügen. Ariel Magnus hält mir präzisem Stil und atmosphärischer Dichte die auseinanderdriftenden Ebenen zusammen. Mit leichtem Ton schreibt er über schwere Themen wie Flucht und Freiheit, Entwurzelung und Neuanfang.

 
Neujahr

Juli Zeh

Neujahr

Luchterhand

20,00 €, E-Book 15,99 €

Bei diesem Roman ist es gar nicht so leicht, die Qualitäten herauszustellen, ohne dabei schon zu viel zu verraten. Wenn Sie so oder so planen, das neue Buch von Juli Zeh zu lesen, würde ich tendenziell sogar empfehlen hier nicht weiterzulesen. Denn keiner mag Spoiler.
Als Leser begleitet man Henning – mitten im Leben, Ehefrau, zwei Kinder, guter Job – wie er sich auf einem geliehenen Fahrrad eine steile Rampe hochquält. Er ist lange nicht gefahren, und das geliehene Fahrrad und die Tatsache, dass gestern Silvester war, helfen auch nicht unbedingt. Aber hier auf Lanzarote, am ersten Ersten, hat Henning den Willen durchzuhalten. Während er sich auf seine Atmung und auf den richtigen Rhythmus konzentriert, schweifen seine Gedanken immer wieder ab in die Vergangenheit. Der gestrige Abend, die bereits vergangenen Urlaubstage, die letzten Wochen, Monate, Jahre, der Streit, der Stress, die Panikattacken.
Als er oben ankommt, ist ziemlich genau die Hälfte des Buches vorbei…

 
Snuffi Hartenstein

Paul Maar

Snuffi Hartenstein und sein ziemlich dicker Freund

Oetinger

10,00 €, E-Book 7,99 €

Snuffi Hartenstein, eine kleine Promenadenmischung, steht im Nirgendwo. Sein Herrchen Nico braucht ihn nicht mehr. Sie waren unzertrennliche Freunde, Snuffi ging sogar mit zur Schule. Im Nirgendwo trifft der Hund auf den Mops Mucki. Ihn hat das gleiche Schicksal ereilt, denn Ole, Muckis Besitzer, und Nico sind Freunde geworden. Da lassen die beiden ihrer Phantasie freien Lauf und kreieren ihre eigene Welt. Da gibt es bunte Wiesen, große Bäume (Hunde brauchen Bäume) und eine gemütliche Behausung.
Paul Maar hat eine sehr lustige Vorlesegeschichte über unsichtbare Hunde, wirkliche Freunde und die Kraft der Vorstellung geschrieben. Die wunderschönen Illustrationen stammen von Sabine Büchner.

 
Klingeling

Günther Jakobs

Klingeling

Carlsen

13,00 €

Emil und Henry möchten einen Ausflug machen. Emil steigt ganz selbstverständlich in das Auto. Doch Henry denkt an eine Fahrradtour. Da setzt sich Emil kurzerhand in den Fahrradanhänger. Er kann nämlich nicht Radfahren. Aber jetzt muss er es lernen! Und Schritt für Schritt mit „Buuh“ und „Bäääh“ gelingt ihm das. Und dann fährt Emil Henry davon.
Ein witziges Bilderbuch für Kinder ab 2 Jahren. Und die Klingel gibt es mit dazu.

 
Die Hochhausspringerin

Julia von Lucadou

Die Hochhausspringerin

Hanser Berlin Verlag

19,00 €, E-Book 14,99 €

Man muss es sich als hochgradig elegante Angelegenheit vorstellen: Das Hochhausspringen. Bereits in früher Kindheit beginnen die Mädchen dafür zu trainieren und einige schaffen es, ihre von Pirouetten und Drehungen begleiteten Flugphasen so zu perfektionieren, dass sie zu gefeierten Stars werden. Riva ist ein solcher Star, sie hat es geschafft, sie lebt in luxuriösen Verhältnissen im Zentrum der Stadt und verfügt über mehr Credit als sie brauchen kann. Die weniger Glücklichen – oder weniger Perfekten – leben nicht ganz so luxuriös und etwas weniger zentral. Und wer es nicht schafft, wer keinen gut dotierten Job bekommt, der bleibt in der Peripherie, außerhalb der Stadt.
Hitomi hat es ebenfalls geschafft, denn sie hat ihr Psychologie-Studium erfolgreich abgeschlossen und arbeitet für den Dienstleister PsySolutions. Von ihrem Verdienst kann sie sich auch schon eine recht zentral gelegene Wohnung leisten, in der sie sogar teilweise von echtem Tageslicht profitieren kann.
Als Riva eines Tages plötzlich nicht mehr springen will, sich in ihrer Wohnung verschanzt und sich jeglicher Kommunikation verweigert, kommt Hitomi ins Spiel: sie soll Riva dazu bringen, ihre Arbeit wieder aufzunehmen. Also beginnt sie, Riva nahezu 24 Stunden am Tag zu tracken, sie über die Kameras in ihrer Wohnung zu beobachten. Sie nimmt Kontakt zu Rivas Partner auf, gibt ihm Tipps, wie er sich ihr nähern soll. Doch irgendwas scheint grundlegend zerbrochen zu sein in Riva und die Auftraggeber und Sponsoren sitzen PsySolutions im Nacken, setzen Hitomi massiv unter Erfolgsdruck…
Man muss es sich als hochgradig elegante Angelegenheit vorstellen: in Zeiten, in denen einem jeder zweite Zukunftsforscher halb plausible dystopische Szenarien in die Ohren raunt, in denen es auch an literarischen Dystopien nicht mangelt, einen so gelungenen Roman zu schreiben, der unserer Gesellschaft den Spiegel vorhält.

 
Verwirrnis

Christoph Hein

Verwirrnis

Suhrkamp Verlag

22,00 €, E-Book 18,99 €

Auch in seinem neuen Roman wird Christoph Hein seinem Ruf als Chronist der ostdeutschen Geschichte gerecht. „Verwirrnis“ fasst einen Großteil der Geschichte des 20. Jahrhunderts – konzentriert sich dabei aber auf wenige persönliche Schicksale. Vor allem den Lebensweg von Friedeward Ringeling verfolgt er von dessen Schulzeit nach dem Krieg bis zum Tod im Jahr 1993. Ringeling wird als älterer Herr eingeführt, der großen Wert auf Etikette und Stil legt und der Autor macht sehr deutlich, dass diesem unzeitgemäßen Mann seine Sympathie gehört. Er wächst im katholisch geprägten Eichsfelder Land unter einem brutalen Vater auf, Freiheitsräume erobert er sich erst in der Freundschaft mit Wolfgang. Gemeinsam unternehmen sie eine Radtour an die Ostsee und lernen sich lieben. Hein erzählt die großen Gefühle in aller Nüchternheit, mit einfachen und klaren Sätzen und tritt als Erzähler völlig hinter den Stoff zurück. Gerade damit nimmt er für die Schicksale der Protagonisten ein. Ebenso unaufdringlich aber immer präsent sind die Ereignisse der Zeitgeschichte in die persönlichen Lebensläufe eingeflochten – der 17. Juni, der Mauerbau, die verschiedenen Phasen von Liberalisierung und Repression in der DDR, Mauerfall, Wende und Abwicklung nach der deutschen Einheit. Christoph Hein erzählt davon, wie sich Menschen gegen Ideologien auflehnen und wie diese trotzdem unheilvoll in ihnen fortleben, nachdem sie längst überwunden scheinen – „Verwirrnis“ ist weit mehr als ein Roman über damals verbotene homoerotische Beziehungen sondern eine Lebensgeschichte, die vom Streben nach Aufrichtigkeit, Selbstbestimmung und Menschlichkeit handelt.

 
Ein unvergänglicher Sommer

Isabel Allende

Ein unvergänglicher Sommer

Suhrkamp Verlag

24,00 €, E-Book 20,99 €

Mit dem Sommer hat der Beginn dieser Geschichte so gar nichts zu tun. Im Dezember 2015 tobt ein Schneesturm über Brooklyn hinweg. Richard, der eigenbrötlerische Professor, muss hinaus in die Kälte und es passiert ein eher belangloser Auffahrunfall. Aber dann steht Evelyn vor seiner Tür, völlig aufgelöst und hilflos. Im Kofferraum ihres Wagens liegt eine Leiche. Zur Polizei gehen kann sie nicht. Sie ist illegal in den USA. Der Professor bittet Lucia, seine chilenische Untermieterin, um Hilfe. Und die couragierte Frau entwickelt einen Plan. Zuerst muss der Tote verschwinden. So schweißt das nächtliche Ereignis die Drei zusammen.
Isabel Allende hat die Leser eine Weile auf einen neuen Roman warten lassen. Aber das Warten hat sich gelohnt.

 
Königskinder

Alex Capus

Königskinder

Hanser Verlag

21,00 €, E-Book 15,99 €

Ein junges Paar bleibt abends auf einem Schweizer Gebirgspass mit ihrem Wagen stecken und ist gezwungen die Nacht dort zu verbringen. Um sich die Zeit zu vertreiben, erzählt Max Tina eine Geschichte, die in ebenjenen Bergen ihren Anfang nahm. Im späten 18. Jahrhundert lebte dort in einer Melkhütte der Hirtenjunge Jakob. Seinen Lebensunterhalt verdiente er sich durch das Hüten der Kühe eines Bauern aus dem Tal. Bereits beim ersten Zusammentreffen verlieben sich die Bauerntochter Marie-Francoise und Jakob ineinander. Da der Bauer dieser Liebe jedoch äußerst missgünstig gegenübersteht, scheitern die Annäherungsversuche der beiden jungen Menschen. Jakob verpflichtet sich der französischen Armee und kehrt mit seinem ersparten Sold einige Jahre später zurück. Die beidseitige Zuneigung ist ungebrochen und so beschließen Jakob und Marie gemeinsam in der Melkhütte zu leben, ob ihr Vater es billigt oder nicht. Eine schicksalhafte Wendung lässt dieses neue Beisammensein jedoch auch nicht von Dauer sein. Zur gleichen Zeit hat sich nämlich Elisabeth, die Schwester des französischen Königs, auf einem Landgut bei Versailles einen Bauernhof errichtet, wo es ein Problem mit den extra aus der Schweiz angeschafften Milchkühen gibt. So lässt der König, der durch seine militärischen Verbindungen von den diesbezüglichen Fähigkeiten Jakobs hörte, nach diesem schicken. Die Wege der beiden Liebenden trennen sich erneut – Jakob macht sich auf den Weg nach Versailles und Marie kehrt zu ihrem Vater zurück.
An dieser Stelle ist die Nacht und somit auch die Geschichte jedoch erst halb vorüber. Und die Liebesgeschichte kann ja auch nicht so enden. Wem das alles zu klischeehaft und kitschig klingen mag, der sei beruhigt. Eine kritische Stimme ist in Form von Tina, die die Erzählung von Max immer wieder kommentierend unterbricht, von Capus in die Erzählstruktur eingearbeitet. Es ist auch erstaunlich, wie wenig Worte Capus benötigt, um die Atmosphären verschiedener Lebenswelten empfindsam zu machen und nebenbei historische Ereignisse wie den Vulkanausbruch auf Island 1973/74, der weltweite klimatische Auswirkungen hatte, die Anfänge der Luftfahrt und die Französische Revolution in seine Geschichte einzuarbeiten.

 
Kaff

Jan Böttcher

Das Kaff

Aufbau

20,00 €, E-Book 16,99 €

Als Michael für einen Bauauftrag aus Berlin in die Provinz zurückkehrt, ahnt er noch nicht, wie schnell ihn seine alte Heimatstadt wieder vereinnahmen wird. Bereits beim Derby auf dem Fußballplatz, der in seiner Jugend eine bedeutende Stellung einnahm, trifft er einige alte Bekannte wieder. Diese Zusammentreffen sind zwar freundlich, mitunter sogar herzlich, verweisen jedoch immer sogleich auf ein „unerhörtes Ereignis“, das sich in der Vergangenheit zugetragen hat. Auch die erneute Nähe zu seinem Bruder und seiner Schwester gestalten sich anfangs schwierig. Alles scheint mit seinem damaligen plötzlichen Verschwinden aus der Provinz als Jugendlicher zusammenzuhängen. Was genau damals geschehen ist und wie es zum Bruch in der Familie kam, arbeitet der Protagonist im Fortgang der Geschichte auf. Es ist ein permanentes Wechselspiel aus Anziehung und Abstoßung, das „das Kaff“ dabei auf Michael ausübt. Welche der beiden Kräfte letztlich obsiegen wird, kann jeder selbst in diesem Provinzroman nachlesen.
„Das Kaff“ ist ein leicht zu lesender Roman, in dem es Jan Böttcher gelingt, das Kleinstadtleben authentisch mit all seinen Eigenheiten nachzuzeichnen, ohne dabei dem Kitsch zu verfallen.

 
Fisch

Volker Kutscher

Der nasse Fisch. Gereon Raths erster Fall

Kiepenheuer & Witsch

12,00 €, E-Book 9,99 €

1929 Berlin – eine Stadt voller Gegensätze: Glanz und Glamour, Kokain und Nachtclubs aber auch politische Straßenschlachten, Armut und Elend. Kriminalkommissar Gereon Rath ist neu hier, versetzt von Köln zur Berliner Sittenpolizei. Die Arbeit dort langweilt ihn. Die Vertreiber schmutziger, pornografischer Bildchen zu finden, reicht dem ehrgeizigen, jungen Kommissar nicht. Da bietet der Fund einer nicht identifizierten, grausam zugerichteten Leiche Abwechslung. Rath mischt sich in die Ermittlungen der Mordkommission. Und er ist seinen Kollegen immer einen Schritt voraus. Aber er kann nicht ahnen, dass er in ein Wespennest gestochen hat.
Mit diesem Großstadtroman beginnt Volker Kutschers Reihe um Gereon Rath. Der sechste Band ist im Frühjahr im Taschenbuch erschienen. Der Autor versetzt den Leser in die 20er- und 30er-Jahre, mitten in die gewaltigen politischen und gesellschaftlichen Umbrüche. Erste Anzeichen des Nationalsozialismus, der Drang nach Freiheit und die Sehnsucht nach einem Leben ohne Krieg – Gereon Rath ist ganz nah dran. Spannender kann Geschichte nicht erzählt werden. Nicht umsonst nahm Tom Tykwer den Roman als Vorlage für seine mit Spannung erwartete Serie „Babylon Berlin“, die im September in der ARD läuft.

 
Sticky

Joe Hagan

Sticky Fingers

Rowohlt Verlag

28,00 €, E-Book 24,99 €

Jann Wenner hat in den Sechzigern als einer der Ersten erkannt, dass die wachsende Gegenkultur der USA ernst genommen werden musste. Er war ein Pionier und der im November 1967 gegründete Rolling Stone hat den Journalismus inspiriert. Schnell etablierte er sich mit elegant und unterhaltsam geschriebenen Reportagen und Kritiken als Magazin für Hörer, Musiker und nicht zuletzt die Musikindustrie. Aber der Rolling Stone wollte von Anfang an nicht nur von Musik handeln sondern von den „Haltungen und Themen, die sich in der Musik ausdrücken“ – Wenner wollte auf die amerikanische Gesellschaft einwirken. Wenner hatte einen ausgeprägten Instinkt für die richtigen Themen und Leute, er hat die junge Fotografin Annie Leibovitz weltberühmt gemacht und Autoren wie Hunter S. Thompson oder Tom Wolfe ausführlich Raum gegeben. Das Verdienst von Joe Hagan, eigentlich politischer Redakteur des New Yorker, liegt darin, dass er nicht nur ein vielschichtiges Porträt seiner enorm widersprüchlichen Hauptfigur sondern der amerikanischen Kulturindustrie geschrieben hat. Hagan beschreibt die Distanzlosigkeit als Kehrseite von Wenners Enthusiasmus, wie sich Interessen des Herausgebers mit denen der Künstler vermischten und die journalistische Integrität des Magazins unter der Erfolgssucht litt. Und wer sich dafür interessiert, wie sich eine Jugendkultur im Kapitalismus auflöst, kann das entlang Hagans Geschichte des Rolling Stone sehr genau nachlesen. Ihm gelingt ein facettenreiches Bild: Detailreich, anschaulich, unterhaltsam. Die versierte Mischung von Stories und Anekdoten mit Analysen vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund macht Sticky Fingers nicht nur zur kritischen sondern auch sehr vergnüglichen Lektüre.

 
Miakro

Georg Klein

Miakro

Rowohlt

24,00 €, E-Book 19,99 €

Georg Klein, bereits Träger des Preises der Leipziger Buchmesse, war in diesem Frühjahr mit seinem neuen Buch „Miakro“ wieder für diesen nominiert. Darin führt er die Leser in eine rätselhafte Unterwelt, in der das Leben von einem durchritualisierten Büroalltag geprägt ist. Zwischen Aufstehen und abendlichen Aufsuchen der Schlafzellen schauen der Büroleiter und seine Kollegen in Glastische, in denen in mehreren Schichten seltsam unbestimmte Bilder an ihnen vorüberziehen und in die sie, nicht näher erklärt, ‚Verwertbares‘ deuten. Die Umgebung ist eine amorphe, viskose Masse, die sich ständig wandelt, unvorhergesehen neue Gänge bildet und aus der sich Speisen und Alltagsutensilien herausstülpen. Als diese Masse einen der Büromitarbeiter verschlingt und Gewissheiten des Alltags rissig werden, beschließen die anderen, diese künstliche Umgebung zu verlassen und die „wilde Welt“ zu erkunden. Währenddessen versucht an der Oberfläche eine Truppe den Organismus – das „Unding“ – zu erforschen und in diesen einzudringen. Wie bei einem Möbiusband verbinden sich Innen und Außen, Mikro und Makro – Ebenen, Perspektiven und Proportionen fließen ineinander. Georg Klein schafft eine Fülle an Bezügen zu Kunst, Film und Literatur, die aufblitzen und umgehen verglühen. Der Roman steckt voller skurriler Erfindungen auf inhaltlicher wie auf sprachlicher Ebene und entfaltet eine Komplexität, die zahlreiche Lesarten und Interpretationsmöglichkeiten offenlässt: Anspielungen auf dystopische Arbeits- und Lebenswelten, auf Überwachungssysteme die sich selbst legitimieren, das diffuse Gefühl der Bedrohung durch das Andere. Aber Georg Klein verzichtet konsequent darauf, den Leser auf eine Spur zu führen. Er will seine fantastische Welt nicht verständlich machen, vielmehr fasziniert gerade deren Rätselhaftigkeit und die Irritation, die sie beim Leser auslöst. Georg Klein verbindet in „Miakro“ mit großer Virtuosität Freude an Wortschöpfungen mit außergewöhnlicher Sprachkraft und -genauigkeit.

 
Das Feld

Robert Seethaler

Das Feld

Hanser Berlin

22,00 €, E-Book 16,99 €

Seethalers neuer Roman beginnt mit einem einsamen Wanderer auf dem Friedhof einer kleinen Provinzstadt. Er blickt über die Grabsteine, sieht ihm zum größten Teil bekannte Namen und fragt sich, was diese Personen, auf ihr Leben zurückblickend, wohl erzählen würden. Und genau das geschieht in den folgenden knapp 30 Kapiteln. Die Toten erinnern sich und erzählen von ihrem Leben in der Kleinstadt. Im Laufe der Kapitel lernt der Leser nicht nur die Menschen kennen, sondern vor ihm entfaltet sich ein Gesamtbild des Provinzstädtchens, auf dessen Friedhof die ehemaligen Einwohner ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. Die Diversität der Einzelschicksale, sowie die nach und nach auftauchenden Verknüpfungen zwischen diesen, halten die Neugier des Lesenden aufrecht, so dass man sich von diesem Buch nur wünscht, dass es nicht so schnell ende.

 
Federleicht

Marah Woolf

FederLeicht. Wie fallender Schnee

Oetinger

13,00 €

Die siebzehnjährige Eliza hat es nicht leicht. Ständig soll sie ihrer Mutter helfen, im Blumenladen, im Café. Verbote lauern überall. Ihr Bruder dagegen hat Narrenfreiheit und eine nervige, neugierige Freundin. Eliza ergreift lieber die Flucht und streift durch den Wald. Und dort erwarten sie große Abenteuer. Unsere Heldin stolpert durch ein magisches Portal und findet sich in der Welt der Elfen und Trolle wieder. Diese brauchen Elizas Hilfe, die verschwundene Schneekugel muss wiederbeschafft werden. Aber die Elfen sind keineswegs bezaubernd und dankbar sondern hochnäsig und stur. Und manche wollen mit den Menschen gar nichts zu tun haben.
Marah Woolf hat mit „Federleicht – Wie fallender Schnee“ eine neue, märchenhafte Saga begonnen.

 
Kommissar Gordon

Ulf Nilsson, Gitta Spee

Kommissar Gordon. Der erste Fall

Moritz Verlag

11,95 €

Im Wald treibt ein Nussdieb sein Unwesen. Aufgebracht sucht das Eichhörnchen Kommissar Gordon auf und berichtet von der Räumung eines seiner Nusslager. Der etwas in die Jahre gekommene Kommissar macht sich sofort an die Arbeit und observiert ein weiteres Nussversteck. Als sich nach stundenlanger Warterei endlich etwas rührt, muss der Kommissar feststellen, dass er zwischenzeitlich wohl eingeschlummert und inzwischen eingeschneit ist. Glücklicherweise hilft ihm die kleine Maus, die lediglich eine Nuss nehmen wollte, um ihren großen Hunger zu stillen, und befreit den Kommissar aus den Schneemassen. Nach dem Vehör auf dem Polizeirevier, bietet Kommissar Gordon der armen Maus Obdach, Muffins und Tee an, wenn diese ihm im Gegenzug bei den Ermittlungen hilft. Von nun an machen sich die beiden zusammen daran, den Fall der verschwundenen Nüsse zu lösen.
Ulf Nilsson hat mit dem erfahrenen, jedoch auch betagten Kröterich Gordon und der ambitionierten Maus Buffy ein liebenswürdiges Ermittlerduo geschaffen, das bereits die Kleinsten an das Krimigenre heranführt. Die bislang vier Fälle eignen sich sowohl zum Vorlesen für Kinder ab fünf Jahren, als auch für Selbstleser ab 8 Jahren. Nicht zu vernachlässigen sind auch die pointierten Zeichnungen von Gitte Spee, die die Geschichten liebevoll untermalen.

 
Alte Engel

Mareike Schneider

Alte Engel

Rowohlt Verlag (Hundert Augen)

22,00 €, E-Book 19,99 €

Es ist kein leichtes Thema. Und umso mehr beeindruckt die Leichtigkeit, mit der Mareike Schneider in ihrem Debüt erzählt. Ihre Protagonistin Franka sieht in ihrem Kunststudium nur noch eine Sackgasse, fühlt sich fehl am Platz. Also beschließt sie die Zelte abzubrechen und zurück in die Heimat zu ziehen, wo ihr Vater sich um die pflegebedürftige Schwiegermutter – ergo Oma – kümmert. Die hat in ihrem hohen Alter vergessen, dass sie eigentlich ein gestochen scharfes Hochdeutsch spricht und artikuliert sich nur noch in tiefstem Vogtländisch. Zudem hat sie beschlossen blind zu sein und dass der Rollator ihre Mobilität auch nicht wirklich verbessert.
Frankas Vater zieht seinen Gleichmut in der doch eher unschönen Situation vor allem aus regelmäßigem Wein- sowie Marihuana-Konsum – Franka hingegen vertieft sich einerseits in die Zeichnungen, die sie von ihrer Oma anfertigt und andererseits in deren Tagebücher (sic!) und somit in die Familien-Historie (na gut, dem Wein ist sie auch nicht abgeneigt)…

 
Der letzte Huelsenbeck

Christian Y. Schmidt

Der letzte Huelsenbeck

Rowohlt Verlag

22,00 €, E-Book 19,99 €

Als Daniel nach 14 Jahren in Ostasien zurück in seine westfälische Heimat kehrt, gilt es zunächst von seinem alten Freund Victor Abschied zu nehmen. Die Beerdigung eskaliert, Victors Geist lässt ihn nicht in Frieden und mit ihm zusammen der Geist der Vergangenheit. Etwas muss geschehen sein, zur Zeit der „Huelsenbecks“, wie sich der dadaistische Freundeskreis aus Daniel, Victor, Ronny, Ben und Michi damals in den 1970ern nannte, und die in einem Roadtrip durch Amerika gipfelte. Da Daniels Erinnerungen dieser Zeit überwiegend aus Leerstellen und unzusammenhängenden Einzelteilen bestehen, beschließt er die alten Freunde nach und nach aufzusuchen und das Puzzle wieder zusammenzusetzen. Widersprüchliche Erinnerungen treten zu Tage und eine Fremde, die damals ebenso plötzlich auftauchte, wie sie wieder verschwand scheint dabei eine zentrale Rolle zu spielen.
In einer schnörkellosen Sprache voll schwarzen Humors erzählt Christian Schmidt von Daniels Suche nach den Geschehnissen der Vergangenheit, der Unzuverlässigkeit seiner Erinnerung – gefördert durch Alkohol, Haschisch und Psychopharmaka – und nicht zuletzt von den komplexen Schutzmaßnahmen des menschlichen Gedächtnisses. Auch wenn dem Leser im Laufe der Geschehnisse einiges klar zu werden scheint, so schafft es Schmidt mit der Auflösung des Geheimnisses am Ende des Romans abermals zu überraschen. „Der letzte Huelsenbeck“ ist ein etwas durchgeknalltes Buch, das gewitzt zu unterhalten weiß.

 
Mein Herz in zwei Welten

Yoyo Moyes

Mein Herz in zwei Welten

Wunderlich Verlag

22,95 €, E-Book 19,99 €

Nachdem der Erste Weltkrieg jede Gewissheit ins Wanken gebracht hat, beginnt 1919 ein politisch, sozial, kulturell und ideengeschichtlich ungemein dichtes, bewegtes und fruchtbares Jahrzehnt. Nicht nur die erste deutsche Demokratie sortiert sich – auch Walter Benjamin, Ernst Cassirer, Martin Heidegger und Ludwig Wittgenstein machen sich auf, um aus der Katastrophe des Krieges ihre Schlüsse zu ziehen und die Philosophie zu revolutionieren. Wolfram Eilenberger verfolgt Schritt für Schritt die Entstehung der Werke dieser vier Solitäre. „Zeit der Zauberer“ zeigt nicht nur die jeweiligen biografischen und philosophischen Entsprechungen im Leben der vier großen Philosophen vielmehr sieht er in ihnen und ihrem gegensätzlichen Denken exemplarische Lebens- und Denkentwürfe für eine ganze Epoche. Das Buch macht deutlich, wie sehr die vier das Denken ihrer Zeit geprägt haben und wie sie ihrerseits von dieser geprägt wurden. Obwohl sich der Autor Wittgenstein und vor allem Cassirer näher fühlt als den beiden anderen, verknüpft er bei allen gleichermaßen virtuos und kenntnisreich Person und Werk, erklärt leicht verständlich und gut lesbar Theoriegebäude wie zeitgeschichtlichen Kontext. Dramaturgisch geschickt und in einem genau kalkulierten Wechsel von Geschichten und Rekonstruktionen wird man nach und nach vertrauter mit den Protagonisten. Das Buch bietet genaue Analysen ebenso wie feine Beobachtungen und legt bei allen Widersprüchen auch Parallelen der vier Philosophen offen. Nicht zuletzt sind die Zwanziger Jahre noch immer Vorlage für die Deutung unserer aktuellen Zeit. Damit ist „Zeit der Zauberer“ gleichermaßen inspirierend wie mahnend – ein wunderbares Buch, erhellend und mitreißend erzählt.

 
Zeit der Zauberer

Wolfram Eilenberger

Zeit der Zauberer

Klett-Cotta

25,00 €, E-Book 19,99 €

Nachdem der Erste Weltkrieg jede Gewissheit ins Wanken gebracht hat, beginnt 1919 ein politisch, sozial, kulturell und ideengeschichtlich ungemein dichtes, bewegtes und fruchtbares Jahrzehnt. Nicht nur die erste deutsche Demokratie sortiert sich – auch Walter Benjamin, Ernst Cassirer, Martin Heidegger und Ludwig Wittgenstein machen sich auf, um aus der Katastrophe des Krieges ihre Schlüsse zu ziehen und die Philosophie zu revolutionieren. Wolfram Eilenberger verfolgt Schritt für Schritt die Entstehung der Werke dieser vier Solitäre. „Zeit der Zauberer“ zeigt nicht nur die jeweiligen biografischen und philosophischen Entsprechungen im Leben der vier großen Philosophen vielmehr sieht er in ihnen und ihrem gegensätzlichen Denken exemplarische Lebens- und Denkentwürfe für eine ganze Epoche. Das Buch macht deutlich, wie sehr die vier das Denken ihrer Zeit geprägt haben und wie sie ihrerseits von dieser geprägt wurden. Obwohl sich der Autor Wittgenstein und vor allem Cassirer näher fühlt als den beiden anderen, verknüpft er bei allen gleichermaßen virtuos und kenntnisreich Person und Werk, erklärt leicht verständlich und gut lesbar Theoriegebäude wie zeitgeschichtlichen Kontext. Dramaturgisch geschickt und in einem genau kalkulierten Wechsel von Geschichten und Rekonstruktionen wird man nach und nach vertrauter mit den Protagonisten. Das Buch bietet genaue Analysen ebenso wie feine Beobachtungen und legt bei allen Widersprüchen auch Parallelen der vier Philosophen offen. Nicht zuletzt sind die Zwanziger Jahre noch immer Vorlage für die Deutung unserer aktuellen Zeit. Damit ist „Zeit der Zauberer“ gleichermaßen inspirierend wie mahnend – ein wunderbares Buch, erhellend und mitreißend erzählt.

 
Podkin Einohr

Kieran Larwood

Podkin Einohr. Der magische Dolch

Ravensburger Buchverlag

14,99 €, E-Book 12,99 €

Podkin Einohr ist eine Legende in der Kaninchenwelt. Heldentaten, wie man sie sonst nur von den alten Griechen kennt, soll er vollbracht haben – Flammen sprühten aus seinen Augen und das furchterregende Riesenkaninchen hat er getötet. Aber der fahrende Sänger, der in einer kalten Winternacht an das Tor des Dornhag-Baus klopft, erzählt die Geschichte von Podkin neu und anders.
In seinen jungen Jahren waren nämlich die Anzeichen künftigen Heldentums schwer zu erkennen. Er war der faulste und verwöhnteste Sohn eines Stammesfürsten, den es in der Kaninchenwelt je gegeben hatte. Und dass er später seinem Vater nachfolgen würde und Anführer sein könnte, mochte man nicht unbedingt glauben. Podkin – ein Held? Nein! Doch als die Gorm auftauchen und den magischen Dolch bei Podkins Stamm suchen, um alle Kaninchen zu knechten, muss er beweisen, was in ihm steckt. Er muss den Dolch retten und bald ist er Podkin Einohr.
Eine sehr spannende Geschichte mit Gruselfaktor für Kinder ab 11 Jahren. Auf die Fortsetzung kann man sich freuen.

 
Wo die Schakale heulen

Amos Oz

Wo die Schakale heulen

Suhrkamp Verlag

22,00 €, E-Book 18,99 €

„Liebe Fanatiker. Drei Plädoyers“ ist der eben bei Suhrkamp veröffentlichte, aktuelle Essayband von Amos Oz, in dem er sich mit den ultraorthodoxen und nationalistischen Tendenzen seiner Heimat Israel beschäftigt. Zeitgleich erscheint mit „Wo die Schakale heulen“ das erste Buch von Oz erstmals auf Deutsch. Und diese frühen Erzählungen von 1965 korrespondieren mit den Essays von 2018. Die meisten der Geschichten sind geprägt vom Alltag im Kibbuz, wo Amos Oz damals selber lebte und wo sich die junge israelische Gesellschaft beispielhaft formierte. Sie führen zum denkerischen und schriftstellerischen Ursprung von Amos Oz – in eine Zeit, die von ständiger existenzieller Bedrohung geprägt aber in der von religiösem Fanatismus noch wenig zu spüren war. Viele Motive, die in diesen acht Erzählungen angelegt sind, tauchen in den späteren Werken wieder auf. Religiöse Legenden und persönliche Leidenschaften ebenso wie militärische Auseinandersetzungen. Die Beschäftigung mit der scheinbar ausweglosen Situation in Nahost schwingt schon in den 1960ern immer mit, die Selbstwahrnehmung der Israeli und ihr Verhalten gegenüber Palästinensern und Arabern. Kritisch und selbstbewusst stellt Amos Oz der religiösen und ethnischen Identität eine ausdrücklich kulturelle gegenüber – in der er schon früh die einzige Zukunftschance Israels sieht. Bereits diese erste Prosa ist von beeindruckender Sprachkraft. Wunderbare Naturbeschreibungen, reduzierte Dialoge, mit wenigen Strichen kraftvoll gezeichnete Charaktere und wechselnde Erzählperspektiven lassen in diesen frühen Erzählungen das großartige Gesamtwerk von Amos Oz aufscheinen.

 
Dunkle Zahlen

Matthias Senkel

Dunkle Zahlen

Matthes & Seitz

24,00 €, E-Book 19,99 €

Matthias Senkels zweiter Roman, der für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert war, ist ein schier aberwitziges Erzählwerk. Sprunghaft durch das 20. Jahrhundert oszillierend zeichnet der Autor ein Bild der sowjetischen EDV-Entwicklung von den ersten Schritten bis hinein in nahe Zukunftsszenen. Mittelpunkt ist die Programmierer-Spartakiade 1985 in Moskau, bei der die kubanische Nationalmannschaft spurlos verschwindet und die Übersetzerin sich auf die Suche nach ihren Schützlingen begibt. Doch diese Geschichte ist durchsetzt von Episoden, die in die Zeit von Pushkin, Tolstoi und Gogol zurückreichen, russische Mythen und Legenden ins Alltägliche transferieren, sowie von ersten Großcomputern und diversen Datenanalysen mit unterschiedlichsten Zielsetzungen berichten. Das eigenartige an diesem Werk ist, dass Senkel es schafft, auch den Leser, der kein außerordentliches Interesse an der elektronischen Datenverarbeitung und Computergeschichte aufweist, nicht nur zu unterhalten, sondern gar zu begeistern. Dies hat wohl nicht zuletzt mit der Sprachvirtuosität des Werkes zu tun, die sich den jeweiligen Episodenhandlungen anpasst und unzählige Pointen und sprachliche Spielereien darbietet.
„Dunkle Zahlen“ ist kein Roman, der den Leser mit einer spannungsgeladenen Handlung für sich gewinnen will, sondern ein Werk, das sich durch seine Erzählweise aus der Masse neuer Romane hervorhebt – spielerisch, unterhaltsam, informativ und witzig.

 
Scythe

Michael Köhlmeier

Das Mädchen mit dem Fingerhut

dtv

9,90 €, E-Book 9,99 €

Es ist schon kein ganz neues Buch mehr – im Januar ist es bereits als Taschenbuch erschienen. Aber auch als Buchhändler entdeckt man die Perlen nicht immer gleich für sich… Köhlmeiers „Mädchen mit dem Fingerhut“ ist in verschiedener Hinsicht ein bemerkenswertes Buch: sowohl die Protagonistin als auch der Ort des Geschehens sind unklar gelassen, vage. Man weiß, dass es sich bei dem Mädchen um ein kleines Kind handelt aber konkrete Hinweise auf ihr Alter lassen sich nicht finden. Der Ort wird lediglich dadurch eingegrenzt, dass der Euro als Währung genannt wird. Es ist die Rede von verschiedenen Sprachen, welche das sind, erfährt man nicht. All diese Details lässt Köhlmeier weg und erreicht damit zweierlei: eine Reduktion auf das Wesentliche und eine Verengung der Perspektive auf die kindliche – denn auch das Mädchen weiß nicht, in welchem Land sie unterwegs ist, sie weiß nicht, wie alt sie ist, sie kennt noch nicht einmal ihren eigenen Namen.
Und damit kommen wir zum zweiten Bemerkenswerten an diesem Text: Es ist die tief traurige Geschichte eines Waisenkindes, das nach einsamer Odyssee durch die winterliche Stadt im Kinderheim landet, nur um hier gemeinsam mit einem älteren Jungen und einem kleinen wieder auszubrechen und auf eine neue Odyssee zu gehen. Es ist diese traurige Geschichte, die trotzdem voller – kindlicher – Hoffnung steckt.
Ebenfalls bemerkenswert ist das Ende dieses kurzen Textes – denn hier kommt es zu einem Ereignis, das man wohl als „unerhörte Begebenheit“ bezeichnen muss. Michael Köhlmeier hat hier eine bemerkenswerte Novelle geschrieben.

 
Scythe

Katrine Engberg

Krokodilwächter

Diogenes Verlag

22,00 €, E-Book 18,99 €

Dieses Buch ist der Debütroman der Dänin Katrine Engberg. In ihrem Heimatland wurde sie bekannt mit Arbeiten für Theater und Fernsehen. Ihr Roman ist „ein Thriller, der einen packt und nicht mehr loslässt“, schreibt Berlingske Kopenhagen. Und wirklich!
Die Studentin Julie wird mit Schnittwunden gezeichnet und ermordet. Bei den Ermittlungen stoßen die Kommissare Korner und Werner auf ein Manuskript, in dem ein ähnlicher Mord geschildert wird. Aber wer konnte vom Manuskript wissen? Die Verfasserin, eine ältere Dame, kommt als Täterin kaum in Frage. Dann passiert ein weiterer Mord.

Man kann gespannt sein auf die nächste Ermittlung der Kopenhagener Kommissare!

 
Scythe

Neal Shusterman

Scythe – Die Hüter des Todes

Fischer Sauerländer

19,99 €, E-Book 4,99 €

Im Jahr 2042 hat die Menschheit alle Rätsel der Erde entschlüsselt. Die Menschen sterben nicht mehr an Altersschwäche. Selbst unnatürliche Tode gibt es nicht, weil der Körper komplett repariert werden kann. Für manchen Jugendlichen bedeutet es Fun, aus dem Fenster zu springen und zu testen, wie lange die Wiederherstellung dauert.
Was also tun mit der Überbevölkerung? Die Scythe, eine Gruppe Auserwählter, entscheiden wer sterben muss. Aber nicht alle Hüter halten sich an die strengen Regeln. Auch Citra und Rowan sollen zum Scythe ausgebildet werden, gegen ihren Willen. Und Rowan fühlt sich zu den dunklen Mächten der Zunft hingezogen.

Mit den „Hütern des Todes“ beginnt die spannende Trilogie für junge Leser ab 14 Jahren über den Preis einer scheinbar perfekten Welt.

 
Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt

Peter Stamm

Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt

S.Fischer Verlag

20,00 €, E-Book 16,99 €

Der Schriftsteller Christian begegnet einer etwa zwanzig Jahre jüngeren Frau und erzählt ihr die Geschichte seiner Liebe zu der Schauspielerin Magdalena, die er in seinem einzigen veröffentlichten Buch verarbeitet hat. Soweit die durchaus einfache Konstellation in Peter Stamms neuestem Buch. Allerdings werden die Personen in einem vertrackten Spiegelkabinett angeordnet, in dem sich ihre Erinnerungen, Geschichten und Träume brechen. Am Ende des Buches erinnert sich der Erzähler, wie er in seiner Jugend einem alten Mann bei Glatteis nach Hause half. Da scheint längst klar, dass beide zwei Versionen der gleichen Person sind. Wie bei einem Möbiusband verbindet sich das Ende des Buches mit dem Beginn, verwinden sich Geschichte und Wirklichkeit des Erzählers mit dem Erzählten – auch Magdalena ist ja das Alter Ego der Gesprächspartnerin des Erzählers. Nicht nur wegen des schmalen Umfangs erinnert der Roman an eine Novelle. Die reduzierte, äußerst konzentrierte Sprache schafft Raum für die psychologischen Nuancen der Figuren. Peter Stamm erzählt immer Liebesgeschichten, aber in diesen verhandelt er existentielle Fragen. Wer sind wir? Was macht uns aus? Können wir aus vorgezeichneten Strukturen ausbrechen? Die abgeklärt anmutende Konstruktuion des Romans wird durch Peter Stamms behutsame Sprache ausbalanciert und trotz der leisen Melancholie bleibt die Haltung gegenüber der Welt weniger eine gleichgültige als vielmehr eine gelassene, einvernehmliche.

 
Die Maske

Fuminori Nakamura

Die Maske

Diogenes Verlag

24,00 €, E-Book 20,99 €

Der Kuki-Clan ist mächtig, einflussreich und grausam. Ohne Rücksicht handelt er mit Waffen, zettelt Revolten an, hat seine Hände im Drogengeschäft. Aber eine Tradition dieser alten Familie ist besonders perfide und wird seit Generationen befolgt. Der jüngste Sohn wird gezeugt, um das Böse über die Menschen zu bringen. Nur dazu dienen seine Erziehung und Ausbildung. Nun ist Fumihiro an der Reihe. Ohne Liebe und in ständiger Furcht vor seinem Vater aufgewachsen, hat er aber andere Pläne und widersetzt sich der Tradition. Er liebt das Waisenmädchen Kaori und will sie um jeden Preis vor seinem Vater beschützen.
Der neue Roman von Fuminori Nakamura ist ein Thriller voller Wendungen und spannend bis zur letzten Seite.

 
Jahre später

Angelika Klüssendorf

Jahre später

Kiepenheuer & Witsch

17,00 €, E-Book 14,99 €

In den ersten beiden Romanen der Trilogie war die Lektüre immer wieder schmerzhaft, an vielen Stellen zog sich einem bei den Schilderungen alles zusammen. Eine Kindheit und Jugend geprägt von Angst, von Gewalt und von fehlender Nähe. In „Jahre später“ ist das Mädchen April nun zu einer erwachsenen Frau geworden. Sie hat ihre Dämonen besser im Griff, ihr widerfahren nicht mehr so viele Grausamkeiten – diese Stellen sind weniger geworden. Dennoch hat April immer noch keine richtige Verbindung zum Leben gefunden, sieht sich in vermeintlich normalen Situationen eines Erwachsenenlebens immer wieder von außen, vieles fühlt sich schlicht falsch an.
Die Geschichte ihrer Ehe, die hier erzählt wird, ist denn auch zum einen geprägt von Aprils Schwierigkeiten, Nähe aufzubauen und diese dauerhaft zuzulassen. Mindestens ebenso aber ist sie geprägt von den Unzulänglichkeiten ihres Mannes, der viel verlangt aber selbst nicht viel gibt. Der immer wieder von kurz aufflammender Begeisterung zurück in Lethargie und Missachtung fällt. Und so widerfährt April die eine große Grausamkeit einer über Jahre unerfüllten Ehe, die ein zerstörerisches Ende findet.

 
Jack

Anthony McCarten

Jack

Diogenes Verlag

22,00 €, E-Book 18,99 €

Jack Kerouac avancierte in den 1950er Jahren mit „On The Road“ zu einer Ikone der Beat Generation und prägte zusammen mit Freunden wie Allen Ginsberg und William S. Burroughs nicht nur ein neues Lebensgefühl, sondern auch eine neue Art des Schreibens.
Die Literaturstudentin Jan forscht seit geraumer Zeit zu Kerouac und hat es sich zum Ziel gesetzt seine autorisierte Biographin zu werden. Aus diesem Grund macht sie sich 1968 auf die Suche nach ihrem Idol, welches mittlerweile mit dritter Ehefrau und seiner Mutter zurückgezogen in Florida lebt – oder besser gesagt: dahinvegetiert. Sein ausgesprochenes Ziel: das Ich zu zerstören. Hilfreich scheint ihm dabei: eine geraume Menge Alkohol.
Nach anfänglichen Schwierigkeiten schafft Jan es das Vertrauen des Autors zu erlangen und nähert sich dem für ihre Forschung wertvollsten Schatz – den unzähligen von Kerouac archivierten Briefen. Aber irgendetwas ist faul an der ganzen Sache. Doch ist es Jack, der Jan etwas verschweigt oder umgekehrt?
McCartens „Jack“ beschäftigt sich mit der Suche nach und dem Spiel mit Identitäten. Spannend beleuchtet wird dabei auch das Verhältnis von Literatur und Leben in Bezug auf Neal Cassady, dem realen Vorbild des Helden in „On The Road“ und langjährigem Freund Kerouacs. McCartens neuer Roman bietet somit gleichzeitig kurzweilige Unterhaltung und lebhafte Informationsvermittlung. Empfehlenswert!

 
Geschichte des verlorenen Kindes

Elena Ferrante

Die Geschichte des verlorenen Kindes

Suhrkamp Verlag

25,00 €, E-Book 21,99 €

Jetzt ist er da, der vierte und abschließende Band der Neapolitanischen Saga um die Freundinnen Lila und Elena. Wir befinden uns in den Siebziger- und Achtzigerjahren. Elena, die Ich-Erzählerin, ist nach dem Scheitern ihrer Ehe nach Neapel zurückgekehrt. Aber im Rione, dem Armenviertel Neapels, muss sie dank ihrer schriftstellerischen Erfolge nicht mehr wohnen. Elena trifft viele Freunde und Bekannte aus Kindertagen wieder. Lila ist mittlerweile eine erfolgreiche Geschäftsfrau. Sie versucht den Rione zu einem besseren Ort zu machen und den Menschen zu helfen. Aber sie hat auch Feinde und gerät mit der Unterwelt Neapels aneinander. Elena hingegen muss erst einmal ihr Leben neu ordnen. Auf keinen Fall will sie sich dabei von Lila bevormunden lassen. Und so bleibt das Verhältnis der beiden kompliziert und ambivalent.
Emotional und überzeugend bringt Elena Ferrante ihre große Geschichte zu Ende.

 
Stellt euch vor

Adam Haslett

Stellt euch vor, ich bin fort

Rowohlt Verlag

22,95 €, E-Book 19,99 €

„Stellt euch vor, ich bin fort“ ist ein Roman über die amerikanische Mittelschicht, für den Adam Haslett für Pulitzer-Preis und National Book Award nominiert war, der stark an Jonathan Franzens „Korrekturen“ erinnert. Im Mittelpunkt stehen John und Margaret, die sich im London der Sechzigerjahre begegnen, und ihre drei Kinder. Über einen Zeitraum von etwa 40 Jahren spürt Haslett dem langsamen Zerbrechen dieser dysfunktionalen Familie bis in seine feinsten psychologischen Verästelungen nach. Im Wechsel erzählen die fünf Familienmitglieder in der Ich-Form, was ihnen widerfährt und wie sie mit ihrer jeweiligen Situation umgehen. Aus den unterschiedlichen Perspektiven entwickeln sich Charaktere mit verschiedensten Konturen. Beeindruckend arbeitet Haslett mit Erzählweisen, jede der Figuren bekommt einen ganz eigenen Ton. Er variiert geschickt Zeiten, kombiniert Gedanken und Rückblenden, kommt seinen Protagonisten mal ganz nah, um dann wieder Distanz zu schaffen. Facettenreich und feinsinnig beschäftigt sich Haslett mit einem sehr privaten Thema – der seelischen Krankheit eines Menschen und wie diese alle Beteiligten prägt. Aber er legt darin auch die Widersprüche einer Gesellschaft frei, deren blindes Glücks- und Erfolgsstreben sie zermürbt und an das Ende aller Illusionen führt. Ein fesselnder und zugleich tiefgründiger Roman, der einen lange nicht loslässt.

 
Drachenwand

Arno Geiger

Unter der Drachenwand

Hanser Verlag

26,00 €, E-Book 19,99 €

Es ist eine ungewöhnliche Perspektive, die uns Arno Geiger in seinem neuen Roman auf den Krieg eröffnet. Denn es wird wenig vom Krieg selbst erzählt, kaum je wird eine tatsächliche Kampfhandlung beschrieben – dennoch ist es eindeutig ein Kriegs-Roman. Denn Veit Kolbe kommt direkt von der Front, schwer verwundet, man könnte sagen übel zugerichtet landet er zur Genesung im kleinen Örtchen Mondsee. Und hier ist es – sieht man von der geradezu bösartigen Quartierfrau ab – beinahe idyllisch. Den Krieg bekommt man hier hauptsächlich durch die Überflüge der feindlichen Bomber und natürlich durch die eine oder andere Entbehrung mit, die der Materialhunger des Krieges nach sich zieht. Und so kann Veit Kolbe die Zeit unter der Drachenwand, trotz Krieg, trotz Verwundung fast schon genießen, ja er verliebt sich sogar.
Für den Leser holt Geiger den Krieg zusätzlich über zahlreiche Briefe mit in den Roman. Briefe von Menschen, die den Personen nahestehen, die in der eigentlichen Rahmen-Handlung vorkommen. Durch diese Briefe wird der Roman mit weiteren Personen bevölkert und deren Schicksale machen den Krieg gewissermaßen spürbar. Und so wird die Außenperspektive vom Inneren des Krieges, wie Veit Kolbe sie einnimmt, durch viele weitere Perspektiven angereichert. Insgesamt entsteht so ein umfangreiches, detailliertes Bild… so dass ich jetzt am Ende dieses kurzen Textes denke: „Den hättest du noch erwähnen müssen und das hätte man noch erwähnen sollen…“

 
Friedrich

Philip Kerr

Friedrich der Große Detektiv

Rowohlt rotfuchs

14,99 €, E-Book 12,99 €

„Emil und die Detektive“ ist das Lieblingsbuch des jungen Friedrich und dessen Autor Emil Kästner nicht nur sein Held, sondern auch ein Freund der Familie. Wie der Protagonist des Kultkinderbuches will auch Friedrich für Gerechtigkeit sorgen und später einmal Detektiv werden. So streifen er und seine Freunde in den Sommerferien durch den Tiergarten, in der Hoffnung einen Diebstahl beobachten zu können oder auf der Suche nach verlorenen Habseligkeiten, um sie der Polizei zu übergeben. Dort gibt ihnen eines Tages der Kommissar einen Geheimauftrag – sie sollen eine verdächtige Person ausspionieren. Dass es sich dabei ausgerechnet um seinen Helden und Freund Erich Kästner handelt, erfahren Friedrich und seine Freunde erst nachdem sie zugesagt haben. Ist der Autor dieser wunderbaren Kinderbücher tatsächlich ein geheimer Spion und hat sie alle hinters Licht geführt? Ist dies auch der Grund, warum seine Werke bei der großen Bücherverbrennung auf dem Scheiterhaufen landeten? Friedrich will es nicht glauben, doch um die Wahrheit herauszufinden, muss er sich an Kästners Fersen heften…

Philip Kerrs Roman ist eine Hommage an Erich Kästner und erzählt nicht nur eine abenteuerliche Detektivgeschichte, sondern auch vom Erstarken der Nationalsozialisten und den daraus resultierenden Auswirkungen auf die Kunstschaffenden im Deutschland der 1930er Jahre. Eine klare Lektüreempfehlung für junge Leser ab 11 Jahren.

 
Griswold

Jennifer Chambliss Bertman

Mr. Griswolds Bücherjagd. Das Spiel beginnt

Mixtvision

14,90 €, E-Book 11,99 €

Emilys Eltern verfolgen den Plan, einmal in jedem der fünfzig US-Bundesstaaten gelebt zu haben. Dem aktuellen Umzug der Familie nach San Francisco kann Emily als einzig Positives abgewinnen, dass es die Heimatstadt von Garrison Griswold ist. Griswold ist nicht nur Verleger, sondern auch der Erfinder von „Griswolds Bücherjagd“ – Emilys liebstes Bücherschatzsuchspiel. Zudem steht gerade die große Ankündigung einer neuen Spielidee des Verlegers bevor. Kurz vor der großen Veröffentlichung wird Griswold jedoch überfallen und landet schwer verletzt im Krankenhaus. Bald finden Emily und ihr Freund James heraus, dass dieser Überfall etwas mit dem kürzlich von ihnen gefundenen Buch zu tun hat. Die einzige Möglichkeit Aufschluss über die ganze Sachlage zu erhalten besteht darin, die geheimen Botschaften und Rätsel dieses Buches zu lösen. Was die Kinder dabei herausfinden, hätten sie zuvor nicht einmal erahnen können…

Der erste Band der „New York Times“-Bestsellertrilogie von Jennifer Chambliss Bertman ist nun auf Deutsch erschienen und bietet eine knifflige, von Rätseln und Codes durchzogene Abenteuergeschichte im sonnigen San Francisco. Empfohlen ist die spannende Bücherjagd, die Lust auf die Fortsetzungen macht, für Bücherfreunde ab 10 Jahren.

 
Kometenjahre

Daniel Schönpflug

Kometenjahre. 1918: Die Welt im Aufbruch

S.Fischer Verlag

20,00 €, E-Book 16,99 €

Daniel Schönpflug, Professor für Geschichte an der FU Berlin, wählt in „Kometenjahre“ keinen streng wissenschaftlichen Weg. Fein komponiert und bildreich erzählt er die ersten Jahre nach dem Kriegsende 1918 anhand persönlicher Szenen. Collageartig reiht er anekdotisches, autobiografisches und zeitgeschichtliches Material seiner Protagonisten aneinander. Daniel Schönpflug hat sich Kronzeugen aus verschiedenen Ländern und Kulturen gesucht und verfolgt exemplarisch deren Entwicklung in den Jahren zwischen 1918 und 1924. Das sind etwa berühmte Personen aus Kunst und Kultur wie Käthe Kollwitz, Walter Gropius, Arnold Schönberg. Oder Gandhi, Ho Chi Minh und Harry S. Truman, die kurze Zeit später die Weltgeschichte prägen werden. Aber es tauchen auch die unbekannten Schicksale eines Kosakenmädchens, eines Freikorps-Soldaten oder eines armenischen Attentäters auf. Schönpflug schafft so ein atmosphärisch dichtes und weit gespanntes Panorama und verbindet Mentalitätsgeschichte, Kulturgeschichte und politische Geschichte. Konsequent aus der Perspektive seiner Kronzeugen erzählt, lässt Schönpflug mit großer Dynamik und Dramatik das Bild einer Zeit entstehen. Einer Zeit voller Hoffnungen, Visionen und widerstreitender Utopien – aber auch deren Brechungen und Enttäuschungen.

 
Wie hoch die Wasser steigen

Anja Kampmann

Wie hoch die Wasser steigen

Hanser Verlag

23,00 €, E-Book 16,99 €

Es ist die Sprache, die zuerst auffällt und die einen in das Roman-Debüt der Leipziger Autorin Anja Kampmann hineinzieht. Stark verdichtet, hoch poetisch. Mit teils einfachen, teils komplexen Bildern werden beim Lesen ad hoc ganze Kosmen von Stimmungen und Assoziationen erzeugt. Einzelne Wörter, Adjektive, die auf den ersten Blick nicht zu passen scheinen, erweisen sich beim genaueren Hinsehen als Bruchstellen, die einen neuen Raum öffnen.
Erzählt wird von Waclaw, der als Wanderarbeiter mal hier mal dort auf Ölbohrplattformen arbeitet. Seit geraumer Zeit ist er dabei eng mit Mátyás verbunden, mit dem er nicht nur ein Zimmer sondern auch viele Erfahrungen teilt. Als sie auf einer Plattform vor der Küste Marokkos Dienst tun, fehlt von Mátyás plötzlich jede Spur – in der stürmischen See wird die Suche nach ihm bald aufgegeben. Waclaw verliert den Boden unter den Füßen. Das Unglück, das seinem Freund zustößt, bringt sein Leben ins Wanken. Er verlässt die Bohrinsel, verlässt Marokko und begibt sich auf eine Art Odyssee – eine Reise an Orte, die mit Mátyás zu tun haben, eine Reise an Orte der Vergangenheit…

 
Patria

Fernando Aramburu

Patria

Rowohlt Verlag

25,00 €, E-Book 19,99 €

Patria, das heißt Heimat. Bittori und Miren, einst beste Freundinnen, sehen ihr Vaterland, ihre Heimat mit verschiedenen Augen. Vor 20 Jahren wurde Bittoris Mann von der ETA ermordet. Und wahrscheinlich hat sich Mirens Sohn mitschuldig gemacht. Für Bittori eine schlimme Befürchtung. Aber sie will endlich wissen, was wirklich passiert ist und sie will wieder hier leben. Als sie nach so langer Zeit im Dorf auftaucht, ist es mit der vermeintlichen Ruhe vorbei. Denn in Mirens Augen war ihr Sohn ein Freiheitskämpfer. Ihr Mann schwieg aus Angst vor Repressalien. Als die ETA die Waffen niederlegte, gab es nach all der Gewalt viele zerstörte Familien, zerbrochene Freundschaften, Menschen die Schuld auf sich geladen hatten.

Aramburu erzählt in seinem großartigen Roman von dreißig Jahren spanischer Geschichte. Von den ersten Seiten an wird man hineingezogen in das Geschehen, emotional berührt vom Schicksal der Figuren.
In Spanien ist das Buch in aller Munde und hat bereits einen großen Leserkreis gefunden. Den wird es hoffentlich auch in Deutschland haben. Es lohnt sich!

 
Bis die Sterne zittern

Johannes Herwig

Bis die Sterne zittern

Gerstenberg Verlag

14,95 €

Leipzig im Sommer 1936 – Harro ist 16 Jahre alt und auf der Suche nach sich selbst. Mit den Veränderungen, die sich seit einigen Jahren in Deutschland vollziehen, kann er sich nicht identifizieren. Als Harro gleich am ersten Ferientag Ärger mit der Hitlerjugend bekommt, weil er deren Fahne nicht gegrüßt hat, eilt der Nachbarsjunge Heinrich ihm zur Hilfe. Durch ihn erhält er Zugang zu einer Gruppe junger Rebellen, die sich schon rein optisch von der breiten Masse unterscheiden – es ist eine jener Jugendcliquen, die heutzutage als „Leipziger Meuten“ bekannt sind. Zusammen mit seinen neuen Freunden versucht er sich im Widerstand gegen die Nazi-Ideologie und im Kampf um Freiheit und Selbstbestimmung. Dass dieser Weg nicht reibungslos vonstattengehen kann, ist natürlich vorprogrammiert.

Was Johannes Herwig hier vorlegt, ist ein bedeutender Beitrag zu einem Aspekt der Leipziger Widerstandsgeschichte, der – im Gegensatz zu den sich 50 Jahre später zutragenden bedeutsamen Demonstrationen der „friedlichen Revolution“ – bisher eher weniger Beachtung fand. Vielleicht weil die Bemühungen der „Leipziger Meuten“ in den 30er-Jahren nicht von Erfolg gekrönt waren. Doch ihr Mut und Ansinnen gegen einen blinden Gehorsam sollten nicht vergessen werden – und genau dazu trägt dieses Buch auf eine zugleich unterhaltsame, lebendige und informative Weise bei. Eine spannende Lektüre – nicht nur für Jugendliche.

 
Die Vegetarierin

Han Kang

Die Vegetarierin

Aufbau Verlag

10,00 €, E-Book 7,99 €

Der Titel dieses soeben als Taschenbuch erschienenen Romans der südkoreanischen Man-Booker-Preisträgerin Han Kang ist etwas trügerisch. Im Koreanischen besitzt er nämlich einen doppelten Sinn und bezeichnet zum einen den Fleischverzicht, zum anderen jedoch auch die buddhistische Entsagung. Diese zweite Lesbarkeit als „Entsagung“ bezeichnet den Roman eigentlich besser. Im Mittelpunkt der Geschichte steht eine vollkommen unscheinbare Frau, die durch den anfänglichen Verzicht auf tierische Nahrungsmittel und schließlich der Entsagung jeglicher Ernährung und dem Wunsch, sich in eine Pflanze zu verwandeln, die Welt um sich herum auf den Kopf stellt. Geschildert wird diese Geschichte in drei Kapiteln, die jeweils eine andere Perspektive einnehmen – die des Mannes, des Schwagers und der Schwester. Thematisiert werden dabei die Spannungen zwischen Individuum und Gesellschaft im südkoreanischen Leben – patriarchalische Machtstrukturen, erotische Begierden, soziale Zwänge und Wünsche nach persönlicher Entfaltung. Klar und nüchtern zeigt sich die Erzählstimme und drängt doch, mit der zur gleichen Zeit rätselhaften und bisweilen verstörenden Stimmung, an vielen Stellen kafkaeske. Ein vielseitiger und ungewöhnlicher Roman, dem es exzellent gelingt, trotz seiner textlichen Straffheit in die Tiefe zu dringen.

 
Alles über Heather

Matthew Weiner

Alles über Heather

Rowohlt Verlag (Hundert Augen)

16,00 €, E-Book 14,99 €

Bereits als Macher der TV-Serie „Mad Men“ hat sich Matthew Weiner als genauer und kühler Beobachter der amerikanischen Gesellschaft gezeigt. In „Alles über Heather“, in seiner reduzierten und schnörkellosen Form eher Novelle als Roman, schildert Weiner zwei völlig unterschiedliche Milieus. Da ist das Ehepaar Breakstone, die Eltern von Heather: Typische Vertreter des New Yorker Establishments, erfolgreich aber auch enttäuscht von der eigenen Mittelmäßigkeit und mit dem ihnen eigenen Phlegma auf der Suche nach Bedeutung. Auf der anderen Seite Bobby Klasky, Sohn einer Drogenabhängigen mit Neigung zu Größenwahn und Gewalt. Als Bobby bei einem Bautrupp unterkommt, welcher das Penthouse über der Wohnung der Breakstones renoviert, führt Weiner die Handlungsstränge aufeinander zu in die Katastrophe. Was beide Seiten eint, ist die Obsession für Haether. Für die einen ist die Tochter Fixpunkt der fragilen Beziehung und die Antwort auf die Leere hinter der Oberfläche des amerikanischen Traums. Für den anderen ist der Teenager ebenfalls das Objekt der Erfüllung eines, wenn auch krankhaften, Traums. Gerade in der Empathielosigkeit, mit der Weiner das schildert wird das Bedrohliche spürbar. „Alles über Heather“ ist mitreißend, präzise, und plausibel erzählt. Ein harter Psychothriller aber auch eine von einer feinen Ironie durchzogene Sozialstudie.

 
Der Tod so kalt

Luca D’Andrea

Der Tod so kalt

Deutsche Verlagsanstalt

14,99 €, E-Book 11,99 €

Wir befinden uns in Südtirol im Jahre 1985. Nach einem schrecklichen Gewitter kehren drei junge Leute nicht in ihr Heimatdorf zurück. Die Bletterbach-Schlucht wurde ihr Grab. Ihre Leichen findet man brutal entstellt. Die Morde werden nicht aufgeklärt und die Dorfbewohner hüllen sich in Schweigen.
Dreißig Jahre später kommt Salinger, ein Dokumentarfilmer, in den Ort. Er möchte das Bergrettungsteam beobachten. Ein tragischer Unglücksfall wirft Salinger aus der Bahn. Doch statt sich auszuruhen, verbeißt er sich in die Bletterbach-Morde.
Die beeindruckende südtiroler Berglandschaft bildet die Kulisse für diesen fesselnden Thriller. D‘Andrea gelingt es, nicht nur durch unerwartete Wendungen, die Spannung bis zur letzten Seite aufrecht zu halten. Auch die Gefühlswelten der Protagonisten werden dem Leser eindringlich nahe gebracht.
Der Roman von Luca D‘Andrea ist nicht nur Lektüre für Bergliebhaber. Vielleicht macht er – trotz der geschilderten Ereignisse – sogar Lust auf die Alpen und die eine oder andere Klamm. Lust auf mehr macht er in jedem Fall und glücklicherweise muss man darauf nicht lange warten: bereits im Februar erscheint der zweite Südtirol-Thriller.

 
Hier kommt keiner durch

Isabel Minhos Martins

Hier kommt keiner durch!

Klett Kinderbuch

14,00 €

Dieses liebevoll gemachte Buch hat im gerade vergangenen Jahr den Deutschen Jugendliteraturpreis in der Kategorie Bilderbuch gewonnen und damit in jüngster Zeit bereits viel Aufmerksamtkeit auf sich gezogen. Da es uns mit seinen witzigen Filzstift-Zeichnungen und der tollen, einzigartigen Idee aber so gut gefällt, möchten auch wir noch einmal gesondert darauf hinweisen.
Am Anfang sind die Seiten noch fast komplett leer, nur ein einzelner Militär mit seinem Hund verliert sich auf der weiten weißen Fläche. Und er hat eine Aufgabe: Er soll die rechte Buchseite von Eindringlingen frei halten. Egal, wer an ihm vorbei will – es wird ihm verwehrt. Und so füllt sich die linke Buchseite mit immer mehr der unterschiedlichsten Leute, bis es ein einziges Gewimmel ist, aus dem sich plötzlich ein Ball löst und auf die andere Seite hüpft…

 

Karl Ove Knausgård

Im Winter

Luchterhand

22,00 €, E-Book 17,99 €

Nach seinem großen autobiographischen Projekt erscheinen jetzt auch die vier Jahreszeiten-Bände von Karl Ove Knausgård in Deutschland. Den Anlass zu diesem Schreibprojekt bildete die vierte Schwangerschaft seiner Frau. Indem Knausgård seiner ungeborenen Tochter die Welt beschreibt, macht er sie sich selbst greifbar und begreiflich. Von August bis Oktober reflektiert der Autor in „Im Herbst“ sowohl über herbstliche Beobachtungen, als auch über allgemeine und alltägliche Phänomene der Welt. Es ist dieser besondere Blick, der es vermag, den inhärenten Zauber der Welt heraufzubeschwören und dem Leser die Tiefe des Banalen wieder zu Bewusstsein zu führen. „Im Winter“ setzt mit den folgenden drei Monaten direkt an den ersten Band an und beschreibt den Schnee, Weihnachten, Silvester und weitere winterliche Phänomene bis zur Geburt der Tochter. Im März 2018 wird der dritte Band folgen, der einen einzigen Frühlingstag mit dem neuesten Familienmitglied umfassen soll.
War Knausgårds autobiographisches Projekt noch von einer ausufernden Textmasse gekennzeichnet, die einiges an Lesezeit abverlangte, zeigt sich in diesen Miniaturen ein entgegengesetzter Weg. Man kann die neuen Bücher entweder am Stück lesen oder sich von den kurzen Reflexionen dazu anregen lassen, hin und wieder einen oder mehrere Texte zu lesen und sich somit von den Büchern durch die einzelnen Jahreszeiten begleiten zu lassen. Egal für welche Lesart man sich entscheidet, ein Blick hinein lohnt sich definitiv.

 

Carmen Korn

Zeiten des Aufbruchs

Kindler Verlag
19,95 €, E-Book 16,99 €

Die Geschichte um Lina, Käthe, Henny und Ida geht weiter. 1949 Hamburg: Deutschland ist in Aufbruchsstimmung. Endlich geht es nach zwei Weltkriegen aufwärts: Lina gründet eine Buchhandlung, Ida hat ihre Berufung gefunden und die Kinder von Henny gehen ihren Weg. Aber die drei Freundinnen wissen immer noch nicht, wohin der Krieg Käthe verschlagen hat, wissen nicht, ob sie noch lebt.
Mitreißend erzählt Carmen Korn im zweiten Teil der Trilogie von der Nachkriegszeit, dem Wirtschaftswunder, Rock’n’Roll und dem Schicksal der vier Frauen und ihrer Familien.

 

Sabrina Janesch

Die goldene Stadt

Rowohlt Verlag
22,95 €, E-Book 19,99 €

„Die goldene Stadt“ ist die Geschichte des deutschstämmigen Ingenieurs, Abenteurers und Hochstaplers Rudolph August Berns und seiner Suche nach dem südamerikanischen Eldorado. Bereits in ihren ersten beiden Romanen „Katzenberge“ und „Ambra“ hat sich Sabrina Janesch auf Reisen begeben und ihr Verhältnis zu Osteuropa beleuchtet. Für die Recherchen zu „Die goldene Stadt“ hat sie sich nun auf den Weg in die Anden gemacht. Auf den Spuren ihres Helden reiste sie nach Machu Picchu – um möglichst genau nachzuvollziehen, was dieser damals empfunden haben könnte. Diese empathische Nähe, die sich durch das gesamte Buch zieht, ist eine der Stärken des neuen Romans von Sabrina Janesch. Anschaulich und mitreißend erzählt sie von Berns Getriebenheit und den Strapazen, die er für sein Ziel auf sich nahm. Manche Schilderung erinnert unwillkürlich an „Aguirre“ und „Fitzcarraldo“. Aber das Buch ist in seinen genauen Beobachtungen und Beschreibungen auch voller Charme und Humor. Natürlich ist „Die goldene Stadt“ mehr als eine Biografie. Sabrina Janesch füllt mit großer Fantasie und erzählerischer Finesse die Lücken der Recherche und ihrer Darstellung des widersprüchlichen Charakter und facettenreichen Lebens von Rudolph August Berns zu folgen, ist ein großes Leseabenteuer.

 

Sabine Bode

Mädchen im Strom

Klett-Cotta
20,00 €, E-Book 15,99 €

Gudrun ist ein wagemutiges und hübsches Mädchen. Gern verdreht sie den Männern den Kopf. Aber ihr Nachname Samuel und die jüdische Herkunft verheißen im Dritten Reich nichts Gutes. Hineingeboren in wohlhabende Verhältnisse erlebt Gudrun eine glückliche Kindheit. Aber als die Nazis an die Macht kommen, muss sie fliehen. Eine Odyssee beginnt, die bis in das Judenghetto von Shanghai führt.
Es ist eine wahre, dramatische, ergreifende Geschichte, die Sabine Bode erzählt ohne dabei schablonenhaft zu werden. Denn die Protagonistin hat auch dunkle Seiten und nutzt alle Chancen. Die sachliche und distanzierte Erzählweise macht es möglich, den schweren Lebensweg Gudruns zu verfolgen.
Berührend sind auch die in die Erzählung eingebundenen Briefe Gudruns und ihrer Freundin Margot, ein Kontakt, der nie abriss.

 

Rick Riordan

Percy Jackson – Diebe im Olymp – Sonderausgabe

Carlsen
10,00 €

Über die 5-teilige Percy-Jackson-Saga muss wohl eigentlich nicht mehr allzu viel gesagt werden. In der abenteuerlichen Jugend-Fantasy-Reihe sind die antiken Mythen nicht einfach nur Geschichten, sondern sie entsprechen der Wirklichkeit. Die antiken griechischen Götter existieren und wie in der Mythologie beschrieben, haben einige der Götter mit Menschen Kinder gezeugt. Percy, der von seiner Mutter aufgezogen wird, ist einer solcher Halbblute und erfährt erst im Jugendalter, dass er der Sohn des Poseidon ist. Im „Camp Halfblood“ lernt er seine Fähigkeiten zu nutzen und zieht gemeinsam mit seinen Halbblutfreunden gegen Giganten, Titanen und diverse andere Wesen der antiken Mythologie in den Kampf, um nicht zuletzt die Menschheit zu retten.
Bei der Serie handelt es sich nicht nur um äußerst spannende Jugendliteratur, sondern es werden den jungen Lesern ab 12 Jahren auch viele Teile des antiken mythologischen Kulturguts auf unterhaltsame Art und Weise vermittelt. Abenteuerliche Unterhaltung mit Lerneffekt. Im Augenblick gibt es die einzelnen Bände im festen Einband als Sonderausgaben für jeweils nur 10 €.

 

Weihnachtliches im Reclam-Verlag

8,80 € – 14,00 €

Der Reclam Verlag hat auch in diesem Jahr eine Reihe von weihnachtlichen Geschenkbüchern herausgegeben. Von Klassikern wie Adalbert Stifter über Erzählbände verschiedener Autoren und Gedichten bis zu Liedern ist alles zu finden, gebunden und schön illustriert.

 
Noll - Halali

Ingrid Noll

Halali

Diogenes
22,00 €, E-Book 18,99 €

Der neue Roman von Ingrid Noll versetzt uns in die 50er Jahre, nach Bonn. Bonn ist Hauptstadt geworden und nun werden Ministerien aus dem Boden gestampft, der Wohnraum ist knapp. Doch das Männerangebot steigt. Das kommt Karin und Holda gerade recht. Die beiden jungen Frauen sind häuslichen Zwängen entkommen und arbeiten im Innenministerium als Sekretärinnen. Sie suchen privates Glück und Geborgenheit, aber auch Abenteuer und Selbstverwirklichung. Und jetzt sind sie auf Männerjagd. Aber was als Spaß begann, wird schnell Ernst, denn Holda und Karin geraten in einen echten Spionagefall.
Ingrid Nolls Zeitreise ist spannend, kreativ und mit ihrem typischen Schuss Humor und Ironie erzählt.

 

Jana Hensel

Keinland

Wallstein
20,00 €, E-Book 15,99 €

Eine Qualität von Literatur ist es, dass sie in der Lage ist, Empathie zu erzeugen. Eine Nähe zu erzeugen, die vorher nicht da war. Eine Sprache zu finden, die als verbindendes Element funktionieren kann. Eine Qualität, die in „Keinland“ auf jeden Fall zum Tragen kommt. Denn die beiden Protagonisten versuchen genau das – sie versuchen sich einander anzunähern. Und die Voraussetzungen scheinen zunächst gut, da zwischen beiden schnell Nähe entsteht. Aber gerade Martin, der als Jude in Frankfurt a.M. aufgewachsen ist, nun aber schon seit geraumer Zeit in Israel lebt, ist immer wieder abweisend gegenüber Nadja. Sie ist in der DDR aufgewachsen, musste dann aber im vereinigten Deutschland groß werden. Somit hätten sie in gewisser Weise beide kein Land, findet Nadja und somit eine Gemeinsamkeit, zumindest eine gemeinsame Basis für Verständnis. Eine Vorstellung, die Martin klar zurückweist, schließlich seien „ihre Leute“ nicht in den Öfen zu Asche verbrannt worden. Dennoch ringen beide um Verständnis füreinander, kommen sich immer wieder näher und entfernen sich wieder weiter voneinander…
Als Leser können wir diese Bewegungen nachvollziehen und uns so in zwei Menschen einfühlen, die – jeder auf die eigene Art – mit sich, ihrer persönlichen Geschichte und mit Geschichte ringen.

 

Marc-Uwe Kling

QualityLand

Ullstein
18,00 €, E-Book 14,99 €

Der Liedermacher und Kabarettist Marc-Uwe Kling ist vielen seit den Känguru-Chroniken ein Begriff. Mit „QualityLand“ liegt uns nun sein erster Roman vor – und dieser gleich in zweifacher Form. Doch zunächst zum Inhalt: „QualityLand“ ist eine Zukunftssatire, die das Leben im digitalen Zeitalter auf die Spitze treibt. QualityPartner weiß, wer am besten zu dir passt und TheShop weiß, was du willst und brauchst – noch bevor du es selber weißt – und schickt dir alles dementsprechend ohne Bestellung sofort per Drohne zu. Autos fahren die Einwohner selbstständig wohin sie wollen, „Ohrwürmer“ übermitteln dem Träger Mails, Nachrichten und Informationen, die sie benötigen. Da alle Daten im Netz sind – ob freiwillig oder nicht – werten Algorithmen diese aus und erstellen das Persönlichkeitsprofil eines jeden Einwohners und stufen sie in ein entsprechendes Level ein. Das System kümmert sich um alles. Alles, was du tun musst, ist „okay“ zu sagen. Doch eine Lieferung von TheShop, mit der der Maschinenverschrotter Peter rein gar nichts anfangen kann, lässt ihn am System zweifeln. Und mit diesem Zweifel wächst sein Aufbegehren gegen das System…
Marc-Uwe Kling beweist wieder einmal, dass er es gekonnt vermag, witzige und leichte Unterhaltung geistreich zu gestalten. Neben unzähligen intertextuellen und interkulturellen Anspielungen, Verweisen und Wortspielen, hat er sich auch zur Form seine Gedanken gemacht. Wie eingangs erwähnt, gibt es das Buch in zwei verschiedenen Ausgaben. Die Handlung beider Versionen ist identisch, jedoch sind die Einschübe in Form von Nachrichten, Werbeanzeigen etc. zwischen den Kapiteln unterschiedlich. Sie sind an den Gedanken des Buches angelehnt, dass in QualityLand jeder seine personalisierten Nachrichten, Werbungen etc. empfängt. Da der Aufwand, einem jeden Leser sein personalisiertes Buch zu schreiben, zu aufwendig gewesen wäre, sollen diese zwei Versionen das Prinzip veranschaulichen. Und keine Sorge: Die im jeweiligen Buch fehlenden Anzeigen können im Internet nachgelesen werden.

P.S. Wer das Känguru vermisst, kann sich auf das ausrangierte pinke QualityPad freuen.

 

Colson Whitehead

Underground Railroad

Hanser
24,00 €, E-Book 17,99 €

Colson Whiteheads „Underground Railroad“, mit den wichtigsten amerikanischen Buchpreisen ausgezeichnet, mischt in guter amerikanischer Erzähltradition historische Wirklichkeit mit Fiktion. Er beschreibt das tatsächlich existierende Netzwerk, das gegen Mitte des 19. Jahrhunderts Sklaven half, in die Freiheit zu entkommen. Und er stellt es als wirkliche unterirdische Eisenbahn dar. Diese hat verborgene unterirdischen Bahnhöfe, Gleise, Nebenstränge, Schaffner und Bahnwärter – eine riesenhafte Ingenieursleistung. Allerdings die Eisenbahn ist nicht zuletzt das Symbol der Moderne, das die Eroberung und Unterwerfung des nordamerikanischen Kontinents erst möglich machte und entlang dieser Zugverbindungen nimmt der Roman narrative Fahrt auf. Coras Flucht ist eine geografische Reise durch die Südstaaten Amerikas von der Plantage in Georgia über South und North Carolina, die letztlich im Norden der USA, in Indiana, endet. Aber es ist auch eine Reise durch die Geschichte der USA. An jeder der „Stationen“ der Railroad, an denen Cora für eine bestimmte Zeit an die Oberfläche gelangt, zeichnet Whitehead ein anderes, oft düsteres und zerrissenes Bild Amerikas. „Underground Railroad“ ist damit aber nicht nur in den USA das Buch der Stunde. Auch für uns europäische Leser ist diese Erzählung über Ausgrenzung, familiäre Tragödien und existenzielle Not hoch aktuell.

 

Edward Berry

Das verschwundene Buch

Sanssouci
15,00 €

Wenn die Geschwister Alba und Diego nicht gerade auf der Suche nach Drachen, die sie in ihrer Enzyklopädie sammeln können, durch Barcelona stromern, sind sie am liebsten bei ihrer Tante Bea im Buchladen. Ebendahin zieht es sie am Erscheinungstag eines neuen Romans, auf den alle Kinder schon sehnsüchtig warten. Schließlich handelt es sich, laut dem berühmten Literaturkritiker Leo Gutenberg, um die schönste Geschichte der Welt. Als sie jedoch bei ihrer Tante im Buchladen ankommen, erwartet sie ein riesen Schreck. Das Buch sowie der Umschlag sind vollkommen leer! Auch kann sich keiner derjenigen, die die Geschichte bereits vorab lesen konnten, mehr an die Geschichte, geschweige denn an den Titel erinnern. Was war geschehen? Auch in anderen Büchern passieren seltsame Dinge. Was hat eine Laserpistole in „Peter Pan“ zu suchen? Und was hat der mysteriöse Medienmogul Mr. Zargo mit all dem zu tun? Zunächst tauchen Alba und Diego mit der Hilfe ihrer Tante, die über geheimnisvolle Zauberkräfte verfügt, in die Geschichte von Peter Pan ein, um diese wieder in ihren ursprünglichen Zustand zu versetzen.
Diese neue Kinderbuchreihe, die sehr liebevoll gestaltet ist, entführt die Leser in das Reich der Literatur und der Phantasie. Steht die Geschichte von Peter Pan im Zentrum des ersten Bandes, so tauchen die Geschwister im zweiten Teil in die Welt der Musketiere von Alexandre Dumas ein. Diese Reihe bietet nicht nur kurzweilige und abenteuerliche Unterhaltung, sondert macht auch Lust, die Klassiker der Kinderliteratur erneut zur Hand zu nehmen.

 

Ingo Schulze

Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst

S.Fischer Verlag
22,00 €, E-Book 19,99 €

Neun Jahre nach seinem letzten Roman Adam und Evelyn hat der vor allem für seine Erzählbände geschätzte Ingo Schulze nun einen neuen Roman vorgelegt. Und Peter Holtz reiht sich nahtlos ein in die Reihe der Helden großer Schelmenromane wie Hašeks Schweijk, der Simplicissimus ist nicht zuletzt auch formal Vorbild. Der Roman setzt 1974 ein, als Peter Holtz – wie auch der Autor – zwölf Jahre alt ist und begleitet den Hauptdarsteller bis ins Jahr 1998. Die erstaunliche Naivität, mit der Schulze seinen Narren ausstattet, imprägniert diesen gegenüber allen Schicksalsschlägen und Widersprüchen der Realität. Und sie ermöglicht dem Autor, das Groteske ebenso zu gestalten wie die Reflexionsebene hinter diesem Szenario. Holtz, im Waisenhaus aufwachsend, nimmt den Sozialismus ernster als die Menschen um ihn herum. Ernster, als es Partei und Stasi erlauben – er taugt nicht einmal zum Spitzel. So wie Peter Holtz mit religiösem Ernst an den Sozialismus glaubt, wird er kurz nach 1989 an den Kapitalismus glauben. Wie jeder Schelm gestaltet er sein Leben weniger, als dass es ihm widerfährt. Und das Glück meint es scheinbar gut mit ihm – ohne sein Wollen spielt es ihm immer mehr Geld in die Hände. Beim Versuch, dieses mit Anstand auszugeben, vermehrt es sich nur auf wundersame Weise. Allerdings steht dieses Geld dem Glück des Helden auch im Wege. Im ersten Kapitel kommt der zwölfjährige Peter Holtz noch damit durch, ohne Geld im volkseigenen Ausflugslokal zu speisen. Im letzten wird er aus der Gesellschaft ausgeschlossen, weil er, unter der Berliner Weltzeituhr sitzend, Tausend-DM-Scheine verbrennt. Es ist bemerkenswert, wie der große Erzähler Ingo Schulze in kleinsten Beobachtungen und Beschreibungen Charaktere und Situationen skizziert. Aber vor allem der warmherzige Humor und die spürbare Freude des Autors am Schreiben machen Peter Holtz so lesenswert.

 
José Eduardo Agualusa

Eine allgemeine Theorie des Vergessens

C.H. Beck
19,95 €, E-Book 15,99 €

1974 beendet die Nelkenrevolution in Portugal die dortige Diktatur. Das hat große Auswirkungen auf die Kolonie Angola. Endlich ist die Unabhängigkeit greifbar. Aber die Freiheitsbewegungen bekämpfen sich gegenseitig und ein Bürgerkrieg bricht aus. In diesen Wirren erschießt die Portugiesin Ludovica in Notwehr einen Mann. Sie vergräbt ihn auf der Dachterrasse und mauert sich in ihrer Wohnung ein. Während Ludovica ihr Überleben sichern muss, mit selbst gezogenem Gemüse und gefangenen Tauben, verändert sich die Welt da draußen. In den dreißig Jahren ihrer Einsamkeit kreuzen sich die Wege von Tätern und Opfern in bizarren Verwicklungen. Am Ende treffen alle Beteiligten vor Ludos Mauer aufeinander.
Diese fantastisch anmutende Geschichte wurde nach einer wahren Begebenheit erzählt. Die wirkliche Ludovica führte ein bruchstückhaftes Tagebuch und schrieb auf die Wände ihrer Wohnung. Aus diesen Aufzeichnungen hat José Eduardo Agualusa, einer der wichtigsten Portugiesisch schreibenden Autoren, einen wunderbaren Roman gemacht.
 
Sven Regener

Wiener Straße

Galiani Berlin
22,00 €, E-Book 18,99 €

Herr Lehmann ist zurück! Nach dem Spin-Off „Magical Mystery“, der Karl Schmidt in den Fokus nahm und Frank Lehman lediglich in Abwesenheit auftreten lässt, gibt es endlich einen neuen Roman von Sven Regener, der Herr Lehmann wieder in den Mittelpunkt rückt. Zeitlich füllt der im Jahr 1980 angesetzte Roman eine Lücke zwischen „Neue Vahr Süd“ und „Herr Lehmann“, in direktem Anschluss an „Der kleine Bruder“. Der WG-Einzug über Erwins Kneipe „Einfall“ bildet den Beginn von „Wiener Straße“, der das bekannte Personal durch weitere bizarre Charaktere ergänzt und gewohnt schräge und witzige Dialoge präsentiert. Die Handlung umspannt nur wenige Tage, gibt dabei jedoch lebendige Einblicke in die Künstler-, Kneipen-, Punk- und Hausbesetzerszene Kreuzbergs Anfang der 1980er Jahre. Mehr muss eigentlich nicht gesagt werden: Ein echter Regener halt!
 
Benjamin Lacombe

Marie Antoinette. Das geheime Tagebuch einer Königin

Jacoby & Stuart
29,95 €

Die Literaturwissenschaftlerin Barbara Vinken sagt in ihrem Buch „Angezogen“ über Marie Antoinette sinngemäß, dass diese vermittels ihres Putzes – mit ihrer „Modepolitik“ – die Monarchie zum Wackeln und schließlich zum Einstürzen brachte. Indem sie durch ihre Kleidung und ihre aufwändigen Frisuren ihre Lust und damit Individualität zur Schau stellte, nahm sie dem königlichen Körper die transzendente Dimension und somit die Ebene der Repräsentation der gottgewollten Ordnung. Ein Aspekt, der immer wieder in den wunderbaren Bildern von Benjamin Lacombe zu Tage tritt. Lustvoll illustriert er – sich immer wieder auch berühmter Porträts als Vorlage bedienend – eben diese Lust der letzten Königin Frankreichs. Die Lust nicht nur an aufwändigster modischer Kleidung und Toilette, sondern auch an der Lust selbst. Diesen präzisen und opulenten Bildern sind, neben einigen originalen Briefen Maria Theresias, immer wieder fiktive Tagebucheinträge Marie Antoinettes zur Seite gestellt, in denen sich Lacombe dem Innenleben dieser vielgescholtenen wie vielbesungenen schillernden Persönlichkeit nähert.
 
Marah Woolf

BookLess. Gesponnen aus Gefühlen

Oetinger Taschenbuch
8,99 €

Der Kampf um die Bücher geht weiter. Nachdem in diesem Frühjahr der erste Band der BookLess-Trilogie erschien, geht die bibliophile Abenteuergeschichte nun in die zweite Runde.
Die Enttäuschung über Nathans Verrat setzt Lucy noch stark zu. Dennoch muss sie irgendetwas gegen den geheimnisvollen Bund, der Bücher „ausliest“, um sie vermeintlich vor der Menschheit zu schützen, unternehmen. Schließlich werden alle „ausgelesenen“ Bücher aus dem kollektiven Gedächtnis der Menschheit gelöscht. Das kann Lucy als letzte Nachfahrin des jahrhundertealten Geschlechts der Hüterinnen nicht zulassen. Da sie gegen Nathans Großvater, der der Anführer des Bundes ist, nicht allein ankommen kann, ist sie auf Hilfe angewiesen. Doch ist es richtig ihre Freunde auch noch in Gefahr zu bringen? Und auf welcher Seite steht Nathan wirklich? Und welche besondere Verbindung besteht zwischen den beiden?
Wie bereits im ersten Band häufen sich die Fragen und treiben den Leser gespannt durch die Seiten in Erwartung der dazugehörigen Antworten, die sich peu à peu entfalten. Für jugendliche Leser ab 14 Jahren liefert die BookLess-Reihe ebenso unterhaltsame Lektüre wie für erwachsene Leser, die sich in eine leichte, etwas magisch angehauchte Geschichte fallen lassen möchten. Der große Vorteil: Wer erst jetzt einsteigt, muss nur noch zwei Monate auf das Finale der Trilogie warten.