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Glitterschnitter

Sven Regener

Glitterschnitter

Galiani Berlin

24,00 € (Gebunden)
19,99 € (E-Book)
24,00 € (Hörbuch)

Zurück in der Wiener Straße – Berlin Kreuzberg in den 1980ern. Ein Milchkaffee-Hype greift um sich und so wendet sich auch Erwin dem Trend zu und lässt Frank Lehmann im Café Einfall fleißig Milch aufschäumen – mit gemischten Reaktionen. Währenddessen wollen Charlie, Ferdi und Raimund mit ihrer neu gegründeten Band „Glitterschnitter“ auf der Wall City Noise auftreten. Doch zuvor müssen sie sich einigen, wie sie die Lautstärke der Bohrmaschine in Bezug auf Schlagzeug und Synthie regeln. P. Immel und Kacki von der ArschArt-Galerie wollen die „Intimfrisur“ zum „Café an der Wien“ umfirmieren und H.R. Ledigt soll ein Bild malen, will aber lieber eine IKEA-Musterwohnung zur Ausstellung bringen.
„Glitterschnitter“ ist wieder mal ein typischer „Regener“ – kuriose Charaktere, grandiose Dialoge in Manier feinster Tresenphilosophie und ein Kopfkino, das noch immer besser ist als jede Verfilmung.

 
Das Lächeln der Frauen

Nicolas Barreau

Das Lächeln der Frauen

Rowohlt Taschenbuch

10,00 € (Kartoniert)
9,99 € (E-Book)

Aurelie besitzt ein kleines, feines Restaurant in Paris. Vor wenigen Monaten hat sie es von ihrem Vater übernommen, der plötzlich verstarb. Das Kochen bedeutet viel für sie. Dabei kann sie ihrer Phantasie freien Lauf lassen, findet Ruhe und Befriedigung. Bücher liest sie eher selten. Und doch sind es ein Buch und sein Autor, die ihr Leben auf den Kopf stellen.
Aurelies Freund verlässt sie und so läuft sie unglücklich durch Paris und landet schließlich in einer kleinen Buchhandlung. Ein Roman findet ihre Aufmerksamkeit. Das Restaurant und seine Besitzerin kennt sie ganz genau: es ist ihres und die beschriebene Besitzerin sie selbst. Aber wer ist der Autor und woher kennt er das Lokal und Aurelie? Und so beginnt sie zu forschen, schreibt an den Verlag und versucht, Kontakt zum Schriftsteller aufzunehmen. Doch irgendwer stellt sich immer wieder in den Weg.
Dieser Roman ist unterhaltsam, romantisch und witzig. Er macht Lust auf eine Reise nach Paris oder, wenn das gerade nicht geht, wenigstens französische Küche.

 
Game Changer

Neal Shusterman

Game Changer. Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, alles falsch zu machen

Fischer Sauerländer

18,00 € (Gebunden)
14,99 € (E-Book)

Ash ist ein ganz normaler Junge, fährt ein klappriges Auto, hat sich in seinem Footballteam etabliert und nervt seinen kleinen Bruder. Eigentlich hat er es ganz gut getroffen. Bis er eines Tages bei einem Tackle in eine andere Dimension katapultiert wird und plötzlich alles anders ist, Stoppschilder sind blau, Freunde sind weg und dafür sind Fremde hinzugekommen. Es dauert eine Zeit lang, bis Ash versteht, dass er der Ursprung für diese Veränderung ist. Er hat es in der Hand, aber es ist leider nicht so einfach, schnell kann eine kleine Änderung unvorhergesehene Auswirkungen haben. So führt er versehentlich die Rassentrennung wieder ein und ist daraufhin arg bemüht, diesen Fehler wieder gerade zu biegen. Wird er die richtigen Entscheidungen treffen?
Dieses Buch greift aktuelle sozialkritische Themen wie Rassismus, Homophobie und Frauengleichstellung auf, verpackt diese in einer spannenden Geschichte über Parallelwelten, die zum Nachdenken anregt. Ab 14 Jahren.

 
Die Anomalie

Hervé Le Tellier

Die Anomalie

Rowohlt

22,00 € (Gebunden)
19,99 € (E-Book)
24,99 € (Hörbuch)

Als im März 2021 die Passagiere in New York ihren Flieger aus Paris verlassen, ahnen sie noch nicht, dass ihr Leben weitaus mehr durchgerüttelt werden wird, als während der Turbulenzen im Himmel. Drei Monate später nämlich landet exakt die selbe Maschine mit den selben Passagieren erneut. Wie kann das sein? Und was bedeutet das für die nun eigentümlich doppelt existierenden Passagiere und das Leben im Allgemeinen? Diese Krux bildet den Kernpunkt im neuen Roman des Oulipo-Präsidenten Hervé Le Tellier. Politiker, Geistliche und Wissenschaftler versuchen, der Bedeutung und Lösung dieser Problematik ebenso auf die Spur zu kommen wie ausgewählte Passagiere beider Flieger, die sich nun mit ihren Doppelgängern konfrontiert sehen. Philosophisch, experimentell, witzig, spannend sowie gespickt mit Kniffen, Anspielungen und Wendungen bereitet „Die Anomalie“ ein großes Lesevergnügen.

 
Die Bierkönigin von Minnesota

J. Ryan Stradal

Die Bierkönigin von Minnesota

Diogenes

18,00 € (Gebunden)
14,99 € (Gebunden)

Drei Frauen stehen im Mittelpunkt des neuen Romans von Stradal. Da ist zuerst Edith. Das Leben hat sie nicht verwöhnt, aber sie hat sich eingerichtet und ist zufrieden. Dann stirbt ihr Mann und gleichzeitig muss sie die Verantwortung für ihre halbwüchsige Enkeltochter Diana übernehmen. Das stellt Edith vor große Herausforderungen. Es reicht vorn und hinten nicht mehr.
Ediths Schwester Helen dagegen hat ihren Traum verwirklicht. Vom Vater mit dem Familienerbe bedacht, gelingt es ihr, eine große Brauerei aufzubauen.
Als Diana die Kasse ihrer Großmutter aufbessern will, wird sie beim Diebstahl erwischt. Aber sie darf ihre Schulden in einer Brauerei abarbeiten. Und dort fängt sie Feuer und mischt schon bald einzigartige Craft-Biere. Ihrer Großtante Helen passt das gar nicht.
Dieser Roman über mutige Frauen, Neuanfang und das Leben überhaupt ist ein Lesevergnügen und keineswegs nur für Bierkenner und -liebhaber.

 
Streithörnchen

Rachel Bright, Jim Field

Die Streithörnchen

Magellan Verlag

14,00 € (Gebunden)

Der Herbst kündigt sich an und die Waldbewohner suchen eifrig nach Vorräten, nur das Eichhörnchen Lenni hat andere Prioritäten. Während er entspannt im Baumwipfel schwingt, überlegt Eichhörnchen Finn wo er noch mehr Samen unterbringt. Plötzlich entdecken beide den letzten Zapfen des Jahres, der zählt für beide anscheinend wie Bares. Ein wilder Wettstreit beginnt zwischen den Zweien, denn der Zapfen kann ja nur einem gehören. Oder?
Dieses wunderschön illustrierte Bilderbuch handelt von Freundschaft und davon, wie schwierig das Teilen doch ist. Doch zeigt es auch, dass du gemeinsam lachend viel glücklicher bist. Ein Buch zum Lesen, Anschauen und im Herzen bewahren für alle Hörnchen und andere ab drei Jahren.

 
Flucht nach Patagonien

Jana Revedin

Flucht nach Patagonien

dtv

22,00 € (Gebunden)
16,99 € (E-Book)

Eugenia Errazuriz, geboren 1860, war Stilführerin in Paris. Vor allem aber förderte sie junge unbekannte Menschen. Sie hatte ein untrügliches Gespür für Talente. Errazuriz unterstützte Picasso und ebnete Coco Chanel den Weg in die Mode.
Ihr „letztes Talent“ war der Innenarchitekt und Designer Jean-Michel Frank. Um ihn, den Juden und Homosexuellen, zu schützen, überzeugt sie ihn 1937, mit ihr nach Patagonien zu reisen. Er soll dort ein großes Hotel ausstatten. Die lange Schiffsreise bietet die Möglichkeit des Rückblicks, auf Paris, Künstler und Freunde. Aber auch auf das eigene Leben. Nachdem seine Brüder im Ersten Weltkrieg gefallen waren, beging sein Vater Selbstmord. Seine Mutter wurde in eine Nervenheilanstalt eingeliefert. Frank selbst, seit seiner Geburt behindert und schwerst depressiv, versucht seinen Weg zu finden. Und das gelingt. Noch heute werden Möbel nach seinen Entwürfen hergestellt.
Durch genaue Kenntnisse ihrer Figuren und der Epoche, Einfühlungsvermögen und sprachliches Können gelingt Jana Revedin auch mit diesem Buch ein fesselnder, biographischer Roman.

 
Raumfahrer

Die Oberlausitz in der Gegenwart. Jan ist in seinen Dreißigern und arbeitet als Pfleger im Kamenzer Krankenhaus. Doch dieses wird bald geschlossen – wie das meiste in der Region. Als er von seinem Klienten Günter Kern einen Schuhkarton überreicht bekommt, öffnet sich die Vergangenheit. Nicht nur seine eigene, sondern auch die der Familie Kern mit Günters berühmt gewordenem Bruder Georg Baselitz. Doch welche Verbindung gibt es zwischen diesen beiden Familien? Und welche Geheimnisse hütete Jans Mutter vor ihm?
Wie bereits in seinem Debütroman „Mit der Faust in die Welt schlagen“ beschäftigt sich Lukas Rietzschel auch in „Raumfahrer“ mit der ostdeutschen Mentalität. Standen dort Radikalisierungstendenzen der Nachwendezeit bis zum Erstarken der PEGIDA-Bewegungen im östlichen Sachsen thematisch im Mittelpunkt, werden hier Familienschicksale und regionale Entwicklungen in und nach der DDR-Zeit in den Blick genommen. In einer Mischung aus Sittenbild, Generationen- und Künstlerroman springt der Text zwischen verschiedenen Zeit- und Erzählperspektiven, bis die Einzelteile sich schließlich zu einem Gesamtbild zusammenfügen.

 
Hurra, endlich Schule!

Hurra, endlich Schule!

Ellermann

15,00 € (Gebunden)

Plötzlich ist er da, ein neuer Lebensabschnitt. Der Kindergarten weicht der Schule, der Rucksack dem Ranzen und das Toben und Spielen dem Lernen. Auch heißt es Abschieden nehmen vom Kindergarten, wer wird dann mit einem in die Klasse gehen? Werden die Lehrer nett sein? Da kann einem schon etwas mulmig werden.
Mit seinen Geschichten über das Bauchkribbeln und Herzklopfen, beim langen Warten auf den ersten Schultag, das Freunde finden und Lernen, ist das Buch der perfekte Begleiter für den Start in das Schulleben. Vielleicht entdeckt der ein oder andere auch einmal Fledermäuse auf dem Dachboden der Schule, bändigt wilde Schlangen zu Schleifen oder es taucht plötzlich ein Pony auf dem Schulhof. Die Schule wird auf jeden Fall ein ganz großes Abenteuer.
Ein Vorlesebuch für alle, die sich die Wartezeit auf die Schule verschönern wollen, ab 5 Jahren.

 
W.

Steve-Sem-Sandberg

W.

Klett-Cotta

25,00 € (Gebunden)
19,99 € (E-Book)

„W“ steht für „Woyzeck“. Und dieser Name steht für ein Motiv, das seit Georg Büchners Dramenfragment von sämtlichen Kunstformen adaptiert wurde. In seinem neuen Buch geht Sem-Sandberg den Spuren der historisch verbürgten Person nach. Der Roman eröffnet mit der Tat – dem Mord an der Witwe Johanna Woost. In den Verhören vor der Rechtsprechung entfaltet Woyzeck sein Leben vom ersten Kontakt zu Johanna, als er als Zehnjähriger bei ihrem Stiefvater in die Lehre ging, über seine Wanderjahre mit verschiedenen Anstellungen und den Soldatenjahren im napoleonischen Krieg, der ihn quer durch Europa treibt, bis zu seiner Rückkehr nach Leipzig und dem erneuten Zusammentreffen mit Johanna. Der Verhörende muss die Frage der Schuld und Zurechnungsfähigkeit Woyzecks während der Tat klären. Dass der Autor diese Frage nicht eindeutig klärt, gehört zu den Stärken des Romans. Stattdessen zeichnet er den Lebensweg eines Menschen nach, der früh seine Mutter verloren hat, anschließend seinen Vater an den Alkohol, und den es fast etwas zu naiv und gutmütig ins Leben treibt. Als Lesende leiden wir mit Woyzeck in seinen scheiternden Liebesbeziehungen und den eindrücklichen Kriegserlebnissen. Und am Ende müssen wir die Schuldfrage für uns selbst klären. „W.“ ist zugleich äußerst ereignisreicher historischer Roman und spannendes psychologisches Porträt.

 
Da stimmt was nicht

Stefan Schwarz

Da stimmt was nicht

Rowohlt

18,00 € (Gebunden)
14,99 € (E-Book)

Ein neues Buch von Stefan Schwarz. Das bedeutet: gute Unterhaltung! Diesmal wird die Filmbranche unter die Lupe, beziehungsweise aufs Korn, genommen. Tom Funke ist die deutsche Stimme des Hollywoodstars Bill Pratt. Und da dieser gerade auf einer Welle des Erfolgs schwimmt, geht es auch Tom gut. Er hat eine neue Flamme, will in einer teuren Gegend ein Haus erwerben und nun kommt der Schauspieler selbst nach Deutschland zur Premiere des neuen Films und möchte seine Synchronstimme kennenlernen. Aber diese Begegnung hat Folgen, denn der Star hat eine Bitte. Und der nächste Morgen bringt einen handfesten Skandal ans Licht und Funkes Welt ist am Zusammenbrechen. Tom muss handeln und das tut er.
Stefan Schwarz, der Meister des hintersinnigen Humors, schreibt über einen Mann, der ungeahnt in Schwierigkeiten gerät, weil er seine Stimme jemand anderem leiht und damit sein Leben aus der Hand gibt. Und es beginnt eine rasante, komische Fahrt, die anders endet als erwartet.

 
Träume

Hengameh Yaghoobifarah

Ministerium der Träume

Blumenbar

22,00 € (Gebunden)
4,99 € (E-Book)
13,80 € (Hörbuch)

Es ist eine wirklich interessante Mischung – irgendetwas zwischen Großstadt-, Entwicklungs- und Kriminalroman. Dazu eine Prise ‚Road Movie‘. Bevölkert wird der Roman vorwiegend von vordergründig migrantisch gelesenem Personal – insbesondere den Vertreter*innen der zweiten und dritten Generation, die sich gerade vielerorts aufmachen, ihre Geschichten zu erzählen und sich somit eine eigene Identität zu erschreiben. Irgendwo im Niemandsland zwischen den Zuschreibungen der Eltern und den Erwartungen der gemeinen Kartoffel (darf ich das als Kartoffel überhaupt schreiben? Und bitte nicht angegriffen fühlen, liebe mitlesenden Co-Kartoffeln.). Neben Identität geht es um Rassismus – ob in der kleinen Geste oder im großen Vorurteil – um Freundschaft und darum, was das bedeutet, um die Frage, was wir voneinander wissen (können). Dennoch ist das hier kein Diskursroman, kein trockenes quasi philosophisches Lehrstück, sondern eine unterhaltsame und bewegende Geschichte.
Hengameh Yaghoobifarah kann schreiben. Den Namen sollte man sich nicht nur wegen ihrer gelegentlich leicht provokanten Kolumnen-Texte merken, sondern auch im Zusammenhang mit guter Literatur.

 
Zeus

Frank Schwieger

Ich, Zeus, und die Bande vom Olymp

dtv

13,95 € (Gebunden)
9,95 € (Kartoniert)
8,99 € (E-Book)
30,00 € (Hörbuch)

Ihr wollt Geschichte einmal anders erleben? Dann ist dieses Buch ein super Tipp für euch. In diesem Freundebuch nehmen es die Götter und Helden selber in die Hand, endlich allen die unverfälschte Wahrheit über sich zu berichten. Ein jeder stellt sich mit Bild und Steckbrief kurz vor und berichtet aus seinem spannenden und aufregenden Leben. So lernt man auf sehr amüsante und witzige Art und Weise die griechische Mythologie kennen. Könnt ihr euch vorstellen, warum Achilles in Mädchenkleidern herumlief? Oder was ein Apfel mit dem trojanischen Krieg zu tun hatte? Oder wusstet ihr, dass Zeus so viele Kinder gezeugt hat, dass er selber den Überblick über die Anzahl verloren hatte?
Dieses Buch ist informativ und lehrreich und weckt mit seiner humorvollen Art das Interesse an der Mythologie und sorgt bei Groß und Klein für Unterhaltung. Für alle Helden ab 10 Jahre.
Wer dieses Buch schon toll fand und vielleicht noch ein wenig mehr über Geschichte lernen möchte, der kann sich gern auch die weiteren Bände über die Wikinger, Römer und Ritter mal anschauen.

 
Menschen

Julius Fischer

Ich hasse Menschen, Bd. 2

Voland & Quist

15,00 € (Kartoniert)
8,99 € (E-Book)
16,00 € (Hörbuch)

Der Ich-Erzähler in Julius Fischers neuem Buch durchlebt gerade nicht unbedingt die beste Phase seines Lebens. Seine Frau will sich vom ihm scheiden lassen, ihr neuer Freund ist ausgerechnet sein Bandkollege Kilian und alle Freunde sind mit ihrem Nachwuchs voll und ganz beschäftigt. Dummerweise fehlt es dem Erzähler auch an Durchsetzungsvermögen und so erklärt seine (Ex-)Frau die gemeinsame Wohnung und das Auto kurzerhand zu ihrem Eigentum. Da kommt es sehr gelegen, dass der Großvater ihm seinen ehemaligen Gasthof „Deutsches Haus“ im ostsächsischen Sucknitz vererbt. Die Chance für einen Neuanfang? Doch wie soll es der Städter unter „Bauern, Hippies und Nazis“ in der ostdeutschen Provinz aushalten? Und was gehört eigentlich alles dazu, ein Gasthaus zu restaurieren und erfolgreich zu eröffnen?
Julius Fischer kreiert in seinem neuen Roman ein ganzes Arsenal an skurrilen Charakteren – viele neue und ein paar altbekannte. Es werden Klischees bedient und aufgebrochen, Kalauer wechseln sich mit gekonnt konstruierter Situationskomik ab und die misanthropische Einstellung des Erzählers wird im Laufe des Romans zusehends auf die Probe gestellt. Wie bereits beim Vorgänger „Ich hasse Menschen. Eine Abschweifung“ handelt es sich auch hier wieder um eine äußerst kurzweilige und unterhaltsame Lektüre.

 
Geheimnisse

Rose Tremain

Die innersten Geheimnisse der Welt

Insel

23,00 € (Hardcover)
12,99 € (E-Book)

Bath 1865. Clorinda hat den langsamen Tod ihrer Mutter begleitet. Jetzt ist sie aus Dublin hierhergekommen. Sie möchte endlich selbst über ihr Leben bestimmen und so verkauft sie das einzige wertvolle Erbstück. Mit „Mrs. Morrisseys elegantem Teesalon“ erfüllt sie sich einen Traum. Und während sie Zitronenkuchen, Scones und Erdbeermarmelade verteilt, wird sie Zeuge des Lebens Anderer. Die begnadete Krankenschwester Jane, die die Heirat mit einem Arzt ausschlägt und nach London geht. Und eben jener Arzt, der die Kränkung nicht erträgt und England verlässt, um seinen Bruder im Dschungel zu suchen.
Rose Tremain versteht es Geschichten zu erzählen. Dieser Roman ist voller Abenteuer und Sinnlichkeit. Eine Lektüre für den Liegestuhl mit einem Glas Wein an der Seite.

 
Lesen

Puppy Bishop

Lesen macht Spaß

360 Grad

8,00 € (Minibuch)
12,99 € (Hardcover)

Bücher sind etwas ganz tolles. Das finden auch die vier tierischen Freunde. Der Hase mochte aufregende und abenteuerliche Geschichten, der Igel liebte es, wenn sie ein gutes Ende nahmen und Maus und Fuchs mochten es, gemeinsam zu lesen. Die vier hatten jedoch nur ein Buch, welches Sie sich jeden Abend gegenseitig vorlasen. Eines Tages beschlossen sie, sich auf die Suche nach neuen Büchern zu machen. Vielleicht kann man sie ausbuddeln? Oder fallen sie wie Sternschnuppen vom Himmel? Doch dann kam es Ihnen vor wie in einem Traum, als sie ein Haus voller Bücher fanden. Dort gab es so viele verschiedene Bücher. Wem gehören sie bloß? Doch plötzlich hören die Freunde ein immer lauter werdendes Stapfen…
Diese Liebeserklärung an Bücher und das Lesen ist für kleine Zuhörer ab 3 Jahren. Die wunderschönen Illustrationen laden zum längeren anschauen ein und überall gibt es Kleinigkeiten zu entdecken. Am besten kuschelt man sich gleich zusammen und liest dieses Buch gemeinsam.

 
Himmel

Yulia Marfutova

Der Himmel vor hundert Jahren

Rowohlt

22,00 € (Hardcover)
18,99 € (E-Book)

Ein abgelegenes russisches Dorf um das Jahr 1918. Dass die russische Revolution bereits stattgefunden und sich somit ein gewaltiger Umbruch im riesigen Land vollzogen hat, ist in dem Dorf noch nicht angekommen. Doch auch dort gibt es einen Widerstreit zwischen Altem und Neuem – personifiziert durch die beiden „Dorfältesten“ Ilja und Pjotr. Ilja ist im Besitz eines mit Quecksilber gefüllten Glasröhrchens, mit dem er das Wetter vorhersagen kann. Pjotr hält nicht viel von diesem Röhrchen und bezieht sein Wissen lieber aus den Betrachtungen des Flusses und des Himmels. Eines Tages fällt Iljas Frau ein Messer auf den Boden und man weiß, was dieses Zeichen bedeutet: Ein Mann kommt ins Haus. Kurze Zeit später taucht ein Fremder in Offiziersuniform im Dorf auf – und bleibt.
Marfutovas Debütroman ist gespickt mit Anspielungen, Metaphern, sowie Spiegelungen von Glauben und Wissen, Altem und Neuem, Innen und Außen. Märchenhaftes vermischt sich mit revolutionären Ideen in einer Sprache, die so ungewöhnlich ist, dass sie einen sofort in ihren Bann zu schlagen vermag und auf jeder Seite erneut zum Schmunzeln bringt.

 
Daheim

Es ist wieder eine besondere, eine eigene Sprache, die man nach wenigen Sätzen der Autorin zuordnen könnte, wenn man nicht wüsste, wessen Roman man gerade liest. Es ist wieder langsam erzählt, kein voller Plot, in dem ein Ereignis das nächste jagt. Es ist genau, es ist stark in den Details, präzise Bilder und Beschreibungen, die Stimmungen erzeugen, Assoziationen aufrufen. Es ist Judith Hermann.
Wie der Titel schon vermuten lässt, ist der Roman eine Auseinadersetzung mit Zugehörigkeit, mit dem Gefühl des Zu-Hause-Seins, mit dem (Er-)Finden einer Heimat. Die Protagonistin ist nach einem ganzen halben Leben ans Meer gezogen, ein kleiner Ort, in dem auch ihr Bruder, der sein Leben ebenfalls nicht vor Ort verbracht hat, gelandet ist. Sie arbeitet bei ihm in der Kneipe, die Nachbarin wird schnell zur Freundin – wie sollte es auch anders sein, sie wohnt schließlich gleich nebenan. Auch deren Bruder, den Bauern, der den elterlichen Hof übernommen und erweitert hat, lernt sie kennen, fühlt sich angezogen. Dem Exmann schreibt sie kleine Briefe – Miniaturen. Die Tochter schickt GPS-Koordinaten von fernen Orten, an denen sie sich gerade befindet – und ist auch sonst recht fern.
Es ist ein Versuch. Geht das: Wurzeln schlagen?

 
Beautiful Things

Hunter Biden

Beautiful Things

Hoffmann & Campe

22,00 € (Hardcover)
16,99 € (E-Book)

Ja, Hunter Biden ist der Sohn des US-Präsidenten und ja, in diesem Buch geht es nicht ohne Politik. Und ja, er ist privilegiert. Schon als Kind geht er in Staatsgebäuden ein und aus, Senatoren spielen mit ihm. Aber hier erzählt Hunter Biden seine ganz persönliche Geschichte.
Der frühe Verlust der Mutter, sie starb bei einem Autounfall als Hunter zwei Jahre alt war, hat ihn geprägt. Sein Vater versuchte, zusammen mit der ganzen Familie, den Schmerz zu lindern. Beau, der älteste Sohn, wird die wichtigste Bezugsperson in Hunters Leben. Die beiden Brüder sind unzertrennlich. Doch während Beau seinen Weg geht und Verantwortung für andere übernimmt, stürzt Hunter immer wieder ab. „Wir waren zwei Seiten einer Medaille. Der größte Unterschied zwischen uns beiden war: Ich trank, Beau trank nicht.“ Hunter Biden berichtet schonungslos von seinem Absturz in die Drogenhölle, vom Kampf mit den Dämonen des Alkohols.
Diese Beichte bewegt von der ersten bis zur letzten Seite.

 
Taschendieb

U.S. Levin

Der blaue Taschendieb

Mitteldeutscher Verlag

9,00 € (Taschenbuch)

Bühlerstädt ist eine Kleinstadt, wie es sie recht häufig gibt. Dort ist das Leben noch ruhig und beschaulich. Aber leider nicht immer, denn auch hier treiben Gauner ihr Unwesen. Zum Glück gibt es die vier Kinder Trixi, Anton, Moritz und Paul, die ihre Umgebung sehr genau wahrnehmen und den Ganoven den Kampf ansagen. Dabei kommt ihnen gelegen, dass Anton davon träumt, einmal Kriminalkommissar zu werden. So tüfteln sie gemeinsam an Plänen, um Dieben und Einbrechern einen Strich durch die Rechnung zu machen. Und was dabei blaue Sprühfarbe für eine Rolle spielt, findet ihr am besten selber heraus.
Der Markkleeberger Autor Levin hat in diesem Buch neun spannende Krimigeschichten für Leser von 9 bis 12 Jahren geschaffen. Neben ausgeklügelten kriminalistischen Plänen handelt das Buch auch von Freundschaft, Verantwortung und Generationen. Ein idealer Tipp für alle jungen Krimifans.

 
Junischnee

Ljuba Arnautović

Junischnee

Paul Zsolnay Verlag

22,00 € (Hardcover)
16,99 € (E-Book)

Zum Schutz vor den Nationalsozialisten schickt die dem Republikanischen Schutzbund angehörende Eva ihre beiden Söhne Slavko und Karl 1934 von Wien aus gen Osten. Zunächst verbringen die beiden Ferien auf der Krim und gelangen anschließend mit weiteren „Schutzbundkindern“ nach Moskau in eine eigens für sie als Heim umfunktionierte Villa. Doch die Fürsorge und das Wohlwollen der Sowjetunion den deutschsprachigen Kindern gegenüber wandelt sich, nachdem Hitler seinen Pakt mit Stalin bricht. Slavkos Spuren verlieren sich, Karl verbringt einige Zeit als Straßenjunge, wird aufgegriffen, gelangt in eine Besserungsanstalt und landet schließlich als „Volksfeind“ für zehn Jahre im Gulag. Dort lernt er zum Ende seiner Haftzeit die Russin Nina kennen, seine zukünftige Ehefrau und Mutter der Autorin. Gemeinsam kehren sie nach Karls Entlassung nach Österreich zurück, doch Nina leidet an gewaltigem Heimweh. Die weltpolitische Lage hat sich beruhigt, doch die Krise im Privaten beginnt…
Nach dem Lesen dieses dünnen Buches hat man das Gefühl einen komprimierten 800-Seiten-Roman gelesen zu haben. Wie bereits in ihrem ersten Roman „Im Verborgenen“ verarbeitet Arnautović in „Junischnee“ ihre eigene Familiengeschichte. Stand dort Ihre Großmutter im Fokus, sind es hier nun ihre Eltern. Schlicht erstaunlich ist, wie pointiert und konzentriert sie in diesem Roman deren Einzelschicksale über Jahrzehnte nachzeichnet und auf den wenigen Seiten eine Intensität erzeugt, die nach der Lektüre lange nachhallt.

 
Eurotrash

Christian Kracht

Eurotrash

Kiepenheuer & Witsch

22,00 € (Hardcover)
18,99 € (E-Book)

Christian Kracht ist ein Spieler. Und er nimmt das Spiel sehr ernst. In Eurotrash spielt er – wie schon in Faserland von 1995 – mit der eigenen Biographie bzw. der eigenen Identität. Ein Spiel unter veränderten Vorzeichen. 25 Jahre später und mit der Schweiz als Ausgangspunkt statt als Endpunkt einer Reise.
Der Protagonist ist anders als in Faserland nicht nur über biographische Details mit dem Autor assoziiert, sondern hier gewissermaßen mit diesem identifiziert. Er trägt den Namen Christian Kracht, genauso wie sein Vater, der Karriere im Springer-Konzern gemacht hat und vor einigen Jahren gestorben ist. Aber spätestens hier fängt es an: hat letzterer seinen US-amerikanischen Universitätsabschluss und die anschließende Anstellung beim San Francisco Chronicle tatsächlich erfunden und die „Beweisfotos“ gefälscht? Welcher Christian ist der Fälscher? Und wie steht es um das Bild, das von der Mutter gezeichnet wird, um die es hier eigentlich geht, mit der der Sohn auf Reisen geht. Von diesen Fragen ist es nicht weit zu den großen Fragen nach der Öffentlichkeit, nach der Identität, nach der Wahrheit. Neben diesen Themen, die immer mitlaufen, geht es auch ganz konkret um Missbrauchserfahrungen, Meckibücher und Marlene Dietrich. Und natürlich wieder um das Hereinreichen des vermeintlich historischen Nationalsozialismus in unsere Gegenwart.
Wieder mal ein Buch von Christian Kracht, das voller Bezüge steckt, das hunderte Fährten auslegt, denen man folgen kann, das Oberfläche mit Tiefe verbindet, über das man wissenschaftliche Abhandlungen schreiben kann, das man aber auch einfach nur mit Vergnügen lesen kann.

 
Sommer der Träumer

Polly Samson

Sommer der Träumer

Ullstein

20,00 € (Taschenbuch)
15,99 € (E-Book)
20,00 € (Hörbuch)

Die griechische Insel Hydra ist Schauplatz des Romans von Polly Samson. Für diesen hat sie einen faszinierenden Stoff gefunden. Von 1960 bis 1967 war die Insel Lebensmittelpunkt einer kleinen Künstlergemeinschaft um den großen Leonard Cohen. Der Musik hatte er sich noch nicht verschrieben, aber als Schriftsteller schon einige Berühmtheit erlangt.
Die Protagonistin Erica Hart kommt auf Einladung einer Freundin nach Hydra. Mit Jimmy genießt sie Sonne und Meer und lernt die neue Freiheit zu lieben. Erica bewundert ihre Mitbewohner für deren kompromisslose Suche nach einem anderen Leben. Aber es ist nicht alles eitel Sonnenschein und die Beziehungen der Freunde sind einem ständigen Wandel unterworfen. Spannungen bleiben nicht aus. Paare trennen sich…
Der Roman verbindet biographische Eckpunkte mit glaubhafter Fiktion. Ein unterhaltsames und informatives Lesevergnügen.

 
Sandmännchen

Christian Dreller

Das Sandmännchen unterwegs

Carlsen

15,00 € (Hardcover)

Auch in der Ferienzeit, wenn andere Urlaub machen, hat unser Sandmännchen alle Hände voll zu tun. Aber es erlebt auch mit den Kindern in aller Welt spannende Abenteuer und steht mit Rat und Tat zur Seite. So hilft es Jule, ihren Kuschelhasen Mümmel wieder zu bekommen, nachdem dieser durch einen vertauschten Koffer verschwunden war. Finn und Anton eilt es als Dolmetscher zu Hilfe und mit Emily und Marie rettet es das kleine Kälbchen vor der Hallig aus dem Watt. Und an jedem Abend verteilt es dann wieder fleißig seinen Traumsand.
Dieses einfühlsame Vorlesebuch umfasst 20 Gute-Nacht-Geschichten aus dem Kinderalltag und lädt große und kleine Leser und Zuhörer ab 3 Jahren zum Träumen und Kuscheln ein. Die zahlreichen bunten Illustrationen runden das Vorlesevergnügen perfekt ab.

 
Der rote Judas

Dieser Krimi beginnt 1920 in Leipzig. Paul Stainer kommt traumatisiert aus französischer Kriegsgefangenschaft. Zu seiner großen Überraschung kann er seinen alten Job als Kriminalinspektor wieder aufnehmen. Der einzige Lichtblick, denn seine Frau hat nicht mehr an seine Rückkehr geglaubt und lebt mit einem neuen Mann zusammen. Stainer selbst leidet an einer Amnesie und hofft, dass keiner seiner Kollegen und Vorgesetzten etwas davon mitbekommt. Dann aber kann er sich in die Arbeit stürzen. Eine Mordserie erschüttert die Stadt. Stainer und sein Kollege Junghans geraten auf die Spur der „Operation Judas“ . Und den Kommissar verbindet mehr damit als er ahnt.
Thomas Ziebulas Kommissar Stainer ist eine Figur voller Widersprüche, die Reise in das Leipzig der Zwanziger Jahre interessant und unterhaltsam, vor allem wenn man die Stadt etwas kennt.
Der Roman ist Auftakt zu einer Reihe und der zweite Band „Abels Auferstehung“ gerade erschienen.

 
Adas Raum

Sharon Dodua Otoo

Adas Raum

S.Fischer

22,00 € (Hardcover)
18,99 € (E-Book)

Vor fünf Jahren gewann Sharon Dodua Otoo den Ingeborg-Bachman-Preis und nicht nur ihr experimentierfreudiges Erzählen kommt in ihrem Debütroman wieder zum Vorschein, sondern auch die Erzählinstanz des Frühstückseis, das in „Herr Gröttrup setzt sich hin“ nicht hart werden wollte und bereits dort von seinen bisherigen verschiedenen Daseinsformen berichtete, taucht in „Adas Raum“ wieder auf. Der Roman erzählt durch die Jahrhunderte in Schleifen von vier Adas: einer Mutter im westafrikanischen Totope des Jahres 1459, 1848 ist sie eine Mathematikerin in London, 1945 eine Prostituierte in einem Konzentrationslager und 2019 eine junge Schwangere auf Wohnungssuche in Berlin. Ein immer wiederkehrendes Armband sowie Gespräche zwischen einer göttlichen Instanz und der „Wesenheit“, die im Bachmann-Preis-Text bereits als Ei auftrat und hier in den einzelnen Episoden in verschiedene Gegenstände inkarniert, verbinden die räumlich und zeitlich getrennten Einzelteile, lassen jedoch auch Interpretationsspielraum für die Lesenden.

 
Anton das Bison

Lou Beauchesne

Anton das Bison

Carlsen

9,00 € (Hardcover)

Wer ist Anton? Anton ist haarig, mutig, groß und stark. Dies ist auch kein Wunder, denn er ist ein Bison. Er lebt in einem Buch, in dem er der Held ist. Louis ist ein kleiner schüchterner Junge, dem dieses Buch gehört. Zuvor gehörte es seinem Vater und davor dessen Vater. Er liebte dieses Buch und nahm es überall mit hin: auf den Spielplatz, zum Zahnarzt, ins Schwimmbad. Doch eines Tages werden die beiden durch einen dummen Zufall getrennt, Anton landet in der Bibliothek und nach einem kleinen Sturz sitzt das Bison plötzlich neben seinem Buch. Was ist da bloß los und wird es Louis jemals wieder sehen?
Eine berührende Geschichte über echte Freundschaft, die Hoffnung, die man nie aufgeben sollte und die Liebe zu Büchern. Die Illustrationen runden die Erlebnisse wunderbar ab. Das Buch ist ideal für Erstleser ab 7 Jahren, aber auch zum Vorlesen für jüngere Zuhörer bestens geeignet.

 
Kindheit

Tove Ditlevsen

Kindheit

Aufbau

18,00 € (Hardcover)
13,99 € (E-Book)

Schon von klein auf ist Tove bewusst, dass sie anders ist als die Mädchen in ihrem Alter. Während diese im Hinterhof davon träumen, später den richtigen Mann zu finden, Kinder zu bekommen und Hausfrau zu werden, möchte sie später Schriftstellerin und eigenständig werden, sprich: unabhängig von einem Mann leben. Da dieser Wunsch für ein Mädchen im Arbeitermilieu Dänemarks der 1920er Jahre ziemlich abwegig ist, schreibt sie zunächst nur heimlich Gedichte in ihr Poesiealbum. Als Tove jedoch kurz vor ihrer Konfirmation einen Kontakt zum Kulturressort der Zeitung bekommt, wächst ihre Hoffnung, doch ein Gedicht veröffentlichen zu können.
„Kindheit“ ist nur der erste Band, der gerade auf Deutsch erschienenen Kopenhagen-Trilogie, in welcher die dänische Autorin Tove Ditlevsen aus ihrem Leben berichtet. „Jugend“ handelt von der Zeit nach der Schule bis zu den ersten schriftstellerischen Erfolgen, in „Abhängigkeit“ ist sie bereits eine angesehene Schriftstellerin, gerät jedoch in eine gefährliche Schmerzmittelsucht, die nicht nur ihr Schreiben, sondern sogar ihr Leben bedroht. Neben Tove Ditlevsens ungewöhnlichem Lebenslauf, der vor allem im dritten Band einen äußerst dramatischen Punkt erreicht, ist es vor allem auch ihr besonderes Verhältnis zur Sprache und Literatur, welches den Reiz dieser autobiographischen Erzähltexte ausmacht, die aktuell in 16 Sprachen übersetzt werden.

 
King Zeno

Nathaniel Rich

King Zeno

Rowohlt

24,00 € (Hardcover)
19,99 € (E-Book)

New Orleans nach dem Ersten Weltkrieg ist eine Stadt voller Widersprüche. Eine explosive Mischung aus Rassismus, Prostitution, Kriminalität und gesellschaftlichen Gegensätzen. Aber es ist auch der Ort für die Geburtsstunde des Jazz. In diesem Hexenkessel treibt ein Axtmörder sein Unwesen. Ermittler Bill Bastrop, traumatisiert aus dem Krieg zurückgekehrt, kämpft bei seinen Untersuchungen mit Vorurteilen, der Unterwelt und den eigenen Dämonen. Der junge schwarze Trompeter Izzy Zeno will Musiker sein, den Jazz bekannt machen und damit berühmt werden. Stattdessen schuftet er beim Bau eines Kanals um Frau und Tochter durchzubringen. Nicht zuletzt gibt es die Mafiapatin Beatrice Vizzini, die unwissentlich dem Mörder näher steht, als sie denkt. In diesem Roman verschmelzen die Geschichten der drei Hauptfiguren zu einem spannenden Krimi. Mit genau recherchierten Hintergründen schafft es Nathaniel Rich, dem Leser die aufgeladene Atmosphäre zu vermitteln. Es ist die Mischung aus Thriller und historischem Roman, die fesselt.

 
Königreich

Szczepan Twardoch

Das schwarze Königreich

Rowohlt

24,00 € (Hardcover)
19,99 € (E-Book)

Von einem düsteren Damals berichten Ryfka und David. Aus dem Hiermals heraus, in das sie sich hinübergerettet haben. Das sie mit List, dem notwendigen Opportunismus und vor allem starkem Überlebensdrang erreicht haben. Das Damals, von dem sie abwechselnd aus ihrer je eigenen Perspektive berichten, ist der Einzug der deutschen Truppen in Warschau, ist die Große Aktion, sind die alltäglichen Überlebenskämpfe in den Trümmern der vergewaltigten Stadt. Das Hiermals, von dem aus sie sprechen, ist kein Zeitpunkt, es ist die Position, von der aus sie sprechen. Es ist die Position der Erzählinstanz, die jetzt, hier, da alles vergangen ist, über das Wissen um das Geschehene verfügt. Verbunden sind die beiden Protagonisten über einen dritten: Jakub Shapiro, Boxer und Unterweltgröße, der Twardoch-Lesern schon aus dessen letztem Roman bekannt ist, um dessen Leben die der beiden anderen kreisen.
Auch in diesem erzählerisch wie ästhetisch wieder herausragenden Roman von Szczepan Twardoch spielt nicht nur die Erzählung, sondern auch das Erzählen ein große Rolle. Gleichzeitig geht einem furchtbar nahe, was geschildert wird – so weit Literatur das zu leisten imstande ist, wird einem die Brutalität des Alltags in diesem schrecklichen Krieg, die Grausamkeit der Nationalsozialisten und ihrer Helfer sowie das notwendige Zurücktreten moralischer Kategorien vor Augen geführt.

 
Mercuria

Michael Römling

Mercuria

Rowohlt

24,00 € (Hardcover)
19,99 € (E-Book)

Man schreibt das Jahr 1566. Rom ist in Aufruhr. Der neue Papst widmet sich nicht nur den Ketzern, sondern verfolgt auch die Verfehlungen seines eigenen Standes. Und so fürchten viele von den Bütteln des Pius, verhaftet, gefoltert und gerichtet zu werden.
Zu dieser Zeit trifft Michelangelo, ein junger Mann, der mit dem Verkauf von zweifelhaften Nachrichten sein Geld verdient, auf Mercuria.
Einst war sie eine begehrte Kurtisane. Ihre Beziehungen reichen immer noch bis in die höchsten Kreise der Gesellschaft, obwohl sie sich zur Ruhe gesetzt hat. Und sie ist reich, sehr reich. Auf ihrem Anwesen haben viele eine Bleibe gefunden. Dort begegnet Michelangelo Gennaro. Der Steinmetz und Raubgräber sucht nach antiken Statuen. Aber die beiden finden eine Leiche mit sechs Fingern an jeder Hand. Sie stolpern über lang begrabenen Geschichten voller Blut und Gewalt. Mercuria spielt eine wichtige Rolle darin.
Wie in seinem Roman „Pandolfo“ wendet sich Michael Römling auch in „Mercuria“ der italienischen Renaissance zu. Er versteht es, historische Ereignisse spannend und farbig zu erzählen. Ein Lesevergnügen!

 
Straße

André Kubiczek

Straße der Jugend

Rowohlt

22,00 € (Hardcover)
19,99 € (E-Book)

Wir erinnern uns an die letzten Sommerferien Renés im Potsdam des Jahres 1985, die uns in „Skizze eines Sommers“ äußerst lebhaft in den Kopf projiziert worden sind – Sturmfrei, Feriengeld vom Vater, viel Zeit mit den Freunden im Café, Discobesuche, Gespräche über Literatur, Musik und Kunst sowie natürlich die Suche nach dem richtigen Mädchen und der großen Liebe. In „Straße der Jugend“ erzählt Kubiczek die Geschichte Renés nahtlos weiter. Die Ferien sind vorüber und der Umzug ins Hallenser Internat steht bevor. Wird die frische Beziehung mit Victoria diese räumliche Trennung überstehen? Und welche Bedeutung hat die seltsame Anziehungskraft, die seine „Seelenfreundin“ Rebecca noch immer auf ihn ausübt? Aber erst mal gilt es sich einzufinden in die neue Umgebung mit neuen Menschen um sich herum. Im Ich-Erzählerton schildert René rückblickend die Veränderungen und Überraschungen, die ihm im folgenden Jahr sowohl in Halle, als auch im heimischen Potsdam zugestoßen sind. Der unverkrampft-jugendliche Ton, mit dem Kubiczek René aus seinem Leben erzählen lässt, macht diesen Internatsroman zu einem großen Lesevergnügen. Hier werden sowohl Allgemeinplätze einer Coming-of-Age-Geschichte bedient, als auch spezielle Umstände des Heranwachsens in der DDR-Lebenswirklichkeit auf diversen Ebenen verhandelt.

 
Waldhelden

Andrea Schütze

Die wilden Waldhelden

Ellermann

12,00 € (Hardcover)
8,99 € (E-Book)
10,00 € (Hörbuch)

Vier Tierkinder, die nicht unterschiedlicher sein könnten, beschließen eine Bande zu gründen. Die vier Mitglieder sind der neugierige Fuchsjunge Mikkel, das sich ständig sorgende Hirschkälbchen Flora, der turbulente Frischling Rufus und das kleine Waschbärmädchen Flora mit dem Putzfimmel. Zusammen sind sie nun die vier wilden Waldhelden und das erste Abenteuer lässt nicht lange auf sich warten. Untypische Dinge geschehen im Honigwald, denn ein Waldkindergarten entsteht auf der Veilchenlichtung. Leider scheinen sich nicht alle Kindergartenkinder darüber zu freuen. Der kleine Diego sitzt allein und schluchzt vor lauter Heimweh. Klar, dass die 4 WWH Diego zur Seite stehen und ihm helfen wollen.
Was sie sich ausgedacht haben, finden große und kleine Leser ab 4 Jahren in diesem liebevoll illustrierten Vorlesebuch heraus. Andrea Schütze hat hier vier wunderbare Charaktere geschaffen, die alle grundverschieden sind, sich aber dennoch perfekt ergänzen und sich in die Herzen der Leser schleichen. Auf die, die nicht genug von den Tierkindern bekommen können, warten noch weitere Abendteuer der 4 WWH darauf gelesen zu werden.

 
Eroberung

Laurent Binet

Eroberung

Rowohlt

24,00 € (Hardcover)
19,99 € (E-Book)

Laurent Binet schreibt in seinem neuen Roman die Geschichte um. Der Kippmoment, an dem er die Stellschrauben verändert, ist die Eroberung Amerikas durch die Europäer nach dessen Erkundung durch Kolumbus. In „Eroberung“ reisen die Wikinger nicht nur bis nach Nordamerika, sondern ziehen die Küste weiter herab bis nach Südamerika. Dadurch sind die Indios 500 Jahre später, als Kolumbus anlandet, nicht nur immun gegen die Pockenviren der Europäer, sondern auch kampferprobt. Kolumbus wird die Karibik nicht mehr verlassen. Stattdessen segelt ein paar Jahrzehnte später der Inkaherrscher Atahualpa über den Atlantik, wird nicht nur König von Spanien, sondern auch Kaiser des Heiligen Römischen Reichs. Der Kult des Sonnengottes ersetzt das Christentum, in Wittenberg werden die „95 Sonnenthesen“ angeschlagen und Michelangelo wird mit der Anfertigung einer Statue des Sonnengottes Viracocha beauftragt. Nebenher treffen der Maler El Greco, der Schriftsteller Cervantes und der Philosoph Montaigne aufeinander.
„Eroberung“ ist ein gleichermaßen geistreicher wie witziger historischer Abenteuerroman, der die weitreichenden Auswirkungen auf zahlreiche historische Ereignisse und Persönlichkeiten durchspielt, wenn nur an zwei ursprünglichen kleinen Stellschrauben gedreht wird.

 
Park

Marius Goldhorn

Park

Suhrkamp

14,00 € (Kartoniert)
13,99 € (E-Book)

Wenn der Antiheld in Marius Goldhorns Debüt-Pop-Roman im wirklichen Leben, dem real life also, angesprochen wird, reagiert er auf den Namen Arnold. Mitte Zwanzig, (Wahl-)Berliner, Poet, verzettelt in viel zu viele kulturell distinktive Referenzen und die meiste Zeit verloren in einem Mehr von beliebig aufgerufenen Tabs. Zwischen iPhone und MacBook (Christian Krachts Barbourjacken?), GoogleMaps und Youtube verhandelt der Protagonist für oder vor uns, was Aufmerksamkeitsökonomie im 21.Jahrhundert bedeuten mag. Nämlich vor allem, dass für (zu) viele (von ‚uns‘) Distanz kollabierte und damit eine kritische Reflexion erschwert wird: Selbst Yoga, wie in einer Szene des Romans, eine Praktik also der Selbstsorge, Innerlichkeit und gerichteten, wie bewussten Aufmerksamkeit verkommt als Tab, im Youtube-Tutorial und wird darüber eingespeist in den Mahlstrom der Nivellierungen.
Arnold sollte also „öfters aus dem Haus kommen“ wie Salma, eine Freundin auf einer belanglosen Party es fasst, öfter den Schritt aus dem virtuellen ins analoge(-re) Leben versuchen und damit eine Unterscheidung vornehmen. Am Leben, im Hier und Jetzt, im „Park“ teilhaben, dem Bedeutung beimessen, sich interessieren, sich möglicherweise engagieren. Das alles aber hat Arnold verlernt – oder eben nie erlernt. „Ich kann meine Bedürfnisse viel besser online ausdrücken“, scheint hier die Schlüsselsentenz zu sein.
Ganz in der Tradition des Pop(-romans) ist auch das aber zu viel: in lakonischen Hauptsätzen und ins Minimalste verzerrten Dialogen trägt auch „Park“ das zu viel auf poetologischer Ebene aus. Ein zu viel, wenn doch soundso alles belanglos und unbedeutsam ist, wenn eh alles „egal“ ist oder nur mit einem „keine Ahnung“ quittiert werden kann. Zwei Aussagen, die (fast) jedes ‚Gespräch‘ beenden. Die Nicht-Handlung, Stränge, die sich ebenfalls im Minimalen verlaufen, spült Arnold über Paris – wo er drei Tage auf seinen Flieger wartet und mehr Zeit in den Wikipedia-Artikeln zu Paris oder den Sehenswürdigkeiten dort verbringt, als mit oder vor diesen – nach Athen, wo er Odile, als Chiffre einer Liebe, auf die es (doch) noch zu hoffen gilt, bei einem Filmdreh helfen soll. Auch hier vor allem zu viel, viel „egal“ und häufig „keine Ahnung“. Jedenfalls zu viel real life, dessen Anforderungen eben nicht mit dem Schließen eines Fensters oder dem Wechseln eines Bildschirmhintergrundes zu begegnen ist… und so verläuft auch diese Episode. Zumindest bis zu dem Punkt, an dem kurz vor Arnolds Abflug das Stromnetz zusammenbricht, der Akku des MacBook erschöpft ist, damit plötzlich alles stillliegt. Und wirklich wieder das sein kann, was nicht medial vermittelt ist.

Sicherlich etwas zu moralisierend, funktioniert Marius Goldhorns „Park“ aber dennoch: Als kurzweiliger Roman, der die Popliteratur ins 21. Jahrhundert ein-schreibt und uns als Leser*innen mit allerhand Titeln für die nächste Spotify-Playlist versorgt, in die wir im Zwischen von Push Nachrichten und Katzenvideos eintauchen können.

 
Ein-Mann-der-Kunst

Kristof Magnusson

Ein Mann der Kunst

Kunstmann

22,00 € (Hardcover)
7,99 € (E-Book)

Das Museum Wendevogel in Frankfurt erhält die Möglichkeit zu einem spektakulären Neubau. Der Förderverein muss über die Nutzung entscheiden. Dem Vorschlag, das Gebäude einem Künstler zu widmen, nämlich KD Pratz, stehen nicht alle Mitglieder wohlwollend gegenüber. Er ist weltberühmt, seine Kunst wird hochgehandelt, aber Pratz selbst gilt als schwierig, hat sich der Vereinnahmung durch den Kunstbetrieb entzogen. Auf einer Burg über dem Rhein thront er, zurückgezogen von der Öffentlichkeit. Pratz will mit der verlogenen Welt nichts zu tun haben. Und so sprengt er Drohnen in die Luft, von denen er sich beobachtet fühlt oder verhindert Sendemasten in der Nähe. Seinen Nachruhm zu sichern liegt ihm allerdings doch am Herzen. Und so stimmt der Künstler einem Treffen mit dem Förderverein auf seiner „Feste“ zu. Der jährliche Ausflug führt in das Allerheiligste und die Kunstförderer treffen auf ihr Idol.
Kristof Magnusson erzählt mit großer Meisterschaft von dieser Begegnung, leuchtet die Untiefen des Kulturbetriebes aus. Und das auf äußerst unterhaltsame Weise, wahrhaftig und heiter.

 
Das-kleine-Nickerchen

Katja Reider

Das kleine Nickerchen

Esslinger

14,00 € (Hardcover)

Kennt ihr das kleine Nickerchen? Nein? Dabei kommt es immer dann zu euch, wenn ihr ganz müde sein. Egal ob das nun zum Mittagsschlaf ist oder irgendwann dazwischen. Die meiste Arbeit hat es allerdings abends. Dann verlässt es seine gemütliche kuschelige Traumwolke, hat sein Säckchen voll Sternenstaub dabei und bringt die Tierkinder in einen ruhigen Schlaf. Aber manchmal geht es nochmal turbulent her, so zum Beispiel, wenn sich die Igelkinder Pips und Pünktchen mal wieder streiten oder der kleine Fuchs noch seine Eltern sucht und der Hase sein Schnuffeltuch auf dem Baum vergessen hat. Dem kleinen Nickerchen ist keine Anstrengung zu schwer, um die tierischen Kinder sanft in die Traumwelt zu begleiten.
Die liebevollen Illustrationen runden die schöne Geschichte perfekt ab. Dieses Buch hat genau die richtige Mischung aus Abenteuer und Ruhe, so dass kleine Zuhörer ab zwei Jahre schnell und friedlich ins Traumreich entschlummern werden.

 
Thierleben

Kat Menschik & Mark Benecke

Kat Menschiks und des Diplom-Biologen Doctor Rerum Medicinalium Mark Beneckes Illustrirtes Thierleben

Galiani Berlin

20,00 € (Hardcover)

Wem Mark Benecke ein Begriff ist, weiß auch um dessen enge Beziehung zu allen möglichen Insekten. Denn als weltbekannter Kriminologe sind genau diese seine besten Mitarbeiter. Seiner Tierliebe, die im Übrigen nicht nur Insekten gilt, räumt er auch in seinem Wissenschafts-Podcast regelmäßig Platz ein, um auf die einzigartigen tierischen Wesen und deren beeindruckende und amüsante Eigenschaften aufmerksam zu machen. Dies tut er auch in diesem Buch und überrascht mit schrägem Wissen und Kuriositäten wie zum Beispiel den Glühwürmchen, mit deren Hilfe einst der Kriegspfad ausgeleuchtet wurde oder dem Pfeilstorch, der mit pfeildurchbohrtem Körper von Afrika nach Europa flog.
Die Illustratorin Kat Menschik hört gern Radio, stieß so auf Beneckes Tierbetrachtungen und der Wunsch nach einem gemeinsamen Buch wuchs. So entstand dieses wunderschöne, brillante Tierbuch mit allerlei Überraschungen in einer hochwertigen Ausstattung mit farbigem Prägedruck auf dem Einband, schwarzem Schnitt und wunderbaren Illustrationen.

 
Serpentinen

Olivia Wenzel

1000 Serpentinen Angst

S.Fischer

21,00 € (Hardcover)
18,99 € (E-Book)

Die Erzählerin in Olivia Wenzels Roman „1000 Serpentinen Angst“ steht an einem Bahnsteig, wartet auf den Zug und schaut auf ihr Leben zurück. In assoziativen Sprüngen erliest man ihr bisheriges Leben. Das Hineingeborenwerden als dunkelhäutige Deutsche in die DDR – die Mutter eine gegen die elterliche Linientreue aufmüpfige Punkerin und der Vater abwesend in Angola. Das Aufwachsen gespickt mit rassistischen Diskriminierungen, Gefühlen des Andersseins und der Suche nach Identität. Der Schmerz über den Verlust des Bruders, der mit 19 Jahren vor einen Zug springt. In größtenteils dialogischer Form mit einer unbekannten Fragestimme, die insistiert und lenkt, springt der Text zwischen Zeiten und Orten – Episoden aus der Kindheit und Jugend in Thüringen, dem Leben in Berlin sowie Ausflügen nach New York, Hanoi und Marokko. Dabei reflektiert die Erzählerin nicht nur die Hautfarbe und ostdeutsche Herkunft, sondern verhandelt auch Themen wie Weiblichkeit, sexuelle Orientierung und die Schwierigkeit der Verortung in einem Lebensentwurf per se. Ein sehr gegenwärtiges Buch mit frischer Form und Sprache, das in diesem Jahr zu Recht für den Deutschen Buchpreis nominiert war.

 
Cloris

Rye Curtis

Cloris

C.H. Beck

24,00 € (Hardcover)
17,99 € (E-Book)

Cloris Waldrip ist zweiundsiebzig Jahre alt, als sie und ihr Mann endlich einmal ein paar Tage Urlaub machen wollen. Sie möchten Berge sehen. Bisher hatten sie dazu keine Gelegenheit, denn die Farm in Texas ließ keine freien Tage zu. Aber das kleine Flugzeug stürzt ab und nur Cloris überlebt. Für sie beginnt ein Kampf gegen die Wildnis und auch gegen sich selbst.
Rangerin Debra Lewis kennt sich in den Bitterroot Mountains aus und begibt sich auf die Suche nach Cloris. Sie ist im Gegensatz zu ihren Kollegen fest davon überzeugt, dass die alte Dame lebt. Und tatsächlich scheint diese einen Schutzengel zu haben. Wer ist der unsichtbare Helfer und warum will er im Verborgenen bleiben?
Der Debütroman von Rye Curtis ist spannend bis zur letzten Seite. Er zeigt Einblicke in das Seelenleben zweier sehr verschiedener Frauen. Ein Abenteuerroman und philosophische Weltbetrachtung.

 
Annette

Anne Weber

Annette, ein Heldinnenepos

Matthes & Seitz

22,00 € (Hardcover)
15,99 € (E-Book)
20,00 € (Hörbuch)

Als hätte sich das Epos weitergeträumt und hätte sich 2020 ausgespu(c)kt. Spucken, also ohne eingeklammertes ‚c‘, im Französischen crasher – um über diese Geste bereits ein Merkmal von Anne Webers Schreibverfahren vorzuführen: französische Einsprengsel, homofones Durchlesen von Worten, Sprünge, die an spielerischen Spracherwerb anhand von false friends erinnern. Zurück aber zum crasher. Zum Crash, der in dieser Schreibweise das semantische Feld es Un-falls aufruft, also Zusammenprall, Kollision, Stoß und Malheur. Und darüber zum Epos im 21. Jahrhundert als totgesagte und totgeglaubte Form, in die (Nach-)Moderne, in der Helden [sic!] ausgedient haben, einer Zeit – um es mit dem ungarischen Philosophen Georg Lukács zu sagen – des aufgesprengten Kreises (in dem die Griechen /noch/ metaphysisch leben), des Risses und der Totalität, die das Epos als Lebens- und Erzählform möglich machte. Was also mit Anne Webers „Annette, ein Heldinnenepos“ vor uns liegt, ist Kollision. Und zwar eine solche, die bereits im Titel aufgerufen wird: „Annette, ein Heldinnenepos“, dient weniger zur Gattungsbestimmung des Textes als vielmehr eines Aufrufens bei gleichzeitigem Entzug: Denn das, was Epos ist, ist nicht der Text, nicht das, was da gesponnen werden wird, sondern Annette selbst. Sie, die Protagonistin wird als (Heldinnen-Epos) vorgestellt und führt damit den ersten Bruch als Folge der unweigerlichen Kollision ein wie vor.
Die Fortschrift und -setzung (was den Satz, die Anordnung der Zeichen auf der Seite mit anspricht) des Bruchs und des Brechens wird auf den folgenden Seiten manifest: In eigenwillig rhythmischer Prosa, in zerbrochenen Versen und Zeilensprüngen und Stimmen, die sich gegenseitig unterbrechen, erzählt Anne Weber die Geschichte von Annette (Beaumanoir) und damit, durch ein leicht splittriges, distanzschaffendes Weitwinkelobjektiv, eine Geschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Nämlich eine solche der Hoffnung, der ‚Menschlichkeit‘ oder Brüder-/Schwesterlichkeit und Gerechtigkeit: Einer jungen Frau, die noch minderjährig in der Résistance kämpft, von der Kommunistischen Partei strafversetzt für die Gaullisten arbeitet, ihr Studium der Medizin in kurzen Pausen (die niemals wirklich solche sind) beendet, im Algerienkrieg aktiv wird und dort am ‚Wiederaufbau‘ partizipiert, 1965 nach Genf flüchten muss, um schlussendlich fast 100-jährig im südfranzösischen Ort namens Dieulefit zu leben, wo sie Anne Weber empfängt, die aus dieser Lebensgeschichte den vorliegenden Roman spinnt. Ohne plumpe Verherrlichung, ohne Moralismen oder großes Pathos – dafür mit viel Ironie und (Sprach-)Witz, gänzlich un-episch im besten Sinne dieser Wendung.

 
Omama

Lisa Eckhart

Omama

Zsolnay Verlag

24,00 € (Hardcover)
20,00 € (Hörbuch)

In „Omama“ schildert die Erzählerin – wie es der Titel schon vermuten lässt – die Geschichte ihrer Oma Helga. Sie erzählt von deren Aufwachsen in der österreichischen Provinz zur Nachkriegszeit, dem Wetteifern mit der zugleich hübscheren wie einfältigeren Schwester um die Gunst der russischen Besatzer; dem Verhökertwerden durch die Eltern an Familien, die gerade irgendeine Form von Hilfe benötigen; wie sie schließlich in der Küche der Dorfschänke landet und den Sohn der Wirtin, der zugleich der Dorfschönling ist, heiraten wird und vieles mehr. Dass das Sujet der Aufarbeitung familiärer Biografien schon ausgiebig literarisch verarbeitet wurde, wird direkt im Prolog angesprochen. Dass es sich dennoch lohnt, diesen Debütroman zu lesen, liegt an der Art und Weise, wie diese Geschichte erzählt wird.
Man kennt Lisa Eckhart als bissige, scharfsinnige und wortgewandte Kabarettistin. Sowohl ihr analysierender Blick auf die Gesellschaft, als auch ihre sarkastische Darstellung von Personen, Beziehungen und sozialen Strukturen findet man im Roman wieder. Scharfzüngig, pointenreich und mit einer ordentlichen Portion Ego wird hier erzählt – wie man es auch von Eckharts Bühnentexten kennt. Ungewohnt im Gegensatz zu diesen sind jedoch etwas Liebevolles und eine gewisse Herzlichkeit, welche in „Omama“ zwischen den Zeilen immer wieder hindurchscheint.

 
Gnorl

Florian Fuchs

Gnorl

Planet! Verlag

14,00 € (Hardcover)

Langweilige Ferien stehen Jonas bevor! Seine Eltern fliegen nicht mit ihm in die Ferne. Sie haben beschlossen, dass es ein abgelegener Bauernhof im Schwarzwald sein muss. Immerhin soll es dort Zwillinge in Jonas‘ Alter geben. Hoffentlich nicht irgendwelche Hinterwäldler!?
Aber wie heißt es: „Es kommt immer anders als man denkt.“ Zwar ist ein Zwilling ein Mädchen und die Drei müssen sich erst zusammenraufen, aber was sie dann erleben, sprengt ihre Vorstellungskraft: Jonas entdeckt ein seltsames Wesen auf dem Hof und verfolgt es bis zu einem unterirdischen Eingang. Anna, Benjamin und Jonas gelangen in die Welt von Gnorl. Vor hunderten Jahren haben sich die Kobolde unter die Erde zurück gezogen und ihr eigenes Reich errichtet. Das ist in Gefahr. König Kromak unterdrückt seine Untertanen und hat dunkle Pläne.
Und so beginnt ein spannendes Abenteuer für die Kinder, bei dem vielerlei Gefahren lauern und bei dem die Gruppe zusammenhalten muss.

 
Lichterland

Carolin Jelden

Lichterland

Ellermann Verlag

16,00 € (Hardcover)

Lautes Schimpfen ist im Glimmerwald zu hören. Es stammt von Karla, weil sie einen kleinen Moment ihren Korb abgestellt hat und dieser prompt von einem Kerzenkobold geschnappt wurde. Das war es nun mit den gesammelten Beeren und sie musste sich auch noch auslachen lassen. Der Kobold verschwand so schnell wie er kam, aber ließ den Korb weit oben im Baum hängen. Karla bekam jedoch unverhofft Hilfe. Ein Junge namens Frederik, der sich im Gebüsch versteckt hatte, bot ihr die Räuberleiter an. Dieser Beginn einer Freundschaft soll das Leben von ganz Lichterland verändern. Denn beide kennen die Geschichten über die Glückslichter, die einst am Himmel zu sehen waren, aber schon lange verschwunden sind. Die beiden Freunde wollen dies nun ändern und machen sich auf die Suche nach dem verschwundenen Amulett, welches der Schlüssel zu den Lichtern ist. Ihre Suche führt sie tief in den geheimnisvollen Glimmerwald. Hier glitzern und leuchten Schimmerpilze, Leuchtschnecken und Knisterblumen, aber auch Erdmurpel und gefräßige Schattenbeißer sind hier zu Hause. Doch Karla und Frederike halten an ihrem Plan fest…
Eine wunderschöne Abenteuergeschichte in einer magisch scheinenden Welt, in der man gern selber leuchtende Schnecken sammeln möchte. Zahlreiche liebevoll illustrierte Bilder unterstreichen den Zauber von Lichterland. Ein Vorlesevergnügen für die ganze Familie ab 5 Jahren.

 
Das Meer am 31. August

Jürgen Hosemann

Das Meer am 31. August

Berenberg Verlag

18,00 € (Hardcover)
13,99 € (E-Book)

Ein Tag am Meer kann schön sein, erholsam, warm, aufregend und vieles mehr. Aber einen ganzen Tag, 24 Stunden, am selben Ort, am Strand beschreiben? Das muss doch langweilig sein!
Jürgen Hosemann verbringt den 31. August in Grado, einem kleinen Küstenort am Golf von Triest. Mitten in der Nacht geht er an den Strand, beobachtet, was um ihn herum passiert. Er erzählt vom Vergehen des Mondes, dem Sonnenaufgang, den ersten Menschen und Booten, den Veränderungen des Meeres und des Himmels. In der Hitze des Tages kommen Erinnerungen. Hosemann reflektiert und spekuliert. Und es ist keineswegs langweilig zu lesen, wie dieser 31. August verlaufen ist. Der Leser fühlt sich an den Ort versetzt. Er genießt das Meer. Bilder entstehen im Kopf.
Jürgen Hosemann, Herausgeber vieler Anthologien und der Werke Wolfgang Hilbigs, ist sein erstes Buch wirklich gelungen.

 
Was Nina wusste

David Grossmann

Was Nina wusste

Hanser Verlag

25,00 € (Hardcover)
18,99 € (E-Book)
25,00 € (Hörbuch)

Drei Frauen, drei Generationen und ein Schicksal, das sie alle geprägt hat. Gili ist Filmemacherin und eröffnet der Großmutter Vera zu ihrem neunzigsten Geburtstag, dass sie einen Film über deren Lebensgeschichte drehen möchte. Dafür will sie gemeinsam mit ihr und der Mutter Nina eine Reise nach Kroatien auf die frühere Gefängnisinsel Goli Otok unternehmen. Die Reise in die Familiengeschichte ist zugleich eine in die Historie Jugoslawiens. Trotz Kampf an Titos Seite im Zweiten Weltkrieg wird Veras Ehemann nach dem Bruch Jugoslawiens mit Stalin Verrat vorgeworfen und er wird inhaftiert. Vera wird verhört und vor die Wahl gestellt, ihren Ehemann bloßzustellen oder nach Goli Otok gebracht zu werden. Da sie ihren Mann nicht fälschlicherweise des Verrats bezichtigen kann, muss sie auf die Gefängnisinsel und ihre kleine Tochter Nina im Stich lassen. Diese Entscheidung hinterlässt tiefe Spuren in Ninas Psyche, welche nicht nur ihr weiteres Leben, sondern auch das von Gili beeinflussen wird.
Mit psychologischem Feingefühl erzählt David Grossman von den Schicksalsschlägen des Lebens, von schwierigen Entscheidungen und deren langwierigen Auswirkungen, sowie nicht zuletzt von großen Gefühlen wie Schuld und Liebe.

 
Je tiefer das Wasser

Katya Apekina

Je tiefer das Wasser

Suhrkamp Verlag

24,00 € (Hardcover)
20,99 € (E-Book)

Es beginnt damit, dass die Töchter plötzlich bei ihrem Vater unterkommen, den sie seit vielen Jahren nicht gesehen, ja noch nicht einmal richtig kennengelernt haben. Edie, das mit ihren 16 Jahren ältere der beiden Mädchen, empfindet keinerlei Zuneigung zu ihrem plötzlich wieder existierenden Vater. Mae hingegen fühlt sich schnell zu ihm hingezogen, hat das Gefühl, dass eine klaffende Lücke ausgefüllt wird.
Nach und nach erfahren wir immer mehr darüber, wie es dazu kam, dass die Töchter von der offensichtlich psychisch instabilen Mutter zu ihrem berühmten Schriftsteller-Vater gewechselt sind. Und darüber, welche Vorgeschichte Mutter und Vater miteinander haben. Sowohl die Abwehrhaltung Edies als auch die von Anfang an große Zuneigung Maes verstärken sich im Verlaufe der Zeit – und das auf jeweils folgenschwere Weise.
Apekina erzählt multiperspektivisch und auf unterschiedlichen Zeitebenen über die dramatischen Entwicklungen, die sich mitten durch die Personen ziehen, die so etwas wie eine Familie bilden. Viele unterschiedliche Stimmen, keine ordnende Erzählinstanz, noch nicht einmal die Sicherheit einer einheitlichen zeitlichen Perspektive – möglicherweise der einzige Weg, wie sich eine solche Geschichte erzählen lässt. Auch, dass der Vater als einzige der handelnden Personen keine Stimme bekommt, gehört wohl zu den Bedingungen der Möglichkeit dieses Textes.

 
Das Mädchen, das ein Stück Welt rettete

Sharon Cameron

Das Mädchen das ein Stück Welt rettete

Insel Verlag

18,00 € (Hardcover)
15,99 € (E-Book)
18,00 € (Hörbuch)

Stefania ist 16 Jahre alt, als der Zweite Weltkrieg ausbricht. Die Diamants, bei denen sie zuvor Arbeit fand, sind ihr ans Herz gewachsen, besonders Izio. Die beiden sind frisch verliebt und haben sich einander versprochen. Doch ihre polnische Heimatstadt wird besetzt und die jüdische Familie muss ins Ghetto ziehen. Fusia ist nun auf sich gestellt, kümmert sich um Helena, ihre kleine Schwester, denn auch ihre Mutter wurde deportiert und half Izios Familie, wo sie nur konnte. Sie schmuggelte Essen und Medikamente ins Ghetto, immer mit der Angst im Nacken, erwischt zu werden. Denn wer einem Juden hilft, zahlt dies mit seinem Leben. Stefanias Welt bricht zusammen, als Izio und seine Eltern ermordet werden. Doch ihr bleibt keine Zeit sich aufzugeben, denn Max, Izios Bruder, gelang als einzigem die Flucht und Fusia muss schnell eine Entscheidung treffen. Sie nimmt Max bei sich auf und versteckt ihn und zwölf weitere Juden auf ihrem winzigen Dachboden.
Dieser Roman erzählt die wahre Geschichte eines Mädchens, das alles in Kauf genommen hat, um 13 Menschen eine Chance zu geben, am Leben zu bleiben. Er berichtet vom alltäglichen Leben im Versteck, wie sie 12-Stunden-Schichten arbeitet, zusätzlich auf dem Markt handelt, um genügend Essen zu besorgen und dieses unbemerkt nach Hause befördert und etlichen weiteren Strapazen. Und dies alles begleitet vom dem Gefühl der Angst: was, wenn sie erwischt wird, wenn sie jemand verrät, wenn sie heimkommt und dort plötzlich keiner mehr ist. Man kann dieses beklemmende Gefühl die ganze Zeit spüren und fragt sich, wie hält man so etwas bloß aus? Für Leser, die Geschichte nicht in Vergessenheit geraten lassen möchten ab 12 Jahren.

 
Elbwärts

Thilo Krause

Elbwärts

Hanser Verlag

22,00 € (Hardcover)
16,99 € (E-Book)
22,00 € (Hörbuch)

Der Erzähler in Thilo Krauses Debütroman kehrt nach Jahren mit Frau und jungem Nachwuchs in die Gegend seiner Kindheit zurück. Idyllisch erscheinen die Felsformationen und Wälder der Sächsischen Schweiz, doch Disharmonien und Brüche zeigen sich nicht nur in der Gegenwart seiner einstigen Heimat, in die er und seine Familie lediglich als „Zugezogene“ zurückkehren, sondern auch in ihm selbst. Eine alte Schuld lastet auf ihm – das Gefühl der Schuld am Kletterunfall in der Kindheit, bei dem sein bester Freund ein Bein verlor.
„Elbwärts“ erzählt von der Rückkehr in die alte Heimat und dem Erkennen der neuen Fremde darin. Poetischen Naturerlebnissen stehen Hakenkreuzschmierereien an den Felsformationen gegenüber; die innere Unausgeglichenheit des Erzählers gefährdet die junge Familie; Freundschaft, Zugehörigkeit und Fremdheit gehen ein Wechselspiel ein. Und schließlich kommt die Flut und wirbelt alles nochmal neu durcheinander.

 
Superbusen

Paula Irmschler

Superbusen

Claassen Verlag

20,00 € (Hardcover)
16,99 € (E-Book)

Gisela will endlich auf eigenen Füßen stehen und weg aus Dresden. Zwei Jahre hat sie trainiert, um ihr Sächsisch loszuwerden. Aber ihr weniges Geld und das schlechte Abi machen einen Neuanfang in Städten wie Hamburg oder Berlin unmöglich. Da kommt ein Studienplatz ohne Gebühren und die Aussicht auf BAföG gerade Recht. Und so geht Gisela nach Chemnitz, die Stadt mit dem Ruf, eine Hochburg der Rechten zu sein. Eine Stadt, die nicht schön ist, keine verführerische Großstadt.
Und gerade hier gelingt der jungen Studentin der Neuanfang. Sie findet Freundinnen, die sich nicht mit allem abfinden, die auf Demonstrationen gehen, die versuchen irgendwie über die Runden zu kommen. Zusammen gründen sie die Band „Superbusen“. Sie erfahren Freundschaft, merken, was trennt und verbindet.
Paula Irmschler hat in Chemnitz studiert und danach in verschiedenen Zeitschriften Texte veröffentlicht. „Superbusen“ ist ihr erster Roman.
Margarete Stokowski schreibt: „Paula Irmschler lesen ist wie Saufen mit der besten Freundin, aber ohne Kater. Magisch.“

 
Puppen

Ludovic Flamant

Puppen sind doch nichts für Jungen

Picus Verlag

15,00 € (Hardcover)

Meine komische Tante ist wieder zu Besuch. Warum sie komisch ist? Ein Beispiel: Sie trägt immer einen Hut, auch in der Wohnung. Diesmal hat sie meinem kleinen Bruder eine Puppe aus Stoffresten mitgebracht. Und Nico findet sie auch noch ganz toll. Mama und Papa winken ab und meinen, das vertut sich, aber als Nico die Puppe am nächsten Tag mit in die Schule nehmen will, widerspricht der Papa deutlich und plant am Nachmittag einen Spielzeugeinkauf, bei dem Nico sich ein echtes Jungenspielzeug aussuchen soll. Ob ihm die Ablenkungstaktik wohl gelingt?
Ein humorvolles Buch, welches die typischen Rollen der Geschlechter aufs Korn nimmt, mit Doppelmoral um die Ecke kommt und zeigt, dass Kinder manchmal die besseren Erwachsenen sind. Für Kindergartenkinder und Vorschüler.

 
Abenteuer Schulanfang

Timo Parvela – Ella in der Schule. Abenteuer Schulanfang

Hanser
10,00 €

Am liebsten ist Ella in der Schule, weil es da jede Menge Spaß gibt. Aber irgendwie verhält sich ihr Klassenlehrer plötzlich komisch. Ella und Ihre Freunde glauben, dass eine Erpressung dahinter stecken muss oder was sollten diese seltsamen Briefe und die Nervosität des Lehrers sonst bedeuten? Nicht einmal in der Schwimmhalle ist ihr Lehrer entspannt. Dabei haben sie doch gar nichts falsch gemacht. Sie sollten beim Pfiff der Trillerpfeife ins Wasser springen. Und als Pekka fragte, wie die Pfeife sich den anhört und er dies vorführte, ist doch klar, dass die Schüler artig ins Wasser sprangen. Nachdem den Lehrer auch ein Schwimmbadbesuch nicht beruhigen kann, überlegen sich Ella und Ihre Mitschüler einen Plan, wie sie den Lehrer-Erpresser stellen können.
Die bekannte Ella-Reihe gibt es nun auch passend zum Schulanfang als Erstlesereihe. Mit größerer Schrift und witzigen farbigen Illustrationen können jetzt Ella- und auch Pekka-Fans deren Abenteuer selber lesen lernen. Ab 6 Jahren.

 
Dieser verfluchte Baum

Martina Wildner – Dieser verfluchte Baum

Beltz & Gelberg
13,95 €

Sommerurlaub in Deutschland? Wie wäre es denn mal mit dem Allgäu? Aber Vorsicht, da gibt es verfluchte Bäume. Wie, du glaubst das nicht? So dachte auch Hendrik, dessen Eltern im Allgäu ein Ferienhaus besitzen und dort regelmäßig mit ihm die Ferien verbringen. Das Geschwätz der Dorfbewohner über den „Todesbaum“, weil in dessen Nähe mehrere Menschen auf unerklärliche Weise ums Leben kamen, hält er für Hokuspokus. Doch allmählich zweifelt Hendrik. Wo kommt plötzlich sein ganzes Wissen über Bäume her, warum fühlt er sich teilweise gelähmt, fast wie verholzt, wieso passieren ihm plötzlich lauter seltsame Unfälle. Existiert der Fluch doch? Und hat er sich jetzt auf Hendrik gelegt? Zum Glück steht er nicht alleine da und gemeinsam mit seinen Freunden Ida und Eddi gehen sie der Sache auf den Grund. Was steckt für ein Geheimnis hinter dieser alten Fichte? Martina Wildner vermischt hier eine typische Freundschaftsgeschichte mit vielen phantastischen Momenten des Schauerromans. Ein mitreißendes Abenteuer mit Gänsehautfaktor für sich gern schauernde Leser, die auch Freude daran haben, die eigene Phantasie ein wenig spielen zu lassen. Ab 11 Jahren.

 
Ich hasse Menschen

Julius Fischer – Ich hasse Menschen

Voland & Quist
16,00 €

Sind wir mal ehrlich – Menschen können schon nervig sein. Und wo stellt man das am häufigsten fest? Genau, an Orten, an denen man mit ihnen in einem begrenzten Raum gewisse Zeit verbringen muss – auf einer Bahnfahrt zum Beispiel. Und auf einer ebensolchen setzt Julius Fischers Geschichte ein. Der Erzähler muss zu einem Meeting mit einer Literaturagentur nach Köln, begibt sich auf eine Zugfahrt, trifft auf den Möhrenmann, sein jüngeres Ich , lautstarke Mitreisende und stellt fest, dass alle Menschen – egal ob Kleinkind, Erwachsener oder Rentner – nervig sind. Die einzelnen witzigen, selbstironischen und geistreichen Abschweifungen bettet der vielseitige Leipziger Julius Fischer (Live- und Buchautor, Moderator, Musiker, Podcaster…) in die Rahmenhandlung, die im Zusammentreffen mit dem ominösen Literaturagenten kulminiert.
Doch warum empfehlen wir hier ein zwei Jahre altes Buch? Zum einen um darauf hinzuweisen, dass Julius Fischer ein neues Buch geschrieben hat, dass demnächst erscheint. Der Titel lässt an eine Fortschreibung denken: „Ich hasse Menschen – Eine Stadtflucht“. Zum anderen um freudig zu verkünden, dass wir fortan Depotbuchhandlung des sympathischen Voland & Quist Verlages sind. Dies bedeutet, dass von nun an die Neuerscheinungen sowie ausgewählte Backlisttitel des in den letzten beiden Jahren mit dem Deutschen Verlagspreis ausgezeichneten unabhängigen Verlages bei uns in der Buchhandlung zu finden sind. Ob lustig, ernsthaft, lyrisch oder grafisch – das Programm ist vielseitig. Besuchen Sie uns und lernen es kennen.

 
Kleiner Bruder

Stefano Zangrando – Kleiner Bruder

Eulenspiegel Verlag
20,00 €

Die Familie Brasch ist eine der interessantesten Künstlerfamilien der DDR. Angefangen beim berühmtesten und ältesten der vier Geschwister, Thomas, über Klaus, den begabten Schauspieler, über Peter bis hin zur schreibenden Marion, die als einziges der Geschwister nicht früh verstorben ist.
Stefano Zangrando hat sich auf die Spuren von Peter Brasch begeben. Er war Dramaturg, Regisseur und Schriftsteller und stand oft im Schatten seiner Brüder. Auf Peter Brasch stößt Zangrando eher zufällig. Seine Wirtin in Berlin kannte Peter. Über dessen große Liebe, eine bekannte Schauspielerin, die bis heute ihre beste Freundin ist. Der Italiener bekommt Geschichten erzählt, liest Texte und will mehr über den Menschen erfahren. Diese erfundene Biografie ist eine Hommage an den Künstler und Menschen Peter Brasch, der es nicht verdient hat, in Vergessenheit zu geraten. Das Buch vervollständigt das Bild der ganzen Künstlerfamilie, deren Teil Peter Brasch war.

 
Was wir voneinander wissen

Jessie Greengrass – Was wir voneinander wissen

Kiepenheuer & Witsch
20,00 €, E-Book 16,99 €

Ausgehend von ihrer zweiten Schwangerschaft erinnert sich die Ich-Erzählerin zurück an die zweifelnde Zeit vor der Geburt ihres ersten Kindes und vor allem an die schwerwiegende Frage: Möchte ich überhaupt ein Kind? Hieraus entfaltet sich ein Gedankenstrudel, der grundlegende existenzielle und existenzialistische Fragen aufwirft. Die Erzählerin blickt nicht nur zurück auf ihre eigene Kindheit und ihr Verhältnis zur Mutter und Großmutter, sondern auch auf historische Personen, die ihr Leben dem Erforschen des Menschen widmeten: sei es das Durchleuchten des menschlichen Körpers bei Wilhelm Conrad Röntgen oder das Beleuchten der Psyche bei Sigmund Freud.
Jessie Greengrass springt zwischen den Zeiten und erzählt in einer poetischen Sprache von der Suche nach Erkenntnis vom Wesen und Sein des Menschen. Dass dies keineswegs trocken daherkommt, liegt nicht zuletzt an den detaillierten persönlichen Schilderungen der auftretenden Personen. Die Einbettung philosophischer Fragen in die lebhafte Erzählung macht diesen Roman zu einem überaus gelungenen Debüt.

 
Die feine englische Art

Debrett’s. Die feine englische Art

Klett-Cotta
20,00 €, E-Book 15,99 €

Sie suchen ein Geschenk und tappen im Dunkeln? Ein Buch geht immer, aber liest der zu Beschenkende viel oder kaum und etwas? Es muss unverfänglich sein. Da kommt dieser Klassiker gerade recht. So geistreich wird man selten zu Umgangsformen informiert und unterhalten. Bereits im 18. Jahrhundert erschien die erste Ausgabe von John Debretts Adelshandbuch „The New Peerage“ und seit Mitte des 19. Jahrhunderts ist der Debrett’s die Institution für Stil und Etikette.
Mit britischem Humor werden Sie aufgeklärt, was für eine unangenehme Eigenschaft Arroganz ist, wie Sie mit Nachbarn umgehen müssen und wie das Bekunden von Zuneigung in der Öffentlichkeit vonstattengehen sollte. In dieses äußerst amüsante Buch kann man immer mal wieder reinlesen oder es in einem Zug genießen. Man muss es also auch nicht unbedingt verschenken.

 
Bloom

Kenneth Oppel – Bloom

Beltz & Gelberg
16,95 €, E-Book 15,99 €

Anaya plagen etliche fiese Allergien und sie kommt ohne Medikamente nicht aus. Ihre ehemals beste Freundin Petra ist ein hübsches Mädchen, hat aber ebenfalls eine Allergie und zwar gegen Wasser. Dann zieht Seth auf die kleine kanadische Insel. Bei sommerlichen Temperaturen sieht man ihn immer nur in langärmliger Kleidung. Was hat er zu verbergen?
Nachdem es einige Tage am Stück wie aus Kübeln schüttet, beginnt sich die Stadt allmählich zu verändern. Da wächst plötzlich schwarzes Gras, auch an Stellen, an denen vorher gar nichts wuchs. Es wächst rasant, verbreitet sich immer weiter und ruft heftige Reaktionen bei den Menschen hervor. Berührt man das Gras, verätzt es einem die Haut, atmet man die Pollen ein, droht man zu ersticken. Es lässt sich nicht aufhalten und die Nahrungsmittelversorgung ist bedroht. Und in all diesem Chaos, stellen Anaya, Petra und Seth fest, dass all ihre Beschwerden plötzlich verschwinden und mehr noch, sie spüren ungeahnte Kräfte in sich. Sollen sie die Auserwählten sein, die das Gras bekämpfen können?
Gerade die jetzige Situation lässt das geschilderte Szenario sehr realistisch erscheinen. Deshalb ist Bloom hochaktuell und Oppel beschreibt hier eine ganz andere Art der Apokalypse. Er schafft mit Bloom eine beunruhigend Stimmung, ein emotionales Auf und Ab, Bloom ist bildgewaltig, beängstigend und actiongeladen und somit ein rasantes mitreißenden Abenteuer für Leser ab 12 Jahren.

 
Miracle Creek

Angie Kim – Miracle Creek

hanserblau
22,00 €, E-Book 16,99 €

In der Kleinstadt Miracle Creek explodiert der Sauerstofftank einer Therapiekammer und zwei Menschen sterben. Zum einen die fünffache Mutter Kitt, zum anderen der achtjährige autistische Junge Henry. Schnell wird wegen Brandstiftung und Mord ermittelt und bald landet Henrys Mutter auf der Anklagebank. Doch warum soll sie ihren Sohn ermordet haben? Im Laufe des Prozesses offenbaren sich die Vorgeschichten aller Personen, die in irgendeiner Verbindung zum Vorfall und zur Sauerstofftherapie stehen und schnell wird deutlich, dass ein jeder seine Geheimnisse hat.
In einer multiperspektivischen Erzählform wird in dem Debütroman von Angie Kim nicht nur nach dem Täter gesucht, sondern es werden auch Themen wie Migration, Rassismus, Mutterschaft und Behinderung verhandelt. „Miracle Creek“ verbindet dabei gekonnt Elemente des klassischen „Whodunit“ mit vielseitigen Figurenzeichnungen und erhält die Spannung bis zur Aufklärung auf den letzten Seiten aufrecht.

 
Ach, Virgina

Michael Kumpfmüller – Ach, Virginia

Kiepenheuer & Witsch
22,00 €, E-Book 18,99 €

Virginia Woolf, gefeierte Schriftstellerin und gefürchtete Kritikerin, hatte zeitlebens mit Depressionen und Psychosen zu kämpfen. Auch in ihrem letzten Lebensjahr, sie starb im März 1941, plagen sie Selbstzweifel und eine tiefe Niedergeschlagenheit. Der Überfall der Deutschen auf Großbritannien bringt Virginia Woolfs Leben aus dem Gleichgewicht. Sie kann nicht mehr schreiben und der Gedanke an Selbstmord ist immer präsent.
Michael Kumpfmüller erzählt in seinem Roman von den letzten Lebensmonaten Virginia Woolfs. Dabei kommt er der vielschichtigen Persönlichkeit sehr nahe, tief dringt er in ihre Gefühlswelt ein. Ein Buch, das dem Leser die Person und die Autorin nahe bringt. Man möchte Virginia Woolf für sich entdecken.

 
Ich packe meinen Beutel

Katja Reider – Ich packe in meinen Beutel… ein Boot ein Buch ein Butterbrot

Carlsen
10,00 €

Ich packe meinen Koffer und nehme mit… wer kennt dieses Spiel nicht? Nun gibt es dieses auch als Mitpackbuch für die ganz Kleinen. Nur wird hier kein Koffer gepackt, sondern der Beutel eines Kängurus. Das Känguru möchte nämlich baden gehen und packt in seinen Beutel rein, was man so braucht bei Sonnenschein. In lustigen Reimen packen das Känguru und seine Freunde nun alles Nötige ein und schauen immer wieder nach, ob sie auch nichts vergessen haben. Lausche den Reimen und schau genau hin, schon kannst du aufzählen, was alles im Beutel ist drin. Für alle großen und kleinen Kofferpackfans ab 2 Jahren.

 
Buchhandlung

Nastja Holftreter – Wir spielen Einkaufen: Buchhandlung

Carlsen
9,00 €

Das Elefantenkind darf heute mit zum Einkaufen gehen. Bevor es in die Buchhandlung geht, bekommt es noch eine gemalte Einkaufsliste. Schau sie dir genau an, denn auch du kannst jetzt all die tollen Dinge von der Liste suchen und einkaufen. Murmeln oder Kreisel? Badebuch, Malbuch oder Kochbuch? Was solltest du doch gleich alles einkaufen? Schere, Lesezeichen oder Postkarte? Findest du alles? Und schau doch auch nach, ob das Elefantenkind das Richtige zur Kasse bringt. Dieses etwas andere Bildwörterbuch erweitert spielerisch den Wortschatz und fördert gleichzeitig Konzentration und Wahrnehmung. Und wer sich dann in der Buchhandlung bestens auskennt, kann sich danach noch im Supermarkt, in der Bäckerei oder auf dem Wochenmarkt umschauen. Ab 2 Jahren.

 
Müffelbüffel

Susanne Weber – Der kleine Müffelbüffel

Oetinger
8,00 €

Der kleine Büffel mochte es ganz und gar nicht nass zu sein. Deswegen war ihm auch der Schmutz in seinem struppigen Fell egal. Hauptsache er bekam kein Wasser an Kopf und Hals und Waden. Aber mittlerweile nahmen schon seine Freunde Reißaus und wollten nicht mehr mit ihm spielen. Dann fing auch seine Büffelmama damit an. Müffelbüffel nannte sie ihn und meinte, er muss dringend baden gehen. Das gefällt dem kleinen Müffelbüffel so gar nicht. Aber Mama hatte eine Idee und wer weiß, vielleicht kann baden ja sogar Spaß machen? Für alle kleinen Müffelbüffel ab 2 Jahren, denen das Baden ein wenig schmackhafter gemacht werden soll.

 
Allegro Pastell

Leif Randt – Allegro Pastell

Kiepenheuer & Witsch
22,00 €, E-Book 18,99 €

Schon wenn man das Buch in die Hand nimmt, bekommt man eine erste Ahnung davon, was hier passiert. Es fasst sich gut an, die Oberfläche schmeichelt den Händen, teilweise griffig, stellenweise glatt. Autor und Titel sind in goldenen Lettern in den Deckel geprägt. Es sieht schön aus. Und es riecht gut.
Auch Tanja und Jerome, den beiden Protagonisten, die sich in „Germany’s next Lovestory“ verstricken, legen viel Wert auf Oberfläche, darauf sich gut anzufassen, gut auszusehen und gut zu riechen. Insgesamt etwas herzumachen. Etwas darzustellen.
Bei all der Äußerlichkeit, bei all der Oberfläche, die hier präsentiert wird, bleibt der Roman aber nicht stehen. Er ist in zweifacher Hinsicht Zeitdokument: einmal insofern er – in bester Tradition der Popliteratur – als kulturelles Archiv fungiert (welche Schuhe man trägt, welche Designerstücke man sich als gut gemachtes Knock-Off anschafft, welchen Sport man macht, welche Clubs, welche Restaurants, welche Drogen gerade so noch nicht ‚zu angesagt‘ sind, um sich mit ihnen den Anstrich einer distinguierten Individualität zu verleihen). Zum anderen, indem er ein zentrales Lebensgefühl – nicht unbedingt nur eines bestimmten Milieus, sondern der modernen Gesellschaft insgesamt – vorführt. Das Gefühl, das eigene Leben zu kuratieren, Authentizität nicht zu empfinden, sondern herzustellen.
Die Geschichte, der Plot, ist an dieser Stelle egal. Sie können ihn im Klappentext und auch sonst überall nachlesen. Interessant ist, was sich entlang der Geschichte, bei der Beobachtung der Protagonisten entspinnt. Und was es mit uns als Leserinnen macht. Oder auch nicht.

 
Herzland

Téa Obreht – Herzland

Rowohlt
24,00 €, E-Book 19,99 €

Der Südwesten der USA im ausgehenden 19. Jahrhundert – endlose Weite, sengende Hitze und zwei Schicksalsgeschichten.
Zum einen wird ein Tag im Leben von Nora Lark geschildert, die auf ihrer Farm mit der Dürre zu kämpfen hat. Das Trinkwasser neigt sich dem Ende zu und ihr Mann ist schon seit Tagen unterwegs um neues zu organisieren. Der kleine Toby spricht nur noch von einem Monster, das nachts um die Farm herumstreunt und schließlich sind auch noch die beiden großen Söhne verschwunden…
Zum anderen verfolgen wir Lurie, der als Kind mit seinem Vater aus dem osmanischen Reich einwandert, diesen jedoch früh verliert und sich über kleine Gaunereien zum verfolgten Outlaw entwickelt. Zuflucht findet er im U.S. Camel Corps, wo er sich nicht nur mit einigen Kameltreibern anfreundet, sondern auch mit Burke, dem Kamel, mit dem er für den Rest seines Lebens eng verbunden sein wird.
Ein Westernroman aus der Perspektive eines migrierten Kameltreibers und einer selbstbewussten Frau, die sich nicht nur für ihre Familie, sondern auch für ihre Siedlung einsetzt, hat etwas Erfrischendes, auch wenn einem beim Lesen die omnipräsente Hitze den Mund trocken werden lässt. Hervorzuheben ist außerdem die lebendige und klar konturierende Sprache des Romans, die durch die Erzählweise im Stil des magischen Realismus noch um einen feinsinnigen Zauber erweitert wird.

 
Nulluhrzug

Juri Buida – Nulluhrzug

Aufbau
18,00 €, E-Book 13,99 €

Nach über vierzig Jahren verlassen die Menschen die Bahnstation, die Neunte. Eine von vielen Stationen, irgendwo im Nirgendwo der Sowjetunion, gebaut nur für diesen einen Zug: den Nulluhrzug. Reibungslos muss er alle Stationen passieren können. Deshalb gibt es: „Gleise, Schwellen, Ausweichstellen wie unsere, Kohlebunker, Güterschuppen, Reparaturwerkstätten, Brücken, Holzeinschläge, Schwellenimprägnierung, Wasser, Kohle und schließlich Menschen – wie wir beide.“ Iwan Ardabjew ist einer der Menschen, deren Leben untrennbar mit dem Zug verbunden war. Als alle gehen, ist er der Einzige, der bleibt, kann sich nicht lösen vom Ort, vom Zug. Was hat er transportiert?
Juri Buida hat einen bewegenden Roman geschrieben über Menschen, die arbeiten, leben und lieben trotz oder wegen des geheimnisvollen Nulluhrzuges.

 
Helsin Apfelsin

Stefanie Höfler – Helsin Apfelsin

Beltz & Gelberg
12,95 €, E-Book 11,99 €

Alle aus der Zwergen-Klasse kennen Helsins Problem. Eigentlich ist sie ein immer gut gelauntes Mädchen, aber wenn ihr einmal etwas gegen den Strich geht, dann bekommt sie einen sogenannten „Spinner“ – einen Wutanfall. Und genau so beginnt der Tag, an dem der Neue der Klasse vorgestellt wird. Es ist nur ein Flüstern, welches dieser Louis von sich gibt, als er Helsins Namen hört: „Helsin, Apelsin, Apfelsine“. Und schon ist es zu spät und der „Spinner“ ist da und kurz darauf tropft Blut aus Louis‘ Nase. Aber er sagt keinen Mucks. Auch ihre Hand, die sie ihm zur Entschuldigung reicht, ignoriert er. Sie findet ihn einfach nur bescheuert und erst Recht, als er auch noch ein Geheimnis hat, das alle anderen Zwerge wissen, nur sie nicht. Aber dann kommt die Gelegenheit und sie klaut ihm einfach seinen Leguan, aber ob das so eine gute Idee war? Wie kommt Helsin da bloß wieder raus?
Stefanie Höfler erzählt auf kluge und liebevolle Weise von Eifersucht und Freundschaft, Rache und Ehrlichkeit und anderen wichtigen Alltagsthemen und bedient sich einer sehr bildhaften intensiven Sprache. Jeder kann es fühlen, wenn sich das Glück wie ein warmer Pudding im Magen ausbreitet. Ein tolles Buch voller Emotionen für Zwerge und Kinder ab 8 Jahren.

 
Tschudi

Mariam Kühsel-Hussaini – Tschudi

Rowohlt

24,00 €, E-Book 19,99 €

Hugo von Tschudi – nur wenigen wird dieser Name ein Begriff sein. Umso wichtiger, dass Mariam Kühsel-Hussaini diesen farbenprächtigen biographischen Roman vorgelegt hat. Erzählt wird von Tschudis Aufenthalt als Direktor der deutschen Nationalgalerie in Berlin im ausgehenden 19. Jahrhundert. Mit seinem Enthusiasmus und Engagement für die modernen französischen Künstler macht er sich nicht nur Freunde in der Berliner Kunstwelt. Dass deutsche, realistische Künstler in der Nationalgalerie nun diesen impressionistischen Klecksereien weichen müssen, stößt bei einigen auf äußerstes Unverständnis – allen voran bei Anton von Werner, dem Lieblingsmaler des Kaisers. Doch es gibt nicht nur Positionen gegen Tschudis zukunftsweisende Perspektive: sein guter Freund Max Liebermann sowie einige andere Künstler und Mäzene stehen weiterhin auf seiner Seite. Neben diesen brodelnden Ereignissen und der lebhaften Stimmung in den Galerien, Salons und Bars von Berlin um die Jahrhundertwende, ist es auch die Person des Hugo von Tschudi, die sich dem Lesenden einprägt. Ein Riese, dessen Gesicht nach und nach von der Wolfskrankheit zerfressen wird, dessen Blick so kraftvoll und einnehmend ist, dass ihm niemand widerstehen kann und zugleich so feinsinnig, dass seine Bildbeschreibungen einem das Herz aufgehen lassen.

 
Pixeltänzer

Berit Glanz – Pixeltänzer

Schöffling & Co.

20,00 €, E-Book 15,99 €

Sie sind jung, ausgesprochen technikaffin und leistungsorientiert. Arbeiten als Software-Entwickler oder Tester. Die Berliner Startup-Szene bildet die Folie vor der sich die Geschichte von Elisabeth (die alle nur Beta nennen) entspinnt. Für sie bleibt in der effizienten durchgestylten Welt mit dynamischem Projektmanagement und Gamification des Arbeitsumfelds ein blinder Fleck. Sie beherrscht die Codes, sie passt in diese Welt aber es bleibt ein inkommensurabler Rest. Zufällig lernt sie über eine App am anderen Ende der Welt Toboggan kennen, mit dem sich ein Spiel aus Rätseln und Verweisen entwickelt, das sie auf die Fährte eines 20er-Jahre-Künstlerpaares setzt. Sie ist fasziniert und geht den Spuren im Netz sowie in der „realen Welt“ nach. Immer wieder stellt sich dabei die Frage, inwieweit es die wirkliche Welt braucht, um wirkliche Erfahrungen zu machen.

 
Hannah Arendt

Isabel Sánchez Vegara – Litte People, Big Dreams: Hannah Arendt

Insel Verlag

13,95 €

Es ist insgesamt eine wunderschöne Reihe, die der Insel-Verlag da neu aufgelegt hat. Unter dem Titel Little People, Big Dreams widmet man sich in liebevoll illustrierten Bilderbüchern den Leben – und insbesondere dem Aufwachsen – berühmter Persönlichkeiten. Auf inspirierende Weise wird die Geschichte der jeweiligen Person erzählt, so dass sie jungen Leser_innen zum Vorbild werden können. Etwa wie die jugendliche Hannah sich gegen die Beleidigungen wehrt, mit denen sie sich durch einen Lehrer konfrontiert sieht und wie sie anschließend – nachdem sie der Schule verwiesen wurde – ihr Abitur auf eigene Faust meistert.
Positiv hervorzuheben gilt es auch die Auswahl der Personen, denn im Gegensatz zu vielen anderen Sammlungen großer Persönlichkeiten hat die Autorin ganz offensichtlich keine Schwierigkeiten gehabt, weibliche Protagonistinnen zu finden – ist ja auch eigentlich nicht so schwierig. Davon abgesehen ist es aber auch einfach eine schöne diverse Mischung von Jane Austen über Rosa Parks bis David Bowie.

 
Luftpiraten

Markus Orths – Luftpiraten

Ueberreuter

14,95 €

Sie haben aschgraue Haut, immer schlechte Laune, streiten ständig und sind auf Krawall gebürstet. Die Luftpiraten leben zwischen den Wolken in Luftlöchern. In ihren Streitkräutergärten wachsen Wutschnauberich und Zorndornen. Ihre Kinder lernen Brüllen und Hässlich-Lachen.
Adiaba ist einer der berühmtesten Lehrer an der Johann-Sebastian-Krach-Schule. Und ausgerechnet Adiaba erhält per Post, so werden die Kinder in Ätheria geliefert, einen kleinen weißen Luftpiraten. Zwolle ist sanftmütig und friedfertig. Er mag nicht zanken und streiten. Adiaba schließt den Kleinen in sein Herz und merkt, wie das Kind ihn verändert, seine Welt auf den Kopf stellt. Denn eigentlich müsste er sich von Zwolle trennen und ihn der Obrigkeit übergeben.
Markus Orths ist ein fantasievolles und spannendes Buch für Kinder ab 10 Jahren gelungen. Seine eigenen Jungs waren natürlich Testleser.

 
Peter Hase

Emma Thompson – Peter Hase. Ein turbulentes Abenteuer

annette betz

8,95 €

Da ist endlich mal ein Jahrmarkt im Dorf und das Abenteuer ruft, aber nein: Peter Hase und Benjamin Kaninchen dürfen nicht hin, weil es dort nur von Taugenichtsen und Strolchen wimmeln soll. Stattdessen sollen sie zu Cousin Lupin, um dort beim Heidelbeeren pflücken zu helfen – wie langweilig. Aber vielleicht kann man ja einen kleinen Umweg gehen und ganz zufällig am Jahrmarkt vorbeikommen. Das ist schließlich nicht dasselbe wie dorthin zu gehen. Gesagt getan und schon stecken die beiden Langohren im großen bunten Treiben. Was sie wohl erleben werden und ob sie unentdeckt bleiben?
Dieses kleine Hasenabenteuer trifft den Geist der alten Geschichten von Peter-Hase-Erfinderin Beatrix Potter und wird von Emma Thompson meisterhaft erzählt. Die kleine Sonderausgabe passt übrigens auch perfekt in jedes kleine Osternest. Ab 4 Jahre.

 
Long Bright River

Liz Moore – Long Bright River

C.H. Beck

24,00 €, E-Book 16,99 €

Dieser bewegende Roman erzählt die Geschichte der Schwestern Mickey und Kacey. Seit fünf Jahren haben die beiden nicht mehr miteinander gesprochen. Aber Mickey, die Polizistin, wusste immer, wo ihre Schwester gerade war. Die drogenabhängige Kacey muss anschaffen gehen, um ihre Sucht zu finanzieren. Dann ist sie verschwunden und gleichzeitig häufen sich die Morde an jungen Prostituierten.
In ihrer Kindheit waren die Schwestern unzertrennlich. Aufgewachsen bei der strengen und kühlen Großmutter gaben sich die beiden Halt und Liebe. Mickey kann sich noch an die Mutter erinnern. Es sind wenige, aber schöne Erinnerungen, die ihr Kraft geben. Kacey dagegen ist immer auf der Suche, findet die falschen Freunde, bringt nichts zu Ende und rutscht immer tiefer in ihre Sucht.
Liz Moore ist ein Roman gelungen, den man als Krimi lesen kann, aber er ist viel mehr: eine ergreifende Familiengeschichte und das Porträt unserer Gesellschaft.

 
Rote Kreuze

Sasha Filipenko – Rote Kreuze

Diogenes

22,00 €, E-Book 18,99 €

Im Russland der Gegenwart treffen die Schicksale des jungen Vaters Alexander und der immer vergesslicher werdenden, über neunzigjährigen Tatjana aufeinander. Beide Leben sind durch ein drastisches Ereignis geprägt. Das von Alexander liegt erst wenige Monate zurück, Tatjanas über ein halbes Jahrhundert. Durch ihre gegenseitige Annäherung offenbaren sich nicht nur deren jeweilige Lebenswege, sondern es entfaltet sich ein Panorama der gesamten russischen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Ausgehend von den gravierenden Veränderungen, die die Ermordung der Zarenfamilie mit sich bringen, schildert Filipenko in Solschenizynscher Manier sowohl die Grausamkeiten und Ungerechtigkeiten der Stalin-Ära als auch die Auswirkungen und Spuren, die diese bis in die heutige Zeit hinein in der russischen Seele hinterlassen hat. Es ist wahrlich eine herausragende Leistung, was dem Autor in „Rote Kreuze“ auf weniger als 300 Seiten gelungen ist – ein Epos en miniature.

 
102 grüne Karten

KATAPULT – 102 grüne Karten zur Rettung der Welt

Suhrkamp

22,00 €

Je größer und abstrakter die Zahlen werden, je (vermeintlich) verknoteter die Relationen, je komplexer die Zusammenhänge, desto schwieriger wird es, sich ein Bild davon zu machen. Und das ganz beim Wort genommen: eine Veranschaulichung zu (er-)finden, die einerseits einen tatsächlichen Nachvollzug erlaubt und andererseits dabei hilft sich zu erinnern. Sich etwas, das man gelesen hat (wieder und wieder) zu vergegenwärtigen, um daraus Handlungsmaximen zu entwickeln. Solche, die nicht unbedingt vorgegeben sind, sondern die über die ermöglichte Beschäftigung und Wieder-beschäftigung mit einem Thema oder einem Zusammenhang aus einem heraus selbst entstehen. Nimmt man beispielsweise die Frage, wie stark die Haltung eines Pferdes (als in den meisten Fällen reines Luxusgut) pro Jahr die Umwelt belastet und berechnet dafür die Emissionswerte und den Ressourcenverbrauch, kommt erstmal eine Zahl heraus, die höchstwahrscheinlich nur den wenigsten von uns etwas sagt. Würde man neben diese Zahl eine weitere stellen, die die Durchschnittsbelastung einer EU-Bürgerin kennzeichnet, hätte man zwei Zahlen, mit denen die meisten von uns nur wenig anfangen könnten. Würde man dieser Zahl noch eine dritte beiseite stellen, hätte man wohl drei Zahlen, mit denen die meisten von uns…
Veranschaulicht man diese drei Zahlen jedoch mit Hilfe einer Grafik und setzt die Zahlen damit (bildlich) in ein Verhältnis zueinander und möglicherweise zu einer anderen nachvollziehbaren Größe, wird die Sache schon viel klarer. Bilder setzen sich fest und jedes Mal, wenn man dann ein Pferd auf der Weide sieht, erinnert man sich daran, dass die Haltung eines Pferdes, gedacht in sogenannten Umweltbelastungspunkten, einem Road Trip von 23.500 km entspricht: So ungefähr von Wladiwostok nach Kapstadt.
Solche vereinfachenden Veranschaulichungen, entwickelt aus Statistiken und Studien der Sozialwissenschaften stellt das KATAPULT. Magazin für Eis, Kartografik und Sozialwissenschaft viermal im Jahr zur Verfügung. Nur Grafiken, „keine Handlungsanweisungen, keine Tipps, keine Top Ten der besten Umweltschutzaktivitäten“. Denken, wenn einmal ermöglicht, soll die Leserin dann selbst. Wie gut das mit Hilfe solcher grafischen Katalysatoren funktioniert, erfährt man, wenn man das in Zusammenarbeit mit dem Suhrkamp veröffentlichte Buch „102 grüne Karten zur Rettung der Welt“ durchblättert. Immens viel Wissen ohne viele Worte. Dafür Karten, Grafiken, Diagramme. Bilder schlussendlich, die nicht nur schön anzusehen sind, sondern vor Augen führen, was so alles schiefläuft und wie ‚einfach‘ es manchmal wäre, daran etwas zu ändern. Coffee Table also rausschmeißen und Buch anschaffen!

 
Siebenschläfer

Sabine Bohlmann, Kerstin Schöne – Die Geschichte vom kleinen Siebenschläfer, der überhaupt keine Angst im Dunkeln hatte

Thienemann

13,00 €

Heute hat der kleine Siebenschläfer etwas besonderes vor. Mit seiner Schnuffeldecke bepackt verlässt er abends die Höhle und erklärt seiner verblüfften Mutter, dass er heute draußen übernachten wird. Denn laut der Haselmaus, soll das ganz toll sein. Man könne Sterne, Glühwürmchen und auch die Dunkelheit beobachten. Angst hat er dabei natürlich üüüberhaupt kein klitzekleines winziges bisschen. Doch er ist erstaunt, wie schnell die Dunkelheit plötzlich über ihm einbricht. Plötzlich kommen ihm doch Zweifel und was raschelt da eigentlich so im Gebüsch? Gott sei dank hat der Siebenschläfer Freunde, die ihm Tipps geben können, wie man die Angst ganz schnell wieder los wird. Und wer weiß, vielleicht ist die Dunkelheit doch etwas besonders Schönes?
Das fünfte Siebenschläferabenteuer ist genauso liebevoll und mit dem Blick für das Wesentliche illustriert wie seine Vorgänger. Es zeigt, wie man seine Angst besiegen kann, dass mit Freunden einfach alles besser ist und man gemeinsam alles meistern kann. Ein Lesevergnügen ab 4 Jahre.

 
Stephen Florida

Gabe Habash – Stephen Florida

Rowohlt

22,00 €, E-Book 19,99 €

Ein College in North Dakota. Hier trainiert Stephen Florida verbissen für den letzten großen Wettkampf seiner Collegezeit. Er ist Ringer und nur der Sieg zählt für ihn. Alles bleibt auf der Strecke: Freunde, Liebe, Studium. Mit Niederlagen kann er gar nicht umgehen. Und die Frage, was nach dem College aus ihm wird, ist zugleich seine größte Angst. Was passiert, wenn alle, die er kennt, die wenigen Kontakte, das triste North Dakota verlassen, um ein neues Kapitel in ihrem Leben zu beginnen? Bleibt Florida, der überhaupt nur durch einen Schreibfehler an das College gekommen ist, allein und einsam zurück? Stephen ist kein sympathischer Held. Rücksichtslos, egozentrisch und aggressiv versucht er, sein Ziel zu erreichen. In seinem Debütroman erzählt Gabe Habash von Besessenheit und vom Alleinsein, vom Wunsch etwas Großes zu vollbringen. Und vielleicht ist es die Absage an den Amerikanischen Traum, dass jeder alles schaffen kann, wenn er nur will.

 
Gringo Champ

Aura Xilonen – Gringo Champ

Hanser

23,00 €, E-Book 16,99 €

„Jeder Schriftsteller ist von Geburt an größenwahnsinnig.“
(Kevin Barry, Nachwort des Autors „Dunkle Stadt Bohane“)

Aura Xilonens Debutroman „Gringo Champ“ bricht mit einer ungeheuren Sprachgewalt über uns herein. Wortmassen, Lexemverstrickungen, unter denen die Leserin fast zu ersticken droht, und die eine Dichte ausstellen, die auf der Ebene des Narrativs, als gegenseitige Spiegelung, ähnliche Atemnot verursacht. Ein Sprachmahlwerk, das brutal draufdrischt und den untiefen Bauch von Metropolis widerfahren lässt: Ohne Licht, umzingelndes Hämmern, das Ticken der Seiten.
Eine eigene Sprache geschaffen, um die Un-Welt des Protagonisten Liborio nachzuzeichnen. So, damit sie völlig seiner Wahrheit und (Ir-)Realität entspricht. In die USA geflüchtet, ohne Aufenthaltstitel, ohne Rechte kämpft der junge Mann wortwörtlich pflügend ums Überleben. Ähnlich ohne Licht, umzingelt, vor dem Ticken der Uhr, die den Kollaps abzählt. Ein Bildungsroman, der diese Gattungsbezeichnung mit sich reißt, durch die Seiten schleift, um sie später wieder auszuspucken: Verwandelt, bereichert, selbstgewiss triumphierend, schimmernd neben den wackeligen Urahnen. Und genau darin wird sich Xilonens Roman selbst zum Verhängnis: Selbstgewissheit, Hybris und schlussendlich viel zu standfeste Ahnen, die das, was hier passiert, schon längst gesehen haben. Das Sprachexperiment, damit das Aufsprengen der Lexik wie Syntax scheint dieser Tradition eingeschrieben: Neben Joyce, Musil, Schalansky und nicht zuletzt Despentes wirkt »Gringo Champ« – zumindest in der vorliegenden Übersetzung – doch sehr konstruiert, ohne eine Ebene einzuziehen, die die eigene Konstruiertheit thematisiert und damit relativiert.
Doch einmal damit abgefunden, lässt einen der Roman gebannt schaudernd blättern: fasziniert vom Mut der jungen mexikanischen Autorin, der ungebrochenen Gewalt ihres Größenwahns. Sowie von Susanne Langes Übersetzungsmobil, das einen ernsthaften Versuch darstellt, die deutschsprachigen Leserinnen durch diesen ungeheuerlichen Text zu manövrieren.

 
Von oben

Sibylle Lewitscharoff – Von oben

Suhrkamp

24,00 €, E-Book 20,99 €

Erst war es der Wanderer, der die Natur durchstreifte, beobachtete und sich Gedanken über Gott und die Welt machte. Im Laufe der Verstädterung tauchte das Motiv des Flaneurs im Literarischen auf, der die gleichen Prinzipien auf den Stadtraum übertrug. In Lewitscharoffs Roman durchstreift der Ich-Erzähler in dieser Tradition den Großstadtraum Berlins – mit dem entscheidenden Unterschied, dass er dies körperlos vollbringt. Der kurz zuvor verstorbene Philosophieprofessor geistert durch Berlin, beobachtet die Straßen sowie Wohnungen der von ihm zurückgelassenen Stadt und begegnet ihm bekannten und unbekannten Personen – ohne jedoch mit ihnen in Kontakt treten zu können. Völlig auf sich selbst zurückgeworfen kreisen seine Gedanken natürlicherweise immer wieder um seine derzeitige Situation und die großen Fragen zu den Themen Leben, Tod und Glauben.
Die kurzen Passagen des Romans fügen sich somit einerseits zu einer gesellschaftlichen Gegenwartsanalyse, andererseits zu einer zeitlosen philosophischen Reflexion über das Leben. Eingebettet ist das Ganze in Lewitscharoffs leichtfüßige Erzählkunst und gespickt mit ihrem scharfsinnigen Humor.

 
Opapi-Opapa. Besuch von den Krawaffels

Paul McCartney – Opapi-Opapa. Besuch von den Krawaffels

Annette Betz

14,95 €

Die Enkel Lucy, Em, Tom und Bob verbringen ein Wochenende bei Ihrem Großvater, der sie liebevoll Krawaffels nennt. Alles sieht nach einem öden langweiligen Tag aus, draußen nieselt es und drinnen ist alles blöd. Doch zum Glück gibt es den Opapa, der mit einer handvoll Postkarten und einem Kompass die besten Abenteuer herbeizaubern kann… wie wäre es mit einem Besuch am Strand unter Palmen, einem Ritt auf fliegenden Fischen, Pferden oder einem Flug auf Kühen? Aber Vorsicht, was braut sich da am Horizont zusammen?
Dies ist das erste Bilderbuch von Paul McCartney, mit dem er eine magische Abenteuerreise für alle Großeltern und Enkel geschaffen hat. Die liebevollen Illustrationen holen den Leser mitten hinein in die abwechslungsreichen und spannenden Abenteuer, aber am Ende auch wieder zurück ins Schlummerbettchen, um von weiteren Abenteuern zu träumen. Zum Vorlesen für Kinder ab drei Jahren.

 
Alles, was wir sind

Lara Prescott – Alles, was wir sind

Rütten & Loening

20,00 €, E-Book 14,99 €

Es ist die Zeit des Kalten Krieges. In der Sowjetunion wird Olga Iwinskaja zu fünf Jahren Gulag verurteilt. Ihr Verbrechen wiegt schwer in der stalinistischen Diktatur. Denn Olga ist die Geliebte von Boris Pasternak. Und der schreibt gerade an seinem Roman „Doktor Schiwago“. Olga weigert sich, zu erzählen, worum es im Roman geht. Im Lager muss sie, getrennt von ihren Kindern, unendliches Leid erfahren.
Gleichzeitig erkennt die CIA, welche Kraft in Worten stecken kann und versucht die Verbreitung des Romans zu unterstützen. Die junge Irina – ihre Mutter konnte aus der Sowjetunion fliehen, der Vater wurde ermordet – wird angeworben. Zusammen mit der Agentin Sally versucht sie, die Hetzjagd um das Manuskript zu gewinnen.
Dieser großartige Roman erzählt eine wahre Begebenheit der Literaturgeschichte und die Geschichte einer leidenschaftlichen Liebe.

 
Jack

Anthony McCarten – Jack

Diogenes

13,00 €, E-Book 10,99 €

„Dann verstummte Kerouac, goss sich noch einen Drink ein und passte von da an genau auf, dass er sich nicht weiter belastete.“

Unvergessen und immer wieder eingeschrieben in die Literaturgeschichte, verwoben in Narrative, als Anspielung oder Topos: Literatur vor Gericht. So zum Beispiel der große Skandal um D.H. Lawrence, um Nabokov oder Kathy Acker; Maxim Biller, Helene Hegemann oder Klaus Mann. Wegen Sittenwidrigkeiten, Verletzung der Persönlichkeitsrechte oder des Plagiats angeklagt. Verhandelt vor Gericht, verhandelt in Literatur.
In diese Tradition schreibt auch Anthony McCarten sich mit seinem Roman „Jack“ ein, in dem Jack Kerouac, dem Vater der Beatniks und Ikone der Roadnovel der Prozess gemacht wird. Jedoch nicht im Gerichtssaal, sondern im schäbigen Wohnzimmer seines ‚letzten‘ selbstgewählten Exils, nicht von einer Schar Richter und Anwälte, sondern von einer jungen Literaturstudentin, die sich als seine Tochter aus zweiter Ehe (mit Joan Haverty) ausgibt.
Selbst Roadnovel entfaltet sich „Jack“ als Alternativ-Biographie Jack Kerouacs, als Kommentar oder irgendwie auch als Abrechnung, wobei zwischen Täter und Opfer nicht immer klar zu unterscheiden ist und nicht immer ganz klar ist, ob es eigentlich um Erlösung oder Verurteilung geht. Klar ist aber zu jedem Zeitpunkt der überaus kurzweiligen Lektüre, dass es um Verantwortung im Umgang mit dem literarischen Wort geht. Denn, so lernen wir nicht zuletzt auf diesen zweihundertfünfzig Seiten, Literatur kann Leben kosten oder Leben retten.

 
Die Kakerlake

Ian McEwan – Die Kakerlake

Diogenes

19,00 €, E-Book 15,99 €

Eine Kakerlake erwacht eines Morgens im Körper eines Menschen. Und zwar nicht nur im Körper irgendeines Menschen, sondern in dem des britischen Premierministers. Inmitten politischer Wirrungen und Entzweiungen verfolgt er den Kurs, Großbritannien in eine neue Unabhängigkeit zu führen. Der Plan lautet „Reversalismus“: eine Umkehrung des Geldflusses – fürs Einkaufen bezahlt werden und fürs Arbeiten Geld bezahlen, Geld anzuhäufen ist gesetzlich verboten. Um diesen Plan in die Tat umzusetzen, ist sich der Protagonist auch keiner skrupellosen Machenschaften zu schade.
McEwans Politsatire ist eine kurzweilige, verspielte, beißende und detailgetreue Abrechnung mit den Ereignissen der Brexitverhandlungen. Auch die Umkehrung der kafkaesken Verwandlung zu Beginn der Novelle und die eloquenten Beschreibungen der körperlichen Veränderungen sind herausragend. Und nicht vergessen: jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Kakerlaken ist rein zufällig.

 
Nemi und der Hehmann

Wieland Freund – Nemi und der Hehmann

Carlsen

14,95 €, E-Book 13,99 €

„Heh!“, rief es aus dem Wald. Und Nemi, die eigentlich auf ihren Bus wartete, war so neugierig, dass sie dem Rufen folgte. „Heh!“ Es hehte mal hier, mal von da, mal war es schwächer und dann wieder stärker, genauso wie ein unsteter Wind. Und mitten im dichter werdenden Unterholz sah sie endlich das zu den Rufen gehörende Wesen. Zwei Augen wie Wasser, der Bart aus raschelndem Laub, auf dem Kopf eine pilzförmige Kappe. Da sich der kleine Mann Nemi nicht vorstellte, nannte sie ihn einfach Hehmann und er widersprach nicht. Das Männchen mit dem verwitterten Gesicht erzählte, dass er auf den Wald aufpasst, er sei so etwas wie das Gedächtnis des Waldes. Und er leidet, weil ich keiner mehr für den wunderbaren Wald und die Natur interessiert und plötzlich wird er riesig. Je nach Gemütslage verändert er nämlich seine Größe. Nemi beschließt diesem wundersamen Männchen zu helfen. Aber wird sie ihm helfen können, dass die Menschen die Natur nicht weiter so achtlos behandeln?
Dieses sprachlich sehr schöne Buch besticht ebenso durch seine wundervollen Illustrationen. Sie regen kleine Leser ab 8 Jahren mit Sicherheit dazu an, sich in der Natur etwas genauer umzuschauen.

 
Hausbuch zur Weihnachtszeit

Reclams Hausbuch zur Weihnachtszeit

Reclam

28,00 €

Wie ging noch gleich der Text zu „Ihr Kinderlein kommet“? Gibt es eigentlich ein schönes Gedicht zu Weihnachten von Joachim Ringelnatz? Was hatte Luther zu Weihnachten zu sagen? Wie backt man noch gleich Vanillekipferl und was waren noch gleich Pfeffernüsse? Und was steht eigentlich im Weihnachtsevangelium?
Diese und viele andere Fragen können Sie mit Hilfe des schön gestalteten und sehr schön zusammengestellten Reclam-Bandes beantworten – und sich darüber hinaus ganz viele wunderbare Anregungen für das Fest holen. Ein toller Begleiter für die Adventszeit.

 
Weihnachtsbilderbuchschatz

Mein großer Weihnachtsbilderbuchschatz

Ellermann

20,00 €

Eine ganz frische Zusammenstellung an weihnachtlichen Bildergeschichten hat der Ellermann-Verlag in diesem Jahr herausgegeben. Den Auftakt macht der große Klassiker: „Eine Weihnachtsgeschichte“ von Charles Dickens. Gefolgt wird dieser von zahlreichen schönen neueren Weihnachtsgeschichten von Autorinnen wie Hedwig Munck, Frauke Nahrgang oder Anne Steinwart. Bevölkert von bekannten Figuren wie dem kleinen König oder dem Kasperl. Ein schöner Fundus, schön illustriert von Astrid Henn.

 
Wenn die Chinesen Rügen kaufen, dann denkt an mich

Friedrich Christian Delius

Wenn die Chinesen Rügen kaufen, dann denkt an mich

Rowohlt Berlin

20,00 €, E-Book 19,99 €

Dem Ich-Erzähler in Friedrich Christian Delius‘ neuem Roman wird gekündigt. Getarnt als Altersteilzeit wird der Wirtschaftsredakteur auf das Abstellgleis geschoben. Er war unbequem, hat seinen Spitznamen „Kassandra“ nicht zu Unrecht. Er recherchierte, stellte Fragen, wo sich seine Kollegen mit offiziellen Statements begnügten.
Obwohl gekränkt und enttäuscht begreift „Kassandra“ die Entlassung als Chance. Als Chance, endlich zu schreiben, ohne Rücksicht auf die Interessen der Zeitung, der Politiker. Ein Tagebuch soll es werden, subjektiv, rücksichtslos, frei. Und so beginnt ein Text, geschrieben an die Nichte, in der Vorstellung, dass sie es ist, die in 30 Jahren diese Aufzeichnungen lesen wird. Dass sie fragen wird, was damals passiert ist, als Europa im Umbruch war, drohte auseinanderzufallen. Als nur noch über Banken, Griechenland und Flüchtlinge gesprochen wurde. Und was hat das alles mit China zu tun? In 100 Jahren werden die Chinesen unserer Kanzlerin ein Denkmal setzen. Denn dann gehört auch Rügen den Chinesen! – eine „Kassandra“-Prophezeiung.
Delius schreibt politisch, sarkastisch, hellsichtig – einfach gut.

 
Gesang der Flusskrebse

Delia Owens

Der Gesang der Flusskrebse

hanserblau

22,00 €, E-Book 16,99 €

Seit 2015 wird im November zur „Woche der unabhängigen Buchhandlungen“ der Preis „Lieblingsbuch der Unabhängigen“ verliehen. Heißer Kandidat für den Preis war auch der diesjährige Gewinner des „Deutschen Buchpreises“ Saša Stanišić. Das Rennen machte jedoch zuletzt Delia Owens mit ihrem Debütroman „Der Gesang der Flusskrebse“.
Der Roman erzählt die Lebensgeschichte von Kya, die Mitte des 20. Jahrhunderts im Marschland North Carolinas aufwächst. Unter ärmlichen Verhältnissen lebt sie mit ihrer Familie in einer Fischerhütte abseits der nächsten Siedlung mitten in dieser besonderen Natur. Nachdem die alkoholbedingten Gewaltausbrüche des Vaters die Familie nach und nach aus dem Haus vertreibt und er schließlich selbst verschwindet, muss die kleine Kya alleine über die Runden kommen. Durch den Verkauf von Muscheln und Fisch kann sie sich bei ihrem einzigen Freund Jumpin‘ Benzin für ihr kleines Boot und die nötigsten Lebensmittel leisten. In der Schule wird sie sofort als das barfüßige „Marschmädchen“ von den Stadtkindern ausgegrenzt und gemobbt, so dass sie es nur einen Tag dort aushält. Die meiste Zeit verbringt sie mit dem Beobachten und Erforschen der Flora und Fauna des Marschlandes.
Parallel wird die Geschichte eines Leichenfundes 17 Jahre später geschildert, bei der Kya schnell ins Visier der Ermittler gerät. Beide Geschichten werden parallel vorangetrieben und treffen schließlich zur Gerichtsverhandlung aufeinander.
Delia Owens hat eine herzergreifende Geschichte voller poetischer Landschaftsbilder und mit einer unvergesslichen Hauptfigur geschaffen. Hier treffen Gesellschaftskritik, Coming-of-Age- und Kriminalroman aufeinander und der/die Lesende gerät in einen erzählerischen Sog, der es schwerfallen lässt, sich nach 450 Seiten von Kya zu verabschieden.

 
Das NEINhorn

Marc-Uwe Kling

Das NEINhorn

Carlsen

13,00 €

Im schönen Herzwald lebt eine Einhornfamilie. Ihr könnte es nicht besser gehen, denn hier gibt es Kekse statt Brot, Wolken aus Zuckerwatte, alles ist rosa, voller Feen und immer scheint die Sonne. Eines Tages erblickt ein weiteres kleines Einhorn diesen wunderschönen Ort. Es passt einfach hervorragend hier her, denn es ist hübsch, mit bauschiger Mähne, flauschigem Fell und einfach nur süß. Doch das Einhorn selber fühlte sich oft fehl am Platz und hielt meist den Mund oder sagte „Nein“. „Nein“ zum Waschen, „Nein“ zum Essen, „Nein“ zur Schule, einfach „Nein“ zu allem. Und deshalb nannte man es bald nur noch das Neinhorn. Eines Tages hatte das Neinhorn die Nase voll und wollte einfach seine Ruhe. Es wollte einfach mal machen, was es selber wollte und verbrachte diesen Tag spielend im Schlamm. Als es vom Durst getrieben an den Fluss kam, lernte es einen nicht hören wollenden Waschbären kennen und auch einen Hund, dem einfach alles egal war und eine Prinzessin, die immer Widerworte fand, kreuzten seine Wege. Ob die vier wohl ein gutes Gespann sein werden? Ein herrlich amüsantes Kinderbuch, wie kaum anders zu erwarten von Marc-Uwe Kling. Wer also bei der Bettlektüre für die Kinder auch mal wieder herzhaft lachen möchte, sollte sich unbedingt diese Neinhorngeschichte zulegen. Allerdings sollte man sich vorher noch etwas lockern, sind doch einige Textstellen eine kleine Herausforderung für die Zunge. Viel Vergnügen mit dem schnickeldischnuckeligen Neinhorn für alle ab 3 Jahre.

 
Der Hammer

Dirk Stermann

Der Hammer

Rowohlt (Hundert Augen)

24,00 €, E-Book 19,99 €

Er ist ein erfolgloser Emporkömmling, ein ignorater Gelehrter, ein unterwürfiger Aufmüpfiger, ein ungehobelter Diplomat. Der Hammer ist mit all seinen Widersprüchen nicht nur ein Kind seiner Zeit, sondern auch ein Spiegel für die unsere.
Als Joseph Hammer als Junge aus der Steiermark ins große Wien geschickt wird, um dort seine Ausbildung zum Sprachknaben zu absolvieren, steht die Französische Revolution noch bevor und die alte Ordnung mag zwar an der einen oder anderen Stelle bröckeln, sie ist aber noch intakt. Man kennt seinen Platz. Und sein Platz ist am Schreibtisch. Er liest und lernt, er isst und schläft (sehr wenig). Als begabtestem Schüler der Akademie steht ihm am Ende seiner Ausbildung die Welt offen. Er weiß alles über den Orient und beherrscht wie kein zweiter Türkisch, Arabisch und Persisch. Der Posten als Dolmetscher an der Botschaft in Konstantinopel steht ihm zu. Aber der Taugenichts Franz Maria Thugut hat einen besseren Stand, hat die notwendigen Beziehungen. Zwar wird er Joseph, in dessen bewegtem Leben, später nicht nur die erste Liebe streitig machen, sondern auch den einen oder anderen Posten, der dem ungleich Klügeren und höher Gebildeten viel besser zu Gesicht stünde. Trotz dieser und zahlreicher anderer himmelschreiender Ungerechtigkeiten wird man aber nicht behaupten können, er hätte es zu Nichts gebracht.
Stermann zeichnet mit Humor und zugleich mit Feingefühl ein Bild von Joseph von Hammer-Purgstall und der Zeit, in der er gelebt und gewirkt hat. Glücklicherweise geht er dabei weit darüber hinaus, bloß einen historischen Stoff niederzuschreiben. Er versteht es, entlang der Brüche und Verschiebungen jener Zeit sowie in der Person Hammer den Brüchen und Verschiebungen unserer Zeit nachzuspüren. So kann Literatur sein.

 
Wir, im Fenster

Lene Albrecht

Wir, im Fenster

Aufbau Verlag

20,00 €, E-Book 14,99 €

Linn und Georg suchen auf Grund des zu erwartenden Nachwuchses eine größere Wohnung in Berlin. Als Linn in der U-Bahn die freundschaftliche Vertrautheit zweier Mädchen beobachtet, tauchen die Erinnerungen an ihre eigene Kindheit im Berlin der Nachwendejahre und vor allem an Laila wieder auf. Laila, die nachdem ihre Großmutter, bei der sie wohnt, in die Türkei zurückkehrt, sogar von Linns Familie aufgenommen wird und mit der sie eine intensive Freundschaft verband. Ungleich und doch unzertrennlich, so schienen Linn und Laila. Nach einem Türkeiaufenthalt bei ihrer Familie kehrt Laila verändert zurück, die Beziehung zwischen den beiden Teenagern ist nicht mehr wie zuvor – es bilden sich Risse und kommt schließlich zum Bruch. Doch was ist geschehen? Und wie kam es dazu, dass Laila letztlich, ohne sich zu verabschieden, verschwindet? Diese Frage ist die treibende Kraft des Romans, der sich bruchstückhaft und puzzleartig einer Beantwortung nähert. Dabei wird die Spannung bis zum Ende des Buches aufrechterhalten, an dem sich schließlich die einzelnen Erinnerungsstücke zu einem Ganzen zusammenfügen.

 
Wie Frau Krause die DDR erfand

Kathrin Aehnlich

Wie Frau Krause die DDR erfand

Antje Kunstmann

18,00 €, E-Book 14,99 €

Isabella Krause braucht dringend einen Job, um über die Runden zu kommen. Ihre Schauspielerkarriere ist ins Stocken geraten. Für eine Serie „Wild Ost“ soll sie zehn Personen finden, die erzählen wie es in der DDR wirklich war. Eigentlich kein Problem, denn schließlich ist Isabella ein Kind des Ostens. Also kehrt sie an die Orte ihrer Jugend zurück, interviewt Menschen, die sie für repräsentativ hält. Doch der Filmautor hat sich sein eigenes Bild vom Leben in der ehemaligen Zone gemacht: Es gab nichts zu kaufen, alle waren Duckmäuser und die Stasi lauerte hinter jeder Ecke.
Doch wie war das Leben wirklich, was unterscheidet Familie Ost von Familie West? Dieser Frage geht Kathrin Aehnlich nach, warmherzig und witzig und sie zeigt, dass es wichtig ist zuzuhören.

 
Max, Mischa und die Tet-Offensive

Johan Harstad

Max, Mischa und die Tet-Offensive

Rowohlt

34,00 €, E-Book 29,99 €

„Max, Mischa & die Tet-Offensive“ des norwegischen Autors Johan Harstad ist ein klassischer Listen- oder eben Notizzettel-neben-dem-Bett-Roman: Wenn solche Listen zumeist bei der Lektüre von Romanen mit überbordendem Personal zum Einsatz kommen (man denke nur an Tolstoi), so braucht man sie bei diesem 1241-Seiter vielmehr für Fragezeichenreihen, die auf Referenzen verweisen, die man später nachsehen muss. Wobei: muss im Sinne von möchte. Oder sollte. Denn es ist die Fülle an Songs, Theaterstücken, Orten, Kunstwerken oder eben Filmen und deren Personal, die den Roman ausmacht, weniger der Plot. Dieser funktioniert mehr oder minder wie schon häufig gelesene, klassische Coming-of-Age-Narrative, die sich zu Künstler-/Szene-New-York-Romanen auswachsen. Hier wird die Geschichte von Max Hansen erzählt, der zum Schulwechsel mit seinen Eltern in die USA auswandern muss, wo ihn erstmal nichts erwarten soll. Außer Heimweh und Melancholie. Das ändert sich erst als er in der High School Mordecai kennenlernt. Eine schicksalsträchtige Begegnung, die über die High School Theatergruppe nicht zuletzt zu Mischa und damit zu einem Künstlerleben in New York führt.

 
Fritzi war dabei

Hanna Schoot

Fritzi war dabei

Klett Kinderbuch

11,00 €

1989: Fritzi freut sich auf den 1. September, denn dieser Tag ist etwas Besonderes. Nach 8 Wochen Ferien sieht man sich endlich wieder und es beginnt etwas Neues. Doch diesmal ist ihre Freude getrübt, denn ihre Freundin Sophie kommt nicht zurück aus dem Ungarnurlaub. Und auch in der 4b fehlen Anja und Ringo. Was hat es nur mit Prag und Ungarn auf sich? Seltsam ist auch, dass sich ihre Eltern immer häufiger nach den Nachrichten streiten. Eines Montags geht sie mit ihrer Mutter zum Friedensgebet in die Nikolaikirche und erlebt, wie gefährlich diese Treffen sein können. Ab da geht ihre Mutter allein zu den sogenannten Montagsdemos. An einem weiteren Montag beobachtet sie vom Fenster aus den größten Menschenstrom, den sie je gesehen hat…
Dieses Buch stellt die Wochen kurz vor der Wende in Leipzig aus der Sicht einer Viertklässlerin dar. Dinge, die der mögliche Leser nicht versteht, werden kindgerecht erklärt und durch die Illustrationen wunderbar unterstützt. Ein bemerkenswertes, gut erklärendes Stück Literatur nah an der Wirklichkeit für Kinder ab sieben Jahre.

 
Gespräche mit Freunden

Sally Rooney

Gespräche mit Freunden

Luchterhand Literaturverlag

20,00 €, E-Book 14,99 €

Es wäre sicherlich falsch zu behaupten, Dublin sei unbeschrieben. Ebenso, dass Dublin in zeitgenössischen Literaturen überrepräsentiert sei. Daran ändert zwar auch Sally Rooneys Roman »Gespräche mit Freunden« wenig, jedoch fungiert hier Dublin als Kulisse, als Ort des Geschehens. Wenig aufgeregt, wenig invasiv oder drängend spielt sich Dublin in diesem Roman im Hintergrund ab. Und dennoch spielt es eine Rolle, dass jene Auslotung von Glaubwürdigkeit, von Selbstzuschrift und der (kommunikativen) Spektakelhaftigkeit von Freundschaft, Liebe und Sex eben nicht in L.A. oder New York, Berlin oder Wien siedelt. Sondern in Dublin. Irgendwie fern(-er) ab. Weniger zu-ge-gangen – denkt man an Joyce’sche oder The Dubliners‘ balladenhafte Anachronismen – aber trotzdem sehr jetzt, unglaublich nah und irgendwie auch laut.
Francis und Bobbi studieren an der Universität von Dublin, waren mal ein Paar, trennten sich und leben nun als (beste) Freundinnen ihr Leben. Ein Leben zwischen Spoken-Word-Events, Cafés, Literaturagenturen und neben wie zwischen der Kunstszene der irischen Hauptstadt. Vor allem leben sie aber in ständiger Kommunikation: Über Literatur, Freundschaft, Sex, Politik und sich selbst, wo alles kulminiert. Im Selbst oder vielleicht vielmehr im Selbst-Werden. Ein Prozess, der hier auf wenig herkömmliche Art (explizit KEIN weiteres klassisch funktionierendes Coming-of-Age-Narrativ) bei Rooney durch-kommuniziert wird. Am Laufen gehalten wird dieser Prozess wie das Schreiben von einem diffusen und komplexen Begehren: Eines, das sich zwar unabdingbar körperlich präsentiert (unter anderem in einer Ménage-à-quattre mit dem deutlich älteren Künstlerehepaar, Melissa und Nick), sich darauf aber keineswegs reduzieren lässt.
„Unglaublich, dass dies ein Debüt sein soll“, schreibt Zadie Smith. Es ist schwer, sich dem nicht anzuschließen! Zumal es Zoë Beck gelang, den Text für das deutsche Publikum so zu übersetzen, dass er getrost in Übertragung zu lesen ist.

 
Römische Tage

Simon Strauß

Römische Tage

Tropen

18,00 €, E-Book 13,99 €

Ein Herzleiden lässt ihn nach Rom reisen. Ein Herzschmerz, so scheint es, als Reaktion auf die Gegenwart. Flanierend durch die ewige Stadt beobachtet der Erzähler Touristen sowie Einheimische und sinniert über Goethe, Bachmann und die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Dabei schwört er Rom als romantischen Sehnsuchtsort herauf, zeigt aber auch die desolaten Zustände der Gegenwart beispielsweise beim Besuch eines Flüchtlingslagers auf. Beobachtungen und Begegnungen, Gedanken über das Damals und das Heute, Vergänglichkeit, Tod und Leben in einer Sprache, die zwischen alltäglicher Leichtigkeit und gezieltem Pathos changiert, zeichnen das zweite Werk Simon Strauß‘ aus. Wie sich der Sommer in Rom letztlich auf das Herz des Erzählers auswirkt, lässt sich auf den 140 Seiten von „Römische Tage“ nachlesen.

 
Letzte Rettung: Paris

Patrick DeWitt

Letzte Rettung: Paris

Kiepenheuer und Witsch

15,00 €, E-Book 9,99 €

Frances Price kennt man in der High Society New Yorks. Untadelig ist ihr Ruf allerdings nicht. Sie fand die Leiche ihres Mannes und fuhr in aller Seelenruhe in den Skiurlaub, statt die Behörden zu informieren. Danach war sie mit dem Ausgeben seines Geldes beschäftigt. Doch jetzt ist es verbraucht, die Witwe pleite. Sie bucht eine Schiffspassage nach Europa, denn in Paris lebt ihre einzige Freundin. Immer mit dabei sind Sohn Malcom und der Kater Kleiner Frank. Für Frances ist der Kater die Reinkarnation ihres Mannes. Als er verschwindet, wird alles an Personal und Kräften gebündelt und die Suche beginnt.
Patrick de Witt ist mit diesem Roman in den USA ein Überraschungserfolg gelungen. Seine skurrilen Figuren, das ambivalente Verhältnis zwischen Mutter und Sohn und der schräge Humor in der Geschichte bereiten beim Lesen wirklich Vergnügen.

 
Bobo Siebenschläfer

Markus Osterwalder

Bobo Siebenschläfer. Drinnen ist was los!

Rowohlt rotfuchs

9,99 €

Der Herbst macht auch vor Bobo Siebenschläfer keinen Halt. Auch wenn es nun draußen wieder häufig ungemütlich ist, es regnet und der Herbstwind die Blätter über den Boden jagt, kann man drinnen trotzdem jede Menge Spaß haben. Bobo findet auf dem Dachboden eine alte Truhe mit Kleidern seiner Großeltern und schon fängt er an, sich zu verkleiden. Zusammen mit seinem Freund Jeremy wird daraus sogar noch ein ganzes Theaterstück und selbst ihre Eltern sind plötzlich kunterbunt verkleidet. Aber Bobo hat noch viel mehr Ideen. Aus seinen ganzen Herbstschätzen bastelt er zusammen mit Fatima einen Kranz aus Beeren, Kastanien und Eicheln. Auch lustige Kastanientiere werden zusammengeklebt und -gesteckt. Wusstet ihr, dass man auf eine Tapete eine ganz lange Straße mit Häusern und Bäumen malen kann? Dies und was man alles benötigt, um sich zu verkleiden oder wie man witzige Brote mit Gesichtern macht, erfahrt ihr in diesem neuen Bobo-Band mit vier neuen Vorlesegeschichten. Zum Vorlesen lassen und Bilder anschauen für alle ab 3 Jahren, die Bobo und seine Spielabenteuer erleben wollen.

 
Auf Erden sind wir kurz grandios

Ocean Vuong

Auf Erden sind wir kurz grandios

Hanser

22,00 €, E-Book 16,99 €

Es ist der vage Nachhall, die recht unsichere Erinnerung an eine Äußerung von Georg Lukács, die in Zusammenhang mit seinem (nie vollendeten) Dostojewski-Buch steht, wo er davon spricht, dass bei Dostojewski (noch) Seelen auf Seelen treffen, sich begegnen, miteinander verkehren und kommunizieren. Dabei referiert Lukács keineswegs auf das, was man unter ‚russischer Seele‘ im landläufigen Sinne zu verstehen glaubt, sondern auf eine epische Tiefe, die tiefen Gründe des epischen Personals in der russischen Literatur des 19.Jahrhunderts. Besonders bei Dostojewski. Nun kommt dieser Nachhall in einem Kontext, bei der Lektüre von Ocean Vuongs Debütroman „Auf Erden sind wir kurz grandios“, der weder auf den ersten, noch auf den zweiten Blick etwas mit der Romantradition des 19.Jahrhunderts gemein hat, sondern vom Aufbau und der Struktur her ganz anders funktioniert: Fragmentarisch, in Quasi-Briefform – postmodern, um es mit einem (unliebsamen) Schlagwort zusammenzufassen. Das Lukács’sche ‚Zeitalter des Epos‘ für uns zwar längst verloren, begegnet die LeserIn hier überraschend wieder jenen miteinander verkehrenden Seelen, liest eine Kommunikation der Tiefe, die jede Pathetik des Sprechens von Seelen auszuhebeln vermag. Vielleicht ein Herüberretten eines Bits epischer Tradition in das zerfallende 21.Jahrhundert.
„Auf Erden sind wir kurz grandios“ besteht aus unzähligen Brieffragmenten an die Mutter, eine vietnamesische Migrantin in den USA, die diese niemals wird lesen können: Als Analphabetin und sehr unsicher in der englischen Sprache bleiben ihr Inhalt, Codes, Kultur schlussendlich das ‚Leben‘ ihres queeren Außenseiter-Sohns nicht zuletzt deswegen unzugänglich. Darüber werden jene Texte, Sätze, Bruchstücke zu Markern der anwesenden Abwesenheit, der fehlenden Verfüg- oder Erreichbarkeit, wird der Dialog des Briefes zum Monolog. Schmelzen Absender und Adressat zu einer Person. Ein Aushandeln: Worte von und an einen mehrfach Stigmatisierten und Ausgegrenzten. Kein Pathos, kein Existenzialismus, sondern einfach, kurz: grandios. Auf Erden.

 
Rohstoff

Jörg Fauser

Rohstoff

Diogenes

24,00 €

Jack Kerouac, Allen Ginsberg und William S. Burroughs – das sind die Namen, die man mit der Beat-Generation verbindet. Junge Schriftsteller, die in einer Nachkriegswelt Abstand vom Alten nehmen wollten, etwas Neues suchten und zu erschaffen versuchten. Die deutsche Nachkriegsliteratur konzentrierte sich um die „Gruppe 47“. Dass Jörg Fauser auch in diese Tradition nicht recht hineinpasst, zeigt die vernichtende Kritik der Jury um Reich-Ranicki beim Bachmann-Preis 1984. Und doch gelang es ihm schließlich, Erfolg und Anerkennung bei Leserschaft und Schriftstellerkollegen zu erlangen. Ein Umherirrender, den es von Ort zu Ort, Gelegenheitsjob zu Gelegenheitsjob, von Rausch zu Rausch trieb und der von Anfang an nur eines wollte: Schreiben. Anlässlich des 75. Geburtstages dieses mysteriös ums Leben gekommenen Autors gibt der Diogenes-Verlag seine Werke neu heraus. „Rohstoff“ ist dabei wohl das Autobiographischste – die Geschichte eines Schriftstellers, der noch keiner ist; seine Versuche die Zeit und den Geist in Worte zu kleiden, die Gegenwart zu erleben und zu hinterfragen, einen passenden Platz in der Welt zu finden. Unheimlich frisch liest sich dieses erstmalig 1984 erschienene Buch und man spürt, dass Fauser den Weg einer neuen deutschsprachigen Literatur mitgeebnet hat, die bis in die heutige Zeit hineinragt. Ob aus Interesse an der Person des Autors, der gesellschaftlichen Zeit der „68er-Bewegung“ oder der deutschsprachigen „Popliteratur“ – Fauser lesen lohnt sich.

 
Das kleine Böse Buch

Magnus Myst

Das kleine Böse Buch

Ueberreuter

12,95 €

Das kleine Böse Buch ist wieder da und sucht dich, denn es braucht einen mutigen Leser, um sich Sherze mit der Zeit zu erlauben. Es hat nämlich einem alten Zauberbuch einen ganz geheimen Zeitreisespruch stibizt und nun braucht es dich, um diesen endlich zu testen. Bist du bereit, dich auf ein gefährliches Abenteuer mit dem Buch einzulassen? Aber Moment – erst muss du dich noch einem Test unterziehen, ob du überhaupt geeignet bist. Bedenke aber: mit der Zeitpolizei im Nacken und dem Zeitwolf, der bereits am kleinen Bösen Buch zu knabbern beginnt, ist nicht zu spaßen.
Myst hat hier wieder einen tollen interaktiven Gruselspaß für unerschrockene Leser ab 8 Jahren geschaffen. Die besondere Gestaltung des Buches und die Rätsel lassen auch Lesemuffel das Buch nicht so schnell wieder aus der Hand legen.

 
Die Geschichte vom Löwen, der nicht kochen konnte

Michael Baltscheit

Die Geschichte vom Löwen, der nicht kochen konnte

Beltz Gelberg

13,95 €

Zuerst konnte der Löwe nicht schreiben, dann hatte er Schwierigkeiten bis drei zu zählen und schwimmen musste er auch schon lernen. Jetzt aber hat die Löwin Geburtstag und unser Löwe möchte sie mit einem selbstgemachten Menü überraschen. Nur kochen, das kann er nicht. Also fragt er seine Tiere aus. Und jedes hat einen Vorschlag für ihn, Vogel und Katze, Frosch und Storch und viele mehr. Es wird ein abenteuerliches Menü, denn der Löwe bringt einiges durcheinander. Ob es ihm gelingen wird, seine Löwin zu überraschen?
Martin Baltscheit ist in Text und Bild mal wieder eine lustige Geschichte vom Löwen gelungen!

 
Ich bin ein Schicksal

Rachel Kushner

Ich bin ein Schicksal

Rowohlt

24,00 €, E-Book 19,99 €

Die erste Assoziation vor dem Bücherregal, bei K wie Kushner, nach Überfliegen des Rückentextes war „Orange is the new Black“, die überaus gelungene, wie auch in vielerlei Hinsicht zu kritisierende Netflix-Serie über die zu 15 Monaten Haft verurteilte Piper Chapman, über die die ZuschauerIn Einblicke in den Mikrokosmos Frauengefängnis (in den USA) bekommt. Die zweite Assoziation: Institutionenroman. Ein Begriff aus der (soziologischen) Literaturwissenschaft, mit dem Romane bezeichnet werden, die in besonderer Gewichtung die Entstehung und vor allem Perpetuierung von Institutionen reflektieren und darüber die Bedeutung dieser für sowohl das einzelne Individuum als auch für das Kollektiv (poetisch) ausloten. Machtverhältnisse, Lenkung und Bevormundung stehen dabei zentral und so wundert es nicht, dass Kafkas „Der Process“ als Referenzpunkt dieses ‚Genres‘ immer wieder anzitiert wird. Rachel Kushners neuster Roman „Ich bin ein Schicksal“, um wieder zum Bücherregal und zum K wie Kushner zurückzukommen, spannt ein Dazwischen ab: Nähen zu „Orange is the new Black“ wie zu Kafkas Process (oder allgemeiner zum Institutionenroman) lassen sich durchaus ausmachen, werden jedoch produktiv erweitert. In sich abwechselnden Stimmen, aus verschiedenen Perspektiven wird darin diachron die Geschichte von Romy Hall erzählt, die eine zweimal lebenslängliche Haft in der Stanville Women’s Correctional Facility antritt. Urteilspruch: vorsätzlicher, gewalttätiger Mord. Die Vorgeschichte, die eine Geschichte des urbanen Kaliforniens und der Gentrifizierung ist, kommt dabei ebenso zu Wort wie der Gefängnisalltag und die Maschinerie Rechtssystem, samt Personal und Bürokratie. Damit verstrickt sich „Ich bin ein Schicksal“ nicht im Mikrokosmos abgeschlossener Räume, wird nicht zum Atmosphärendiagramm dieser Heterotopie Gefängnis, sondern bildet ein Leben ab, das an den Rändern unserer Gesellschaften immer wieder neu produziert wird und sich scheinbar zwangsläufig, auf die immer selbe Weise verästelt, um im offenkundigsten Ausschluss zu enden. Peripheres, elendes Leben. Infame Menschen. Unbedingt lesen!

 
Herkunft

Saša Stanišić

Herkunft

Luchterhand Literaturverlag

22,00 €, E-Book 17,99 €

„Herkunft“ ist eine poetische Spurensuche, ein Wandeln in Erinnerungen, eine Reise in die eigene Vergangenheit. Saša Stanišić erzählt Anekdoten aus seiner Kindheit in Višegrad, von dem Zerfall Jugoslawiens ab 1991, der Flucht mit den Eltern nach Heidelberg, von Schulzeit und Studium bis zu seinem gegenwärtigen Leben mit eigener Familie in Hamburg. In kurzen Episoden springt Stanišić zwischen Zeiten und Orten, wobei auf jeder Seite seine Leidenschaft für die Sprache spürbar ist, ob im prägnanten Gestalten der Figuren oder beim lebhaften Schildern von Situationen – immer einfühlsam und augenzwinkernd zugleich. Dieses sprachliche Flottieren zwischen Ernsthaftigkeit und Witz, Leichtigkeit und poetischem Tiefgang ist es, was Stanišićs Schreiben auszeichnet. In „Herkunft“ erzählt er von Heimat und Flucht, Familie, Prägung und Identität, vom Ankommen und Gehenlassen.

 
Mr.X

Erika Mann

Zehn jagen Mr. X

Rowohlt rotfuchs

15,00 €, E-Book 9,99 €

In El Peso Kalifornien passieren 1942 aufregende Dinge. Dort gibt es eine Schule mit Internat, die Neue Welt. Die Kinder kommen aus allen Landesteilen, denn ihre Eltern arbeiten im neuen Flugzeugwerk und haben wenig oder gar keine Zeit für die Sprösslinge. Es ist Krieg. Zum Glück nicht in den USA. Hier fühlen sich die Kinder geborgen, auch die Neuankömmlinge. Von weit her sind sie angereist, aus Europa, der Sowjetunion und sogar aus China. Jedes mit seiner eigenen Geschichte. Alle zusammen gründen sie die „Gang“. Mit vielen Aktionen wollen die Kinder helfen.
Doch die scheinbare Sicherheit trügt. Der geheimnisvolle Mr. X taucht auf und unsere Gang gerät in ein gefährliches Abenteuer. Sie müssen beweisen, dass sie zusammenhalten und die Fähigkeiten jedes einzelnen gebraucht werden, auch die des deutschen Jungen Franz, dessen Eltern vor den Nazis fliehen mussten.
Erika Mann schrieb diesen Roman für Kinder und Erwachsene im kalifornischen Exil mitten im Zweiten Weltkrieg.
Gedacht als Aufruf für alle Hitler-Gegner ist er spannend und politisch – auch noch heute.

 
Papanini

Ute Krause

Papanini. Pinguin per Post

Edel:Kids Books

12,99 €

Wo gibt es denn sowas… ein Pinguin der sprechen kann, naja bis auf ein paar Buchstaben, die kann Paganini nicht, der Tischstäbchen essen will und nach Wassel ruft. Das gibt es bei Emma, die in Windhoeven lebt, ihn in einer alten Kühltruhe per Post geliefert bekommt und die weder für Papa noch für Mama ist. Da Emma mit Mama und Papa in einem kleinen Haus lebt, ahnt sie schon, dass sie ihn nicht behalten darf, zumal er immer wieder Unfug anstellt und das nicht nur im Haus. Aber er ist so niedlich und er weiß es ja nicht besser und manchmal ist er auch mucksmäuschenstill…
Dann sind da noch die merkwürdigen Gestalten, die ihn entführen wollen und der Professor, der über die Sprache der Tiere forscht und der Architektenwettbewerb den Emmas Mama gewonnen hat und, und, und…
Witzig und spannend und lustig illustriert, für Kinder ab 8 Jahren oder eigentlich auch ab 5 (zum Vorlesen).

 
Ella

Timo Parvela

Ella und das Abenteuer im Wald

dtv (Reihe Hanser)

6,95 €

Ungeplant treffen Ella und ihre Mitschüler auf ihren Lehrer, der sie in einem Sommernaturcamp betreuen wird. Doch es regnet, ihr Lehrer lässt die leckeren Würstchen anbrennen und die Mücken sind sehr hungrig. Doch dann begegnen sie mitten im Wald dem Schuldirektor, zusammen mit einigen finsteren Gestalten, die dort in der schönsten Natur Ferienhäuser bauen möchten. Dabei leben dort die niedlichen Otter. Ella, ihre Mitschüler und auch ihr Lehrer schmieden Pläne, um die Otter zu retten. Ob es wirklich hilft, dass sich der Lehrer als Otter verkleidet, um die Otterfamilie an einen sicheren Ort zu locken? Gemeinsam schützen sie Bäume, bauen Fallen und bekommen es schließlich noch mit der Polizei zu tun.
Mit altbekanntem Humor meistert die lustigste Schulklasse der Welt dieses spannende Abenteuer im Wald. Wer also auch im neuen Schuljahr noch einen Hauch Ferienaction spüren möchte, sollte unbedingt dieses Buch lesen. Und falls der ein oder andere Ella-Fan dieses Buch verpasst hat, so ist es nun als handliches Taschenbuch erhältlich. Empfohlen ab 8 Jahren.

 
Neues vom Ernst des Lebens

Sabine Jörg

Neues vom Ernst des Lebens

Thienemann

7,99 €

Der Sommer biegt langsam auf die Zielgerade ein und es steht wieder für viele Kinder ein Schritt in einen neuen Lebensabschnitt bevor. Der Ernst des Lebens beginnt und darüber hat Sabine Jörg ein paar Kurzgeschichten geschrieben. Hauptpersonen sind Annette und Ernst, die sehr stolz darauf sind, nun auch in die Schule gehen zu dürfen. Ihnen macht die Schule richtig viel Spaß, sie erleben spannende Ausflüge und lernen allerlei Neues. Nur manchmal ist ihre Lehrerin etwas seltsam, beschwert sie sich doch bei ihrer unruhigen Klasse, dass man ihr doch nicht auf der Nase herumtanzen könne. Wie soll das gehen? Ihre Nase ist doch viel zu klein dafür. Und an einem anderen Tag will sie einen Frosch im Hals haben. Wirklich sehr merkwürdig.
Wer wissen möchte, was passiert, wenn Redewendungen und Sprichwörter wörtlich genommen werden, sollte dieses vergnügliche Buch lesen. Und natürlich ist es genau der richtige Lesestoff für alle Schulanfänger ab 6 Jahren.

 
Der Stotterer

Charles Lewinsky

Der Stotterer

Diogenes Verlag

24,00 €, E-Book 20,99 €

Ein sprachbegeisterter Trickbetrüger landet im Gefängnis und handelt mit dem dortigen Pfarrer einen Deal aus: Geschichten aus seinem Leben gegen einen Job in der Gefängnisbibliothek. In diesen Briefen an den Padre schildert er Episoden aus seinem Leben, die jedoch stets auch den Zweifel in sich bergen, ob es sich tatsächlich um Fakten oder lediglich um Fiktionen handelt. Erzählen die Geschichten von einer Realität oder erschaffen sie eine? Das Schaffen von (Schein-)Realitäten mittels der Macht der Sprache zieht sich ohnehin durch das Leben der Hauptfigur und hat schließlich auch dazu geführt, dass er im Gefängnis sitzt. Nun ist das Schreiben für ihn Mittel zur Reflexion und zum Experiment. Neben den Briefen gibt es Tagebucheinträge und „Fingerübungen“; letztlich die Geschichte einer Buchveröffentlichung. In „Der Stotterer“ werden Fragen der Moral, von Schuld und Sühne, sowohl auf verspielte und witzige, als auch bissige und böse Weise verhandelt.

 
Damals

Siri Hustvedt

Damals

Rowohlt Verlag

24,00 €, E-Book 19,99 €

Im Jahr 1973 geht eine junge Frau aus Minnesota nach New York und kommt als Landei dort an. Die Protagonistin – stets abgekürzt mit S.H. – sucht das wilde Leben in der Großstadt und möchte Schriftstellerin werden. Eine kleine, heruntergekommene Wohnung wird ihr neues Zuhause. Von hier aus beginnt sie ihre Streifzüge durch die Stadt auf der Suche nach Inspiration, Abenteuern und Freunden. Alles Neue saugt sie auf. Durch die dünnen Wände ihrer Wohnung hört sie ihre Nachbarin. Zunehmend verstörend ist das. Aber ein dramatisches Ereignis bringt die beiden Frauen zusammen. Vierzig Jahre später findet S.H., inzwischen erfolgreiche Schriftstellerin, ihr Tagebuch aus jener New Yorker Zeit wieder und berichtet, was davor und danach passiert ist.

Siri Hustvedt erzählt von Weiblichkeit und Solidarität, Geschlechterkampf, Gewalt und Versöhnung.

 
Pik-Bube

Joyce Carol Oates

Pik-Bube

Droemer Knaur

19,99 €, E-Book 14,99 €

“The gentleman’s Stephen King”

Rosamund Smith gleich Lauren Kelly gleich Joyce Carol Oates: Dabei ist es keineswegs ungewöhnlich, dass SchriftstellerInnen (literarische) Identitätswechsel mit Hilfe von Pseudonymen vornehmen, um Freiheiten genießen zu können, die vom Namen im literarischen Feld verstellt sind. Dass Oates „Pik-Bube“, einen recht eigentümlichen Mystery-Thriller unter ihrem wahren Schriftstellerinnennamen veröffentlichte, könnte man als erstes verstreutes Teilchen dieses Puzzle-Romans lesen. Eingeflochten in die Erzählung um Andrew Rush, einen überaus erfolgreichen Autor von massentauglichen Thrillern, mit Anwesen in New Jersey, einer umsorgenden Ehefrau und Kindern an Eliteuniversitäten, der unter absoluter Geheimhaltung Splatter-Thriller der fragwürdigsten Art verfasst, ist ein Verwirr-Puzzle-Spiel. Evil-Twin-Zitationen aus Stephen Kings „Stark. The Dark Half“, Horrorfiction-Versatz um Doppelgänger und deren (Nicht-)Materialisierung sowie die allmähliche (Un-)Unterscheidbarkeit von geschriebener und zu schreibender Fiktion und Realität à la Edgar Allan Poe treffen auf die (poetologische wie feldtheoretische) Reflektion vom Schreiben unter Pseudonym.
Heraus kommt ein sprachlich nicht immer überzeugender literarischer Thriller, der gelesen als ebendieses Puzzle jedoch durchaus Spaß macht. Kurzweilig und mit seinen kleinen, scharfen Seitenhieben nach links und rechts scheint „Pik-Bube“ ideal für eine Sommerlektüre, während der man sich Notizen von den Büchern und Filmen macht, die (wieder-)gelesen werden könnten, wenn die Tage kürzer werden.

 
Pekka

Timo Parvela

Pekkas geheime Aufzeichnungen. Der König des Dschungels

Hanser Verlag

10,00 €

Hätten sie sich doch lieber nicht verbotenerweise auf dem Hafengelände herumgetrieben. Doch nun ist es zu spät, denn Pekkas Hundefreund Totti ist von der bösen Kapitänin Hahab entführt worden und zwar auf ein Schiff, das ihn nach Borneo bringt. Für Pekka steht sofort fest, dass er Totti retten muss. Was liegt da näher, als sich per Paket dorthin schicken zu lassen. Dieser tollen Idee seiner Freundin Senja folgend, landen die beiden mitten im Dschungel und freunden sich schnell mit den vom Aussterben bedrohten Orang-Utans an. Doch müssen sie feststellen, dass auch hier Kapitänin Hahab ihr Unwesen treibt und ein super Geschäft mit den unschuldigen Affen wittert sowie den Urwald brandrodet, um Platz für Ölpalmen zu schaffen. Können Pekka und Senja Hahab aufhalten und die Orang-Utans, den Urwald und Totti retten?
Ella-Leser werden den Klassendödel Pekka bereits kennen, alle anderen hätten diese coole Socke sicher gern als Freund. Parvela erzählt Pekkas Abenteuer in gewohnt amüsanter und turbulenter Weise. Die Story überrascht immer wieder aufs Neue. Auch die großartigen Zeichnungen von Pikänen treiben die Geschichte voran. Beides zusammen ist einfach genial für Lesefreunde wie auch für kleinere Lesemuffel – sie haben bei diesem Buch keine Chance und müssen einfach weiterlesen. Für Abenteurer ab 8 Jahren.

 
Kafkas letzter Prozess

Benjamin Balint

Kafkas letzter Prozess

Berenberg Verlag

25,00 €, E-Book 19,99 €

Franz Kafka selbst bemerkte in einem Brief an Felice Bauer, wie seine Literatur gleichzeitig als ‚urdeutsch’ und ‚typisch jüdisch’ beansprucht wird. Der israelisch-amerikanische Journalist Benjamin Balint beschreibt nun in einem der bislang interessantesten Sachbücher des Jahres die Geschichte des Gerichtsverfahrens um Kafkas Nachlass. „Kafkas letzter Prozess“ ist weit mehr als ein nüchterner Prozessbericht, sondern stellt kluge Fragen etwa zu Kanonisierung, Identitätsbildung, Überhöhung und kulturpolitischer Vereinnahmung. Gehören Kafkas Schriften zur deutschen Literatur – obwohl seine Familie von den Nazis ermordet wurde? Oder dem Staat, der sich als Vertreter und Hüter jüdischer Kultur begreift – obwohl Israel erst lange nach Kafkas Tod gegründet wurde oder noch heute keine hebräische Gesamtausgabe Kafkas vorliegt? Bereits als Max Brod mit dem Koffer voller Texte und Skizzen Kafkas Prag verlassen musste – etwa zu gleicher Zeit übrigens, wie die Großeltern Benjamin Balints aus Leipzig flohen – begann die Missachtung von Kafkas Willen, der diese Manuskripte ausdrücklich vernichtet wissen wollte. Detailreich, packend und durchaus poetisch beschreibt Balint die Zerstreuung von Kafkas und, eng damit verbunden, auch Brods Nachlass. Bemerkenswert neutral schildert und wägt er die Argumente der am Prozess beteiligten Nationalbibliothek Jerusalem, des Deutschen Literaturarchivs Marbach und der Tochter von Max Brods Privatsekretärin. Dabei wird ausführlich Kafka zitiert. Denn niemand verteidigt Kafka gegen alle Besitzansprüche besser als dieser selbst.

 
Lyophilia

Ann Cotten

Lyophilia

Suhrkamp

24,00 €, E-Book 20,99 €

„Aber wir fanden nichts als frischen, sauberen Lavahumus.“

Ein Bild schiebt sich über ein anderes, ein Wort erweitert, das erste verdeckend, dessen Bedeutung, fragile Sinnkonstruktionen aufgehoben in den Verschiebungen und Verlagerungen schreiben sich aus den diskontinuierlichen Raum- und Zeitebenen: So entsteht, mag man annehmen, sowas wie «Lyophilia«, Ann Cottons zweiter Band mit Erzählungen im Suhrkamp Verlag.
Darin finden wir als LeserInnen nicht mehr und nicht weniger als frischen, sauberen – nun ja – Lavahumus: Insgesamt zwölf Prosastücke, die als Nährboden dienen können, sofern man sich darauf einlässt. Und einlassen, heißt in diesem Fall vor allem, sich von Cottons Ironie, ihrem Wahnwitz und ihrer Logophilie antreiben zu lassen, rausgeworfen zu werden, um wieder (neu) anzusetzen. Weiterdenken und rückbeziehen: Das All wieder auf die Füße zu stellen. Keine ganz leichte Aufgabe, will man meinen. Doch auch hier gilt mit Sicherheit, das was auch sonst angesichts von „Kleiderbügeln im Abfluss (der Welt)“, „staubsaugenden Arbeitstrupps im All“ oder „Gefriertrocknern“ im Allgemeinen hilft: Das, was man vor sich hat, und vor allem sich selbst nicht unnötig wichtig zu nehmen. Oder, um mit Helen de Witt zu sprechen:
A good samurai can parry the blow.

 
weg

Doris Knecht

weg

Rowohlt Berlin

22,00 €, E-Book 14,99 €

Nachdem wir mit Doris Knecht im „Wald“ waren und „Alles über Beziehungen“ erfahren konnten, gehen wir in ihrem neuen Roman auf eine Reise „weg“ nach Vietnam. Heidi und Georg müssen sich auf die Suche nach ihrer Tochter Charlotte begeben. Lotte ist zwar schon erwachsen, hat aber psychische Probleme und plötzlich ist sie verschwunden. Und die zwei, die eigentlich nicht viel miteinander verbindet, die sich nicht gut kennen, bilden eine Zweckgemeinschaft. Georg verlässt seinen österreichischen Landgasthof und Heidi ihr kleinbürgerliches Nest in der Nähe von Frankfurt. Die Hindernisse auf ihrer Suche liegen auch in ihnen selbst, in der Unfähigkeit, mit der Vergangenheit umzugehen und sich der Gegenwart wirklich zu stellen. Doris Knecht schickt den Leser mit Heidi und Georg auf eine spannende Reise. Es müssen schwierige Entscheidungen gefällt werden und, ob die Suche dieser beiden sich so fremden Menschen erfolgreich sein wird, ist ungewiss.

 
Immerjahn

Barbara Zeman

Immerjahn

Hoffmann und Campe

22,00 €, E-Book 16,99 €

Der millionenschwere Zementfabrikantenerbe Immerjahn lebt in seiner mit Kunst und Antiquitäten vollgestopften Mies-van-der-Rohe-Villa auf dem Hagebuttenberg. Nach Jahrzehnten der Abschottung, hatte er beschlossen das Erdgeschoss der Villa als Museum der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Dumm nur, dass er zwei Wochen vor der Eröffnung in einer Kurzschlussreaktion seine Assistentin kündigt, die als Einzige einen Überblick über die minutiöse Planung bis zum Eröffnungstermin hat. Nun muss der melancholische und lethargische Immerjahn selbst in Aktion treten. Soll er versuchen Polly zurückzuholen? Oder schafft er es zusammen mit dem seit Jahrzehnten im großen Saal der Villa hausenden gescheiterten Architekten Holm und dem befreundeten Künstler Fritzwalter auch ohne sie, alle Vorbereitungen zu bewältigen?
Zemans Debüt ist kein spannungsgeladener und ereignisreicher Roman. Vielmehr gleicht die Handlung einem Umherschweifen, detailliertem Schauen und Sinnieren. Von der Sprache eingefangen wird der Leser zum Beobachter des Beobachters. Die Welt im Bild – die Welt als Bild – die Sprache als bildnerisches Mittel. Kunsthistorie, Poesie und Ironie verbinden sich in diesem Roman zu einem visuellen, schwelgenden und zugleich erfrischenden Lesevergnügen.

 
Rodrigo Raubein

Michael Ende, Wieland Freund

Rodrigo Raubein und Knirps, sein Knappe

Thienemann

17,00 €, E-Book 12,99 €

Dem Puppenspielersohn Knirps ist das Leben auf dem kunterbunten Wagen viel zu öde. Vielmehr ist er davon überzeugt, dass in ihm ein waschechter Raubritter steckt. Er will unbedingt vom berüchtigten Rodrigo Raubein höchstpersönlich lernen. Er büxt heimlich aus und sucht Rodrigo auf, der ihm direkt eine Mutprobe auferlegt. Und so kommt es, dass Knirps einen Plan ausheckt, um einen Prinzessinenraub zu begehen, denn etwas Gefährliches kann es nicht geben. Dabei ahnt er nicht, dass der mächtige Zauberer Rabanus Rochus und sein Drache es ebenso auf die Prinzessin abgesehen haben.
Michael Ende begann Knirps Geschichte kurz vor seinem Tod. Nach nun zwanzig Jahren hat Wieland Freund diesem Romanfragment ein würdiges Ende gegeben. Dieses turbulente Abenteuer ist voller Witz, Spannung, Fantasie und einer Menge schräger und vor allem auch liebenswerter Figuren. Die wunderschönen Illustrationen von Regina Kehn runden die Kapitel ab. Der raffiniert erzählte Roman übers Angsthaben, Lügen und Geschichtenerzählen ist für mutige Abenteuer ab 6 Jahren.

 
Schiffbruch vor Lampedusa

Davide Enia

Schiffbruch vor Lampedusa

Wallstein Verlag

20,00 €, E-Book 15,99 €

Davide Enia, geboren 1974 in Palermo, machte sich bereits als Schauspieler und Dramaturg einen Namen, bevor er 2012 seinen ersten Roman veröffentlichte. In diesem März erschien nun „Schiffbruch vor Lampedusa“ – und wie bei vielen Publikationen des Wallstein-Verlags ist auch die Gestaltung dieses Buches überaus gelungen. Der in jeder Hinsicht aktuelle Roman Davide Enias ist halb Reportage, halb Reflexion – ein Buch, das sich in die länger werdende Reihe schriftstellerischer Betrachtungen über die Insel fügt, auf der sich das ganze Drama Europas wie unter einem Brennglas bündelt. Der Felsen mitten im Meer zwischen Afrika und Europa ist längst zu einem unübersehbaren Symbol geworden. Zehntausende Flüchtlinge haben aus den Inselbewohnern Retter und Totengräber gemacht. Enia gelingt das Kunststück, die sprachlich kaum zu fassende Tragödie zu einfühlsamer Literatur zu formen. Indem er das Drama der Migration mit dem Schicksal seiner Familie verknüpft, während er das Sterben des geliebten Onkels begleitet, spannt Enia einen großen Bogen: Leben und Sterben im individuellen wie im geopolitischen Maßstab, das Leiden Fremder und der Nächsten, das Ringen um Sprache und um Menschlichkeit. Wenn Protagonisten wie Rettungsschwimmer, Inselarzt und Gerettete zu Wort kommen, bekommt „Schiffbruch vor Lampedusa“ eine große Eindringlichkeit und die Gespräche mit dem leidenden Onkel wirken plötzlich wie ein Rettungsring in schwerer See. Ein berührender Text über die Insel, ihre Bewohner und über Menschen, die dort Rettung suchen – ein großes Zeugnis von Humanität.

 
Graffiti Palast

A.G. Lombardo

Graffiti Palast

Verlag Antje Kunstmann

22,00 €, E-Book 17,99 €

„Der Stadt ist egal, wen sie verbrennt“

A.G. Lombardos Debütroman „Graffiti Palast“ setzt ein mit der Beschreibung einer Containersiedlung, Frachtboxen mit Namen fremder Umschlagsplätze umfunktioniert zu einem höhlenartigen Gewirr an Wohnzellen, am Hafen von Los Angeles, wo Karmann, die schwangere Freundin von Americo Monk, inmitten einer Rent-Party die Kontrolle über das Geschehen zu behalten versucht. Monk, Großstadt-Semiotiker ist ähnlich wie die wohl stärkste Referenzfigur dieses Romans, Odysseus, fern von Heim und Frau: Nebenbuhler drängen sich um Karmann und trotz ihrer penelopeischen Souveränität droht auch die Lage in diesem Mikrokosmos zu kippen.
Auf der anderen Seite versperren Feuer und Massenunruhen dem afro-amerikanischen Odysseus Monk den Weg zurück, der mit seinem Notizheft durch die Straßen der Stadt zieht, um die Zeichen der Stadt, Tags, Graffiti und Streetart zu verzeichnen und damit zu konservieren. Seine Irrfahrt führt ihn immer wieder in die Nähe seines ‚sicheren Hafens‘, um dann durch Zufall oder scheinbar höhere Gewalt wieder abzuknicken und ihn weiter fort zu treiben. Hinein in immer kuriosere Begegnungen, Abenteuer und skurrile Situationen.
1965: In Lombardos Roman brennt die Stadt Los Angeles. Die in den Slums und Ghettos der Stadt eingepferchten Minoritäten rebellieren gegen soziale Ungerechtigkeit, Polizeigewalt und Rassismus. Der Traum eines Martin Luther Kings von einem friedvollen Widerstand scheint seine Strahlkraft verloren zu haben, die Hoffnungslosigkeit treibt auf die Straße, wo sich Polizei und aufgebrachte Mobs Schlachten liefern. Mittendrin Fernseh- und Presseteams, die die Situation verklären, verzerren und Angst schüren sowie Monk selbst: Unbeteiligt-beteiligt auf dem Weg durch das Chaos als Quasi-Zwangsläufigkeit einer Politik der Unterdrückung.

Trotz der streckenweise nur sehr mäßigen Übersetzung von Jan Schönherr, die vor allem bei der Übertragung des Sounds der Straße ihre größten Schwächen aufweist, eine lesenswerte Irrfahrt durch die 1960er Jahre in den USA.

 
Durch deine Augen

Peter Høeg

Durch deine Augen

Hanser Verlag

24,00 €, E-Book 17,99 €

Nach dem Selbstmordversuch seines Pflegebruders Simon sucht Peter Rat bei einer gemeinsamen Kindheitsfreundin, der Neuropsychologin Lisa. Diese forscht gerade an einer Therapieform, bei der mit Hilfe von psychoaktiven Substanzen und einem Bewusstseinsscanner Erinnerungen holographisch visualisiert und somit erfahr- und erlebbar gemacht werden. Dieser Versuchsaufbau ermöglicht das „Reisen“ und schließlich auch das Eingreifen in Erinnerungen. Unter der Hypothese, dass die Vergangenheit aus einer Ansammlung von Erinnerungen besteht, stellt sich natürlich die Frage, inwiefern sich die Gegenwart ändern lässt, wenn man jene umformt.
Høegs Erzählen changiert zwischen fundierter neurobiologischer Grundlagenforschung und esoterischem Zeitreiseroman. Wer sich auf diese Mixtur einlassen kann, wird in seinem neuen Roman auf eine ungewöhnliche, berührende und erschreckende Reise gehen.

 
Kommissar Gordon

Ulf Nilsson, Gitte Spee

Kommisar Gordon. Doch noch ein Fall

Mixtvision Verlag

11,95 €

Eigentlich hatte sich Kommisar Gordon das alles viel schöner vorgestellt. Er hatte sich in einen langen Urlaub verabschiedet. Doch nun langweilt er sich und auch die Muffins schmecken ihm nicht mehr so gut. Sie waren leckerer, als er sie zusammen mit Kommissarin Buffy nach einem aufregenden Fall verspeist hatte. Doch wie der Zufall es will, braucht Buffy plötzlich seine Hilfe, denn im Wald sind zwei Kinder der Kita verschwunden. Gemeinsam nehmen sie die Ermittlungen auf und versuchen zusammen mit allen Waldbewohnern den Eichhörnchenjungen und das Kaninchenmädchen wiederzufinden. Ob sie schneller sind als der Fuchs?
Dieser spannende Kriminalfall mit überschaubaren Kapiteln und liebevoll gestalteten Illustrationen ist für alle, die schon gerne selber lesen.

 
Fitz Fups muss weg

Lissa Evans

Fitz Fups muss weg

Mixtvision Verlag

15,00 €

Die Geschichte von den Wimblis musste Phine ihrer Schwester Minnie schon tausend Mal vorlesen. Sie hat wirklich die Nase voll davon. Und dann ist da noch dieses furchtbare Kuscheltier, Fitz Fups, missmutig und fies sieht es eigentlich aus, aber Minnie liebt es. Nachdem Phine das verhasste Tier auf die Straße geschleudert hat, nehmen die merkwürdigen Dinge ihren Lauf. Durch die Kellertreppe landet sie im Land der Wimblis. Die sind in großen Schwierigkeiten. Fitz Fups hat ihren gütigen König gestürzt und nun hoffen die Wimblis auf Hilfe. Gemeinsam mit ihrem nervigen Cousin Graham, einer sprechenden Karotte und einem Plüschelefanten stürzt sich Phine ins Abenteuer. Denn eins steht fest: Fitz Fups muss weg!

 
Niemals ohne sie

Jocelyne Saucier

Niemals ohne sie

Insel Verlag

20,00 €, E-Book 16,99 €

Norco ist eine kleine, unscheinbare kanadische Minenstadt – die Cardinals sind eine wilde, ungewöhnliche Familie. Während die Mutter die Tage in der Küche zubringt, um das Essen für ihren Mann und die 21 Kinder zuzubereiten, verbringt der Vater die meiste Zeit im Keller bei Gestein und Dynamit oder in der Mine auf der Suche nach dem großen Fund. Eines Tages führt in sein feines Gespür tatsächlich zu einer Ader. Doch dann kommt alles anders als erwartet und die Familie bricht auseinander. 30 Jahre später treffen sie einander wieder. Das Schweigen muss gebrochen werden, das Geheimnis gelüftet.
In jedem Kapitel des Buches kommt ein anderes der Geschwister zu Wort und erzählt rückblickend vom Leben und Aufwachsen in der Familie. Somit entsteht ein lebendiges Bild dieser eingeschworenen Gemeinschaft und alle Erzählungen deuten auf die eine Leerstelle in der Familiengeschichte hin: Was ist damals mit Angèle geschehen? Eine spannende Familiengeschichte über Gemeinschaft und Individualität.

 
Das Volk der Bäume

Hanya Yanagihara

Das Volk der Bäume

Hanser Berlin

25,00 €, E-Book 18,99 €

Es ist nicht selten der Fall, dass Erstlingswerke erst später, heißt nach dem sogenannten Durchbruch veröffentlicht werden. Ebenso wenig selten ist es der Fall, dass diese Texte dann für ihre Virtuosität, ihre Sprachgewalt oder Experimentierfreudigkeit gelobt, gar gefeiert werden. Sachverhalte, die wohl erst gesehen werden können nach dem sogenannten Durchbruch. Eine immer wieder erstaunenswerte Praxis im und des literarischen Feldes. Der Erfolg eines Folge-Textes lässt Vorhergegangene plötzlich Meisterwerk sein.
So auch, zumindest was die Übersetzungen anbelangt, im Fall der US-amerikanischen Schriftstellerin Hanya Yanagihara, der mit „Ein wenig Leben“ 2015 ebenjener Durchbruch gelang. Der Verlag zog nach und nun liegt bei Hanser die Übersetzung des Debütromans vor: „Das Volk der Bäume“.
Eine fiktive Forscher(-auto-)biographie, die gerahmt von zwei (fiktiven) Pressemeldungen, einem (fiktiven) Vorwort des Herausgebers Dr. Ronald Kubodera – einem Frankensteinischen Fritz nicht unähnlich – und etlichen quasselnden Fußnoten ebenjenes, die Lebens- und Forschungsgeschichte des wegen Kindesmissbrauchs inhaftierten Dr. A. Norton Perina erzählt. Dabei wirkt die Figur Perina so unausstehlich und anwidernd wie sie erfolgreich ist: Während einer Expedition in das mikronesische Atoll U’ivu entdeckt der damals noch junge Wissenschaftler ein Mittel, das unsterblich macht. Neben diesem Mittel, im Fleisch einer seltenen Schildkröte enthalten, importiert Perina insgesamt 43 Kinder der indigenen Bevölkerung in die USA. Einer dieser Knaben führt schlussendlich dazu, dass Perina Zeit im Gefängnis findet, um jene, uns vorliegenden Memoiren zu verfassen. Das Fleisch der Schildkröte dazu, dass ihm der Nobelpreis verliehen wird.
Trotz oder gerade aufgrund der Unausstehlichkeit des Erzählers, einer wahrhaft infamen Stimme, und der blinden Fabulierwut bindet der Roman die LeserIn an diesen verrückten Wissenschaftler. Es ist, wie bei vielen kanonisierten infamen Erzählern, ein Ekel, der in Schaulust umschlägt, eine Faszination für das Abgründige und Abstoßende, die kontaminiert und die LeserIn durch die 400 Seiten schleift.

 
Hadsch, ich und der Himmel über der Pampa

Klaus Kordon

Hadscha, ich und der Himmel über der Pampa

Beltz & Gelberg

17,95 €, E-Book 16,99 €

Matti ist 16 Jahre alt und seine Sommerferien haben gerade begonnen. Er nutzt die Gelegenheit zur Flucht. Er braucht Zeit zum Nachdenken: über Jessy, seine Eltern und das, was er wirklich will. Also setzt sich Matti mit Sack und Pack auf sein Fahrrad und radelt von Berlin nach Windeck in Mecklenburg-Vorpommern, also in die Pampa. Vor vier Jahren war er dort mit seinen Eltern im Urlaub. Nichts als Ruhe, kaum Menschen, schöne Landschaft. Aber Inka wohnte in Windeck und Matti verbrachte zwei wunderbare Wochen in der Einöde. Und jetzt hofft er, Inka wiederzusehen. Aber es kommt anders. Matti trifft auf den alten Hadscha und, was als Flucht gedacht war, wird zu einer großartigen Woche mit neuen Freundschaften. Und am Ende weiß Matti, wie er frei sein kann.

 
Hallo, Herr Eisbär!

Maria Farrer

Hallo, Herr Eisbär!

Beltz & Gelberg

12,95 €

Arthur hat die Nase gestrichen voll, denn es gibt wieder Stress mit seinem kleinen Bruder Liam und seinen Eltern. Immer soll Arthur Rücksicht auf ihn nehmen und er fühlt sich unverstanden und unbeachtet von seinen Eltern. Gerade als er dabei ist, einfach für immer zu verschwinden, steht er da: Herr Eisbär, mit einem kleinen Koffer, mitten vor seiner Haustür und möchte bei ihm einziehen. Es ist wohl die Zeit gekommen, wo nur ein Eisbär helfen kann…
Dieses wunderbare Familienbuch über Geschwister und Familie zeigt, dass man auch mal anders an bestimmte Dinge herangehen muss. In manchen Fällen kann eben nur ein Eisbär helfen. Ein Buch zum Selber- und Vorlesen, mit zahlreichen lustigen Illustrationen und einer ebenso amüsanten, ausdrucksstarken Typografie. Ab einem Lesealter von 7 Jahren.

 
Wir, die wir jung sind

Preti Taneja

Wir, die wir jung sind

C.H. Beck

26,00 €, E-Book 19,99 €

Preti Taneja stammt aus einer indischen Familie und ist in Großbritannien aufgewachsen. Sie hat als Journalistin aus Krisengebieten berichtet. Jetzt veröffentlichte sie mit „Wir, die wir jung sind “ ihren ersten Roman. Er führt den Leser in das Indien von heute.
Der alte Devraj, früherer Maharadscha und Besitzer eines mächtigen Konzerns, will sich zurückziehen und muss sein Erbe verteilen. Die Machtübergabe ist schwierig. Devraj hat drei Töchter und die Söhne seines Beraters und Teilhabers Ranjit Singh sollen auch bedacht werden. Einer dieser Söhne ist Jivan, ein uneheliches Kind. Unbequem geworden, schickte Ranjit Mutter und Sohn in die USA. Jetzt ist Jivans Mutter gestorben und er kommt aus den Staaten zurück nach Indien. Er hofft hier neu anfangen zu können. Aber Jivans kann keine Forderungen stellen. Er wird zwar freundlich empfangen, ist aber immer auf das Wohlwollen seines Vaters und erst Recht auf Devraj angewiesen. Es entbrennt ein Machtkampf um die Nachfolge des großen Chefs, der zugleich ein Geschlechterkampf ist.
Tanejas Roman fasziniert – ein gewaltiges Familienepos, düster, sarkastisch, eine Geschichte von Macht und Verrat.

 
Der wilde Detektiv

Jonathan Lethem

Der wilde Detektiv

Tropen

22,00 €, E-Book 17,99 €

Lethems Romane sind kreative Reaktion auf spezifisches Zeitgeschehen, ohne Analyse oder Intervention sein zu wollen: Die Grabenkämpfe der US-Linken in »Der Garten der Dissidenten«, die brutale Gentrifizierung New Yorks in »Chronic City« oder eben jetzt in »Der wilde Detektiv« die USA seit Trump. Diese Topoi bilden den Kern, so scheint es, um den sich abenteuerlich skurrile, mitunter tragisch-komische Netze von Erzählungen, Biographien und Verweise entfalten. Als Schleier legt sich diese Vielstimmigkeit darum und eröffnet so eine Perspektive auf die Peripherie der Phänomene. Lenkt den Blick mit subtilen, zerstreuenden Kniffen ab und rückt damit das scheinbar Alltägliche in den Vordergrund. Doch ist dieses niemals unschuldig oder unabhängig von den globalen Narrativen zu betrachten oder zu lesen: Das Alltägliche, Kleine, Persönliche ist immer schon davon durchkreuzt. Aber auch umgekehrt, durchkreuzen die kleinen Erzählungen, die tatsächlichen Leben das Große und entfalten in ihrer Bündelung eine immense Potenz. Davon zeugt nicht zuletzt »Der wilde Detektiv«: Als AussteigerInnen-Roman und Roadnovel erzählt Lethem von der Reaktion dreier sehr unterschiedlicher Frauen auf das System USA, das in und mit Trump seine Vervollkommnung findet: Neo-Liberalismus, Sexismus, Gewalt und toxische Männlichkeit in all ihrer Verschränktheit und Dependenz. Verzweiflung und blinde Aktion (Phoebe), scheinbare Anpassung in Betäubung (Roslyn), Ausstieg und Verweigerung (Arabella) als modellhafte Fluchtwege, die bedingt durch Alter, Lebensumstand und den Grad an Assimilation möglich oder eben unmöglich scheinen. Dass der Weg und nicht das imaginierte Ziel Antworten bereithält, dass zu erwartende und unerwartete Begegnungen Lösungsansätze aufzeigen und, dass damit die Reise zum abmildernden Pharmazeutikum wird, ist dem Genre eigen. Damit bricht auch Lethem nicht, sondern schickt uns, die LeserInnen, als Phoebes, Roslyns und Araballas gleichsam mit Fragen auf den Weg in ‚unsere‘ Gegenwart.

 
Serotonin

Michel Houellebecq

Serotonin

Dumont Buchverlag

24,00 €, E-Book 19,99 €

So kann es nicht weiter gehen. Das denkt sich der 46-jährige Protagonist Florent-Claude, kündigt kurzerhand seinen Job, seine Wohnung und steigt aus seiner ohnehin desaströsen Beziehung, sowie seinem gegenwärtigen Leben aus. Es beginnt eine Reise durch Paris und die Normandie, zugleich in die eigene Vergangenheit, auf der Suche nach einer Antwort auf die Frage, wann ihm das Glück abhandenkam. Im wechselhaften Sprung zwischen den Zeiten begegnet der Leser Aymeric, dem Studienfreund Florent-Claudes, der sich als normannischer Landwirt dem Druck der wirtschaftlichen Globalisierung ausgesetzt sieht, und vor allem Claire und Camille, den beiden bedeutsamen Frauen im Leben Florent-Claudes. Warum sind diese Beziehungen gescheitert und was ist aus den beiden Frauen geworden? Die Suche nach dem Glück entpuppt sich ebenso als eine nach der Liebe. Liebe und Glück scheinen untrennbar aneinandergebunden. Doch wie leben, wenn die Liebe aus dem Leben verschwindet?
Ein Roman über die Liebe und das Fehlen dergleichen von Michel Houellebecq – gewohnt provokant, ungewohnt einfühlsam.

 
Drei Helden für Mathilda

Oliver Scherz

Drei Helden für Mathilda

Thienemann

14,00 €

Der kleine Plüschaffe Fitz Fusselkopp ist ganz verwundert, als er wie jeden Morgen seine Arme um Mathilda schlingen will, denn Mathilda ist nicht da. Ihre Schuhe stehen nicht mehr im Flur und der Schlafanzug liegt in die Ecke gefeuert da. Auf Reisen kann Mathilda aber nicht sein, da sie sonst ihren Süßigkeitenschatz mitgenommen hätte. Schnell sind sich Fitz und deine Kuschelfreunde Wim mit der Löwenmähne und Bummel-Bom der Bär einig: Mathilda wurde geraubt. Für die drei Plüschfreunde ist sofort klar, dass sie Mathilda retten müssen und schon seilen sie sich aus dem Kinderzimmerfenster ab und stürzen sich ins Großstadtgetümmel. Dabei erleben sie einen wilden Ritt auf einem Schappohrhund, eine unangenehme Fahrt im Müllauto und noch viel mehr aufregende Geschichten.

Ein mitreißendes Abenteuer, das durch zahlreiche Illustrationen wunderbar aufgelockert wird. Zum Vorlesen und ersten Selberlesen für alle kleinen und großen Kuscheltierfreunde ab 6 Jahren.

 
Die Zukunft der Schönheit

Friedrich Christian Delius

Die Zukunft der Schönheit

Rowohlt Verlag

16,00 €, E-Book 13,99 €

Der biografisch gefärbte Erzähler gerät 1966, nach der legendären Princeton-Tagung der Gruppe 47, in einen New Yorker Jazz-Club und wird dort mit dem Free-Jazz Albert Aylers konfrontiert. Chaotisch, entfesselt, progressiv – etwas vollkommen Neues und alles andere als leicht zugänglich. Auch wenn das, was die Musiker dort auf der Bühne treiben vorerst auf sein Unverständnis stößt, lässt der Erzähler sich an einem Tisch nieder und auf die Musik ein. Und wie diese sich freispielt von Regeln und Harmonien und doch immer wieder zu Melodien zurückfindet, schweifen die Gedanken des Erzählers in Zeit und Raum umher und landen zwischenzeitlich immer wieder am gegenwärtigen Ort. Die Musik löst Assoziationen zum Vietnam-Krieg, der Ermordung Kennedys, aber auch zur eigenen Vergangenheit, den Anfängen seines Schreibens, der Jugend in der hessischen Provinz und dem Vater aus.
Friedrich Christian Delius zieht den Leser in einen gedanklichen Assoziationsstrom hinein, der Biografisches mit Historischem verknüpft, und stets von dieser ungewöhnlichen Musik getrieben ist, die Altes aufnimmt und doch stets auf das Neue weist.

 
Die Terranauten

T.C. Boyle

Die Terranauten

dtv

TB 13,90 €, HC 26,00 €, E-Book 19,99 €

„Das kann einem Angst machen, oder? Alles, was ich schreibe, wird wahr. Wahrscheinlich sollte ich über den Weltfrieden und glückliche Romanautoren schreiben.“[T.C. Boyle, TAZ-Interview 2.12.18]

Etwas hinkend: Das Orwell-Huxley-Phänomen. Oder einfach: T.C. Boyle.
Und auch wenn diese Doppelpunktkonstruktionen weiterhin hinken – ist doch der Status von Propheten im 21. Jahrhundert prekär -, steht die Beklemmung nicht zuletzt bei der Lektüre von »Die Terranauten« (dtv, 2018) sicher.
Dabei wird diese nicht unbedingt durch die erzählte Geschichte oder die verwendete Sprache hervorgerufen, sondern vielmehr darüber, was zwischen den Zeilen dieser teils wirklich ermüdenden sechshundert Seiten steht, beziehungsweise mit aufgerufen wird: Crispr-Babys in China, Bruno Latours (extra-)terrestrische Bunker für Plutokraten, anthropozäne Verunsicherung. Die Erbärmlichkeit des Homo Sapiens.
In den Zeilen: Die Geschichte einer Welt in der Welt, einer künstlichen Ökosphäre irgendwo in den flachen USA, darin acht ProbantInnen, deren allzu menschliche Menschlichkeit erzählt wird. Geltungssucht, Neid, Narzissmus. Kurz, ein brodelnder Kessel unter Glas, in dem vielleicht Natur ihren Platz hat, der Mensch aber eigentlich nicht.

 
Schnee in Amsterdam

Bernard MacLaverty

Schnee in Amsterdam

C.H.Beck

22,00 €, E-Book 18,99 €

Stella und Gerry sind von Glasgow aus für ein verlängertes Wochenende in Amsterdam. Sie möchten ein bisschen Abwechslung in ihren Ruhestand bringen, die Stadt kennenlernen und etwas für ihre Ehe tun.
Beide sind sich auch nach so langer Zeit zugetan, verzeihen die kleinen Fehler des anderen. Aber Gerry hat mit seinem Leben weitgehend abgeschlossen und versucht mit Alkohol die Leere zu füllen. Stella dagegen will in Amsterdam endlich etwas ins Reine bringen, etwas das mit Belfast und ihrer gemeinsamen Vergangenheit zu tun hat.
So verfolgt sie einen ganz eigenen Plan und am Ende wird sich zeigen, wie tief die Gräben zwischen ihnen wirklich sind.
Bernard MacLaverty hat einen bewegenden Roman geschrieben, ausgezeichnet als Novel of the Year bei den Irish Book Awards 2017. Eine Verfilmung ist in Planung.

 
Das springende Haus

Marikka Pfeiffer

Das springende Haus – Bd. 1 Einmal Hollywood und zurück

rowohlt rotfuchs

14,99 €, E-Book 14,99

Nach ihrem Umzug langweilt sich Lonni sehr. Zwar ist das neue Haus und der Garten toll, aber sie vermisst ihre Freunde, die nun soweit weg sind. Doch auf einen Schlag ist es vorbei mit der Langeweile. Taucht da doch einfach auf dem Nachbarsgrundstück ein Haus aus dem Nichts auf. Es ist das Haus der Familie Wendelin, aber warum springt es? Lonni schließt schnell Freundschaft mit Nick, dem Sohn der Wendelins und darf auch mitspringen, solange sie das Geheimnis für sich behalten kann. So weit so gut, wenn es da nicht dieses Problem gäbe. Das Haus springt ohne Ankündigung wann und wohin es will. Und schon sind die beiden in Hollywood und werden auch noch erwischt. Ob die Beiden sich aus dieser Situation retten können? Und wie kann man das Haus wieder zur Ordnung rufen? Da können eigentlich nur Nicks Großeltern helfen, doch keiner weiß wo diese stecken, denn sie sind verschollen. Dafür finden die beiden einen geheimnisvollen Brief und noch ein Abenteuer beginnt.
Ein gelungener Serienauftakt, der ein abenteuerliches, spannendes und lustiges Lesevergnügen verspricht. Zum Vorlesen und ersten selber Lesen geeignet.

 
Mit der Faust in die Welt schlagen

Lukas Rietzschel

Mit der Faust in die Welt schlagen

Ullstein Verlag

20,00 €, E-Book 16,99 €

Der Debütroman von Lukas Rietzschel erzählt vom Leben im ostsächsischen Dorf Neschwitz in den Jahren zwischen 2000 und 2015. Dabei gibt er eine mögliche Antwort auf die Frage, wie es dazu kommen konnte, dass die Auseinandersetzungen mit der Flüchtlingsthematik im sächsischen (oder allgemeiner: ostdeutschen) ländlichen Raum so problematisch geworden sind. Es ist natürlich keine allgemeingültige Antwort auf diese Problematik und auch keineswegs eine entschuldigende. Dennoch ist das Gesamtphänomen anhand dieser exemplarischen Beispiele erschreckend logisch dargestellt – sowohl im Heranwachsen der zentralen Figuren und den Geschichten der Nebencharaktere, als auch in den sozialen Auswirkungen des demografischen Wandels im ländlichen Raum.
„Mit der Faust in die Welt schlagen“ ist nicht nur ein literarisch besonders gelungenes Erstlingswerk, sondern obendrein auch ein politisch äußerst aktuelles.

 
Kriegslicht

Michael Ondaatje

Kriegslicht

Hanser Verlag

24,00 €, E-Book 17,99 €

„als schriebe ich bei Kerzenlicht“
Es ist fast schon eigentümlich inwieweit Michael Ondaatje auf seinen, nunmehr sechsundzwanzig Jahre zurückliegenden, »Englischen Patienten« reduziert wird. Nicht, dass dies keine gängige Praxis wäre; nicht, dass sich nicht allerhand Gründe dafür finden ließen. Ob und wie, gerecht oder ungerecht, soll hier nicht Gegenstand sein. Vielmehr ein Anstoß zu zweierlei: Die Ondaatje-Lücken zwischen 1992 und 2018 füllen und andererseits: Den »Englischen Patienten« wieder zur Hand nehmen und diesen mit, neben und gegen »Kriegslicht« lesen. Das Lückenlesen lohnt sich allemal, über eine aufgefrischte Erinnerung an die Struktur, die sich verstrickenden Narrative und mit-ziehenden Verschiebungen eine Annäherung an das akribische Wirr-Spiel »Kriegslicht« zu finden, – nachdrücklich! – ebenso.Denn ebenso wie der neue Roman in gewisser Weise als Fort-Schrift lesbar wird, ist er gleichsam Aufholen und durch Aufreißen von Leerstellen, ergänzend. Coming-of-age, Lebensrückblick, Jahrhundertpanorama, Familiengeschichte, die zugleich Weltgeschichte ist. Wir selbst als LeserInnen mittendrin, beobachtend beteiligt im synthetisierenden Prozess des Er-Schreibens. Bei Kerzenlicht.

 
Hemingway und ich

Paula McLain

Hemingway und ich

Kiepenheuer und Witsch Verlag

24,00 €, E-Book 16,99 €

Martha Gellhorn, Journalistin, ist 28 Jahre alt, als sie in einer Kneipe zufällig Ernest Hemingway begegnet. Er ist ihr großes Idol. Hoffnungslos verliebt sie sich in ihn und folgt ihm nach Spanien in den Bürgerkrieg. Beide berichten über diesen mörderischen Krieg und die Verbrechen an der Bevölkerung. Martha Gellhorn legt mit ihren Berichten den Grundstein für ihre Karriere als Kriegsberichtsreporterin.
Aber die Beziehung steht unter keinem guten Stern. Hemingway ist noch verheiratet und bald muss Martha sich entscheiden: Will sie die Frau an der Seite eines berühmten Mannes sein oder ihren eigenen Weg gehen?
Wie schon in ihren Romanen über Hemingways erste Frau Hadley und die Flugzeugpionierin Beryl Markham gelingt es Paula McLain meisterhaft ihre Figuren zum Leben zu erwecken.

 
Zimt und verwünscht

Dagmar Bach

Zimt und verwünscht

FISCHER Sauerländer Verlag

14,99 €, E-Book 12,99 €

Für alle Fans der zimtigen Trilogie von Dagmar Bach gibt es nun ein kleines aber feines Sequel.
Diesmal erwischt Vicky der Zimtschneckendurft, der einen Sprung in ein Paralleluniversum ankündigt, in einem richtig ungünstigen Moment: in der U-Bahn kurz vorm Aussteigen. Mist! So verliert sie plötzlich mitten in der Großstadt ihre Clique und das ohne Handy. Und dann landet in der bescheuertsten Parallelwelt und zwar mitten in einem Schwimmwettkampf, bei dem alle Erwartungen auf ihr liegen. Aber noch schlimmer ist die Tatsache, dass sie dort nichts mit ihrer besten Freundin Pauline und ihrem festen Freund Konstantin zu tun hat. Während sie in dem einen Universum versucht die Parallel-Vicky würdig zu vertreten, irrt sie allein und handylos durch die Stadt. Dabei macht sie eine überraschende Bekanntschaft mit Lina, an der irgendetwas seltsam ist. Was ist das nur, was an Lina so besonders ist?
Dagmar Bach hat uns hier noch einmal ein herrlich zimtiges, turbulentes Abenteuer geschaffen, welches einen immer wieder schmunzeln läßt. Und wer ihre Bücher gern verschlungen hat, darf gespannt sein, denn Lina ist die Hauptfigur ihrer neuen Trilogie, die im Sommer erscheinen wird.

 
Den Himmel stürmen

Paolo Giordano

Den Himmel stürmen

Rowohlt Verlag

22,00 €, E-Book 14,99 €

Schon von Kindstagen an verbringt die Ingenieurstochter Teresa aus Turin ihre Sommerferien in der Villa der Großmutter im süditalienischen Apulien. Eines Sommers lernt die damals Vierzehnjährige dort die drei Nachbarsjungen kennen, von denen sie einer besonders in den Bann zieht – der charismatische Bern. Wie dieser die nächsten 20 Jahre ihres Lebens prägen wird, davon erzählt Teresa rekapitulierend in „Den Himmel stürmen“.
Die beiden nähern sich einander an, verlieben sich und werden ein Paar. Sie schließen sich Ökoaktivisten an, wollen ein selbstbestimmtes Leben im Einklang mit der Natur führen und ziehen als Aussteiger zu einer Gemeinschaft auf einen Biobauernhof. Doch im Laufe der Zeit häufen sich dort die Probleme, die Freunde streiten sich und das Bauernhofprojekt scheitert. Mit der idyllischen Utopie gerät auch die Liebe zwischen Bern und Teresa ins Wanken.
Paolo Giordano erzählt in seinem neuen Roman eine Geschichte von Freundschaft und Liebe, von Idealen und großen Plänen, vom Finden und Verlieren.

 
Verzeichnis einiger Verluste

Judith Schalansky

Verzeichnis einiger Verluste

Suhrkamp Verlag

24,00 €, E-Book 20,99 €

Man sieht es dem wunderschön gesetzten und gebundenen Buch an, dass die Schriftstellerin Judith Schalansky auch Buchgestalterin ist. In „Verzeichnis einiger Verluste“ thematisiert Judith Schalansky vielstimmig die Frage nach unserem Umgang mit Vergängnis und Erinnerung.
In Form von Geschichten wird Vergangenes zugänglich und mit ihrem Gespür für Eigenartiges und Abseitiges lässt Judith Schalansky Abwesendes auf beindruckende Weise präsent werden. Durch ihre akribischen Recherchen und schwungvolle Fantasie werden die Ruinen, die sie durchstreift, zu utopischen Orten – Verlustanzeigen aufgehoben in Literatur. In ihrer Vorbemerkung listet sie auf, was unter anderem während des Schreibens des Buches verloren ging: eine verglühende Raumsonde, ein Teil der Chinesischen Mauer fiel Erosion und Vandalismus zum Opfer, aussterbende Tierarten, in Syrien wurden 2000 Jahre alte Tempel gesprengt. Denn nicht nur im Privaten kann plötzliche Leere eintreten sondern auch beim Blick auf vergangene Epochen, auf untergegangene Kulturen und zerstörte Zeugnisse der Menschheitsgeschichte.
In zwölf Erzählungen geht es um so unterschiedliche Personen wie die griechische Dichterin Sappho, den französischen Maler Hubert Robert, den Schweizer Gelehrten Armand Schulthess oder den persischen Religionsgründer Mani. Schalansky beschäftigt sich mit Vergessenem oder Verschollenem und fügt dies neu zu einer Betrachtung der Gegenwart zusammen. Vergangenheit und Zukunft sind zwar fragil aber auch dynamisch und offen. In jeder Erzählung wird mehr gewonnen als verloren. „Verzeichnis einiger Verluste“ ist kein melancholischer Abgesang sondern handelt ebenso vom Finden – etwa Zeichnungen Piranesis oder ein Album von John Coltrane. Auslöser von Natur- und Kulturlandschaftsbeschreibung Judith Schalanskys, geprägt von höchster Konzentration, Präzision und Poesie.

 
Moonglow

Michael Chabon

Moonglow

Kiepenheuer & Witsch Verlag

24,00 €, E-Book 19,99 €

In gewisser weise liest sich Michael Chabons 2018 auf Deutsch erschienener Roman »Moonglow« als Weiterführung der Zick-Zackreise durch das Zwanzigste Jahrhundert, die spätestens mit »Die unglaublichen Abenteuer des Kavalier und Clay« Fahrt aufnahm. Weltgeschehen ist an eigentümliche, fast überbordende Biographien gebunden und fungiert als Movens und Folie des Lebensgeschehens der ProtagonistInnen. Wo bei der Geschichte um die zwei Cousins, die ihren American Dream in der Welt der Comics lebbar fanden, bereits im Titel auf das hingewiesen wird, was die LeserIn erwartet, verrät »Moonglow« als Titel eher wenig. Verweist er mehr und verschiebt Antworten wie Ansätze auf später.
Ob autobiographisch oder nicht: Während die Berliner Mauer unter Zurufen und Gejohle mit Hämmern angegangen wird, sitzt ein Schriftsteller am Sterbebett seines Großvaters und folgt, innerlich mit-schreibend, protokollierend, dessen unglaublichen Abenteuern, die nichts weniger als seine Lebensgeschichte sind. Diachron und sprunghaft, geographisch äußerst mobil entfaltet sich auf den knapp 500 Seiten, gebunden an die Nacherzählung des alten Mannes, ein Abriss des Jahrhunderts: Holocaust und Diaspora, Mondlandung und Nazijagd, Wirtschaftskrise und American Dream, Mord und Totschlag. Dazwischen unkonventionelle Nonnen und Rabbis, Judith Resnik und Wernher von Braun, Neil Armstrong und Urgroßväter, Enkel sowie die ganze Familienbande. Auf- und abtauchend in den historischen Wucherungen, die sich in den driftenden Narrativen spiegeln.
Sicherlich auch Dank der Dialoglastigkeit und vor allem Chabons pragmatisch-emphatischem Katastrophenhumor wiegt »Moonglow« nicht schwer wie historischer oder biographischer Stoff, sondern lässt die Figuren vor bekannten und weniger bekannten Kulissen heraustreten, um diese ins Jetzt, das 21.Jahrhundert, zu katapultieren. Kleinen Zeitkapseln gleich, die mehr über uns und unsere (Ur-)Großeltern zu erzählen wissen, als man es vielleicht auf den ersten Blick vermuten würde.
 
Als Männer noch nicht in Betten starben: Deutsche Heldensagen

Stefan Schwarz

Als Männer noch in Betten starben: Deutsche Heldensagen

Rowohlt Verlag

20,00 €, E-Book 16,99 €

Wir kennen sie alle, die Helden der antiken Mythologie. Oft bearbeitet, neu geschrieben, für Kinder und Erwachsene. Aber wie ist es mit der Kenntnis der deutschen Heldensagen? Kriemhild, Siegfried, der böse Hagen und weiter?
Stefan Schwarz versucht diese Bildungslücken zu stopfen. Und er tut es in gewohnter Weise: mit Spaß, Fabulierlust und viel Ironie. Denn eigentlich waren die großen Helden auch nur Menschen wie Sie und ich. Es geht um Geld und Macht. Zickenkriege werden geführt und wirkliche Kriege. Man spannt sich die Partner aus, lügt und betrügt. Keine dieser moralischen Ungeheuerlichkeiten lässt Stefan Schwarz aus. Die strahlenden Recken und huldvollen Damen werden zu geldgierigen Säcken und nervigen Bitches. Peinliche Details, wie etwaige homoerotische Neigungen Hagens, werden nicht umschifft, sondern genüsslich vor dem Leser ausgebreitet.
 
Reclams Hausbuch zur Weihnachtszeit

Reclams Hausbuch zur Weihnachtszeit

ReclamVerlag

28,00 €

Kein anderer Feiertag ist so geprägt von Traditionen und Nostalgie. Gemeinsam werden kleine liebgewonnene Rituale zelebriert, es wird gesungen, man geniesst allerlei Schlemmereien und erinnert sich an Gedichte und Geschichten, die einen schon seit der Kindheit begleiten.
In diesem Hausbuch findet sich alles, was es für ein gelungenes Weihnachtsfest benötigt. Das weihnachtsevangelium, die schönsten Weihnachtsgeschichten und -gedichte, die beliebtesten Weihnachtslieder mit Noten und auch allerlei Plätzchenrezepte und vieles mehr.

 
Annabelle und die unglaubliche Reise nach Unter-London

Karen Foxlee

Annabelle und die unglaubliche Reise nach Unter-London

Beltz & Gelberg Verlag

14,95 €, Ebook 13,99€

Annabelle liebt es Schlittschuh auf der zugefrorenen Themse zu fahren und zusammen mit ihren Freundinnen aus zierlichen Tassen Tee zu trinken. Und sie will auf keinen Fall etwas mit Magie zu tun haben. Aber ganz plötzlich ändert sich ihr Leben, als sie im Zauberladen ihrer schrulligen Tanten helfen soll. Die beiden sind überzeugt, dass sie übersinnliche Fähigkeiten hat und sie die Auserwählte ist, die die Welt vor dem bösen Magier Mr. Angel retten kann. Also schicken sie sie kurzerhand auf einem Besen in die Unterwelt Londons. Nur ein Straßenmädchen wird ihr zur Unterstützung an die Seite gestellt.
Wird sich Annabelle ihren tiefsten Ängsten stellen? Und kann sie den ewigbesten Zauberstab noch rechtzeitig finden?
Ein magisches Abenteuer für Leser ab 10 Jahren.

 
Piccola Sicilia

Daniel Speck

Piccola Sicilia

Fischer Verlag

16,99 €, E-Book 12,99 €

Piccola Sicilia ist das sizilianische Viertel in Tunis. Neben Menschen mit italienischen Wurzeln leben hier Araber, Juden und Franzosen miteinander und die Religion spielt bis in die vierziger Jahre hinein keine große Rolle. Die Feiertage werden gemeinsam begangen, Hochzeiten zusammen gefeiert, Nachbarschaftshilfe groß geschrieben. Aber der 2. Weltkrieg bringt mehr als nur Unfrieden. Mit dem Einmarsch der Deutschen hoffen die Araber von der französischen Fremdherrschaft befreit zu werden. Der Bey von Tunis kann die jüdische Bevölkerung nicht mehr schützen.
Daniel Speck erzählt in seinem neuen Roman die Geschichte der Familie Sarfati. Albert, das Familienoberhaupt, ist Arzt und Weltbürger. Selbst Jude zählt für ihn nur: was Menschen tun. Sein Sohn Victor und seine Adoptivtochter Yasmina geraten in Lebensgefahr, als die Deutschen kommen. Doch es ist ein „boches“ , der ihr Leben rettet. Aber dieser Mann, Fotoreporter und Angehöriger der Wehrmacht, hat in Deutschland eine Verlobte, die seine Rückkehr sehnsüchtig erwartet. Ihre Enkeltochter Nina versucht das Leben ihres verschollenen Großvaters zu ergründen und erfährt Unglaubliches über ihre Familie und die der Sarfatis.

 
Irgendwo in diesem Dunkel

Natascha Wodin

Irgendwo in diesem Dunkel

Rowohlt Verlag

20,00 €, E-Book 14,99 €

Für die dokumentarische Suche nach den Spuren ihrer Mutter erhielt Natascha Wodin den Preis der Leipziger Buchmesse. In ihrem aktuellen Roman “Irgendwo in diesem Dunkel“ wendet sie sich nun dem Leben ihres Vaters zu. Dieser starb, fast 90-jährig, nach langer Krankheit in einem Pflegeheim. Mit einer Mischung aus Abscheu und Anteilname hat Natascha Wodin ihn während der letzten Jahre begleitet und schildert sein Siechtum in starken Bildern und einer klaren Sprache.
Was sie über das väterliche Leben weiß, ist äußerst lückenhaft: 1900 an der Wolga geboren und mit 13 Jahren Vollwaise geworden, verließ der Vater irgendwann die Sowjetunion und ging in die Ukraine. Dort heiratete er eine 20 Jahre jüngere Frau – Wodins Mutter. Wodin findet erst nach dem Tod des Vaters heraus, dass er in Russland eine jüdische Ehefrau und zwei Kinder zurückließ. Ab 1943 dann die Qual der Zwangsarbeit in einem Leipziger Rüstungsbetrieb, ehe er befreit und in einem Lager für “Displaced Persons“ interniert wurde. Wodin kannte und hasste diesen Mann als schweigenden, gewalttätigen Trinker und Tyrannen, der Frau und Töchter misshandelte und in Deutschland während 50 Jahren weder die Sprache erlernte noch anderweitig Fuß fasste.
Da sie so wenig über das Leben des Vaters weiß, verlegt sich Natascha Wodin auf die Beschreibung ihrer eigenen erschütternden Kindheit und Jugend. Das Schweigen und die innere Emigration des Vaters prägte sie und führt zu ihrem Bedürfnis, sich die Welt schreibend zu erschließen. Sie sieht sich ohne Geschichte, ohne festen Ort in der Welt, überall fremd und nirgends zugehörig.
Zwar ist auch dieses Buch Natascha Wodins, wie ihr gesamtes literarisches Werk, stark autobiografisch grundiert. Aber es kreist nicht nur um die Suche nach der einer eigenen Identität, die vielfältigen Formen des Schweigens und das Versagen innerhalb der Familie – es ist darüber hinaus eine schonungslose Darstellung der unheilvollen Seiten des 20. Jahrhunderts und ihrer Folgen.

 
Die Känguru-Apokryphen

Marc-Uwe Kling

Die Känguru-Apokryphen

Ullstein Verlag

9,00 €, E-Book 7,99 €

Eigentlich galten die Känguru-Chroniken nach dem dritten Band als vollendet. Glücklicherweise ist dem nun doch nicht so. In biblischer Anlehnung hat Marc-Uwe Kling mit den Känguru-Apokryphen nun einen vierten Band herausgebracht, in dem Texte versammelt sind, die es nicht in der Trilogie zu lesen gab. Dies sind zum einen Texte, die bisher nur auf der Bühne zu erleben waren, zum anderen über 30 nagelneue Geschichten, die sich zeitlich über den gesamten narrativen Zeitraum der bisherigen Geschichten verteilen.
In gewohnt gewitzter, geistreicher und sprachverspielter Art weiß auch dieser Band wieder alle Freunde des Kängurus zu begeistern. Von Benjamin Blümchen bis Walter Benjamin werden alle Bereiche des Lebens abgetastet, hinterfragt oder auf den Kopf gestellt. Eine gewisse Vorkenntnis des über die Bände angewachsenen skurrilen Personals steigert natürlich die Lesefreude an den neuen Geschichten, ist jedoch keine Voraussetzung für die Apokryphen. Fest steht: Wer bei diesen Geschichten nicht wenigstens innerlich schmunzeln muss, dem ist nicht mehr zu helfen.

 
Dear Martin

Nic Stone

Dear Martin

Rowolth rotfuchs

17,99 €, E-Book 12,99 €

Justyce McAllister ist einer der Jahrgangsbesten, Captain des Debattierclubs, hat eine Freundin und hat seinen Studienplatz in Yale schon sicher. Aber all das spielt keine Rolle. Obwohl er nur helfen wollte, ist er es, der von der Polizei die Handschellen angelegt bekommt, denn er ist schwarz.
Der Rassismus ist allgegenwärtig und schon fast zur Normalität geworden. Justyce versucht seinem Vorbild Martin Luther King Jr. folgend dem Rassismus etwas entgegenzusetzen. Und wieder geschieht ein Unglück und Martin Luther King Jr. scheint ihm auch keinen weiteren Rat mehr geben zu können.
Dieses Buch ist ergreifend und erschütternd zu gleich. Gesellschaftskritisch befasst es sich mit Diskriminierung, Rassismus und auch mit der Ohnmacht und Hoffnung, die einen begleiten, wenn man versucht etwas verändern zu wollen. Ein Buch das gelesen werden sollte, für Leser ab 14 Jahren.

 
Mia hat Fußhusten

Stephanie Schneider

Mia hat Fußhusten

FISCHER Sauerländer

14,99 €

Mia geht in den Kindergarten und freut sich sehr auf den heutigen Tag, denn ihre Gruppe bekommt Zuwachs. Das Mädchen mit dem lustigen Namen soll unbedingt ihre Freundin werden. Doch leider kommt ihr immer Anna dazwischen. So ein Mist. Lustlos macht sie sich nach diesem blöden Kindergartentag auf den Heimweg und nun tun ihr auch noch die Füße weh, obwohl sie ihre froschgrünen Lieblingsschuhe anhat. Was ist das nur für eine komische Krankheit. Zu Hause angekommen, versorgt sie ihre armen kranken Füße und versteckt sich unter ihrer Kuscheldecke. Und dann klingelt es plötzlich an der Tür und die mysteriöse Fußkrankheit klärt sich auf.
Eine wundervoll humorvolle Geschichte über Eifersucht und Freundschaft, in der sich viele Kindergartenkinder wiederfinden werden. Ab 4 Jahre.

 
Die Schachspieler

Denis Pfabe

Der Tag endet mit dem Licht

Rowohlt

20,00 €, E-Book 16,99 €

Der berühmte Performance-Künstler Adrian Ballon plant eine Reise quer durch Amerika, um für sein neues Projekt Fensterfronten aus Wohnhäusern zu sägen. Als Assistentin hat er die noch unbekannte Textilkünstlerin Frida Beier auserkoren. Dass dieser Roadtrip mit dem Selbstmord Adrian Ballons enden wird, wird bereits nach wenigen Seiten verraten. Doch warum dies geschah und wie es dazu kam, ist nicht das einzige Rätselhafte an diesem Roman. Einiges gerät aus dem Ruder und Frida, aus deren Perspektive die Geschichte rückblickend erzählt wird, beginnt sich zu fragen, ob hinter dieser chaotischen und ausufernden Reise nicht doch ein planvollerer und ein tiefgründiger Sinn steckt. Jetzt, viele Jahre später, als Frida das Tagebuch Ballons liest, wird ihr so einiges klar.
Denis Pfabe ist mit „Der Tag endet mit dem Licht“ ein grandioses Debut gelungen, das förmlich danach schreit von den Coen-Brüdern verfilmt zu werden. Eigenartige und rätselhafte Charaktere, absurde Situationen, eine pointierte Sprache in Verbindung mit einer puzzlestückartigen, sprunghaften Erzählstruktur und einem Spiel mit der Fiktion zeichnen dieses Erstlingswerk aus. Ein neuer Autor in der deutschsprachigen Literaturlandschaft, den man definitiv im Auge behalten sollte.

 
Die Schachspieler

Ariel Magnus

Die Schachspieler von Buenos Aires

Kiepenheuer & Witsch

22,00 €, E-Book 18,99 €

Während Europa vor dem Zweiten Weltkrieg steht, wird in Buenos Aires die Schacholympiade ausgetragen. Aber Ariel Magnus‘ neuer Roman ist weder ausuferndes Essay für Eingeweihte noch klischeehafte Analogie zwischen Schach und Krieg. „Die Schachspieler von Buenos Aires“ verbindet historische Ereignisse und biografische Elemente zu einem facettenreichen Roman und spielt kunstvoll mit der Verknüpfung von Fiktion und Realität. Ausgangspunkt sind die Tagebücher des Großvaters des Autors, der als Jude vor den Nationalsozialisten nach Buenos Aires fliehen musste. Heinz Magnus erzählt seinem Enkel zudem in fiktiven Gesprächen von seiner Liebe zu Sonja Graf. Diese war eine der besten Spielerinnen ihrer Zeit, die allerdings nicht für Deutschland antrat, sondern in der Kategorie „libre“, und die anschließend in Südamerika blieb. Den schachinteressierten Großvater zieht es ins „Teatro Politeama“, um dort die Partien zu beobachten. Er begegnet realen Schachlegenden wie Aljechin, Capablanca, Tartakower – und Mirko Czentovic, dem Weltmeister aus der „Schachnovelle“. Aber nicht nur auf den vom Großvater verehrten Stefan Zweig wird verwiesen. Italo Calvinos verwirrendes Changieren zwischen Erfindung und Wirklichkeit schimmert durch und wenn Magnus seitenlang über Varianten und Möglichkeiten nachsinnt, erinnert das an Robert Musil. Aber vor allem Magnus‘ Landsmann Jorge Luis Borges steht Pate. Trotz der komplexen Struktur des Romans und der Vielzahl an Verweisen und Erzählsträngen bleibt „Die Schachspieler von Buenos Aires“ stets ein geistreiches, unangestrengtes Lesevergnügen. Ariel Magnus hält mir präzisem Stil und atmosphärischer Dichte die auseinanderdriftenden Ebenen zusammen. Mit leichtem Ton schreibt er über schwere Themen wie Flucht und Freiheit, Entwurzelung und Neuanfang.

 
Neujahr

Juli Zeh

Neujahr

Luchterhand

20,00 €, E-Book 15,99 €

Bei diesem Roman ist es gar nicht so leicht, die Qualitäten herauszustellen, ohne dabei schon zu viel zu verraten. Wenn Sie so oder so planen, das neue Buch von Juli Zeh zu lesen, würde ich tendenziell sogar empfehlen hier nicht weiterzulesen. Denn keiner mag Spoiler.
Als Leser begleitet man Henning – mitten im Leben, Ehefrau, zwei Kinder, guter Job – wie er sich auf einem geliehenen Fahrrad eine steile Rampe hochquält. Er ist lange nicht gefahren, und das geliehene Fahrrad und die Tatsache, dass gestern Silvester war, helfen auch nicht unbedingt. Aber hier auf Lanzarote, am ersten Ersten, hat Henning den Willen durchzuhalten. Während er sich auf seine Atmung und auf den richtigen Rhythmus konzentriert, schweifen seine Gedanken immer wieder ab in die Vergangenheit. Der gestrige Abend, die bereits vergangenen Urlaubstage, die letzten Wochen, Monate, Jahre, der Streit, der Stress, die Panikattacken.
Als er oben ankommt, ist ziemlich genau die Hälfte des Buches vorbei…

 
Snuffi Hartenstein

Paul Maar

Snuffi Hartenstein und sein ziemlich dicker Freund

Oetinger

10,00 €, E-Book 7,99 €

Snuffi Hartenstein, eine kleine Promenadenmischung, steht im Nirgendwo. Sein Herrchen Nico braucht ihn nicht mehr. Sie waren unzertrennliche Freunde, Snuffi ging sogar mit zur Schule. Im Nirgendwo trifft der Hund auf den Mops Mucki. Ihn hat das gleiche Schicksal ereilt, denn Ole, Muckis Besitzer, und Nico sind Freunde geworden. Da lassen die beiden ihrer Phantasie freien Lauf und kreieren ihre eigene Welt. Da gibt es bunte Wiesen, große Bäume (Hunde brauchen Bäume) und eine gemütliche Behausung.
Paul Maar hat eine sehr lustige Vorlesegeschichte über unsichtbare Hunde, wirkliche Freunde und die Kraft der Vorstellung geschrieben. Die wunderschönen Illustrationen stammen von Sabine Büchner.

 
Klingeling

Günther Jakobs

Klingeling

Carlsen

13,00 €

Emil und Henry möchten einen Ausflug machen. Emil steigt ganz selbstverständlich in das Auto. Doch Henry denkt an eine Fahrradtour. Da setzt sich Emil kurzerhand in den Fahrradanhänger. Er kann nämlich nicht Radfahren. Aber jetzt muss er es lernen! Und Schritt für Schritt mit „Buuh“ und „Bäääh“ gelingt ihm das. Und dann fährt Emil Henry davon.
Ein witziges Bilderbuch für Kinder ab 2 Jahren. Und die Klingel gibt es mit dazu.

 
Die Hochhausspringerin

Julia von Lucadou

Die Hochhausspringerin

Hanser Berlin Verlag

19,00 €, E-Book 14,99 €

Man muss es sich als hochgradig elegante Angelegenheit vorstellen: Das Hochhausspringen. Bereits in früher Kindheit beginnen die Mädchen dafür zu trainieren und einige schaffen es, ihre von Pirouetten und Drehungen begleiteten Flugphasen so zu perfektionieren, dass sie zu gefeierten Stars werden. Riva ist ein solcher Star, sie hat es geschafft, sie lebt in luxuriösen Verhältnissen im Zentrum der Stadt und verfügt über mehr Credit als sie brauchen kann. Die weniger Glücklichen – oder weniger Perfekten – leben nicht ganz so luxuriös und etwas weniger zentral. Und wer es nicht schafft, wer keinen gut dotierten Job bekommt, der bleibt in der Peripherie, außerhalb der Stadt.
Hitomi hat es ebenfalls geschafft, denn sie hat ihr Psychologie-Studium erfolgreich abgeschlossen und arbeitet für den Dienstleister PsySolutions. Von ihrem Verdienst kann sie sich auch schon eine recht zentral gelegene Wohnung leisten, in der sie sogar teilweise von echtem Tageslicht profitieren kann.
Als Riva eines Tages plötzlich nicht mehr springen will, sich in ihrer Wohnung verschanzt und sich jeglicher Kommunikation verweigert, kommt Hitomi ins Spiel: sie soll Riva dazu bringen, ihre Arbeit wieder aufzunehmen. Also beginnt sie, Riva nahezu 24 Stunden am Tag zu tracken, sie über die Kameras in ihrer Wohnung zu beobachten. Sie nimmt Kontakt zu Rivas Partner auf, gibt ihm Tipps, wie er sich ihr nähern soll. Doch irgendwas scheint grundlegend zerbrochen zu sein in Riva und die Auftraggeber und Sponsoren sitzen PsySolutions im Nacken, setzen Hitomi massiv unter Erfolgsdruck…
Man muss es sich als hochgradig elegante Angelegenheit vorstellen: in Zeiten, in denen einem jeder zweite Zukunftsforscher halb plausible dystopische Szenarien in die Ohren raunt, in denen es auch an literarischen Dystopien nicht mangelt, einen so gelungenen Roman zu schreiben, der unserer Gesellschaft den Spiegel vorhält.

 
Verwirrnis

Christoph Hein

Verwirrnis

Suhrkamp Verlag

22,00 €, E-Book 18,99 €

Auch in seinem neuen Roman wird Christoph Hein seinem Ruf als Chronist der ostdeutschen Geschichte gerecht. „Verwirrnis“ fasst einen Großteil der Geschichte des 20. Jahrhunderts – konzentriert sich dabei aber auf wenige persönliche Schicksale. Vor allem den Lebensweg von Friedeward Ringeling verfolgt er von dessen Schulzeit nach dem Krieg bis zum Tod im Jahr 1993. Ringeling wird als älterer Herr eingeführt, der großen Wert auf Etikette und Stil legt und der Autor macht sehr deutlich, dass diesem unzeitgemäßen Mann seine Sympathie gehört. Er wächst im katholisch geprägten Eichsfelder Land unter einem brutalen Vater auf, Freiheitsräume erobert er sich erst in der Freundschaft mit Wolfgang. Gemeinsam unternehmen sie eine Radtour an die Ostsee und lernen sich lieben. Hein erzählt die großen Gefühle in aller Nüchternheit, mit einfachen und klaren Sätzen und tritt als Erzähler völlig hinter den Stoff zurück. Gerade damit nimmt er für die Schicksale der Protagonisten ein. Ebenso unaufdringlich aber immer präsent sind die Ereignisse der Zeitgeschichte in die persönlichen Lebensläufe eingeflochten – der 17. Juni, der Mauerbau, die verschiedenen Phasen von Liberalisierung und Repression in der DDR, Mauerfall, Wende und Abwicklung nach der deutschen Einheit. Christoph Hein erzählt davon, wie sich Menschen gegen Ideologien auflehnen und wie diese trotzdem unheilvoll in ihnen fortleben, nachdem sie längst überwunden scheinen – „Verwirrnis“ ist weit mehr als ein Roman über damals verbotene homoerotische Beziehungen sondern eine Lebensgeschichte, die vom Streben nach Aufrichtigkeit, Selbstbestimmung und Menschlichkeit handelt.

 
Ein unvergänglicher Sommer

Isabel Allende

Ein unvergänglicher Sommer

Suhrkamp Verlag

24,00 €, E-Book 20,99 €

Mit dem Sommer hat der Beginn dieser Geschichte so gar nichts zu tun. Im Dezember 2015 tobt ein Schneesturm über Brooklyn hinweg. Richard, der eigenbrötlerische Professor, muss hinaus in die Kälte und es passiert ein eher belangloser Auffahrunfall. Aber dann steht Evelyn vor seiner Tür, völlig aufgelöst und hilflos. Im Kofferraum ihres Wagens liegt eine Leiche. Zur Polizei gehen kann sie nicht. Sie ist illegal in den USA. Der Professor bittet Lucia, seine chilenische Untermieterin, um Hilfe. Und die couragierte Frau entwickelt einen Plan. Zuerst muss der Tote verschwinden. So schweißt das nächtliche Ereignis die Drei zusammen.
Isabel Allende hat die Leser eine Weile auf einen neuen Roman warten lassen. Aber das Warten hat sich gelohnt.

 
Königskinder

Alex Capus

Königskinder

Hanser Verlag

21,00 €, E-Book 15,99 €

Ein junges Paar bleibt abends auf einem Schweizer Gebirgspass mit ihrem Wagen stecken und ist gezwungen die Nacht dort zu verbringen. Um sich die Zeit zu vertreiben, erzählt Max Tina eine Geschichte, die in ebenjenen Bergen ihren Anfang nahm. Im späten 18. Jahrhundert lebte dort in einer Melkhütte der Hirtenjunge Jakob. Seinen Lebensunterhalt verdiente er sich durch das Hüten der Kühe eines Bauern aus dem Tal. Bereits beim ersten Zusammentreffen verlieben sich die Bauerntochter Marie-Francoise und Jakob ineinander. Da der Bauer dieser Liebe jedoch äußerst missgünstig gegenübersteht, scheitern die Annäherungsversuche der beiden jungen Menschen. Jakob verpflichtet sich der französischen Armee und kehrt mit seinem ersparten Sold einige Jahre später zurück. Die beidseitige Zuneigung ist ungebrochen und so beschließen Jakob und Marie gemeinsam in der Melkhütte zu leben, ob ihr Vater es billigt oder nicht. Eine schicksalhafte Wendung lässt dieses neue Beisammensein jedoch auch nicht von Dauer sein. Zur gleichen Zeit hat sich nämlich Elisabeth, die Schwester des französischen Königs, auf einem Landgut bei Versailles einen Bauernhof errichtet, wo es ein Problem mit den extra aus der Schweiz angeschafften Milchkühen gibt. So lässt der König, der durch seine militärischen Verbindungen von den diesbezüglichen Fähigkeiten Jakobs hörte, nach diesem schicken. Die Wege der beiden Liebenden trennen sich erneut – Jakob macht sich auf den Weg nach Versailles und Marie kehrt zu ihrem Vater zurück.
An dieser Stelle ist die Nacht und somit auch die Geschichte jedoch erst halb vorüber. Und die Liebesgeschichte kann ja auch nicht so enden. Wem das alles zu klischeehaft und kitschig klingen mag, der sei beruhigt. Eine kritische Stimme ist in Form von Tina, die die Erzählung von Max immer wieder kommentierend unterbricht, von Capus in die Erzählstruktur eingearbeitet. Es ist auch erstaunlich, wie wenig Worte Capus benötigt, um die Atmosphären verschiedener Lebenswelten empfindsam zu machen und nebenbei historische Ereignisse wie den Vulkanausbruch auf Island 1973/74, der weltweite klimatische Auswirkungen hatte, die Anfänge der Luftfahrt und die Französische Revolution in seine Geschichte einzuarbeiten.

 
Kaff

Jan Böttcher

Das Kaff

Aufbau

20,00 €, E-Book 16,99 €

Als Michael für einen Bauauftrag aus Berlin in die Provinz zurückkehrt, ahnt er noch nicht, wie schnell ihn seine alte Heimatstadt wieder vereinnahmen wird. Bereits beim Derby auf dem Fußballplatz, der in seiner Jugend eine bedeutende Stellung einnahm, trifft er einige alte Bekannte wieder. Diese Zusammentreffen sind zwar freundlich, mitunter sogar herzlich, verweisen jedoch immer sogleich auf ein „unerhörtes Ereignis“, das sich in der Vergangenheit zugetragen hat. Auch die erneute Nähe zu seinem Bruder und seiner Schwester gestalten sich anfangs schwierig. Alles scheint mit seinem damaligen plötzlichen Verschwinden aus der Provinz als Jugendlicher zusammenzuhängen. Was genau damals geschehen ist und wie es zum Bruch in der Familie kam, arbeitet der Protagonist im Fortgang der Geschichte auf. Es ist ein permanentes Wechselspiel aus Anziehung und Abstoßung, das „das Kaff“ dabei auf Michael ausübt. Welche der beiden Kräfte letztlich obsiegen wird, kann jeder selbst in diesem Provinzroman nachlesen.
„Das Kaff“ ist ein leicht zu lesender Roman, in dem es Jan Böttcher gelingt, das Kleinstadtleben authentisch mit all seinen Eigenheiten nachzuzeichnen, ohne dabei dem Kitsch zu verfallen.

 
Fisch

Volker Kutscher

Der nasse Fisch. Gereon Raths erster Fall

Kiepenheuer & Witsch

12,00 €, E-Book 9,99 €

1929 Berlin – eine Stadt voller Gegensätze: Glanz und Glamour, Kokain und Nachtclubs aber auch politische Straßenschlachten, Armut und Elend. Kriminalkommissar Gereon Rath ist neu hier, versetzt von Köln zur Berliner Sittenpolizei. Die Arbeit dort langweilt ihn. Die Vertreiber schmutziger, pornografischer Bildchen zu finden, reicht dem ehrgeizigen, jungen Kommissar nicht. Da bietet der Fund einer nicht identifizierten, grausam zugerichteten Leiche Abwechslung. Rath mischt sich in die Ermittlungen der Mordkommission. Und er ist seinen Kollegen immer einen Schritt voraus. Aber er kann nicht ahnen, dass er in ein Wespennest gestochen hat.
Mit diesem Großstadtroman beginnt Volker Kutschers Reihe um Gereon Rath. Der sechste Band ist im Frühjahr im Taschenbuch erschienen. Der Autor versetzt den Leser in die 20er- und 30er-Jahre, mitten in die gewaltigen politischen und gesellschaftlichen Umbrüche. Erste Anzeichen des Nationalsozialismus, der Drang nach Freiheit und die Sehnsucht nach einem Leben ohne Krieg – Gereon Rath ist ganz nah dran. Spannender kann Geschichte nicht erzählt werden. Nicht umsonst nahm Tom Tykwer den Roman als Vorlage für seine mit Spannung erwartete Serie „Babylon Berlin“, die im September in der ARD läuft.

 
Sticky

Joe Hagan

Sticky Fingers

Rowohlt Verlag

28,00 €, E-Book 24,99 €

Jann Wenner hat in den Sechzigern als einer der Ersten erkannt, dass die wachsende Gegenkultur der USA ernst genommen werden musste. Er war ein Pionier und der im November 1967 gegründete Rolling Stone hat den Journalismus inspiriert. Schnell etablierte er sich mit elegant und unterhaltsam geschriebenen Reportagen und Kritiken als Magazin für Hörer, Musiker und nicht zuletzt die Musikindustrie. Aber der Rolling Stone wollte von Anfang an nicht nur von Musik handeln sondern von den „Haltungen und Themen, die sich in der Musik ausdrücken“ – Wenner wollte auf die amerikanische Gesellschaft einwirken. Wenner hatte einen ausgeprägten Instinkt für die richtigen Themen und Leute, er hat die junge Fotografin Annie Leibovitz weltberühmt gemacht und Autoren wie Hunter S. Thompson oder Tom Wolfe ausführlich Raum gegeben. Das Verdienst von Joe Hagan, eigentlich politischer Redakteur des New Yorker, liegt darin, dass er nicht nur ein vielschichtiges Porträt seiner enorm widersprüchlichen Hauptfigur sondern der amerikanischen Kulturindustrie geschrieben hat. Hagan beschreibt die Distanzlosigkeit als Kehrseite von Wenners Enthusiasmus, wie sich Interessen des Herausgebers mit denen der Künstler vermischten und die journalistische Integrität des Magazins unter der Erfolgssucht litt. Und wer sich dafür interessiert, wie sich eine Jugendkultur im Kapitalismus auflöst, kann das entlang Hagans Geschichte des Rolling Stone sehr genau nachlesen. Ihm gelingt ein facettenreiches Bild: Detailreich, anschaulich, unterhaltsam. Die versierte Mischung von Stories und Anekdoten mit Analysen vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund macht Sticky Fingers nicht nur zur kritischen sondern auch sehr vergnüglichen Lektüre.

 
Miakro

Georg Klein

Miakro

Rowohlt

24,00 €, E-Book 19,99 €

Georg Klein, bereits Träger des Preises der Leipziger Buchmesse, war in diesem Frühjahr mit seinem neuen Buch „Miakro“ wieder für diesen nominiert. Darin führt er die Leser in eine rätselhafte Unterwelt, in der das Leben von einem durchritualisierten Büroalltag geprägt ist. Zwischen Aufstehen und abendlichen Aufsuchen der Schlafzellen schauen der Büroleiter und seine Kollegen in Glastische, in denen in mehreren Schichten seltsam unbestimmte Bilder an ihnen vorüberziehen und in die sie, nicht näher erklärt, ‚Verwertbares‘ deuten. Die Umgebung ist eine amorphe, viskose Masse, die sich ständig wandelt, unvorhergesehen neue Gänge bildet und aus der sich Speisen und Alltagsutensilien herausstülpen. Als diese Masse einen der Büromitarbeiter verschlingt und Gewissheiten des Alltags rissig werden, beschließen die anderen, diese künstliche Umgebung zu verlassen und die „wilde Welt“ zu erkunden. Währenddessen versucht an der Oberfläche eine Truppe den Organismus – das „Unding“ – zu erforschen und in diesen einzudringen. Wie bei einem Möbiusband verbinden sich Innen und Außen, Mikro und Makro – Ebenen, Perspektiven und Proportionen fließen ineinander. Georg Klein schafft eine Fülle an Bezügen zu Kunst, Film und Literatur, die aufblitzen und umgehen verglühen. Der Roman steckt voller skurriler Erfindungen auf inhaltlicher wie auf sprachlicher Ebene und entfaltet eine Komplexität, die zahlreiche Lesarten und Interpretationsmöglichkeiten offenlässt: Anspielungen auf dystopische Arbeits- und Lebenswelten, auf Überwachungssysteme die sich selbst legitimieren, das diffuse Gefühl der Bedrohung durch das Andere. Aber Georg Klein verzichtet konsequent darauf, den Leser auf eine Spur zu führen. Er will seine fantastische Welt nicht verständlich machen, vielmehr fasziniert gerade deren Rätselhaftigkeit und die Irritation, die sie beim Leser auslöst. Georg Klein verbindet in „Miakro“ mit großer Virtuosität Freude an Wortschöpfungen mit außergewöhnlicher Sprachkraft und -genauigkeit.

 
Das Feld

Robert Seethaler

Das Feld

Hanser Berlin

22,00 €, E-Book 16,99 €

Seethalers neuer Roman beginnt mit einem einsamen Wanderer auf dem Friedhof einer kleinen Provinzstadt. Er blickt über die Grabsteine, sieht ihm zum größten Teil bekannte Namen und fragt sich, was diese Personen, auf ihr Leben zurückblickend, wohl erzählen würden. Und genau das geschieht in den folgenden knapp 30 Kapiteln. Die Toten erinnern sich und erzählen von ihrem Leben in der Kleinstadt. Im Laufe der Kapitel lernt der Leser nicht nur die Menschen kennen, sondern vor ihm entfaltet sich ein Gesamtbild des Provinzstädtchens, auf dessen Friedhof die ehemaligen Einwohner ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. Die Diversität der Einzelschicksale, sowie die nach und nach auftauchenden Verknüpfungen zwischen diesen, halten die Neugier des Lesenden aufrecht, so dass man sich von diesem Buch nur wünscht, dass es nicht so schnell ende.

 
Federleicht

Marah Woolf

FederLeicht. Wie fallender Schnee

Oetinger

13,00 €

Die siebzehnjährige Eliza hat es nicht leicht. Ständig soll sie ihrer Mutter helfen, im Blumenladen, im Café. Verbote lauern überall. Ihr Bruder dagegen hat Narrenfreiheit und eine nervige, neugierige Freundin. Eliza ergreift lieber die Flucht und streift durch den Wald. Und dort erwarten sie große Abenteuer. Unsere Heldin stolpert durch ein magisches Portal und findet sich in der Welt der Elfen und Trolle wieder. Diese brauchen Elizas Hilfe, die verschwundene Schneekugel muss wiederbeschafft werden. Aber die Elfen sind keineswegs bezaubernd und dankbar sondern hochnäsig und stur. Und manche wollen mit den Menschen gar nichts zu tun haben.
Marah Woolf hat mit „Federleicht – Wie fallender Schnee“ eine neue, märchenhafte Saga begonnen.

 
Kommissar Gordon

Ulf Nilsson, Gitta Spee

Kommissar Gordon. Der erste Fall

Moritz Verlag

11,95 €

Im Wald treibt ein Nussdieb sein Unwesen. Aufgebracht sucht das Eichhörnchen Kommissar Gordon auf und berichtet von der Räumung eines seiner Nusslager. Der etwas in die Jahre gekommene Kommissar macht sich sofort an die Arbeit und observiert ein weiteres Nussversteck. Als sich nach stundenlanger Warterei endlich etwas rührt, muss der Kommissar feststellen, dass er zwischenzeitlich wohl eingeschlummert und inzwischen eingeschneit ist. Glücklicherweise hilft ihm die kleine Maus, die lediglich eine Nuss nehmen wollte, um ihren großen Hunger zu stillen, und befreit den Kommissar aus den Schneemassen. Nach dem Vehör auf dem Polizeirevier, bietet Kommissar Gordon der armen Maus Obdach, Muffins und Tee an, wenn diese ihm im Gegenzug bei den Ermittlungen hilft. Von nun an machen sich die beiden zusammen daran, den Fall der verschwundenen Nüsse zu lösen.
Ulf Nilsson hat mit dem erfahrenen, jedoch auch betagten Kröterich Gordon und der ambitionierten Maus Buffy ein liebenswürdiges Ermittlerduo geschaffen, das bereits die Kleinsten an das Krimigenre heranführt. Die bislang vier Fälle eignen sich sowohl zum Vorlesen für Kinder ab fünf Jahren, als auch für Selbstleser ab 8 Jahren. Nicht zu vernachlässigen sind auch die pointierten Zeichnungen von Gitte Spee, die die Geschichten liebevoll untermalen.

 
Alte Engel

Mareike Schneider

Alte Engel

Rowohlt Verlag (Hundert Augen)

22,00 €, E-Book 19,99 €

Es ist kein leichtes Thema. Und umso mehr beeindruckt die Leichtigkeit, mit der Mareike Schneider in ihrem Debüt erzählt. Ihre Protagonistin Franka sieht in ihrem Kunststudium nur noch eine Sackgasse, fühlt sich fehl am Platz. Also beschließt sie die Zelte abzubrechen und zurück in die Heimat zu ziehen, wo ihr Vater sich um die pflegebedürftige Schwiegermutter – ergo Oma – kümmert. Die hat in ihrem hohen Alter vergessen, dass sie eigentlich ein gestochen scharfes Hochdeutsch spricht und artikuliert sich nur noch in tiefstem Vogtländisch. Zudem hat sie beschlossen blind zu sein und dass der Rollator ihre Mobilität auch nicht wirklich verbessert.
Frankas Vater zieht seinen Gleichmut in der doch eher unschönen Situation vor allem aus regelmäßigem Wein- sowie Marihuana-Konsum – Franka hingegen vertieft sich einerseits in die Zeichnungen, die sie von ihrer Oma anfertigt und andererseits in deren Tagebücher (sic!) und somit in die Familien-Historie (na gut, dem Wein ist sie auch nicht abgeneigt)…

 
Der letzte Huelsenbeck

Christian Y. Schmidt

Der letzte Huelsenbeck

Rowohlt Verlag

22,00 €, E-Book 19,99 €

Als Daniel nach 14 Jahren in Ostasien zurück in seine westfälische Heimat kehrt, gilt es zunächst von seinem alten Freund Victor Abschied zu nehmen. Die Beerdigung eskaliert, Victors Geist lässt ihn nicht in Frieden und mit ihm zusammen der Geist der Vergangenheit. Etwas muss geschehen sein, zur Zeit der „Huelsenbecks“, wie sich der dadaistische Freundeskreis aus Daniel, Victor, Ronny, Ben und Michi damals in den 1970ern nannte, und die in einem Roadtrip durch Amerika gipfelte. Da Daniels Erinnerungen dieser Zeit überwiegend aus Leerstellen und unzusammenhängenden Einzelteilen bestehen, beschließt er die alten Freunde nach und nach aufzusuchen und das Puzzle wieder zusammenzusetzen. Widersprüchliche Erinnerungen treten zu Tage und eine Fremde, die damals ebenso plötzlich auftauchte, wie sie wieder verschwand scheint dabei eine zentrale Rolle zu spielen.
In einer schnörkellosen Sprache voll schwarzen Humors erzählt Christian Schmidt von Daniels Suche nach den Geschehnissen der Vergangenheit, der Unzuverlässigkeit seiner Erinnerung – gefördert durch Alkohol, Haschisch und Psychopharmaka – und nicht zuletzt von den komplexen Schutzmaßnahmen des menschlichen Gedächtnisses. Auch wenn dem Leser im Laufe der Geschehnisse einiges klar zu werden scheint, so schafft es Schmidt mit der Auflösung des Geheimnisses am Ende des Romans abermals zu überraschen. „Der letzte Huelsenbeck“ ist ein etwas durchgeknalltes Buch, das gewitzt zu unterhalten weiß.

 
Mein Herz in zwei Welten

Yoyo Moyes

Mein Herz in zwei Welten

Wunderlich Verlag

22,95 €, E-Book 19,99 €

Nachdem der Erste Weltkrieg jede Gewissheit ins Wanken gebracht hat, beginnt 1919 ein politisch, sozial, kulturell und ideengeschichtlich ungemein dichtes, bewegtes und fruchtbares Jahrzehnt. Nicht nur die erste deutsche Demokratie sortiert sich – auch Walter Benjamin, Ernst Cassirer, Martin Heidegger und Ludwig Wittgenstein machen sich auf, um aus der Katastrophe des Krieges ihre Schlüsse zu ziehen und die Philosophie zu revolutionieren. Wolfram Eilenberger verfolgt Schritt für Schritt die Entstehung der Werke dieser vier Solitäre. „Zeit der Zauberer“ zeigt nicht nur die jeweiligen biografischen und philosophischen Entsprechungen im Leben der vier großen Philosophen vielmehr sieht er in ihnen und ihrem gegensätzlichen Denken exemplarische Lebens- und Denkentwürfe für eine ganze Epoche. Das Buch macht deutlich, wie sehr die vier das Denken ihrer Zeit geprägt haben und wie sie ihrerseits von dieser geprägt wurden. Obwohl sich der Autor Wittgenstein und vor allem Cassirer näher fühlt als den beiden anderen, verknüpft er bei allen gleichermaßen virtuos und kenntnisreich Person und Werk, erklärt leicht verständlich und gut lesbar Theoriegebäude wie zeitgeschichtlichen Kontext. Dramaturgisch geschickt und in einem genau kalkulierten Wechsel von Geschichten und Rekonstruktionen wird man nach und nach vertrauter mit den Protagonisten. Das Buch bietet genaue Analysen ebenso wie feine Beobachtungen und legt bei allen Widersprüchen auch Parallelen der vier Philosophen offen. Nicht zuletzt sind die Zwanziger Jahre noch immer Vorlage für die Deutung unserer aktuellen Zeit. Damit ist „Zeit der Zauberer“ gleichermaßen inspirierend wie mahnend – ein wunderbares Buch, erhellend und mitreißend erzählt.

 
Zeit der Zauberer

Wolfram Eilenberger

Zeit der Zauberer

Klett-Cotta

25,00 €, E-Book 19,99 €

Nachdem der Erste Weltkrieg jede Gewissheit ins Wanken gebracht hat, beginnt 1919 ein politisch, sozial, kulturell und ideengeschichtlich ungemein dichtes, bewegtes und fruchtbares Jahrzehnt. Nicht nur die erste deutsche Demokratie sortiert sich – auch Walter Benjamin, Ernst Cassirer, Martin Heidegger und Ludwig Wittgenstein machen sich auf, um aus der Katastrophe des Krieges ihre Schlüsse zu ziehen und die Philosophie zu revolutionieren. Wolfram Eilenberger verfolgt Schritt für Schritt die Entstehung der Werke dieser vier Solitäre. „Zeit der Zauberer“ zeigt nicht nur die jeweiligen biografischen und philosophischen Entsprechungen im Leben der vier großen Philosophen vielmehr sieht er in ihnen und ihrem gegensätzlichen Denken exemplarische Lebens- und Denkentwürfe für eine ganze Epoche. Das Buch macht deutlich, wie sehr die vier das Denken ihrer Zeit geprägt haben und wie sie ihrerseits von dieser geprägt wurden. Obwohl sich der Autor Wittgenstein und vor allem Cassirer näher fühlt als den beiden anderen, verknüpft er bei allen gleichermaßen virtuos und kenntnisreich Person und Werk, erklärt leicht verständlich und gut lesbar Theoriegebäude wie zeitgeschichtlichen Kontext. Dramaturgisch geschickt und in einem genau kalkulierten Wechsel von Geschichten und Rekonstruktionen wird man nach und nach vertrauter mit den Protagonisten. Das Buch bietet genaue Analysen ebenso wie feine Beobachtungen und legt bei allen Widersprüchen auch Parallelen der vier Philosophen offen. Nicht zuletzt sind die Zwanziger Jahre noch immer Vorlage für die Deutung unserer aktuellen Zeit. Damit ist „Zeit der Zauberer“ gleichermaßen inspirierend wie mahnend – ein wunderbares Buch, erhellend und mitreißend erzählt.

 
Podkin Einohr

Kieran Larwood

Podkin Einohr. Der magische Dolch

Ravensburger Buchverlag

14,99 €, E-Book 12,99 €

Podkin Einohr ist eine Legende in der Kaninchenwelt. Heldentaten, wie man sie sonst nur von den alten Griechen kennt, soll er vollbracht haben – Flammen sprühten aus seinen Augen und das furchterregende Riesenkaninchen hat er getötet. Aber der fahrende Sänger, der in einer kalten Winternacht an das Tor des Dornhag-Baus klopft, erzählt die Geschichte von Podkin neu und anders.
In seinen jungen Jahren waren nämlich die Anzeichen künftigen Heldentums schwer zu erkennen. Er war der faulste und verwöhnteste Sohn eines Stammesfürsten, den es in der Kaninchenwelt je gegeben hatte. Und dass er später seinem Vater nachfolgen würde und Anführer sein könnte, mochte man nicht unbedingt glauben. Podkin – ein Held? Nein! Doch als die Gorm auftauchen und den magischen Dolch bei Podkins Stamm suchen, um alle Kaninchen zu knechten, muss er beweisen, was in ihm steckt. Er muss den Dolch retten und bald ist er Podkin Einohr.
Eine sehr spannende Geschichte mit Gruselfaktor für Kinder ab 11 Jahren. Auf die Fortsetzung kann man sich freuen.

 
Wo die Schakale heulen

Amos Oz

Wo die Schakale heulen

Suhrkamp Verlag

22,00 €, E-Book 18,99 €

„Liebe Fanatiker. Drei Plädoyers“ ist der eben bei Suhrkamp veröffentlichte, aktuelle Essayband von Amos Oz, in dem er sich mit den ultraorthodoxen und nationalistischen Tendenzen seiner Heimat Israel beschäftigt. Zeitgleich erscheint mit „Wo die Schakale heulen“ das erste Buch von Oz erstmals auf Deutsch. Und diese frühen Erzählungen von 1965 korrespondieren mit den Essays von 2018. Die meisten der Geschichten sind geprägt vom Alltag im Kibbuz, wo Amos Oz damals selber lebte und wo sich die junge israelische Gesellschaft beispielhaft formierte. Sie führen zum denkerischen und schriftstellerischen Ursprung von Amos Oz – in eine Zeit, die von ständiger existenzieller Bedrohung geprägt aber in der von religiösem Fanatismus noch wenig zu spüren war. Viele Motive, die in diesen acht Erzählungen angelegt sind, tauchen in den späteren Werken wieder auf. Religiöse Legenden und persönliche Leidenschaften ebenso wie militärische Auseinandersetzungen. Die Beschäftigung mit der scheinbar ausweglosen Situation in Nahost schwingt schon in den 1960ern immer mit, die Selbstwahrnehmung der Israeli und ihr Verhalten gegenüber Palästinensern und Arabern. Kritisch und selbstbewusst stellt Amos Oz der religiösen und ethnischen Identität eine ausdrücklich kulturelle gegenüber – in der er schon früh die einzige Zukunftschance Israels sieht. Bereits diese erste Prosa ist von beeindruckender Sprachkraft. Wunderbare Naturbeschreibungen, reduzierte Dialoge, mit wenigen Strichen kraftvoll gezeichnete Charaktere und wechselnde Erzählperspektiven lassen in diesen frühen Erzählungen das großartige Gesamtwerk von Amos Oz aufscheinen.

 
Dunkle Zahlen

Matthias Senkel

Dunkle Zahlen

Matthes & Seitz

24,00 €, E-Book 19,99 €

Matthias Senkels zweiter Roman, der für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert war, ist ein schier aberwitziges Erzählwerk. Sprunghaft durch das 20. Jahrhundert oszillierend zeichnet der Autor ein Bild der sowjetischen EDV-Entwicklung von den ersten Schritten bis hinein in nahe Zukunftsszenen. Mittelpunkt ist die Programmierer-Spartakiade 1985 in Moskau, bei der die kubanische Nationalmannschaft spurlos verschwindet und die Übersetzerin sich auf die Suche nach ihren Schützlingen begibt. Doch diese Geschichte ist durchsetzt von Episoden, die in die Zeit von Pushkin, Tolstoi und Gogol zurückreichen, russische Mythen und Legenden ins Alltägliche transferieren, sowie von ersten Großcomputern und diversen Datenanalysen mit unterschiedlichsten Zielsetzungen berichten. Das eigenartige an diesem Werk ist, dass Senkel es schafft, auch den Leser, der kein außerordentliches Interesse an der elektronischen Datenverarbeitung und Computergeschichte aufweist, nicht nur zu unterhalten, sondern gar zu begeistern. Dies hat wohl nicht zuletzt mit der Sprachvirtuosität des Werkes zu tun, die sich den jeweiligen Episodenhandlungen anpasst und unzählige Pointen und sprachliche Spielereien darbietet.
„Dunkle Zahlen“ ist kein Roman, der den Leser mit einer spannungsgeladenen Handlung für sich gewinnen will, sondern ein Werk, das sich durch seine Erzählweise aus der Masse neuer Romane hervorhebt – spielerisch, unterhaltsam, informativ und witzig.

 
Scythe

Michael Köhlmeier

Das Mädchen mit dem Fingerhut

dtv

9,90 €, E-Book 9,99 €

Es ist schon kein ganz neues Buch mehr – im Januar ist es bereits als Taschenbuch erschienen. Aber auch als Buchhändler entdeckt man die Perlen nicht immer gleich für sich… Köhlmeiers „Mädchen mit dem Fingerhut“ ist in verschiedener Hinsicht ein bemerkenswertes Buch: sowohl die Protagonistin als auch der Ort des Geschehens sind unklar gelassen, vage. Man weiß, dass es sich bei dem Mädchen um ein kleines Kind handelt aber konkrete Hinweise auf ihr Alter lassen sich nicht finden. Der Ort wird lediglich dadurch eingegrenzt, dass der Euro als Währung genannt wird. Es ist die Rede von verschiedenen Sprachen, welche das sind, erfährt man nicht. All diese Details lässt Köhlmeier weg und erreicht damit zweierlei: eine Reduktion auf das Wesentliche und eine Verengung der Perspektive auf die kindliche – denn auch das Mädchen weiß nicht, in welchem Land sie unterwegs ist, sie weiß nicht, wie alt sie ist, sie kennt noch nicht einmal ihren eigenen Namen.
Und damit kommen wir zum zweiten Bemerkenswerten an diesem Text: Es ist die tief traurige Geschichte eines Waisenkindes, das nach einsamer Odyssee durch die winterliche Stadt im Kinderheim landet, nur um hier gemeinsam mit einem älteren Jungen und einem kleinen wieder auszubrechen und auf eine neue Odyssee zu gehen. Es ist diese traurige Geschichte, die trotzdem voller – kindlicher – Hoffnung steckt.
Ebenfalls bemerkenswert ist das Ende dieses kurzen Textes – denn hier kommt es zu einem Ereignis, das man wohl als „unerhörte Begebenheit“ bezeichnen muss. Michael Köhlmeier hat hier eine bemerkenswerte Novelle geschrieben.

 
Scythe

Katrine Engberg

Krokodilwächter

Diogenes Verlag

22,00 €, E-Book 18,99 €

Dieses Buch ist der Debütroman der Dänin Katrine Engberg. In ihrem Heimatland wurde sie bekannt mit Arbeiten für Theater und Fernsehen. Ihr Roman ist „ein Thriller, der einen packt und nicht mehr loslässt“, schreibt Berlingske Kopenhagen. Und wirklich!
Die Studentin Julie wird mit Schnittwunden gezeichnet und ermordet. Bei den Ermittlungen stoßen die Kommissare Korner und Werner auf ein Manuskript, in dem ein ähnlicher Mord geschildert wird. Aber wer konnte vom Manuskript wissen? Die Verfasserin, eine ältere Dame, kommt als Täterin kaum in Frage. Dann passiert ein weiterer Mord.

Man kann gespannt sein auf die nächste Ermittlung der Kopenhagener Kommissare!

 
Scythe

Neal Shusterman

Scythe – Die Hüter des Todes

Fischer Sauerländer

19,99 €, E-Book 4,99 €

Im Jahr 2042 hat die Menschheit alle Rätsel der Erde entschlüsselt. Die Menschen sterben nicht mehr an Altersschwäche. Selbst unnatürliche Tode gibt es nicht, weil der Körper komplett repariert werden kann. Für manchen Jugendlichen bedeutet es Fun, aus dem Fenster zu springen und zu testen, wie lange die Wiederherstellung dauert.
Was also tun mit der Überbevölkerung? Die Scythe, eine Gruppe Auserwählter, entscheiden wer sterben muss. Aber nicht alle Hüter halten sich an die strengen Regeln. Auch Citra und Rowan sollen zum Scythe ausgebildet werden, gegen ihren Willen. Und Rowan fühlt sich zu den dunklen Mächten der Zunft hingezogen.

Mit den „Hütern des Todes“ beginnt die spannende Trilogie für junge Leser ab 14 Jahren über den Preis einer scheinbar perfekten Welt.

 
Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt

Peter Stamm

Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt

S.Fischer Verlag

20,00 €, E-Book 16,99 €

Der Schriftsteller Christian begegnet einer etwa zwanzig Jahre jüngeren Frau und erzählt ihr die Geschichte seiner Liebe zu der Schauspielerin Magdalena, die er in seinem einzigen veröffentlichten Buch verarbeitet hat. Soweit die durchaus einfache Konstellation in Peter Stamms neuestem Buch. Allerdings werden die Personen in einem vertrackten Spiegelkabinett angeordnet, in dem sich ihre Erinnerungen, Geschichten und Träume brechen. Am Ende des Buches erinnert sich der Erzähler, wie er in seiner Jugend einem alten Mann bei Glatteis nach Hause half. Da scheint längst klar, dass beide zwei Versionen der gleichen Person sind. Wie bei einem Möbiusband verbindet sich das Ende des Buches mit dem Beginn, verwinden sich Geschichte und Wirklichkeit des Erzählers mit dem Erzählten – auch Magdalena ist ja das Alter Ego der Gesprächspartnerin des Erzählers. Nicht nur wegen des schmalen Umfangs erinnert der Roman an eine Novelle. Die reduzierte, äußerst konzentrierte Sprache schafft Raum für die psychologischen Nuancen der Figuren. Peter Stamm erzählt immer Liebesgeschichten, aber in diesen verhandelt er existentielle Fragen. Wer sind wir? Was macht uns aus? Können wir aus vorgezeichneten Strukturen ausbrechen? Die abgeklärt anmutende Konstruktuion des Romans wird durch Peter Stamms behutsame Sprache ausbalanciert und trotz der leisen Melancholie bleibt die Haltung gegenüber der Welt weniger eine gleichgültige als vielmehr eine gelassene, einvernehmliche.

 
Die Maske

Fuminori Nakamura

Die Maske

Diogenes Verlag

24,00 €, E-Book 20,99 €

Der Kuki-Clan ist mächtig, einflussreich und grausam. Ohne Rücksicht handelt er mit Waffen, zettelt Revolten an, hat seine Hände im Drogengeschäft. Aber eine Tradition dieser alten Familie ist besonders perfide und wird seit Generationen befolgt. Der jüngste Sohn wird gezeugt, um das Böse über die Menschen zu bringen. Nur dazu dienen seine Erziehung und Ausbildung. Nun ist Fumihiro an der Reihe. Ohne Liebe und in ständiger Furcht vor seinem Vater aufgewachsen, hat er aber andere Pläne und widersetzt sich der Tradition. Er liebt das Waisenmädchen Kaori und will sie um jeden Preis vor seinem Vater beschützen.
Der neue Roman von Fuminori Nakamura ist ein Thriller voller Wendungen und spannend bis zur letzten Seite.

 
Jahre später

Angelika Klüssendorf

Jahre später

Kiepenheuer & Witsch

17,00 €, E-Book 14,99 €

In den ersten beiden Romanen der Trilogie war die Lektüre immer wieder schmerzhaft, an vielen Stellen zog sich einem bei den Schilderungen alles zusammen. Eine Kindheit und Jugend geprägt von Angst, von Gewalt und von fehlender Nähe. In „Jahre später“ ist das Mädchen April nun zu einer erwachsenen Frau geworden. Sie hat ihre Dämonen besser im Griff, ihr widerfahren nicht mehr so viele Grausamkeiten – diese Stellen sind weniger geworden. Dennoch hat April immer noch keine richtige Verbindung zum Leben gefunden, sieht sich in vermeintlich normalen Situationen eines Erwachsenenlebens immer wieder von außen, vieles fühlt sich schlicht falsch an.
Die Geschichte ihrer Ehe, die hier erzählt wird, ist denn auch zum einen geprägt von Aprils Schwierigkeiten, Nähe aufzubauen und diese dauerhaft zuzulassen. Mindestens ebenso aber ist sie geprägt von den Unzulänglichkeiten ihres Mannes, der viel verlangt aber selbst nicht viel gibt. Der immer wieder von kurz aufflammender Begeisterung zurück in Lethargie und Missachtung fällt. Und so widerfährt April die eine große Grausamkeit einer über Jahre unerfüllten Ehe, die ein zerstörerisches Ende findet.

 
Jack

Anthony McCarten

Jack

Diogenes Verlag

22,00 €, E-Book 18,99 €

Jack Kerouac avancierte in den 1950er Jahren mit „On The Road“ zu einer Ikone der Beat Generation und prägte zusammen mit Freunden wie Allen Ginsberg und William S. Burroughs nicht nur ein neues Lebensgefühl, sondern auch eine neue Art des Schreibens.
Die Literaturstudentin Jan forscht seit geraumer Zeit zu Kerouac und hat es sich zum Ziel gesetzt seine autorisierte Biographin zu werden. Aus diesem Grund macht sie sich 1968 auf die Suche nach ihrem Idol, welches mittlerweile mit dritter Ehefrau und seiner Mutter zurückgezogen in Florida lebt – oder besser gesagt: dahinvegetiert. Sein ausgesprochenes Ziel: das Ich zu zerstören. Hilfreich scheint ihm dabei: eine geraume Menge Alkohol.
Nach anfänglichen Schwierigkeiten schafft Jan es das Vertrauen des Autors zu erlangen und nähert sich dem für ihre Forschung wertvollsten Schatz – den unzähligen von Kerouac archivierten Briefen. Aber irgendetwas ist faul an der ganzen Sache. Doch ist es Jack, der Jan etwas verschweigt oder umgekehrt?
McCartens „Jack“ beschäftigt sich mit der Suche nach und dem Spiel mit Identitäten. Spannend beleuchtet wird dabei auch das Verhältnis von Literatur und Leben in Bezug auf Neal Cassady, dem realen Vorbild des Helden in „On The Road“ und langjährigem Freund Kerouacs. McCartens neuer Roman bietet somit gleichzeitig kurzweilige Unterhaltung und lebhafte Informationsvermittlung. Empfehlenswert!

 
Geschichte des verlorenen Kindes

Elena Ferrante

Die Geschichte des verlorenen Kindes

Suhrkamp Verlag

25,00 €, E-Book 21,99 €

Jetzt ist er da, der vierte und abschließende Band der Neapolitanischen Saga um die Freundinnen Lila und Elena. Wir befinden uns in den Siebziger- und Achtzigerjahren. Elena, die Ich-Erzählerin, ist nach dem Scheitern ihrer Ehe nach Neapel zurückgekehrt. Aber im Rione, dem Armenviertel Neapels, muss sie dank ihrer schriftstellerischen Erfolge nicht mehr wohnen. Elena trifft viele Freunde und Bekannte aus Kindertagen wieder. Lila ist mittlerweile eine erfolgreiche Geschäftsfrau. Sie versucht den Rione zu einem besseren Ort zu machen und den Menschen zu helfen. Aber sie hat auch Feinde und gerät mit der Unterwelt Neapels aneinander. Elena hingegen muss erst einmal ihr Leben neu ordnen. Auf keinen Fall will sie sich dabei von Lila bevormunden lassen. Und so bleibt das Verhältnis der beiden kompliziert und ambivalent.
Emotional und überzeugend bringt Elena Ferrante ihre große Geschichte zu Ende.

 
Stellt euch vor

Adam Haslett

Stellt euch vor, ich bin fort

Rowohlt Verlag

22,95 €, E-Book 19,99 €

„Stellt euch vor, ich bin fort“ ist ein Roman über die amerikanische Mittelschicht, für den Adam Haslett für Pulitzer-Preis und National Book Award nominiert war, der stark an Jonathan Franzens „Korrekturen“ erinnert. Im Mittelpunkt stehen John und Margaret, die sich im London der Sechzigerjahre begegnen, und ihre drei Kinder. Über einen Zeitraum von etwa 40 Jahren spürt Haslett dem langsamen Zerbrechen dieser dysfunktionalen Familie bis in seine feinsten psychologischen Verästelungen nach. Im Wechsel erzählen die fünf Familienmitglieder in der Ich-Form, was ihnen widerfährt und wie sie mit ihrer jeweiligen Situation umgehen. Aus den unterschiedlichen Perspektiven entwickeln sich Charaktere mit verschiedensten Konturen. Beeindruckend arbeitet Haslett mit Erzählweisen, jede der Figuren bekommt einen ganz eigenen Ton. Er variiert geschickt Zeiten, kombiniert Gedanken und Rückblenden, kommt seinen Protagonisten mal ganz nah, um dann wieder Distanz zu schaffen. Facettenreich und feinsinnig beschäftigt sich Haslett mit einem sehr privaten Thema – der seelischen Krankheit eines Menschen und wie diese alle Beteiligten prägt. Aber er legt darin auch die Widersprüche einer Gesellschaft frei, deren blindes Glücks- und Erfolgsstreben sie zermürbt und an das Ende aller Illusionen führt. Ein fesselnder und zugleich tiefgründiger Roman, der einen lange nicht loslässt.

 
Drachenwand

Arno Geiger

Unter der Drachenwand

Hanser Verlag

26,00 €, E-Book 19,99 €

Es ist eine ungewöhnliche Perspektive, die uns Arno Geiger in seinem neuen Roman auf den Krieg eröffnet. Denn es wird wenig vom Krieg selbst erzählt, kaum je wird eine tatsächliche Kampfhandlung beschrieben – dennoch ist es eindeutig ein Kriegs-Roman. Denn Veit Kolbe kommt direkt von der Front, schwer verwundet, man könnte sagen übel zugerichtet landet er zur Genesung im kleinen Örtchen Mondsee. Und hier ist es – sieht man von der geradezu bösartigen Quartierfrau ab – beinahe idyllisch. Den Krieg bekommt man hier hauptsächlich durch die Überflüge der feindlichen Bomber und natürlich durch die eine oder andere Entbehrung mit, die der Materialhunger des Krieges nach sich zieht. Und so kann Veit Kolbe die Zeit unter der Drachenwand, trotz Krieg, trotz Verwundung fast schon genießen, ja er verliebt sich sogar.
Für den Leser holt Geiger den Krieg zusätzlich über zahlreiche Briefe mit in den Roman. Briefe von Menschen, die den Personen nahestehen, die in der eigentlichen Rahmen-Handlung vorkommen. Durch diese Briefe wird der Roman mit weiteren Personen bevölkert und deren Schicksale machen den Krieg gewissermaßen spürbar. Und so wird die Außenperspektive vom Inneren des Krieges, wie Veit Kolbe sie einnimmt, durch viele weitere Perspektiven angereichert. Insgesamt entsteht so ein umfangreiches, detailliertes Bild… so dass ich jetzt am Ende dieses kurzen Textes denke: „Den hättest du noch erwähnen müssen und das hätte man noch erwähnen sollen…“

 
Friedrich

Philip Kerr

Friedrich der Große Detektiv

Rowohlt rotfuchs

14,99 €, E-Book 12,99 €

„Emil und die Detektive“ ist das Lieblingsbuch des jungen Friedrich und dessen Autor Emil Kästner nicht nur sein Held, sondern auch ein Freund der Familie. Wie der Protagonist des Kultkinderbuches will auch Friedrich für Gerechtigkeit sorgen und später einmal Detektiv werden. So streifen er und seine Freunde in den Sommerferien durch den Tiergarten, in der Hoffnung einen Diebstahl beobachten zu können oder auf der Suche nach verlorenen Habseligkeiten, um sie der Polizei zu übergeben. Dort gibt ihnen eines Tages der Kommissar einen Geheimauftrag – sie sollen eine verdächtige Person ausspionieren. Dass es sich dabei ausgerechnet um seinen Helden und Freund Erich Kästner handelt, erfahren Friedrich und seine Freunde erst nachdem sie zugesagt haben. Ist der Autor dieser wunderbaren Kinderbücher tatsächlich ein geheimer Spion und hat sie alle hinters Licht geführt? Ist dies auch der Grund, warum seine Werke bei der großen Bücherverbrennung auf dem Scheiterhaufen landeten? Friedrich will es nicht glauben, doch um die Wahrheit herauszufinden, muss er sich an Kästners Fersen heften…

Philip Kerrs Roman ist eine Hommage an Erich Kästner und erzählt nicht nur eine abenteuerliche Detektivgeschichte, sondern auch vom Erstarken der Nationalsozialisten und den daraus resultierenden Auswirkungen auf die Kunstschaffenden im Deutschland der 1930er Jahre. Eine klare Lektüreempfehlung für junge Leser ab 11 Jahren.

 
Griswold

Jennifer Chambliss Bertman

Mr. Griswolds Bücherjagd. Das Spiel beginnt

Mixtvision

14,90 €, E-Book 11,99 €

Emilys Eltern verfolgen den Plan, einmal in jedem der fünfzig US-Bundesstaaten gelebt zu haben. Dem aktuellen Umzug der Familie nach San Francisco kann Emily als einzig Positives abgewinnen, dass es die Heimatstadt von Garrison Griswold ist. Griswold ist nicht nur Verleger, sondern auch der Erfinder von „Griswolds Bücherjagd“ – Emilys liebstes Bücherschatzsuchspiel. Zudem steht gerade die große Ankündigung einer neuen Spielidee des Verlegers bevor. Kurz vor der großen Veröffentlichung wird Griswold jedoch überfallen und landet schwer verletzt im Krankenhaus. Bald finden Emily und ihr Freund James heraus, dass dieser Überfall etwas mit dem kürzlich von ihnen gefundenen Buch zu tun hat. Die einzige Möglichkeit Aufschluss über die ganze Sachlage zu erhalten besteht darin, die geheimen Botschaften und Rätsel dieses Buches zu lösen. Was die Kinder dabei herausfinden, hätten sie zuvor nicht einmal erahnen können…

Der erste Band der „New York Times“-Bestsellertrilogie von Jennifer Chambliss Bertman ist nun auf Deutsch erschienen und bietet eine knifflige, von Rätseln und Codes durchzogene Abenteuergeschichte im sonnigen San Francisco. Empfohlen ist die spannende Bücherjagd, die Lust auf die Fortsetzungen macht, für Bücherfreunde ab 10 Jahren.

 
Kometenjahre

Daniel Schönpflug

Kometenjahre. 1918: Die Welt im Aufbruch

S.Fischer Verlag

20,00 €, E-Book 16,99 €

Daniel Schönpflug, Professor für Geschichte an der FU Berlin, wählt in „Kometenjahre“ keinen streng wissenschaftlichen Weg. Fein komponiert und bildreich erzählt er die ersten Jahre nach dem Kriegsende 1918 anhand persönlicher Szenen. Collageartig reiht er anekdotisches, autobiografisches und zeitgeschichtliches Material seiner Protagonisten aneinander. Daniel Schönpflug hat sich Kronzeugen aus verschiedenen Ländern und Kulturen gesucht und verfolgt exemplarisch deren Entwicklung in den Jahren zwischen 1918 und 1924. Das sind etwa berühmte Personen aus Kunst und Kultur wie Käthe Kollwitz, Walter Gropius, Arnold Schönberg. Oder Gandhi, Ho Chi Minh und Harry S. Truman, die kurze Zeit später die Weltgeschichte prägen werden. Aber es tauchen auch die unbekannten Schicksale eines Kosakenmädchens, eines Freikorps-Soldaten oder eines armenischen Attentäters auf. Schönpflug schafft so ein atmosphärisch dichtes und weit gespanntes Panorama und verbindet Mentalitätsgeschichte, Kulturgeschichte und politische Geschichte. Konsequent aus der Perspektive seiner Kronzeugen erzählt, lässt Schönpflug mit großer Dynamik und Dramatik das Bild einer Zeit entstehen. Einer Zeit voller Hoffnungen, Visionen und widerstreitender Utopien – aber auch deren Brechungen und Enttäuschungen.

 
Wie hoch die Wasser steigen

Anja Kampmann

Wie hoch die Wasser steigen

Hanser Verlag

23,00 €, E-Book 16,99 €

Es ist die Sprache, die zuerst auffällt und die einen in das Roman-Debüt der Leipziger Autorin Anja Kampmann hineinzieht. Stark verdichtet, hoch poetisch. Mit teils einfachen, teils komplexen Bildern werden beim Lesen ad hoc ganze Kosmen von Stimmungen und Assoziationen erzeugt. Einzelne Wörter, Adjektive, die auf den ersten Blick nicht zu passen scheinen, erweisen sich beim genaueren Hinsehen als Bruchstellen, die einen neuen Raum öffnen.
Erzählt wird von Waclaw, der als Wanderarbeiter mal hier mal dort auf Ölbohrplattformen arbeitet. Seit geraumer Zeit ist er dabei eng mit Mátyás verbunden, mit dem er nicht nur ein Zimmer sondern auch viele Erfahrungen teilt. Als sie auf einer Plattform vor der Küste Marokkos Dienst tun, fehlt von Mátyás plötzlich jede Spur – in der stürmischen See wird die Suche nach ihm bald aufgegeben. Waclaw verliert den Boden unter den Füßen. Das Unglück, das seinem Freund zustößt, bringt sein Leben ins Wanken. Er verlässt die Bohrinsel, verlässt Marokko und begibt sich auf eine Art Odyssee – eine Reise an Orte, die mit Mátyás zu tun haben, eine Reise an Orte der Vergangenheit…

 
Patria

Fernando Aramburu

Patria

Rowohlt Verlag

25,00 €, E-Book 19,99 €

Patria, das heißt Heimat. Bittori und Miren, einst beste Freundinnen, sehen ihr Vaterland, ihre Heimat mit verschiedenen Augen. Vor 20 Jahren wurde Bittoris Mann von der ETA ermordet. Und wahrscheinlich hat sich Mirens Sohn mitschuldig gemacht. Für Bittori eine schlimme Befürchtung. Aber sie will endlich wissen, was wirklich passiert ist und sie will wieder hier leben. Als sie nach so langer Zeit im Dorf auftaucht, ist es mit der vermeintlichen Ruhe vorbei. Denn in Mirens Augen war ihr Sohn ein Freiheitskämpfer. Ihr Mann schwieg aus Angst vor Repressalien. Als die ETA die Waffen niederlegte, gab es nach all der Gewalt viele zerstörte Familien, zerbrochene Freundschaften, Menschen die Schuld auf sich geladen hatten.

Aramburu erzählt in seinem großartigen Roman von dreißig Jahren spanischer Geschichte. Von den ersten Seiten an wird man hineingezogen in das Geschehen, emotional berührt vom Schicksal der Figuren.
In Spanien ist das Buch in aller Munde und hat bereits einen großen Leserkreis gefunden. Den wird es hoffentlich auch in Deutschland haben. Es lohnt sich!

 
Bis die Sterne zittern

Johannes Herwig

Bis die Sterne zittern

Gerstenberg Verlag

14,95 €

Leipzig im Sommer 1936 – Harro ist 16 Jahre alt und auf der Suche nach sich selbst. Mit den Veränderungen, die sich seit einigen Jahren in Deutschland vollziehen, kann er sich nicht identifizieren. Als Harro gleich am ersten Ferientag Ärger mit der Hitlerjugend bekommt, weil er deren Fahne nicht gegrüßt hat, eilt der Nachbarsjunge Heinrich ihm zur Hilfe. Durch ihn erhält er Zugang zu einer Gruppe junger Rebellen, die sich schon rein optisch von der breiten Masse unterscheiden – es ist eine jener Jugendcliquen, die heutzutage als „Leipziger Meuten“ bekannt sind. Zusammen mit seinen neuen Freunden versucht er sich im Widerstand gegen die Nazi-Ideologie und im Kampf um Freiheit und Selbstbestimmung. Dass dieser Weg nicht reibungslos vonstattengehen kann, ist natürlich vorprogrammiert.

Was Johannes Herwig hier vorlegt, ist ein bedeutender Beitrag zu einem Aspekt der Leipziger Widerstandsgeschichte, der – im Gegensatz zu den sich 50 Jahre später zutragenden bedeutsamen Demonstrationen der „friedlichen Revolution“ – bisher eher weniger Beachtung fand. Vielleicht weil die Bemühungen der „Leipziger Meuten“ in den 30er-Jahren nicht von Erfolg gekrönt waren. Doch ihr Mut und Ansinnen gegen einen blinden Gehorsam sollten nicht vergessen werden – und genau dazu trägt dieses Buch auf eine zugleich unterhaltsame, lebendige und informative Weise bei. Eine spannende Lektüre – nicht nur für Jugendliche.

 
Die Vegetarierin

Han Kang

Die Vegetarierin

Aufbau Verlag

10,00 €, E-Book 7,99 €

Der Titel dieses soeben als Taschenbuch erschienenen Romans der südkoreanischen Man-Booker-Preisträgerin Han Kang ist etwas trügerisch. Im Koreanischen besitzt er nämlich einen doppelten Sinn und bezeichnet zum einen den Fleischverzicht, zum anderen jedoch auch die buddhistische Entsagung. Diese zweite Lesbarkeit als „Entsagung“ bezeichnet den Roman eigentlich besser. Im Mittelpunkt der Geschichte steht eine vollkommen unscheinbare Frau, die durch den anfänglichen Verzicht auf tierische Nahrungsmittel und schließlich der Entsagung jeglicher Ernährung und dem Wunsch, sich in eine Pflanze zu verwandeln, die Welt um sich herum auf den Kopf stellt. Geschildert wird diese Geschichte in drei Kapiteln, die jeweils eine andere Perspektive einnehmen – die des Mannes, des Schwagers und der Schwester. Thematisiert werden dabei die Spannungen zwischen Individuum und Gesellschaft im südkoreanischen Leben – patriarchalische Machtstrukturen, erotische Begierden, soziale Zwänge und Wünsche nach persönlicher Entfaltung. Klar und nüchtern zeigt sich die Erzählstimme und drängt doch, mit der zur gleichen Zeit rätselhaften und bisweilen verstörenden Stimmung, an vielen Stellen kafkaeske. Ein vielseitiger und ungewöhnlicher Roman, dem es exzellent gelingt, trotz seiner textlichen Straffheit in die Tiefe zu dringen.

 
Alles über Heather

Matthew Weiner

Alles über Heather

Rowohlt Verlag (Hundert Augen)

16,00 €, E-Book 14,99 €

Bereits als Macher der TV-Serie „Mad Men“ hat sich Matthew Weiner als genauer und kühler Beobachter der amerikanischen Gesellschaft gezeigt. In „Alles über Heather“, in seiner reduzierten und schnörkellosen Form eher Novelle als Roman, schildert Weiner zwei völlig unterschiedliche Milieus. Da ist das Ehepaar Breakstone, die Eltern von Heather: Typische Vertreter des New Yorker Establishments, erfolgreich aber auch enttäuscht von der eigenen Mittelmäßigkeit und mit dem ihnen eigenen Phlegma auf der Suche nach Bedeutung. Auf der anderen Seite Bobby Klasky, Sohn einer Drogenabhängigen mit Neigung zu Größenwahn und Gewalt. Als Bobby bei einem Bautrupp unterkommt, welcher das Penthouse über der Wohnung der Breakstones renoviert, führt Weiner die Handlungsstränge aufeinander zu in die Katastrophe. Was beide Seiten eint, ist die Obsession für Haether. Für die einen ist die Tochter Fixpunkt der fragilen Beziehung und die Antwort auf die Leere hinter der Oberfläche des amerikanischen Traums. Für den anderen ist der Teenager ebenfalls das Objekt der Erfüllung eines, wenn auch krankhaften, Traums. Gerade in der Empathielosigkeit, mit der Weiner das schildert wird das Bedrohliche spürbar. „Alles über Heather“ ist mitreißend, präzise, und plausibel erzählt. Ein harter Psychothriller aber auch eine von einer feinen Ironie durchzogene Sozialstudie.

 
Der Tod so kalt

Luca D’Andrea

Der Tod so kalt

Deutsche Verlagsanstalt

14,99 €, E-Book 11,99 €

Wir befinden uns in Südtirol im Jahre 1985. Nach einem schrecklichen Gewitter kehren drei junge Leute nicht in ihr Heimatdorf zurück. Die Bletterbach-Schlucht wurde ihr Grab. Ihre Leichen findet man brutal entstellt. Die Morde werden nicht aufgeklärt und die Dorfbewohner hüllen sich in Schweigen.
Dreißig Jahre später kommt Salinger, ein Dokumentarfilmer, in den Ort. Er möchte das Bergrettungsteam beobachten. Ein tragischer Unglücksfall wirft Salinger aus der Bahn. Doch statt sich auszuruhen, verbeißt er sich in die Bletterbach-Morde.
Die beeindruckende südtiroler Berglandschaft bildet die Kulisse für diesen fesselnden Thriller. D‘Andrea gelingt es, nicht nur durch unerwartete Wendungen, die Spannung bis zur letzten Seite aufrecht zu halten. Auch die Gefühlswelten der Protagonisten werden dem Leser eindringlich nahe gebracht.
Der Roman von Luca D‘Andrea ist nicht nur Lektüre für Bergliebhaber. Vielleicht macht er – trotz der geschilderten Ereignisse – sogar Lust auf die Alpen und die eine oder andere Klamm. Lust auf mehr macht er in jedem Fall und glücklicherweise muss man darauf nicht lange warten: bereits im Februar erscheint der zweite Südtirol-Thriller.

 
Hier kommt keiner durch

Isabel Minhos Martins

Hier kommt keiner durch!

Klett Kinderbuch

14,00 €

Dieses liebevoll gemachte Buch hat im gerade vergangenen Jahr den Deutschen Jugendliteraturpreis in der Kategorie Bilderbuch gewonnen und damit in jüngster Zeit bereits viel Aufmerksamtkeit auf sich gezogen. Da es uns mit seinen witzigen Filzstift-Zeichnungen und der tollen, einzigartigen Idee aber so gut gefällt, möchten auch wir noch einmal gesondert darauf hinweisen.
Am Anfang sind die Seiten noch fast komplett leer, nur ein einzelner Militär mit seinem Hund verliert sich auf der weiten weißen Fläche. Und er hat eine Aufgabe: Er soll die rechte Buchseite von Eindringlingen frei halten. Egal, wer an ihm vorbei will – es wird ihm verwehrt. Und so füllt sich die linke Buchseite mit immer mehr der unterschiedlichsten Leute, bis es ein einziges Gewimmel ist, aus dem sich plötzlich ein Ball löst und auf die andere Seite hüpft…

 

Karl Ove Knausgård

Im Winter

Luchterhand

22,00 €, E-Book 17,99 €

Nach seinem großen autobiographischen Projekt erscheinen jetzt auch die vier Jahreszeiten-Bände von Karl Ove Knausgård in Deutschland. Den Anlass zu diesem Schreibprojekt bildete die vierte Schwangerschaft seiner Frau. Indem Knausgård seiner ungeborenen Tochter die Welt beschreibt, macht er sie sich selbst greifbar und begreiflich. Von August bis Oktober reflektiert der Autor in „Im Herbst“ sowohl über herbstliche Beobachtungen, als auch über allgemeine und alltägliche Phänomene der Welt. Es ist dieser besondere Blick, der es vermag, den inhärenten Zauber der Welt heraufzubeschwören und dem Leser die Tiefe des Banalen wieder zu Bewusstsein zu führen. „Im Winter“ setzt mit den folgenden drei Monaten direkt an den ersten Band an und beschreibt den Schnee, Weihnachten, Silvester und weitere winterliche Phänomene bis zur Geburt der Tochter. Im März 2018 wird der dritte Band folgen, der einen einzigen Frühlingstag mit dem neuesten Familienmitglied umfassen soll.
War Knausgårds autobiographisches Projekt noch von einer ausufernden Textmasse gekennzeichnet, die einiges an Lesezeit abverlangte, zeigt sich in diesen Miniaturen ein entgegengesetzter Weg. Man kann die neuen Bücher entweder am Stück lesen oder sich von den kurzen Reflexionen dazu anregen lassen, hin und wieder einen oder mehrere Texte zu lesen und sich somit von den Büchern durch die einzelnen Jahreszeiten begleiten zu lassen. Egal für welche Lesart man sich entscheidet, ein Blick hinein lohnt sich definitiv.